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Unentdeckt

29 Sep

Raymond Tallis: Aping MankindEin falsches Wissenschaftsverständnis hat uns überzeugt, dass wir nicht mehr wären als unsere evolvierten Gehirne.

Jedoch, so argumentiert Neurowissenschaftler und Philosoph Raymond Tallis im folgenden Gastbeitrag für Aufklärung 2.0, bereitet eine umfassendere Philosophie über den Menschen den Gegenschlag vor.

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Aufgrund der Länge dieses Gastbeitrags empfehle ich entweder die PDF-Version:

Raymond Tallis – Unentdeckt (PDF)

oder die

mobi-Version für den Kindle (mobi)

Beides stelle ich kostenfrei zur Verfügung. Und nun zum Beitrag von Raymond Tallis:

Seit mehreren Jahrzehnten argumentiere ich gegen das, was ich „Biologismus“ nenne. Dies ist die Idee, aktuell vorherrschend in säkular-humanistischen Kreisen, dass Menschen essenziell Tiere wären (oder zumindest viel animalischer, als dies bislang angenommen wurde) und dass wir uns darum den biologischen Wissenschaften widmen müssten, und nur ihnen, um unser Verständnis der menschlichen Natur zu erweitern. In Folge meiner Kritik dieser Position wurde mir vorgeworfen, ein cartesianischer Dualist zu sein, der glaubt, dass der Geist eine Art Gespenst in der Maschine des Gehirns sei. Schlimmer noch: Es wurde behauptet, ich richte mich gegen den Darwinismus, gegen Neurowissenschaft oder gegen die Wissenschaft als solche. Am schwersten wiegt der Vorwurf, ich hätte insgeheim eine religiöse Agenda, wie manche behaupteten.

Um dies klarzustellen: Ich sehe die Neurowissenschaft (die mein eigenes Forschungsgebiet war) als eines der größten Monumente des menschlichen Intellektes an; ich halte den cartesianischen Dualismus für einen hoffnungslosen Fall; und ich glaube, dass Darwins Theorie von überwältigenden Belegen gestützt wird. Auch habe ich keine verborgene religiöse Agenda: Ich bin ein atheistischer Humanist. Und dies ist gerade der Grund, warum ich den Aufstieg des Biologismus mit solchem Schrecken verfolgt habe: Er ist die Konsequenz der weitverbreiteten Annahme, die einzige Alternative zu einem übernatürlichen Verständnis des Menschen sei ein streng naturalistisches, das uns nur als eine weitere Tierart ansieht und letzten Endes weniger als bewusste Agenten, denn als Materiefetzen, welche in die materielle Welt eingewoben sind.

Damit erweist man der Menschheit einen großen Bärendienst, weil ich denke, dass wir so viel mehr sind als talentierte Schimpansen. Die Analyse des „gewöhnlichsten“ Augenblickes im menschlichen Leben enthüllt Wissen, Fähigkeiten, Emotionen, Intuitionen, eine Vorstellung der Vergangenheit und der Zukunft und einer unendlich elaborierten Welt, die anderswo in der belebten Welt nicht anzutreffen sind.

Biologismus hat zwei Varianten: „Neuromanie“ und „Darwinitis“. Neuromanie entsteht aus dem Glauben, das menschliche Bewusstsein wäre in einigen Gehirnregionen identisch mit Nervenaktivität. Daraus folgt, dass man am besten herausfindet, was den Menschen wirklich ausmacht, wo unsere Überzeugungen herkommen, unsere Veranlagungen, unsere Moral und sogar unsere ästhetischen Genüsse, indem man einen Blick in die Gehirne von menschlichen Testpersonen wirft und dabei die neueste Scanner-Technologie einsetzt. Auf diese Art sollen wir lernen, was wirklich vor sich geht, wenn wir Erfahrungen haben, Gedanken denken, Emotionen fühlen, uns an Erinnerungen erinnern, Entscheidungen treffen, weise oder albern sind, das Gesetz brechen, uns verlieben und so weiter.

Die andere Variante ist Darwinitis, welche auf dem Glauben beruht, dass die Evolutionstheorie nicht nur den Ursprung der Spezies Homo sapiens erklärt – was sie natürlich tut – sondern auch, was Menschen heute sind; dass Menschen im Grunde nicht mehr sind als Organismen, die durch die Prozesse der natürlichen Selektion geformt wurden und nichts weiter.

Falls der Geist das Gehirn ist und das Gehirn ein evolviertes Organ (was es mit Sicherheit ist) dann folgt laut dieser Sichtweise, dass der menschliche Geist evolutionären Prinzipien unterworfen ist. Das egoistische Gen wird durch unsere Geist-Gehirne wirken, um die Wahrscheinlichkeit für das Überleben von Individuum oder Gruppe zu erhöhen. Bei dieser Arbeit assistieren ihm, wie einige Darwinitiker glauben, „Meme“. Diese sind „Einheiten der kulturellen Übertragung“ – wie „Toleranz für freie Rede“ oder „Stile der Architektur von Kathedralen“ – analog zu Genen (Einheiten biologischer Übertragung) – , deren einziger Zweck, wie der von Genen, die Fortpflanzung ist. Gene und Meme übertragen unterschiedliche Grade an Fitness auf Organismen, die ihre Vehikel sind (du und ich) und sie sind gleichermaßen der natürlichen Selektion unterworfen. Die Tatsache, dass wir bewusste Agenten sind, ist größtenteils irrelevant, abgesehen von ihrer Funktion als adaptive Illusion.

Diese Ideen konvergieren in diversen neuen „Wissenschaften“ wie Evolutionäre Psychologie. Die kleinen Wellen des Biologismus verbreiten sich weit und breit, sogar bis in die traditionellen Geistes- und Sozialwissenschaften. Neue Disziplinen mit Vorsilben wie „Neuro-“, „Evolutionär-“ oder „Neuro-Evolutionär-“ sind zunehmend im Trend, als würden geisteswissenschaftliche Akademiker nach anfänglichem Widerstand die Ansicht von E.O. Wilson übernehmen: „Soziologie und die anderen Sozialwissenschaften, inklusive der Geisteswissenschaften, sind die letzten Zweige der Biologie, die noch in die Moderne Synthese integriert werden müssen.“

Es gibt viele Gründe zu glauben, dass Neuromanie und Darwinitis nicht hinreichend erfassen können, was es bedeutet, ein Mensch zu sein, und viele Gründe, ihre Umbenennung der Geisteswissenschaften in „Tierwissenschaften“ abzulehnen. Der wichtigste Grund für die Ablehnung des Biologismus lautet, dass er auf der falschen Annahme beruht, das menschliche Bewusstsein wäre identisch mit Gehirnaktivität und der Geist sei ein Bündel von „Apps“, die von der natürlichen Selektion auf uns übertragen wurden.

Niemand, der noch ganz bei Trost ist, würde leugnen, dass das Gehirn eine notwendige Bedingung von jedem Aspekt unserer Aufmerksamkeit ist, vom kleinsten Kitzeln einer Empfindung bis zum großartig konstruiertesten Selbstempfinden. Daraus folgt nicht, dass es sich um eine hinreichende Bedingung handelt. Der weitverbreitete Glaube, die Wahrnehmung eines Aufleuchtens des Gehirns, wenn zum Beispiel eine Person etwas erlebt, wäre identisch mit der Wahrnehmung des Erlebnisses, liegt in einer Verwechslung von Korrelation und Kausalität begründet und einer Verwechslung von Kausalität und Identität.

Hier ist das grundlegendste von vielen Problemen mit dieser Idee. Das Gehirn ist ein Stück Materie. Das Konzept eines materiellen Objekts, wie es die physikalischen Wissenschaften näher bestimmen, besteht ja gerade in etwas, das keine intrinsische Erscheinungsform hat. Denken Sie an einen Felsen: Man kann ihn sich von vorne ansehen, von hinten, von oben oder unten, von innen oder außen, von nahe dran oder aus einer Entfernung. Jede dieser Perspektiven ist assoziiert mit einer anderen Erscheinungsform und gewiss kann keine von ihnen die Erscheinungsform des Felsen an sich sein. Ohne Perspektiven gibt es keine Erscheinungsform. In der Abwesenheit von Bewusstsein hat Materie keine sekundären Qualitäten wie Farbe, Geruch, Wärme und so weiter. Noch weniger ist sie in der Lage (was eine zentrale Funktion des Bewusstseins ist), andere Dinge eine Erscheinungsform haben zu lassen – was passiert, wenn die Welt mir erscheint. Nur magisches Denken könnte die Fähigkeit, Dinge eine Erscheinungsform haben zu lassen, auf ein Stück Materie wie das Gehirn übertragen.

Wir müssen der Denkweise widerstehen und sie loswerden, welche hinter Darwinitis und Neuromanie steckt. Und an dieser Stelle wird es interessant.

Nachdem wir „einigen Müll, der dem Wissen im Weg liegt“, um John Lockes Ausspruch zu gebrauchen, weggeräumt haben, müssen wir uns einer positiven Herausforderung widmen: Wir müssen ein Verständnis davon formulieren, wer und was wir sind, ohne dem Szientismus zu erliegen, der die gesamte Welt, inklusive uns selbst, als Materiestücke ansieht, die letztlich den Gesetzen der materiellen Natur hilflos ausgeliefert sind; und ohne alternativ auf übernatürliche Geschichten zurückzufallen, wie es kommt, dass wir so anders sind. Die Arbeit an dieser Aufgabe hat bereits begonnen – vor allem seitens der Philosophen des Geistes, die aus der neuro-materialistischen Orthodoxie ausbrechen.

