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Jenseits von Grau

18 Aug

“Es gibt kein Schwarz und Weiß”, heißt es allerorten. “Es gibt nur Grautöne.” Wer klare ethische Unterscheidungen und Beurteilungen vollzieht, muss ein simpler Geist sein. Nur Fundamentalisten teilen die Welt in Schwarz und Weiß ein. Verschiedene Kulturen haben verschiedene ethische Richtlinien und darum haben alle auf ihre Weise recht. Menschen folgen nur ihren Interessen, also ist alles in ihrem Interesse, was sie tun. Menschen haben keinen freien Willen, also dürfen wir sie nicht für ihre Handlungen verurteilen. Die Welt ist kompliziert, darum ist es nicht nur schwer, in ihr zu urteilen, sondern unmöglich. Es gibt kein Gut und Böse.

Wer hat ein Interesse daran, dass Menschen nicht mehr unterscheiden zwischen Gut und Böse? Cui bono? Würde dies eher den guten Menschen nützen oder den schlechten?

“Es gibt kein Gut und Böse”, findet auch Lord Voldemort in Harry Potter und der Stein der Weisen. “Es gibt nur Macht und jene, die zu schwach sind, sie anzustreben.” Mit dieser Meinung steht der mörderische Zauberer nicht alleine da. “An sich ist nichts entweder gut oder böse, sondern das Denken erst macht es dazu”, sagt Prinz Hamlet in Shakespeares berühmtem Drama – als er vorgibt, verrückt zu sein.

Stellt sich nur die Frage, ob wir uns an dunklen Magiern und Verrückten orientieren sollten, um ethische Probleme zu lösen?

Bereits Ayn Rand hat sich mit dem Problem des ethischen Relativismus herumgeschlagen, der nach den beiden Weltkriegen entstanden ist. In dem Essay The Cult of Moral Grayness aus dem Objectivist Newsletter vom Juni 1964 erklärt sie, was es mit dieser Haltung auf sich hat. Der Essay ist auch im Buch The Virtue of Selfishness abgedruckt.

Es folgen einige Auszüge aus diesem Essay in meiner deutschen Übersetzung.

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Eines der eloquentesten Symptome des moralischen Bankrotts der heutigen Kultur ist eine gewisse modische Haltung gegenüber moralischen Problemen, die man am besten wie folgt zusammenfassen kann: “Es gibt kein Schwarz und Weiß; es gibt nur Grautöne.”

Dies wird behauptet in Hinblick auf Personen, Handlungen, Verhaltensprinzipien und Moral allgemein. “Schwarz und Weiß” bedeutet in diesem Kontext “Gut und Böse.” (Die umgekehrte Reihenfolge, die in dieser Phrase gebraucht wird, ist psychologisch interessant.)

In jeder Hinsicht, in der man sie auch untersuchen mag, steckt diese Auffassung voller Widersprüche (der größte von diesen ist der Fehlschluss namens “Begriffsdiebstahl”). Falls es kein Schwarz und Weiß gibt, dann gibt es kein Grau – da Grau lediglich eine Mischung der beiden ist.

Bevor irgendjemand etwas als “grau” identifizieren kann, muss er wissen, was schwarz ist und was weiß. Im Bereich der Moral bedeutet das, dass man zunächst identifizieren muss, was gut ist und was böse. Und sobald jemand festgestellt hat, dass eine Alternative gut ist und die andere böse, hat er keine Rechtfertigung dafür, eine Mischung zu wählen. Es kann keine Rechtfertigung dafür geben, irgendeinen Teil von dem zu wählen, von dem man weiß, dass es böse ist.

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Falls ein moralischer Code (wie Altruismus) tatsächlich unmöglich zu praktizieren ist, dann ist es der Code, der als “schwarz” verurteilt werden muss, nicht seine Opfer als “grau”. Falls ein moralischer Code unvereinbare Widersprüche vorschreibt – sodass ein Mensch, indem er das Gute in einer Hinsicht wählt, er in einer anderen schlecht wird – dann ist es der Code, der als “schwarz” abgelehnt werden muss. Falls ein Code nicht auf die Realität angewandt werden kann – falls er außer einer Reihe von willkürlichen, substanzlosen Aufforderungen und Befehlen außerhalb von jedem Kontext, die einfach akzeptiert und automatisch als blindes Dogma praktiziert werden müssen, keine Richtlinie bietet, – dann können seine Anhänger nicht richtig als “weiß” oder “schwarz” oder “grau” klassifiziert werden: Ein moralischer Code, der moralische Wertung verbietet und betäubt ist ein Widerspruch in sich.

Falls ein Mensch sich bei einer komplexen moralischen Problematik darum bemüht, herauszufinden, was richtig ist, und es ihm nicht gelingt oder er einen ehrlichen Fehler begeht, so kann er nicht als “grau” angesehen werden; er ist moralisch “weiß”. Wissenslücken sind keine Verletzungen der Moral; kein anständiger moralischer Code kann Unfehlbarkeit oder Allwissenheit verlangen.

Falls ein Mensch jedoch, um der Verantwortung einer moralischen Wertung zu entkommen, seine Augen und seinen Geist verschließt, falls er die Fakten des Problems vermeidet und sich darum bemüht, nicht zu wissen, so kann er nicht als “grau” angesehen werden; aus moralischer Sicht ist er so “schwarz” wie es geht.

