Weg mit dem Humanismus?

Kuschelatheisten

Auf meine Positionsbestimmung gegen die Positionsbestimmung des HVD gab es überwiegend positive Reaktionen. Auf Unverständnis stießen allerdings mein Aufruf, sich nicht mehr als „Humanist“ zu bezeichnen, wie auch meine Geringschätzung der Bedeutung humanistischer Sozialeinrichtungen. Darauf möchte ich noch näher eingehen.

Stellvertretend schreibt Gerhard Czermak meine Kritik wirke „teilweise böse“. Das mag wohl durchaus sein, allerdings war sie im Vergleich zu dem, was ich sonst so schreibe (ich habe den Begriff „Kuschelatheismus“ erfunden, um den HVD adäquat benennen zu können) eher harmlos.

Seine Hauptkritikpunkte sind aber die folgenden:

1. Humanistische Sozialangebote

„Müller übertreibt seine Kritik, wenn er gegen die humanistischen „Gutmenschen“ losgeht und ihre säkularen Sozialangebote für überflüssig erklärt. Die Erwartung, dass sich an den religiösen Sozialmonopolen und Teilmonopolen in absehbarer Zukunft etwas ändern könnte, ist derzeit völlig illusionär“

Mein Argument lautet wie folgt: „Die Religion wird am effektivsten innerhalb einer freien Gesellschaft durch Bildung, Marktwirtschaft und soziale Gerechtigkeit zurückgedrängt. Wie Gregory S. Paul weiter ausführt: „Religion ist [...] ein künstlicher, primitiver und dysfunktionaler Zustand; weit verbreitete populäre Ablehnung des Glaubens an das Übernatürliche ist die fortschrittlichere und weniger pathologische menschliche Verfasstheit.“ „

Ich verstehe Religion als das Produkt einer dysfunktionalen Gesellschaft. Vor allem wenn Mängel auf den Gebieten Bildung, Marktwirtschaft und soziale Gerechtigkeit bestehen, haben diese mit hoher Wahrscheinlichkeit eine gestiegene Religiosität in der Bevölkerung zur Folge. Je dysfunktionaler eine Gesellschaft ist, desto höher ist ihre Anfälligkeit für Wahnsinn aller Art, für Religionen und für politische Ideologien gleichermaßen. Gewiss kann eine hohe Bildung oder geringe Einkommensunterschiede auf akzeptablem Niveau bereits ein Individuum in Krisenzeiten davon abhalten, sich derartigen Wahnsystemen anzuschließen. Jedes der drei genannten Elemente ist allerdings wichtig, um größtmögliche Effizienz bei der Stabilisierung einer Gesellschaft zu gewährleisten. Die Rolle der Neuen Atheisten besteht dabei vor allem darin, für einen wichtigen Teil des Bildungsaspekts zu sorgen und die Wissenschaft zu verteidigen.

Sollte der Staat also seiner Aufgabe nachkommen, würde Religion schlichtweg verschwinden. Nun ist es möglich, dass soziale Angebote dennoch in der Hand weniger religiöser Kräfte verbleiben würden, was sicherlich inakzeptabel wäre. Ich gehe allerdings davon aus, dass die absurde Regelung der BRD, weltanschauliche Körperschaften öffentlichen Rechts mit Steuermitteln zu bezuschussen, politisch unhaltbar wäre in einem solchen Szenario.

Falls das gegenteilige Szenario eintreten wird und unsere Gesellschaft weiter an Stabilität verliert, sind die Sozialangebote des HVD keine Konkurrenz zu den wahnhaften Alternativen ideologischer Parteien und religiöser Gruppierungen. Vielleicht könnte ich meine Position insofern lockern, als dass ich humanistische Sozialangebote als Übergangslösung vorschlagen würde. Bestand hätten sie in keinem denkbaren Szenario.