Philosophen wie Andy Clarke, Teed Rockwell, Alvin Noe und Michael Wheeler haben jenseits des (alleinstehenden) Gehirns nach dem Aufenthaltsort des Bewusstseins gesucht. Sie argumentieren, dass (um Rockwells Worte zu gebrauchen), „selbst die privatesten, subjektiven, qualitativen Aspekte des Menschen im Gehirn-Körper-Welt-Geflecht verkörpert“ seien. Für Philosophen, die mit der Vorstellung aufgewachsen sind, der Geist wäre die rechnerische Aktivität des Gehirns, ist diese „Maximierung [des] Geistes“ (um Andy Clarkes Ausdruck zu gebrauchen) schockierend heretisch. Doch die Entwicklung einer Kognitionswissenschaft, in welcher Gehirn, Körper und Welt ineinander greifen und Faktoren „außerhalb der Haut“ ein vollständiger kognitiver Status gewährt wird, fordert nur dann einen Widerspruch heraus, falls wir den unausweichlich relationalen Aspekt des Bewusstseins nicht sehen können, welcher mit der „Worüberkeit“ oder Intentionalität von Wahrnehmungen anfängt und in den komplexen Bezugsstrukturen von Überzeugungen, faktischem Wissen und normativem Sinn näher ausgeführt wird, die den Großteil unseres Bewusstseins ausmachen. Diese Beziehung kann nicht zu einer kausalen Interaktion zwischen einem Stück Materie (einem wahrgenommenen Objekt zum Beispiel) und einem anderen (einem Gehirn) reduziert werden. Durch Energie vermitteltes Auftreffen von A auf B (zum Beispiel das Licht, das in das Auge eintritt) erzeugt nicht die Erscheinung des Auftreffenden (das Objekt) auf das Gehirn (das Getroffene). Wenn eine Wolke über einem Pool vorüberschwebt, dann ist die Reflektion der Wolke im Pool nicht die Erscheinung der Wolke in dem oder für den Pool. Auf diese Weise lässt sich die Wahrnehmung unseres Daseins in der Welt nicht erzeugen.

Diese neue Philosophie ist ein ermutigender Beleg, dass das „kulturelle Zusammenzucken“ der Philosophie vor der Autorität der Wissenschaft, welche die Philosophie des 20. Jahrhunderts in der englischsprachigen Welt dominierte, endlich abnehmen könnte. Aber geht sie weit genug? Das Gehirn steht noch immer im Zentrum des Denkens vieler „Maximierer“. Einige Philosophen, welche von den unüberwindlichen Schwierigkeiten im aktuellen Denken über das Geist-Körper-Problem beeindruckt wurden, insbesondere David Chalmers und Galen Strawson, haben die Frage aufgeworfen, ob wir überhaupt mit dem Gehirn anfangen sollten, wenn wir nach einer Quelle des Geistes suchen. Vielleicht ist der Geist weiter verbreitet im Material, aus dem die Welt gemacht ist. Chalmers und Strawson haben auf unterschiedliche Art den „Panpsychismus“ adoptiert – die Idee, dass Bewusstsein und Aufmerksamkeit in den Stoff des angeblich materialistischen Universums selbst eingenäht sind. Chalmers hat argumentiert, dass Bewusstsein oder Proto-Bewusstsein so grundlegend sei für die materielle Welt wie Masse oder Ladung oder Spin. Und Strawson findet winzige Bewusstseinspäckchen in Elementarpartikeln.

Dies erzeugt für die Geist-Gehirn-Identitätstheorie (welche die Entstehung von Bewusstsein in einem bestimmten materiellen Objekt – dem Gehirn – nicht erklären könnte) das gegenteilige Problem; nämlich zu erklären, wie es kommt, dass so wenige Objekte ein Bewusstsein haben. Der überwältigende Teil des Universums scheint aus etwas zu bestehen, das noch weniger aufmerksam ist als der schläfrigste Mensch. Es ist unklar, wie sich der Staub des Proto-Bewusstseins im Falle einer Wesenheit wie mir zu einem selbstbewussten Agenten zusammenfügt, der in einer erfahrbaren Welt handelt, während er sich in Kieselsteinen nicht einmal zu einem Kribbeln zusammenfügt. Noch ist klar, worüber sich der „Bewusstseinsstaub“ bewusst wäre.

Ich erwähne diese Theorien, weil sie darauf hinweisen, dass jene, welche die Probleme mit der Geist-Gehirn-Identitätstheorie vollständig erfasst haben, nun bereit sind, außerhalb der aktuellen Orthodoxie zu denken, ohne dem Schmalz von Gurus auf den Leim zu gehen, obwohl für einige (vornehmlich Searle) der Panpsychismus genau das ist. Und sie haben den zusätzlichen Vorzug, sich nicht auf Quantenmechanik (QM) zu beziehen, um mysteriöse Eigenschaften des Bewusstseins zu erklären. Es wurde zum Beispiel vorgeschlagen, dass das Phänomen der „Quantenkohärenz“, das in den Membranen der Neuronen stattfinde, der Einheit des bewussten Augenblicks zugrunde liegen könne, in dem unzählige Sinneseindrücke, Wahrnehmungen, Gedanken, Emotionen und Erinnerungen zu einer subjektiven Einheit gehören. Erklärungen, die auf der QM aufbauen, teilen den Fehler des Panpsychismus – nämlich, dass sie nicht erklären, wie nur eine kleine Minderheit von Dingen im Universum (fühlende Wesen) ein Bewusstsein haben können, während der Rest keines besitzt. Die QM betrifft schließlich Kieselsteine ebenso wie die Materialien unseres Gehirns. Und QM-basierte Erklärungen haben ein ganz eigenes Problem: In der Abwesenheit einer Messung (eine Handlung eines bewussten Wesens) sind die grundlegenden Bestandteile des Universums unbestimmt; zum Beispiel bestimmt die Messmethode, ob ein grundlegender Materiebestandteil die Form einer Welle oder eines Teilchens annehmen soll. Ohne Messung ist es weder das eine, noch das andere. Kurz gesagt geht die QM von der gegebenen Existenz dessen aus, was sie zu erklären hat: Den bewussten Beobachter. Und (darf ich es sagen?) sich bei der QM nach Hilfe umzusehen ist recht seltsam angesichts der Tatsache, dass ihre größten Verteidiger (zum Beispiel Richard Feynman) sich einig sind, dass sie trotz ihrer atemberaubenden Effizienz bei der Vorhersage beobachteter Eigenschaften der Welt und ihrer führenden Rolle bei der Entwicklung neuer Technologien, unverständlich ist.

Doch wenn sich der Rauchvorhang der Pseudo-Erklärungen von Neuromanie und Darwinitis aufzulösen beginnt, kommen wirklich interessante Fragen ans Tageslicht – vor allem über den grundlegenden Stoff oder die grundlegenden Stoffe, aus denen die Welt gemacht ist. Wir Atheisten haben einen guten Grund, ontologische Agnostiker zu sein und zu glauben, dass alles möglich ist. Wie Jerry Fodor (einer der führenden Vertreter der Computer-Theorien des Geistes) es ausdrückte: „Die Revisionen unserer Konzepte und Theorien, die irgendwann erforderlich sein werden, damit wir uns eine Lösung vorstellen können, werden wahrscheinlich sehr tiefgehend sein und sehr beunruhigend. Es gibt kaum etwas, von dem wir uns nicht vielleicht lösen müssen, bevor das harte Problem [des Bewusstseins] mit uns fertig ist.“

Bevor wir jedoch eine klarere Vorstellung haben über die Natur des Bewusstseins selbst, werden wir nicht in der Lage sein, tiefgründig genug über das spezifisch menschliche Bewusstsein nachzudenken. Dies veranschaulicht das neueste Buch des Neurowissenschaftlers V.S. Ramachandran, The Tell-Tale Brain, in dem er (berechtigterweise) versichert, dass „Menschen die Affen zum selben Grad hinter sich lassen wie das Leben profane Physik und Chemie hinter sich lässt“, dann aber trotzdem fortfährt zu erklären, die Unterschiede würden aus Spiegelneuronen resultieren (Neuromanie) und unsere Würdigung von Picasso ließe sich anhand der Präferenzen verstehen, die Silbermöwen für „übernormale Auslöser“ hätten (Darwinitis).

Kurz gesagt werden wir den Blick verlieren für den gewaltigen Unterschied zwischen uns und anderen Kreaturen, für unsere einzigartig bewusste Eigenschaft als Handlungsträger und dessen Bühne, für die unendlich komplexe menschliche Welt, die wir erschaffen haben, solange wir das Bewusstsein in das materielle Objekt in unserem Schädel quetschen. (Und wir werden noch schwerwiegender in die Irre geführt, wenn wir diesen Fehler verschärfen und getrennte zelebrale Quartiere der „Weisheit“, „Kreativität“ und all der Normen, Institutionen und abstrakten Bezugssysteme zuweisen, welche die gewöhnlichste Stunde unseres täglichen Lebens vom tierischen Leben absetzen.) Dies verleumdet nicht nur die Menschheit, sondern diskreditiert auch die Neurowissenschaft. Wir leiten, rechtfertigen und entschuldigen unser Verhalten nach allgemeinen und abstrakten Prinzipien; wir erschaffen die großen Artefaktlandschaften von Städten, Gesetzen und Institutionen, die der Natur unbekannt sind; unterhalten Theorien über unsere eigene Natur und über die materielle Welt; erzählen unsere Leben und setzen diese Erzählungen in Beziehung zu einer individuellen und geteilten Geschichte; und wir erforschen die Ordnung der Dinge und die Kausalitätsmuster und die physikalischen Gesetze, welche dieser Ordnung zugrunde liegen, systematisch.

Die Bedeutung davon für die Zukunft des Humanismus ist offensichtlich. Unsere Untersuchung des Menschen muss nicht von der Annahme eingeschränkt werden, wir würden unsere Besonderheit leugnen müssen, falls wir religiöse Erklärungen unserer besonderen Natur ablehnen. Im Gegenteil können wir die vollkommen offenkundigen Tatsachen unserer grundlegenden Unterscheidung selbst von unseren nächsten Primatenverwandten akzeptieren – etwas, das wir zu sehr für selbstverständlich zu halten neigen, wann immer wir es nicht leugnen – und anfangen, interessante Fragen zu stellen, wie wir so grundlegend anders geworden sind. Auf jeden Fall müssen wir nicht glauben, die einzige Alternative zu übernatürlichen Erklärungen des Menschen wären naturalistische, die Menschen als Teil der Biosphäre betrachten und ultimativ der materiellen Welt, an ihre Gesetze gebunden. Diese Annahmen herauszufordern und auf die Möglichkeit vollkommen anderer Perspektiven aufmerksam zu werden verspricht ein aufregendes intellektuelles, ja spirituelles Abenteuer zu werden. Im Augenblick sollten wir die Lücken in unserem Wissen und in unserem Verständnis ebensowenig mit pseudowissenschaftlichen Erklärungen stopfen, wie wir sie mit Göttern und ihren göttlichen Kräften füllen sollten. Es spricht viel dafür, sich von „Eicheln und Gras der Erkenntnis“ zu nähren (um Nietzsches pointierte Formulierung zu gebrauchen) für eine Wahrheit, die wir noch nicht entdeckt haben.