Viele Formen der Verwirrung, Unsicherheit und epistemologische Schlamperei tragen dazu bei, die Widersprüche zu verdecken und die tatsächliche Bedeutung der Doktrin der moralischen Gräue zu verschleiern.

Manche Menschen glauben, es wäre lediglich eine Umformulierung solcher Binsenweisheiten wie “Niemand auf dieser Welt ist perfekt” – das heißt, jeder ist eine Mischung aus Gut und Böse und darum moralisch “grau”. Da die Mehrheit jener, denen man begegnet, wahrscheinlich dieser Beschreibung entspricht, akzeptieren die Leute das ohne weitere Hinterfragung als eine natürliche Tatsache. Sie vergessen, dass sich die Moral ausschließlich mit Problemen befasst, bei denen der Mensch eine Wahl hat (das heißt, bei denen sein freier Wille zur Geltung kommt) – und dass aus diesem Grund keine statistischen Verallgemeinerungen in dieser Sache zulässig sind.

Falls ein Mensch von Natur aus “grau” sein soll, dann können keine moralische Konzepte auf ihn angewandt werden, inklusive “Grauheit”, und so etwas wie Moral ist unmöglich. Aber falls der Mensch einen freien Willen besitzt, dann bedeutet die Tatsache, dass zehn (oder zehn Millionen) Menschen die falsche Entscheidung getroffen haben, nicht, dass der elfte sie auch treffen wird; sie bedeutet gar nichts – und beweist gar nichts – in Hinblick auf irgendein gegebenes Individuum.

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Es gibt natürlich komplexe Probleme, bei denen beide Seiten in mancherlei Hinsicht recht haben und unrecht in anderen Dingen – und genau hier ist das “Pauschalangebot” beide Seiten zu “grau” zu erklären am wenigsten zulässig. Eben bei solchen Problemen ist strengste Präzision bei der moralischen Beurteilung notwendig, um die verschiedenen beteiligten Aspekte zu identifizieren und sie zu bewerten – was nur getan werden kann, indem man die vermischen “schwarzen” und “weißen” Elemente trennt.

Der grundlegende Fehler bei allen diesen Verwirrungen ist derselbe: Er besteht in dem Vergessen der Tatsache, dass Moral nur Probleme betrifft, bei denen der Mensch eine Wahl hat – was bedeutet: das Vergessen des Unterschieds zwischen “unfähig” und “nicht willens”. Dies erlaubt Menschen, den Merksatz “Es gibt kein Schwarz und Weiß” zu übersetzen als: “Menschen sind nicht in der Lage, gänzlich gut oder gänzlich böse zu sein” – was sie in vernebelter Resignation akzeptieren, ohne die inhärenten metaphysischen Widersprüche zu hinterfragen.

Doch nicht viele Menschen würden ihn akzeptieren, falls man den Merksatz in seine tatsächliche Bedeutung übersetzen würde, die er in ihre Geister schmuggeln soll: “Menschen sind nicht gewillt, gänzlich gut oder gänzlich böse zu sein.”

Das erste, was man einem Vertreter einer solchen Haltung sagen möchte, ist: “Sprich für dich selbst, Bruder!” Und genau dies tut ein Mensch tatsächlich, wenn er, bewusst oder unbewusst, absichtlich oder unabsichtlich, erklärt: “Es gibt kein Schwarz und Weiß”. Er macht eine psychologische Beichte und was er meint, ist: “Ich bin nicht gewillt, gänzlich gut zu sein – und bitte seht mich nicht als gänzlich böse an!”

Wie der Kult der Unsicherheit in der Epistemologie eine Rebellion gegen die Vernunft ist – so ist der Kult der moralischen Gräue in der Moral eine Rebellion gegen moralische Werte. Beide sind eine Rebellion gegen die Absolutheit der Realität.

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In der Bereich der Politik fällt auf, dass der Begriff “Extremismus” ein Synonym für “böse” geworden ist, unabhängig vom Inhalt des Themas (das Böse liegt nicht indem, worin du extrem bist, sondern in der Tatsache, dass du “extrem” bist – das heißt, konsistent). Nehmen Sie das Phänomen der sogenannten “Neutralen” in den Vereinten Nationen: Die “Neutralen” sind schlimmer als lediglich neutral im Konflikt zwischen den Vereinigten Staaten und Sowjetrussland; sie sind aus Prinzip der Idee verschworen, keinen Unterschied zwischen den beiden Seiten zu sehen, niemals die Werte eines Themas zu betrachten und stets einen Kompromiss anzustreben, jeglichen Kompromiss in jeglichem Konflikt…

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Wie in einer Mischwirtschaft mögen Menschen mit gemischten Prämissen “grau” genannt werden; aber in beiden Fällen bleibt die Mischung nicht lange “grau”. “Grau” ist in diesem Kontext lediglich der Auftakt für “schwarz”. Es mag “graue” Menschen geben, aber es kann keine “grauen” moralischen Prinzipien geben. Moral ist ein Code von Schwarz und Weiß. Wenn und falls Menschen einen Kompromiss anstreben, so ist offensichtlich, welche Seite notwendigerweise verlieren und welche Seite notwendigerweise gewinnen wird.

So lauten die Gründe dafür, warum – wenn man gefragt wird: “Gewiss denken Sie doch nicht Kategorien von Schwarz und Weiß, oder?” – die anständige Antwort (in Essenz, wenn auch nicht in Form) lauten sollte: “Darauf können Sie wetten!”

 
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Geschrieben von - 18. August 2011 in Philosophie

 

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