2. Selbstbezeichnung als „Humanist“

Weiter bemerkt Czermak: „Wenig verständlich ist mir die Ansicht, man solle sich besser gar nicht „Humanist“ nennen, dann könne man ein besserer Humanist sein. Der von der säkular-humanistischen Bewegung gemeinte „Humanismus“ lässt sich ganz gut definieren und es gibt dazu genügend inhaltlich übereinstimmende Texte. Aber zum Erfolg und zur Identitätsbildung bedarf es positiver Begriffe, und diese Begriffe muss man auch öffentlich besetzen.“

Das Problem besteht darin, dass die Übernahme einer positiven, moralischen Identität ein unethisches Verhalten zur Folge hat, wie Studien gezeigt haben. In der Tat wäre man mit einiger Wahrscheinlichkeit ein besserer Humanist, wenn man anderen die Beurteilung überließe, ob man einer ist oder nicht. Was ich zudem für sehr problematisch halten, ist eine solche Gruppenidentität. Dass es übereinstimmende Texte dieser Tradition gibt, ist mir bewusst und gleichzeitig einer der Gründe, warum ich sie ablehne. Liest man nämlich diese Texte, etwa in einflussreichen Magazinen wie „Free Inquiry“ oder „New Humanist“, so fällt auf, dass darin stets ein ideologischer Kampf um die Besetzung des Begriffs „Humanismus“ geführt wird.

Einige Gruppierungen und Individuen wollten zum Beispiel die humanistischen Wähler des Präsidentschaftskandidaten John McCain aus dem Humanismusbegriff ausschließen, andere stellten sogar fest, dass Christopher Hitchens kein Humanist sei, weil er den Irakkrieg unterstützt (er hält ihn für einen gerechten Krieg gegen einen faschistischen Diktator und gegen islamische Fanatiker). Beide Tendenzen halte ich für völlig inakzeptabel. Die Festigung der Ingroup kommt mit einem hohen Preis. Es wäre besser, wenn man schon einen positiven Begriff benötigt, sich lieber als „Weltbürger“, „Kosmopolit“ oder ähnliches zu bezeichnen. Beides ist mir persönlich zwar auch zu arrogant (vielleicht verhalten sich „Weltbürger“ gar nicht wie echte Weltbürger?), aber besser als der in der Praxis sektiererisch gebrauchte Humanismusbegriff.

Schließlich hat „Naturalist“ den Vorteil, dass es sich nicht um eine positive, moralische Identität handelt, sondern um eine neutrale, die keinen direkten Bezug zur Ethik hat, und dass der Begriff trotzdem auf die meisten, wenn auch nicht auf alle (fragen Sie mich nicht), säkularen Humanisten zutrifft. Zudem hat der Naturalismus meiner Auffassung nach ethische Implikationen, die nur durch eine ideologische Kraftanstrengung aufgehoben werden können. Eine naturalistische Moralphilosophie ist mir tausendmal lieber als ein selbstgefälliger, in der Praxis sektiererischer und gutmenschentümlicher Humanismusbegriff. Wenn man unbedingt muss, kann man also eine bestimmte Philosophie „evolutionärer Humanismus“, „säkularer Humanismus“ oder dergleichen nennen, aber wer sich selbst so bezeichnet, den nehme ich beim besten Willen als arrogant wahr.

Dabei bestehe ich keineswegs darauf, dass mir jeder zustimmt. Solange ich mich nicht „Humanist“ nennen muss, bin ich auch schon recht zufrieden.

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4 Kommentare Einen Kommentar hinterlassen

  1. Wer ist „Paul“, den du im zweiten Absatz von „1. Humanistische Sozialangebote“ zitierst?

  2. Link ist ergänzt. Der Absatz wurde aus dem Gegen-Positionspapier zitiert:

    http://hpd.de/node/6988

  3. [...] dazu – muss ich mir die Frage stellen: was soll das? Geht es wirklich nur – wie offenbar Andreas Müller meint – nur um Worte, Begriffe, Definitionen? Wenn Müller sich weigert, sich „Humanist“ zu [...]

  4. Worum geht es? – Der intersäkulare Streit…

    So langsam frage ich mich: worum geht es hier überhaupt?

    Nach Frieder Otto Wolfs Positionspapier (für den HvD), Andreas Müller’s Replik, die wiederum eine von Gerhard Czermak auslöste, der sich aber im gleichen Atemzug auch gegen Frieder Otto Wolfs …


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