© Raymond Tallis/New Humanist

Quelle: http://newhumanist.org.uk/2633/undiscovered-by-raymond-tallis-julyaugust-2011

Raymond Tallis

Raymond Tallis ist emeritierter Professor der geriatrischen Medizin. Er schrieb Lehrbücher über die Neurologie des Alters, bekam zwei Ehrendoktortitel für seinen Anteil an der wissenschaftlichen Literatur über Alterskrankheiten und er engagiert sich wie Terry Pratchett für Dignity in Dying; eine britische Organisation, die für Sterbehilfe eintritt.

Tallis ist ein engagierter säkularer Humanist und Schriftsteller, der mit Enemies of Hope ein Standardwerk gegen die postmoderne Philosophie verfasste. In Why the Mind Is Not a Computer argumentiert er gegen die Auffassung in weiten Teilen der Psychologie, der menschliche Geist wäre mit Computern zu vergleichen. Aping Mankind (2011) ist sein aktueller Versuch, Materialisten zu überzeugen, dass der menschliche Geist nicht auf Materie reduziert werden könne.

Deutsche Übersetzung: Andreas Müller (siehe sein aktuelles Buch Ist der Wald endlich tot?); mit freundlicher Genehmigung von Raymond Tallis und Caspar Melville, Chefredakteur des New Humanist.

 

60 Antworten zu Unentdeckt

  1. DeeTee

    29. September 2011 at 17:57

    Hmm, ein interessanter und langer Beitrag, dessen roter Faden mir irgendwie nicht klar geworden ist. Bei vielen einzelnen Argumenten kann ich mitgehen
    Wir wissen also, dass wir nichts wissen, außer das wir ganz was besonderes sind! Natürlich ist der Mensch/das Bewusstsein des Menschen mehr als die Summe seiner Teile. Und das Bewusstsein als solches ist zwar an die materielle Essenz der elektrochemischen Prozesse des Gehirns gebunden, kann aber durchaus ein von Naturgesetzen unabhängiges Dasein besitzen, ähnlich wie die Börsenkurse, wo man Aktien mathematisch beschreiben kann, aber das Zusammenspiel nicht vorhersagen kann. Ist dies nun reine Komplexität, ist es die massive synchronisierte Parallelität der Gehirnprozesse oder etwas ganz anderes? Ich tendiere dennoch eher zur materiellen Variante (aufgrund einer eigener Erfahrung), bin aber offen für alles auf diesem Gebiet.
    Apropos geriatrisch geprägter Wissenschaftler: Dieser dürfte doch den (materiellen) Zerfall des dementen alternden Menschen kennen, und dem steht ein sich entwickelnder Neugeborener gegenüber, der sich in die andere Richtung entwickelt. Wie kommt man immer wieder zu der Schlussfolgerung, wir würden uns so grundsätzlich von anderen Arten unterscheiden? Auf unserem Weg durch das Leben beginnen wir auf der Bewusstseinstufe von 0, und als alternder Mensch leider sehr häufig verlieren wir jeden klaren Gedanken, die Sprache, die Erinnerung, und manche dämmern eher wie eine Pflanze, die man düngen und gießen muss und deren Ausscheidungen man beseitigen muss, dahin. Mit anderen Worten: Wir erreichen eine Höhe, die sicher kein Tier erreicht, aber wir waren und sind immer noch nichts anderes als das, denn wir entwickeln unseren “Geist” durch diese Stufen im Laufe des Lebens. Unsere Sprache, unsere Kultur und die Fähigkeit der Weitergabe von Wissen (Meme) sind womöglich eine nicht von der Evolution “beabsichtigte” Symbiose eingegangen, und beides hat die Weiterentwicklung vorangetrieben. Ich bin sicher, höhere Tiere haben auch eine niedrige Form von Bewusstsein. Vielleicht ist die komplexe Sprache der Schlüssel, sich “mit sich selbst unterhalten” zu können. Ein enorm spannendes Thema, ich wäre mit den Schlussfolgerungen aber nicht so schnell.

     
  2. Lias

    29. September 2011 at 18:42

    Ich hätte mich sehr gefreut, wenn in diesem Gastbeitrag ein Argument vorhanden wäre, warum das Bewusstsein nicht einfach durch neuronale Aktivität erklärbar ist.
    Genauso interessant wäre zu wissen, warum Raymond Tallis dem Mensch ein Bewusstsein zuschreibt, den Tieren jedoch nicht. (So habe ich zumindest Teile des Artikels verstanden)

     
  3. American Viewer

    29. September 2011 at 21:11

    Ich hätte mich sehr gefreut, wenn in diesem Gastbeitrag ein Argument vorhanden wäre, warum das Bewusstsein nicht einfach durch neuronale Aktivität erklärbar ist.

    Das hätte mich auch gefreut. Ich unterstütze die Begriffe “Darwinitis” und “Neuromanie”. Die Neurowissenschaft hat eine starke Tendenz als in diese Richtung zu interpretieren.

    Das ist hängt sicher von den Medien ab und der Community selber. Die Grundlagenforschung der Neurowissenschaften ist (hoffentlich) nicht schlecht, aber Geschichten wie “Warum lieben wir” und “Warum können Frauen nicht einparken?” verkaufen sich halt besser. Das nimmt groteske Züge an und geht so in die Richtung: “Wenn wir auf eine Ananas gucken und eine nackte Frau sehen, leuchten die gleichen Gehirnregionen XY auf.” Das hat mit Wissenschaft wenig zu tun. Das sind Gags für die Medien und Community um Aufmerksamkeit und damit Forschungsgelder einzustreichen. Echte Fortschritte bieten diese “Ergebnisse” nicht.

    Trotzdem wird es nur über die Grundlagenforschung gehen. Da macht man schon Fortschritte. Hirnschrittmacher. Die ganzen neuen Psychopharmaka. Ja auch die Spiegelneurone sind interessant. Die ganzen Rezeptoren, die man massenweise entdeckt. Das Rückverfolgen über Genanalysen. Die Liste ist lang.

    Alternativen sehe ich bei Raymond Tallis jedenfalls nicht. Das ist interessantes Brainstorming, aber letztendlich weiter kommt man damit nicht. Da muss schon die Grundlagenforschung ran, die die harten Fakten liefert. Für dieses weiche ins Blaue hineinphilosophieren gibt es seit tausenden Jahren die Philosophie. Bis die Philosophen mal darauf gekommen sind ihre Theorien durch praktische Versuche zu überprüfen. Das ist mühsam, das dauert zum Teil ewig, aber eine Alternative sehe ich dazu nicht. Tallis kann ewig philosphieren ab Ende muss man es testen und falsifizieren können (Seitenhieb auf Keynesianer und Klimagemeinde) oder es ist wertlos.

     
    • derautor

      29. September 2011 at 21:34

      Das habe ich auch einmal gedacht, aber inzwischen bin ich der Meinung, dass Philosophie sehr wichtig ist. Raymond Tallis beschreibt in seinem Buch anhand zahlreicher Beispiele, wie einige Neurowissenschaftler und Evolutionäre Psychologen die Ergebnisse ihrer Studien, die oftmals so gut wie gar nichts aussagen oder nicht auf den Menschen übertragbar sind, interpretieren. Das wird es einem ganz anders. Mit philosophischer Vorbildung wären sie doch erheblich vorsichtiger, was weitreichende Schlussfolgerungen aus simplen Versuchsanordnungen betrifft.

      Tallis geht in dem Artikel schon kurz darauf ein, warum das Gehirn nicht mit dem Geist identisch sein kann (siehe z.B. das Pool-Beispiel, intrinsische Erscheinungsformen, etc.). Viel ausführlicher tut er das in seinem Buch “Aping Mankind”, über das ich bald eine Rezension schreiben werde.

       
      • Lias

        6. Oktober 2011 at 16:30

        Das Pool-Beispiel ist leider überhaupt kein Argument… Bitte berichtige mich, wenn ich etwas falsch verstanden habe, aber er schreibt doch im Grunde nur, das die Spiegelung einer Wolke in einem Pool nicht identisch ist mit dem Bild, das wir in unserem Kopf bilden, wenn wir die Wolke sehen.

        Das sagt überhauptnichts darüber aus, ob nun unser Bewusstsein auf reine Gehirnaktivität zurückzuführen ist. Zwar besteht der Pool und unser Gehirn beides nur aus Materie, aber deswegen können sie doch trozdem unterschiedlich funktionieren.

        Wie wäre die Argumentation: Das backen von Brot im Ofen kann nicht auf rein physikalische Zusammenhänge im Ofen reduziert werden. Das gebackene Brot unterscheidet sich nämlich grundlegend vom Brot, das man stattdessen auf die Fensterbank gelegt hat. Und die Fensterbank ist genauso ein Stück Materie wie der Ofen.

        Das Brot entspricht in diesem Argument der Wolke, der Ofen ist das Gehirn und der Pool die Fensterbank. Die Schlussfolgerung ist offensichtlich Unsinn.
        Falls ich das Pool-Beispiel falsch verstanden habe, müsste das mittlerweile ziemlich offensichtlich sein. Was habe ich falsch verstanden?

         
        • derautor

          6. Oktober 2011 at 16:40

          Tallis schreibt: “Durch Energie vermitteltes Auftreffen von A auf B (zum Beispiel das Licht, das in das Auge eintritt) erzeugt nicht die Erscheinung des Auftreffenden (das Objekt) auf das Gehirn (das Getroffene). Wenn eine Wolke über einem Pool vorüberschwebt, dann ist die Reflektion der Wolke im Pool nicht die Erscheinung der Wolke in dem oder für den Pool.”

          Es geht um die Umkehrung der Kausalität. Das Bild der Wolke tritt über das Auge in unser Gehirn ein, dann wird unsere Wahrnehmung der Wolke quasi zurückgeworfen auf die Wolke. Das nennt sich “Intentionalität”. Und die gibt es nirgendwo in der materiellen Welt. Dort gibt es nur Ursachen und Folgen. Und die seltsamen Quantenphänomene sind ja ebenfalls beobachterabhängig.

          Brot hat keine Intentionalität. Ob du das Brot in den Ofen oder auf die Fensterbank legst, in beiden Fällen gibt es nur Ursachen und Folgen. Das Brot entwickelt keine Wahrnehmung des Ofens oder der Fensterbank und wirft sie auf diese zurück.

           
  4. American Viewer

    29. September 2011 at 21:14

    Edit: ….eine starke Tendenz *alles* in diese Richtung zu interpretieren.

     
  5. folgsam

    30. September 2011 at 00:19

    Wird ein harter Schlag für seine Denkschule, wenn die ersten Computer den Turing Test bestehen werden.

     
    • derautor

      30. September 2011 at 12:23

      61 Jahre nachdem der Test vorgeschlagen wurde, hat Tallis Seite das Lachen.

       
  6. webbaer

    30. September 2011 at 07:41

    Solider Text, danke!

     
  7. verquerv

    30. September 2011 at 09:21

    Und die Woerter, die Du gerade eben liest, sind nicht identisch mit der Elektronik, die sie erzeugen. Wer haette das gedacht? Trivialaussagen bis zur beinahigen Unerkenntlichkeit verkompliziert.

     
    • derautor

      30. September 2011 at 12:25

      Ja, aber was folgt daraus? Sind es überhaupt Wörter ohne Beobachter? So trivial, wie es zunächst scheint, ist es nicht. Nicht, wenn die Aussage lautet, dass das Bewusstsein etwas grundlegend anderes ist als Computerprozesse.

       
  8. verquer

    30. September 2011 at 12:47

    Was folgt aus der Trivialaussage, dass Temperatur qualitativ etwas anderes (im Sinne von “mehr”) ist als die Bewegung von Atomen? Ausser dass es eben einen qualitativen Unterschied gibt, folgt daraus gar nichts. Es ist aber die Aussage selbst, die trivial ist: Dinge, die auf verschiedenen Abstraktionsebenen definiert sind, sind verschieden.

     
    • derautor

      30. September 2011 at 13:00

      Was willst du damit sagen? Ist Bewusstsein nun mehr als die Bewegung von Atomen oder nicht?

       
  9. verquer

    30. September 2011 at 13:53

    Ich will damit sagen, dass sich der obige Text ohne Informationsverlust zu einer Trivialaussage zusammendampfen laesst. Und ja: Da Bewusstsein auf einer anderen Abstraktionsebene definiert als die Bewegung von Atomen ist, ist Bewusstsein was anderes.

    Ich empfehle die Lektuere von Goedel, Escher, Bach. Hofstadter arbeitet sehr deutlich heraus, dass die Schwierigkeiten, die beim Diskutieren ueber Materie/Geist/Bewusstsein auftreten, sich eigentlich auf die unerlaubte Vermischung von verschiedenen Abstraktionsebenen zurueckfuehren lassen. Als angenehmen Nebeneffekt trainiert man mit der Lektuere auch Scheinprobleme besser als solche erkennen zu koennen.

     
    • derautor

      30. September 2011 at 14:20

      Es soll also eine andere Darstellungsebene sein, aber Atome und Bewusstsein wären eigentlich identisch, da Bewusstsein das ist, was die Atome in unseren Gehirn tun?

       
      • verquer

        30. September 2011 at 18:17

        So sehr wie Nässe nicht identisch ist mit der Wechselwirkung von Wassermolekülen und Temperatur nicht identisch mit der Bewegung von Atomen, ist das Bewusstsein nicht einfach das, was die Neuronen tun. Mein Argument ist ja gerade eben, dass Du verschiedene Abstraktionsebenen durcheinander wirfst und dann im Kauderwelsch endest. Es kommen dann eben Sätze heraus wie “Bewusstsein ist das, was die Atome in unseren Gehirnen tun”, was ziemlich offensichtlich blödsinn ist. Genau so gut könntest Du fragen: “Sind Wörter nicht mehr als nebeneinanderstehende Buchstaben?”

         
        • derautor

          30. September 2011 at 20:09

          Mir ist die Erklärung mit den Abstraktionsebenen durchaus geläufig, aber ich bin einfach nicht damit einverstanden, dass wir es lediglich mit verschiedenen Abstraktionsebenen (= unterschiedliche Darstellungen desselben Phänomens) zu tun haben, sondern mit grundlegend unterschiedlichen Phänomenen.

           
      • verquer

        1. Oktober 2011 at 12:31

        Verschiedene Abtraktionsebenen sind eben nicht nur unterschiedliche Beschreibungen des selben Phänomens. Mit jeder gerechtfertigten, neuen Abstraktionsebene kommen qualitativ neue Phänomene hinzu. Man kann zB erst ab einer großen Menge von wechselwirkenden Atomen (oder anderen Elementen) sinnvoll über die Entropie eines Systems sprechen. D.h., dass Entropie ein neues und qualitativ unterschiedliches Phänomen ist, welches sich erst auf einer neuen Abstraktionsebene ergibt. Deine Sorge scheint mir also unberechtigt zu sein.

         
        • derautor

          1. Oktober 2011 at 13:15

          Die qualitativ neuen Phänomene werden aber letztlich erzeugt durch eine bestimmte Zahl und Anordnung bestimmter Atome, so die Auffassung. Wissenschaftler sehen Atome in ihren Mikroskopen, dann beobachten sie Bewusstsein beim Menschen und sehen, dass sich dessen Zustand verändert, wenn das Gehirn beschädigt wird. Also ist das Bewusstsein letztlich ein Ergebnis, ob qualitativ neu oder nicht, bestimmter Gehirnzustände. Wenn sich Atome so und so anordnen, wenn sie “eine große Menge” haben, dann ergeben sich Phänomene wie die Entropie eines Systems. Und Tallis bestreitet ja genau, dass dies im Falle des Bewusstsein so einfach ist! Erst einmal müssen Materialisten realisieren, dass ihre Auffassung mit verschiedenen Abstraktionsebenen lediglich ihre Interpretation der Datenlage ist und nicht mehr.

          @ Muriel: Dein Vergleich der skeptischen Haltung von Tallis mit einer gegenüber der Existenz Gottes ist unzutreffend. Wenn du meinst, das harte Problem der Neurowissenschaften wäre eine Art von Ausrede oder übertriebener Skeptizismus wie die Schlussfolgerung, man könne nicht aus der Nichtexistenz von Belegen für Gott auf dessen Nichtexistenz schließen, dann weißt du offenbar nicht, warum Philosophen und Wissenschaftler gleichermaßen von einem “harten Problem” und Richard Dawkins sogar von der größten Herausforderung der Forschung überhaupt sprechen! Nein, es ist eben nicht so einfach.

           
      • Muriel

        1. Oktober 2011 at 15:11

        @derautor: Ich würde es keinen Vergleich nennen, und ich habe auch nicht behauptet, das Problem wäre einfach.

         
      • verquer

        3. Oktober 2011 at 15:56

        Die qualitativ neuen Phänomene werden aber letztlich erzeugt durch eine bestimmte Zahl und Anordnung bestimmter Atome, so die Auffassung.

        Verstehe ich Dich also erstmal richtig, dass Du nun akzeptierst, dass “hoehere” Abstraktionsebenen zu qualitativ neuen Phaenomenen fuehren koennen? Wenn ja, brauchst Du nur einen Schritt weiter zu gehen: Es gibt mehr als nur zwei Abstraktionsebenen und siehe da: all Deine Einwaende verpuffen.

         
        • derautor

          3. Oktober 2011 at 16:08

          Nein, ich habe du deine Position umformuliert.

           
      • verquer

        3. Oktober 2011 at 17:08

        Interessant. Du meinst also, dass “höhere” Abstraktionsebenen nicht zu qualitativ neuen Phänomenen führen können (oder das diese nicht ausreichen)? Was ist dann mit meinem Beispielen (Temperatur, Entropie, Nässe)?

         
        • derautor

          3. Oktober 2011 at 17:14

          Ich meine, dass dies im Falle des Bewusstseins nicht ausreicht.

           
      • verquer

        3. Oktober 2011 at 17:29

        Womit wir uns ja dann fast einmal im Kreis gedreht haben. “Bewusstsein = Epiphänomen (irgendwelcher) neuronalen Aktivitäten” ist keine vollständige Erklärung des Bewusstseins. Na welch Überraschung. Aber wenigstens sind wir eine Stufe aufgestiegen und konnten Tallis locker hinter uns lassen.

        Und wer hier ein Forschungsprogramm (ein fies reduktionistisches) zwischen Zeilen erkennt, darf sich an das selbige machen. Der Rest darf ruhig weiterhin Unerklärtes mit Unerklärbarem verwechseln…

         
        • derautor

          3. Oktober 2011 at 17:40

          Wir wissen nicht, ob das Bewusstsein ein Epiphänomen des Gehirns ist. Es hat sehr viel mit dem Gehirn zu tun, allerdings sind bei ganz unterschiedlichen Inhalten dieselben Gehirnprozesse aktiv, was nur eine der vielen Merkwürdigkeiten darstellt. Ich sage nicht, dass es unerklärbar wäre, ich sage, dass wir es noch nicht erklären können.

           
      • verquer

        3. Oktober 2011 at 17:55

        Wir wissen nicht, ob das Bewusstsein ein Epiphänomen des Gehirns ist

        In welchem Sinne meinst Du das? Meinst Du, dass man die Randbedingungen (obig implizierte bestimmte neuronale Aktivitäten) noch nicht hinreichend genau kennt? Wenn nicht, welche Erkenntnis ist denn mit der Aussage “Bewusstsein = Epiphänomen bestimmter neuronaler Aktivitäten” unvereinbar? Oder war das eine allgemein erkenntnistheoretische Aussage?

        Es hat sehr viel mit dem Gehirn zu tun, allerdings sind bei ganz unterschiedlichen Inhalten dieselben Gehirnprozesse aktiv, was nur eine der vielen Merkwürdigkeiten darstellt

        Ein fMRT hat eine Auflösung von vielleicht einem halben Millimeter. Neuronen sind aber um Größenordnungen kleiner. Sprich: Wir können zwar messen, welche Gehirnregionen bei bestimmten Aktivitäten … ähm … aktiv sind, aber bestimmt nicht welche individuellen Neuronen. D.h., dass mit Sicherheit nicht exakt diesselben Gehirnprozesse (im Sinne von Neuronen) bei verschiedenen Inhalten aktiv sind und wenn, dann wissen wir das noch lange nicht.

        Auf meinem PC läuft auch immer der selbe Prozess (Firefox) mit dem ich aber trotzdem verschiedene Inhalte darstellen lassen kann…

        Ich sage nicht, dass es unerklärbar wäre, ich sage, dass wir es noch nicht erklären können.

        Soweit so trivial. Du scheinst mir allerdings zu argumentieren, dass man das Bewusstsein nicht reduktionstisch erklären kann…

         
        • derautor

          3. Oktober 2011 at 18:00

          Ich werde in folgenden Beiträgen näher erklären, was ich meine. Hat wenig Sinn, das im Kommentarbereich im Detail zu erklären, wenn den kaum einer lesen wird.

           
      • verquer

        3. Oktober 2011 at 18:19

        Ick freu mia druff..

         
  10. folgsam

    30. September 2011 at 14:33

    Wer zuletzt lacht hat kybernetische Humorimplatante (ich kanns kaum erwarten).

    Fakt ist leider, dass Tallis genausowenig eine Ahnung hat wie Bewusstsein entsteht wie jeder andere Neurowissenschaftler. Bis Tallis ein Forschungsprogramm vorstelltt, muss das Szepter in der Hand ‘klassischer’ Neurophysiologen bleiben ( die interessieren sich für die Zusammenhänge am ehesten, sind ja auch zu 80% Mathematiker und Physikier. Reine Biologen verheddern sich seltsamerweise im Klein-Klein der molekularen Mechanismen. Ein alberner Irrweg.)

    Es sieht ausserdem gut aus: Hinreichend komplizierte Netzwerke hinreichend komplizierter, intrinsische und eintreffende Signale integrierender Agenten (Neuronen zb.) zeigen bemerkenswerte emergente Eigenschaften die durchaus ausreichend für Bewusstsein sein könnten. Keine Ahnung ob das tatsächlich so ist, es spricht bisher aber nicht viel dagegen.

    Was zum Teufel soll eigentlich etwas sein, dass nicht naturalistisch aber auch nicht magisch ist? Ich dachte bisher, der Naturalismus schließt alles ein, was real und prinzipiell erfahrbar ist, so abgedreht und unvorstellbar es in Moment auch sein mag. Ich sehe nicht ein, warum man da eine dritte Kategorie braucht, es gibt in der Welt möglicher Phänomene noch eine Menge Platz für alles mögliche was bisher nicht vorstellbar ist.
    Gut, sind die Neuronen halt ein Dimensionstor in ein Paralleluniversum voller denkender Steine die uns eigentlich mit Bewusstsein füllen (oder woran denkt Tallis nun eigentlich, wenn er von Phänomenen spricht, die nicht aus der Materie erwachsen). Ist mir doch egal, hört sich sogar saucool an, aber nicht-naturalistisch muss das keineswegs sein.

     
    • derautor

      30. September 2011 at 14:48

      Tallis IST ein klassischer Neurophysiologe! Er hat viele Jahrzehnte als Hirnforscher gearbeitet. Er weist lediglich darauf hin, dass die Neurowissenschaften einfach nicht die richtige (zumindest nicht die hinreichende) Adresse zu sein scheinen, um dem Bewusstsein auf die Schliche zu kommen.

      In seinem Buch geht Tallis übrigens auf alle Einwände ein, die hier bislang angesprochen wurden. Es könnte sich für euch lohnen. Ich habe bekanntlich dasselbe geglaubt wie ihr und ich habe mich ebensowenig von Artikeln überzeugen lassen – und auch nicht von Michael Schmidt-Salomons Buch zum Thema (Jenseits von Gut und Böse). Es braucht schon ein bisschen mehr, um den Physikalismus zu widerlegen. “Aping Mankind” bietet allerdings genau dieses bisschen mehr.

      Wenn du wüsstest, was einige Physikalisten vorschlagen, um die Probleme mit dem Bewusstsein zu lösen – den Panpsychismus hat Tallis hier ja schon angesprochen. Da sich die Materie in einem Stein nicht grundlegend von der Materie in unseren Gehirnen unterscheidet, gehen Panpsychisten als Materialisten einfach davon aus, jede Materie wäre bis zu einem gewissen Grad bewusst, also auch Steine! Warum nun die Materie in unseren Köpfen bewusster sein soll als Steine – wer weiß? Bewusstsein ist jedoch etwas grundlegend anderes als Materie – bloße “Komplexität” (warum sind Steine eigentlich nicht komplex und Gehirne schon?) löst das Problem nicht.

      Ich finde, die physikalistischen Lösungsvorschläge klingen noch viel absurder und esoterischer als die Vorstellung, dass wir das Bewusstsein noch nicht verstehen und dass das Gehirn eine zwar notwendige, aber nicht hinreichende Bedingung für das Bewusstsein ist.

       
      • Karl

        30. September 2011 at 19:35

        Wenn das Bewusstsein also nicht nur im Gehirn seinen Sitz hat, wird dann nicht die Tür geöffnet für esoterische Bewusstseinserklärung aller Art. Ist somit also noch der Naturalismus haltbar? Letztlich muss ja auch die gesamte Bewusstseinsbildung aus der biologischen und kulturellen Evolution hergeleitet werden (Auch wenn dies wohl theoretisch und empirisch so schnell nicht möglich sein wird).

         
        • derautor

          30. September 2011 at 20:08

          Mein Problem ist ja, dass die physikalistischen Erklärungen noch esoterischer sind als ein offener Skeptizismus. Ich denke aber nicht, dass dieser dem Unsinn die Toren öffnet, schließlich gilt nach wie vor, dass jemand, der etwas behauptet, dieses belegen muss. Der offene Skeptizismus in dieser Sache besagt lediglich, dass die bisherigen Erklärungen nicht zufriedenstellend ausfallen, was eher ein Schritt in Richtung Wahrheit ist, als in Richtung Unsinn.

           
      • Lias

        6. Oktober 2011 at 16:50

        Auch hier wieder die Argumentation:
        “Da sich die Materie in einem Stein nicht grundlegend von der Materie in unseren Gehirnen unterscheidet, gehen Panpsychisten als Materialisten einfach davon aus, jede Materie wäre bis zu einem gewissen Grad bewusst, also auch Steine! Warum nun die Materie in unseren Köpfen bewusster sein soll als Steine – wer weiß? Bewusstsein ist jedoch etwas grundlegend anderes als Materie – bloße „Komplexität“ (warum sind Steine eigentlich nicht komplex und Gehirne schon?) löst das Problem nicht.”

        Da sich Materie in einer Fensterank nicht grundlegend von der Materie in einem Ofen unterscheidet, gehen Panpsychisten als Materialisten einfach davon aus, jede Materie hätte zu einem gewissen Grad die Eigenschaft, Brot zu backen, auch Fensterbänke! Warum nun die Materie im Ofen besser Brot backen soll als Fensterbänke – wer weiß? Brot backen ist jedoch etwas grundlegend anderes als Materie – bloße “Hitze” (warum ist eine Fensterbank eigentlich nicht heiß und Öfen schon?) löst das Problem nicht.

        Ich hoffe die Absurdität des Arguments wird hier klar. Genauso wie der Ofen Brot backen kann, auf Grund einer Bestimmten Anordnung von Materie, und eine Fensterbank nicht (obwohl sie aus der selben Materie besteht), Kann ein Gehirn Bewusstsein erzeugen (aufgrund seiner Anordnung der Materie) und ein Stein aus der selben Materie nicht.

        Natürlich ist es trozdem möglich, dass das Gehirn nicht die alleinige Erklärung für Bewusstsein ist, sondern mehr dahinter steckt. Genauso wie es möglich ist, das die bloße Hitze im Ofen nicht das Brotbacken erklärt, sondern ein zusätzlich mysteriöser Grund dahinter stecken kann.

         
      • Muriel

        6. Oktober 2011 at 17:34

        Das mit dem Brot ist einfach kapital. Zu schade, dass ich da nicht drauf gekommen bin. Danke!
        Wer sagt übrigens eigentlich, dass Steine kein Bewusstsein haben? Ich meine, wenn die Materie und ihre Konfiguration nicht das Entscheidende dafür sein sollen, dann spricht doch wirklich nichts mehr dagegen.

         
        • derautor

          6. Oktober 2011 at 17:41

          Sorry, aber ihr versteht das Argument einfach nicht. Ich empfehle zunächst den Wiki-Eintrag zur Intentionalität:
          http://de.wikipedia.org/wiki/Intentionalit%C3%A4t

          Es hat ja wohl keinen Sinn, einfach an der Sache vorbeizureden und zu meinen, man hätte nun die Gegenseite widerlegt. Es ist jedem völlig klar, dass Materie unterschiedliche Effekte auslösen kann.

           
    • Muriel

      6. Oktober 2011 at 17:55

      Ich sehe nicht mal, was da zu widerlegen wäre.
      Kann ja sein, dass Tallis’ längere Texte zu dem Thema total erhellend sind, aber in diesem Gastbeitrag suche ich vergeblich nach auch nur einem einzigen Argument.

       
  11. Kritiker

    30. September 2011 at 15:24

    “Wir Atheisten haben einen guten Grund, onthologische Agnostiker zu sein und zu glauben, dass alles möglich ist.”

    Wenn ich das kritisieren darf: Ontologie, ontologisch, oder?

    Was den Beitrag angeht, so lässt er mich ratlos zurück. Einige Abschnitte darin konnte ich nicht verstehen. (Was vielleicht an mir liegen mag, wer weiß?)

    Mir sind allerdings 2 Dinge im Beitrag aufgefallen, die bei mir einige Zweifel wecken, erstens wurde auf die “Darwinitis” später nicht mehr eingegangen, obwohl sie genauso kritisiert wurde, zweitens wurde bei den Neurowissenschaftlern vor allem die “Geist-Gehirn-Identitätstheorie” kritisiert, was aber andere interessante These, etwa der Funktionalismus (demnach sind mentale Zustände mit bestimmten “funktionalen” Zuständen identisch, nicht mit einem konkreten Stück Materie. Genauso wie ein Computerprogramm auf 2 Rechnern installiert sein kann, auch wenn die physikalischen Schaltungen in ihnen selbstverständlich nicht die gleichen sind) oder die Ideen des sog. “Epiphänomenalismus” (den ich zugegebenermaßen nichts abgewinnen kann) oder den “Anomalen Monismus” von Davidson.

    Interessant ist der Artikel allerdings insofern als er einen interessanten Standpunkt darstellt.

     
    • webbaer

      30. September 2011 at 16:46

      Unter ‘Darwinitis’ oder ‘Radikal-Darwinismus’ versteht man im Allgemeinen die Auflösung des evolutionären Prinzips in Linearität und die Vereinfachung zur Stringenz (“Giraffe haben langen Hals, weil die kürzerhalsigen Giraffen verhungert sind bzw. nicht mehr zur Genreplikation gelangten.”).

      Das bekannte “Survival of the Fittest” ist ein weiteres Beispiel, das der Komplexität evolutionär gesteuerter bzw. der Evolution unterliegender Vorgänge nicht gerecht wird.

      Bezogen auf die Bewusstseinsbildung und auf die Kultur im Allgemeinen, sind ähnliche Kurzschlüsse möglich.

      HTH
      Wb

       
      • Kritiker

        1. Oktober 2011 at 07:06

        “Das bekannte „Survival of the Fittest“ ist ein weiteres Beispiel, das der Komplexität evolutionär gesteuerter bzw. der Evolution unterliegender Vorgänge nicht gerecht wird.”

        Ja, denn er berücksichtigt Faktoren wie die sexuelle Selektion schon nicht.
        Und natürlich hat auch nicht alles, was durch Evolution entstanden ist einen unmittelbaren evolutionären Sinn, es wurde nur nicht ausselektiert.

        “Bezogen auf die Bewusstseinsbildung und auf die Kultur im Allgemeinen, sind ähnliche Kurzschlüsse möglich.”

        Auch ich halte es für viel zu kurz gegriffen, alle Kultur mittels evolutionärer Verhaltensbiologie erklären zu wollen. Dafür haben sich in verschiedenen Kulturen einfach zu viele verschiedenen Verhaltensmuster entwickelt.
        Allerdings scheint es schon einige Tendenzen zu geben, die sich durch die Evolution gut erklären lassen.
        Und die Memetik halte ich grundsätzlich für eine spannende Idee.

        Zum Bewusstsein habe ich ja oben einige Thesen genannt. ;-)

         
  12. Muriel

    1. Oktober 2011 at 09:03

    Ich erinnere mich irgendwie vage, dass das mit dem Trackback hier nicht geklappt hat, deswegen informationshalber:
    Mich hat er auch nicht überzeugt.

     
    • Muriel

      1. Oktober 2011 at 10:06

      Ach, da ist ja jetzt doch ein Pingback. Ich erflehe Vergebung und lerne hoffentlich draus.

       
  13. Nanomyte

    1. Oktober 2011 at 09:56

    Diese Sichtweise ist veraltet und nicht auf der Höhe derzeitiger Erklärungsmächtigkeiten der Neurowissenschaft.
    Ich weiß auch nicht wieso “Bewusstsein” das neue “Ich-interpretiere-alles-so-und-so-Wort” wie “Gott” oder “Jenseits” geworden ist.
    Der Begriff ist schrecklich veraltet und vereinfacht und entspricht nicht der Wirklichkeit.

    Man kann von intrinsischen Repräsentanzen z.Bsp. von Lichtwellen als “Farbe” bei Individuum X und Y, von Grundemotionen wie Furcht bei Person X aber nicht bei Y wie hier: http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,735145,00.html
    Selbstverständnis, Denken in abstrakten Symboliken sprechen und weit weniger von einem “Bewusstsein” sprechen.
    Das ist völlig übersimplifiziert.

    Schlimm wird es dann wenn man nix auszusagen hat.

    Beispiel:
    Tallis kann nicht den Unterschied zwischen bewusstem Erleben im Wachzustand, Traumbewusstsein und Klartraumbewusstsein erläutern, und wie Luzidität aus dem Pseudobewusstsein des Traumes entsteht.
    Die Neurowissenschaft kann dies auf Grundlage neuer Modelle der Verabreitung von Signalen im lymbischen System bzw. den Alpha, Gamma und Thetawellentaktraten und der Organisation der Arealaktivität etc. heutzutage bereits in groben Zügen. Dies wurde schon von Singer vor über 10 Jahren gemutmaßt. Ich empfehle mal aktuelle Abstrakte zu lesen.

    Weiteres Beispiel das ich gerne rezitiere:
    http://www.nytimes.com/2011/05/29/magazine/could-conjoined-twins-share-a-mind.html?pagewanted=all
    Die Hogan Zwillinge, welche durch eine Thalamusbrücke die Signale der Sinnesorgane der jeweils anderen miterleben kann. So ist Tatiana in der Lage durch die Augen Kristas zu sehen und umgekehrt. Hier ist die eigentliche “Bewusstwerdung” bei verschmolzenenen Gehirnen interessant.
    Auch auf andere Fragen wie. Z.Bsp. ob sie die gleichen Träume haben usw.

    Ferner ist ein Blick auf Schimpansen die selbst sinnverzerrte Wörter erkennen:
    http://derstandard.at/1308680803755/Experiment-Der-sprachgelehrte-Affe
    oder das Affen ein besseres fotographisches Gedächtnis als Menschen besitzen:
    http://www.welt.de/wissenschaft/article13580282/Kannst-du-schneller-zaehlen-als-ein-Affe.html
    weit weniger relevant als das Augenmerk auf Menschen mit mentalen Handicaps, das heißt Personen mit geistigen Behinderungen und Einschränkungen des Abstraktionsniveaus zu richten

    Ich selbst habe einige Zeit mit dementen Menschen gearbeitet, die teilweise auf Säuglingsniveau zurück gefallen sind und oder das Porzellan auf dem Tisch zu essen versuchten.

    Kurioses Beispiel aus den News: Geistige Behinderung führte dazu, dass in Groß-Brittanien ein Mann, dessen IQ bei 48 liegt (also unter dem Niveau der Gorilladama Koko) gerichtlich untersagt wurde Sex haben zu dürfen:
    http://www.heise.de/tp/artikel/34/34149/1.html

    Lediglich da der Mann den kausalen Zusammenhang zwischen Sexakt und Fortpfanzung nicht erläutert werden konnte. Zwar ein zivilrechtliches Unding, allerdings auch ein guter Einblick wie eingeschränkt die Verständnisfähigkeit eines Menschen sein kann.

    Besonders junge Menschen, die noch kein Verständnis von einem “Ich” und einem “Gegenüber” haben und wie es dazu kommt, dass sich ab einem bestimmten Alter bzw. ab einer gewissen Reife des Gehirns selbige Teilaspekte des Menschen heraus bilden verdienen ein stärkeres Augenmerk.

     
    • derautor

      1. Oktober 2011 at 10:09

      Tallis leugnet überhaupt nicht den engen Zusammenhang zwischen Hirnprozessen und Zuständen des Bewusstseins. Im Gegenteil zeigt er ihn in seinem Buch anhand mehrerer Beispiele selber auf. Da er selber Demenzforscher ist, kannst du davon ausgehen, dass ihm die Auswirkungen der Demenz auf das Bewusstsein nicht entgangen sind.

       
      • Nanomyte

        1. Oktober 2011 at 20:00

        Das habe ich garnicht behauptet. Mein Vorwurf war gravierender – Tallis sagt inhaltlich das gleiche wie: “dbgrtzasfrneabavkj” nämlich nichts.

        Das Ganze erinnert mich frappierend an Leute die meinen der “Zwischenweg” zwischen Kreationismus und ET am besten in irgendeiner obskure unbekannte Form der theistischen Evolution, wo man nicht weiß, was das eigentlich ist sei finden zu können ohne zu merken, dass dies ebenfalls esotherischer Schmuh ist.
        Und Sprachvernebelung.

        Flache Konzepte wie “Ein Bewusstsein” sind so simpel wie falsch und pure Projektionsfläche.

        Ein hinreichendes Modell der Intrinsischen Wahrnehmungen (Mehrzahl) muss: Wachwahrnehmungen, Traumwahrnehmungen, Luzidität, Demenz, Fehlen von Furcht, Verschmelzung von Wahrnehmungen (siehe siamesische Hoganzwillinge), Fehlen des Erkennens eines “Ich” und eines “Du” bei Kleinkindern oder mental handicapped lifeforms, Fehlen von Denken in Symboliken und und und herleiten und in sich geschlossen abbilden können.

         
        • derautor

          1. Oktober 2011 at 21:51

          Nein, er sagt eben nicht nichts! Er zeigt in seinem Buch auf, warum aktuelle Erklärungsansätze für das Bewusstsein nichts taugen und damit trägt er zum Fortschritt bei. Wenn Kreationisten wirklich aufzeigen könnten, dass die Evolution als Erklärung nichts taugt, würden auch sie zu einem besseren Verständnis der Welt beitragen, tun sie aber nicht.

          Ich finde es doch etwas enttäuschend, wie sich alle auf diesen Artikel stürzen und meinen, sie könnten Tallis widerlegen, indem sie einfach wiederholen, was sie selber gerade denken. So läuft das nicht, da muss man sich schon mehr Mühe geben. Der Artikel ist lediglich eine Einladung, sich näher mit dem Thema und mit Tallis Position zu befassen. Er ist nicht das letzte Wort, oder auch nur eine hinreichend ausführliche Positionierung. Kann er auch nicht sein, soll er auch nicht sein.

          Raymond Tallis geht am Anfang selber darauf ein, wie seine Positionen immer falsch dargestellt werden, weil viele Materialisten ihn sofort verurteilen, wenn er irgendetwas gegen aktuell populäre Computermodelle des Bewusstseins sagt. Sofort wird er in irgendwelche Kategorien gesteckt oder gar, wie von “Epikur”, quasi als dementer Wichtigtuer gebrandmarkt. Es ist ein guter Grund zum gepflegten Fremdschämen, wenn dasselbe Prozedere jetzt einfach wiederholt wird, wenn man doch bereits weiß, dass man in diesem Fall wie ein verstockter Sektierer rüberkommt!

          Wenn jemand das eigene Weltbild kritisiert, oder auch nur einzelne Aspekte davon wie Tallis (der ja ebenfalls ein Atheist und säkularer Humanist ist wie wir, und ein aktiver und wichtiger obendrein), dann tut man ihn nicht spontan als senil ab oder als feindlicher Agent! Dann setzt man sich auf seinen fetten Arsch und beschäftigt sich näher mit seinen Argumenten und wenn man am Ende immer noch meint, die taugen nichts, dann ist das in Ordnung, aber eben nur dann! Und selbst in diesem Fall irrt sich der Mann einfach und ist darum weder senil, noch wichtigtuerisch, noch hat er eine geheime Agenda! Manche Leute wissen echt weder, wie man sich benimmt, noch, wie man anständig auf Kritik antwortet!

          “Ich glaube, es gibt einige philosophische Probleme mit dem Physikalismus.” “Oh, schön! Das beweist, dass du ein seniler Trottel bist oder ein esoterisch-religiöser Agent!”

          Mal echt: Wie scheiße ist das, so zu reagieren, wenn man noch nicht einmal genau weiß, worum es geht? Materialistischer Fanatismus ist am Ende doch dasselbe wie religiöser – beide Formen lassen sich erkennen an einem intoleranten, ausschließenden Verhalten gegenüber Zweiflern und Kritikern. Da kann sich jemand Jahrzehnte für den Humanismus engagieren, ein Standardwerk gegen den postmodernen Unsinn schreiben, und am Ende gilt er den eigenen Leuten nur als seniler Trottel mit einer religiösen Agenda, nur weil er argumentiert, dass die materialistischen Modelle des Bewusstseins nicht hinreichend sind als Erklärung! Schämt euch.

           
  14. Epikur

    1. Oktober 2011 at 19:16

    Bewußtsein (ob nun veralteter Begriff oder nicht) IST Gehirnaktivität, was soll es denn sonst sein? Jede andere Aussage landet ganz automatisch bei Esoterik oder Religion. Zwischen Naturalismus und Spiritismus gibt es keinen dritten Weg. Wenn ein alternder Neurowissenschaftler so einen Stuß von sich gibt, dann zeigt er nicht nur, dass er schon lange aus dem Geschäft ist, sondern dass er damit den Naturalismus in Richtung metaphysischem Schwachsinn verlassen will, warum auch immer.

    Zum Zusammenhang Körper-Gehirn-Welt: Körper und Welt liefern dem Gehirn Eindrücke, somit teilweise Software, und sekundär verändern sie auch die Hardware (durch Neuverschaltungen); wo soll hier etwas Nicht-naturalistisches beteiligt sein? Es ist ein Wechselspiel eingebettet in das Naturgeschehen.

    Nein, Tallis ist auf einem Irrweg ins Nichts.

     
    • derautor

      1. Oktober 2011 at 19:30

      Das war jetzt sehr weit unter der Gürtellinie. Tallis schreibt schon seit Jahrzehnten über das Thema, nicht erst seit er “alternd” ist. Ich würde erst einmal sein Buch lesen, bevor ich solche finalen Urteile abgebe.

      Wer Bewusstsein mit Gehirnaktivität gleichsetzt, aber nicht einmal erklären kann, wie die Materie im Gehirn Intentionalität und alles, was den menschlichen Geist ausmacht, erzeugt, verbreitet viel eher Esoterik als ein vorsichtiger Skeptiker. Bezüglich des Naturalismus muss man sich fragen, was das bedeuten soll. Bedeutet es Materialismus alias Alles-ist-Physik alias Alles-sind-subatomare-Partikel? Dann gibt es Bewusstsein überhaupt nicht, denn Bewusstsein ist offensichtlich nicht Materie. Im Gehirn laufen elektrochemische Prozesse ab. Wenn ich mir bewusst z.B. einen Ausflug in die Karibik vorstelle, dann ist das nicht dasselbe wie elektrochemische Prozesse und auch nicht das “Ergebnis” von elektrochemischen Prozessen (diese Perspektive setzt einen Beobachter voraus). Diejenigen, die das Bewusstsein mit einer Computersimulation vergleichen, sollten sich bewusst machen, dass sie tatsächlich ihre Wahrnehmung der Computersimulation voraussetzen.

      Dein Software-Hardware-Vergleich ist eine unbewiesene Behauptung und für mich auf einer Ebene mit Psychoanalyse. Da glaubte auch jemand, er ist jetzt ganz schlau, indem er das Gehirn und den Geist mit hydraulischen Apparaten verglich. Es ist doch alles so einfach! Nein, ist es verdammt nochmal nicht, wie jeder weiß, der sich näher mit dem Thema befasst hat.

       
  15. Nanomyte

    2. Oktober 2011 at 10:14

    “nur weil er argumentiert, dass die materialistischen Modelle des Bewusstseins nicht hinreichend sind als Erklärung! Schämt euch.”

    Nö. Wenn man etwas als nicht-hinreichend brandmarkt hat man ein belastbareres Modell als das Bisherige vor zu weisen, welches nichtnur die bereits beantworteten Fragen sondern noch Fragen
    die darüber hinaus gehen zu beantworten.

    Wenn also die Neurowissenschaft erklären kann warum Frau X keine Furcht hat anhand der Verletzung oder Wachstumsstörung des Amygdala Gewebes z.Bsp. welches auch künstlich hervorgerufen/manipuliert werden kann, so ist das ein Mehrwert an Erklärungsmächtigkeit, das erst noch getoppt werden müsste.

    Der einzige Einwand den ich sehe ist rein philosophischer Natur, warum überhaupt Gehirnareale+Aktivität X und Y andere Worte für intrinsische Wahrnehmung X und Y sind (als ob man das nicht doch voneinander entkoppeln könnte), das ist aber eher Vergleichbar mit der Frage warum überhaupt etwas existiert oder warum der Himmel blau und nicht grün ist. Die simple Antwort ist: Es ist so, wäre der Himmel nicht blau, (man würde die Bläue also vom Wort Himmel entkoppeln) wäre der Himmel nichtmehr der Himmel Punkt. – Der ist nämlich so umschrieben, dass er i.d.R. blau ist. Würde der Himmel hier ein anderes Farbspektrum emitieren so würde man sich dann auch genau die umgedrehte Frage stellen Warum ist der Himmel X und nicht Y (beliebig einsetzbar). Nichts anderes als philosophische Schwabulation.

    Das weitere und darauf basiert ein grobes Missverständis ist, dass man der Meinung ist die beschreibende/betrachtende Ebene in der Subjekte zu Betrachtungsobjekten gemacht werden und in der eben deshalb keine Subjekte vorkommen können mit eigenen/subjektiven Begriffe voll zu pflastern.
    Du kannst die Wahrnehmung eines anderen ja nicht “erleben” sie nur anhand des Gehirnes objektiv d.h. in verobjektivierter Form abbilden.
    Das andere (das Erleben) könntest du nur (ähnlich bei den Zwillingen) mit einer direkten Vernetzung von Gehirn A mit Gehirn B.

     
    • derautor

      2. Oktober 2011 at 15:09

      Nun, Tallis argumentiert ja, dass unsere aktuellen Modelle das Bewusstsein eben nicht erklären können, sondern vielmehr wichtige Elemente des Bewusstseins einfach leugnen, statt sie zu erklären.

      Gut, dann schämt euch halt nicht. Im Grunde bin ich selber schuld, wenn es mir nicht gelingt, einen grundlegenderen Skeptizismus bezüglich des Themas zu etablieren. Ich werde noch eine Rezension über Tallis Buch schreiben und ein paar mehr Infos anbieten, warum ich mich genötigt fühlte, meine eigene Haltung zu ändern. So oder so werde ich die über 300 Seiten des Buches aber nicht hinreichend wiedergeben können. Am Ende kann ich nur einen Hinweis bieten und nicht viel mehr, das Thema ist einfach zu komplex für Blogbeiträge.

       
  16. BRAINSTORM

    3. Oktober 2011 at 00:08

    Tja, wie entsteht Bewußtsein?

    Vermutlich werden wir es nur herausfinden, wenn wir uns ein menschliches Gehirn Neuron für Neuron selbst basteln.

    Henry Markram und sein BlueBrainProject-Team haben schon mal damit angefangen:

    http://bluebrain.epfl.ch

    Und hier Teil 1 und Teil 2 des projektbegleitenden Films von Noah Hutton:

    http://thebeautifulbrain.com/2010/02/bluebrain-film-preview

    http://thebeautifulbrain.com/2011/08/bluebrain-year-two

    Was haltet Ihr von dem Projekt?

    BRAINSTORM

     
  17. Oliver

    3. Oktober 2011 at 13:58

     
  18. Oliver

    3. Oktober 2011 at 15:35

    Die wissenschaftlichen Beschreibungen, unsere heutige Mathematik, Logik usw. sind ungeeignet für Bewustseinsprozess-Beschreibungen, da sie die Selbstreferenz und das räumliche Verteilt-sein nicht beschreiben können.

    Daher sind auch Experimente, die nur auf messbaren Entitäten beruhen unzulänglich. Denn nebengeordnete Prozesse lassen sich damit nicht abbilden.

    Auch sind Maschinen-Vergleiche (Gehrin als Computer), die Turing-Vollständigkeit,
    Gene als Turing-Maschine Unsinn.

    Das wird zum Beispiel von Eberhard von Goldammer eindrucksoll erläutert in seinem Paper
    “Leibniz reloadet”:

    Haupttext:
    http://www.vordenker.de/vgo/anmerkungen_leibniz_a.pdf

    und die Folien dazu:
    http://www.vordenker.de/vgo/anmerkungen_leibniz_b.pdf

    Leider ist die gesamte heutige Wissenschaft “autistisch” in dem Sinne, daß sie kein “DU” kennt. Die heutige Wissenschaft basiert auf der selben Denkschule / Logik, wie sie auch von der Kirche / den Religionen benutzt wird.

    Gott wird daher als philosophische Notwendigkeit (work-around) eingeführt, weil man starrsinnig auf der klassischen aristotelischen Logik beharrt.
    Das ist selbstverständliuch ein Irrweg.

    Leider basiert aber die Wissenschaft auf der selben Logik.
    Und Wissenschaft basiert ebenso auf metaphysischen grundannahmen
    wie auch die Religion.

    Daß Materialismus und Idealismus strukturgleich sind, darauf hat Gotthard Günther (1900-1984) bereits vor einigen jahrzehnten hingewiesen.

    Das ist leider nicht bekannt und wird auch verleutgnet.
    Aber wer den Materialismus zuende denkt kommt beim idealismus raus, und wer den Idealismus zuende denkt, kommt beim Materialismus raus.
    Diese beiden Denkkonzepte sind daher spiegelbildlich.

    Was es bedarf ist die Überwinmdung dieser Denkfallen.

    Dazu gibt es bereits eingen Lesestoff.

    Dazu noch einmal ein Artikel von Eberhard von Goldammer:
    Anmerkungen zu Cullberg – das Du und duie Wirklichkeit

    http://www.vordenker.de/ggphilosophy/j-cullberg_du-und-wirklichkeit.pdf

    Ein Grundproblem, das immer dabei ist: das Problem von Innen und Aussen.
    Es bedarf eines Bewusstseins um über die Dinge zu reden und man kann über DIE DINGE reden, oder ÜBER DAS BEWUSSTSEIN.

    Wenn Bewsusstsein (in dem auch alle Wissenschaft von statten geht) nicht über DEI DIENGE DA DRAUSSEN, sondern ÜBER SICH SELBST spricht, dann hat man es mir Selbstreferenz zu tun und diese kann in der der Wissenschaft zugrundeliegenden Logik, welche Selbstreferenz als Paradoxie VERBIETET selsbtverständlich nicht gelöst/beschrieben werden.

    Es liegt heiur also ein wissenschaftslogisches grundproblem vor.

    Da sind wir wieder an dem oben erwähnten Punkte.

    Ohne Gotthard Günther (und Rudolf Kaehr) als Vordenker auf dem Gebiet
    lässt sich das nicht lösen.
    Man braucht eine Logik, die STRUKTURELLE Eigenheiten beschrieben kann,
    lkeine WERTBASIERTE Logik. Letztere ist die klassische Logik und die schliesset Selbstreferenz aus.

    So, genug erst einmal dazu.

    (Ach ja: auch ganz nett zu lesen ist Heinz von Foerster: Wissen und Gewissen (Suhrkamp); das ist ein Einstieg ins Thema; aber ohne G. Günther kommt man da nicht weiter, denn die Rekursionen der Bertechnung, die Heinz von Foerster als vorsvchlag anbietet basieren auch auf klassiscer Mathematiuk und sind KEINE Lösung des Problems. Aber es weicht die bisherigen Denkansätze auf, ähnlich wie wohl Tallis das zu machen versucht.)

     
  19. Epikur

    3. Oktober 2011 at 19:16

    Ob klassische Logik oder nicht, es steckt jedenfalls nur Natürliches hinter dem Phänomen Bewußtsein. Dass sogar manche Naturwissenschaftler die hier wirksame Emergenz nicht als natürlichen Effekt erkennen, liegt vermutlich daran, dass wir Emergenz in unserer Evolutionsgeschichte nie erkennen und nutzen brauchten. Um den Säbelzahntiger abzuwehren oder Beeren zu sammeln, braucht man nichts von Emergenz wissen. Deshalb ist uns das Phänomen zunächst genauso fremd wie Quantenmechanik oder exponentielles Wachstum. Aber so fremdartig sie uns auch erscheint, Emergenz ist real: Ein Quarzkristall hat Eigenschaften, die das Siliziumdioxid-Molekül nicht hat, das Gippevirus hat Eigenschaften, die seine Zucker- und Proteinbestandteile nicht haben, die Amöbe hat Eigenschaften, die ihre Zellorganellen nicht haben, das Bienenvolk hat Eigenschaften, die die Einzelbiene nicht hat, und so hat auch das Nervensystem des Menschen Eigenschaften, die die einzelne Nervenzelle nicht hat. Bei derart vielen Milliarden Synapsen ist es absolut im Erwartungsbereich, dass vollkommene neue Eigenschaften auftreten. Daraus ein supranaturalistisches Hirngespinst zu produzieren, halte ich für vollkommen überholt.

     
    • derautor

      3. Oktober 2011 at 21:23

      Es produziert aber eben niemand ein supranaturalistisches Hirngespinst. Tallis spricht sich in seinem Buch (und in diesem Artikel) explizit gegen Dualismus und so weiter aus. Er sagt, dass das Bewusstsein nicht auf Hirnprozesse reduziert werden kann und dass wir einfach nicht wissen, was genau es ist und wie eine bessere Erklärung aussehen könnte. Ich denke, hier würden einige davon profitieren, einfach mal sein Buch zu lesen.

       
    • webbaer

      4. Oktober 2011 at 04:19

      Ob klassische Logik oder nicht, es steckt jedenfalls nur Natürliches hinter dem Phänomen Bewußtsein.

      Wäre die Welt serialisierbar, können wir uns die Veranstaltung als Lochstreifenlesegerät mit Logikeinheit und Schreibvorrichtung vorstellen, die einen se-ehr langen Lochstreifen an- und einen anderen se-ehr langen ausgibt, wo wäre dann das Bewusstsein?

      Soviel dazu – ohne Erkenntnissubjekt kein Bewusstsein, “natürlich” ist am Bewusstsein so viel wie am Erkennen oder Verstehen oder Handeln des E-Subjekts…

      Sofern die Welt serialisierbar ist natürlich nur. :-)

       
  20. arprin

    9. Oktober 2011 at 14:31

    Soweit ich weiß, beginnen Forscher gerade damit, Bewusstsein von Tieren zu erforschen. Affen, Elefanten und Delphine können z.B. sich im Spiegel erkennen. Das spricht dafür, dass bei Lebewesen Bewusstsein was ganz normales ist.

    Die Unterschiede zwischen Menschen und Tieren basieren nur auf unterschiedliche Kapazitäten der Gehirne, es gibt keinen “Bewusstseinsstaub” für Menschen. Bienen haben einen eigenen Staat mit einer Königin, wir haben das nur weiterentwickelt mit Städten, Gesetzen und Institutionen. Der Mensch ist keineswegs was besonderes in dieser Hinsicht, sonst müsste man ja davon ausgehen, dass der Homo sapiens sapiens irgendwie außerhalb der Evolution steht.

    Das größte Rätsel des Bewusstseins ist übrigens nicht das Intentionalitätsproblem, sondern das Qualiaproblem:http://de.wikipedia.org/wiki/Bewusstsein#Das_Qualiaproblem

    Qualia sind als Erlebnisgehalte von mentalen Zuständen bestimmt. Man spricht auch von Qualia als dem „phänomenalen Bewusstsein“. Das Qualiaproblem besteht darin, dass es keine einsichtige Verbindung zwischen neuronalen Zuständen und Qualia gibt: Warum erleben wir überhaupt etwas, wenn bestimmte neuronale Prozesse im Gehirn ablaufen? Ein Beispiel: Wenn man sich die Finger verbrennt, werden Reize zum Gehirn geleitet, dort verarbeitet und schließlich wird ein Verhalten produziert. Nichts aber macht es zwingend, dass dabei ein Schmerzerlebnis entsteht.

    Die fehlende Verbindung zwischen den neuronalen Prozessen und den Qualia scheint fatal für die naturwissenschaftliche Erklärbarkeit von Bewusstsein zu sein.

     
  21. Johannes9126

    10. Oktober 2011 at 18:45

    „Wir wissen nicht, ob das Bewusstsein ein Epiphänomen des Gehirns ist.“

    „Er sagt, dass das Bewusstsein nicht auf Hirnprozesse reduziert werden kann und dass wir einfach nicht wissen, was genau es ist und wie eine bessere Erklärung aussehen könnte.“

    Ich stehe hier eher auf der Seite von Epikur. Nur weil wir nicht wissen, wie „Bewusstsein“ genau funktioniert, gibt es keinen Grund anzunehmen, dass unser Gehirn nicht als Erklärung ausreichen würde. Wären wir mit unserem heutigen Kenntnisstand und wissenschaftlichen Forschungsmethoden schon soweit, unser Gehirn zu verstehen, wären wir dann wiederum so primitiv, dass wir es dann nicht mehr verstehen würden.
    Das Bewusstsein entspringt dem Gehirn, schneidet man ein z.B. ein Stück raus oder schneidet ein Teil von der Sauerstoffversorgung ab oder lässt ein Teil durch degenerative Prozesse schrumpfen, ändert sich das Bewusstsein irreversibel. Dass das Gehirn nicht nur die Summe seiner Teile, sondern auch die unüberschaubare Interaktion seiner Teile ist, sollte eigentlich eher anspornen, der pöhsen materialistischen, wissenschaftlichen, neuronalen Denke mehr Computerpower und mehr Forschungsmittel in die Hand zu drücken als sich in Phantastereien zu verzetteln.

    Und guter Punkt von arprin, den ich in einem anderen Beitrag hier schon angesprochen habe. Bewusstsein ist bei höheren Tieren gar nichts Besonderes. Affen erkennen sich selbst im Spiegel, mein kleiner 4 Monate alter Sohn (noch) nicht.

     
 
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