Ich schwanke immer wieder zwischen liberalen und neokonservativen Positionen. Dies liegt daran, weil sie inzwischen zunehmend miteinander verschmelzen. Bereits Ayn Rand hat sich vor 40 Jahren auf die Seite amerikanischer Konservativer gestellt. Und sie ist als Objektivistin ein Ikon der Liberalen. Jan Fleischhauer vertritt ebenfalls liberale Positionen, nennt sich aber selbst “konservativ”.
Für Ludwig von Mises, den berühmten liberalen Ökonomen, waren die beiden Richtungen noch unvereinbar. Konservative wären demnach das Spiegelbild von Linken – beide fordern demnach ein Eingreifen des Staates in den Markt und in das Privatleben der Menschen.
In der Tat erkennt man nicht zuletzt an der CDU mit ihren türkischen und weiblichen Politikerinnen in hohen Positionen, mit ihrer Aufgabe männlicher Vorrechte in der Ehe und von anderen “paläokonservativen” Positionen (wie man diese inzwischen nennt), dass eine Angleichung stattfindet. Der verbliebene Unterschied scheint darin zu bestehen, dass “Konservative” zwar politisch inzwischen weitgehend liberal sind, jedoch für das Privatleben ihre alten Werte empfehlen, was ich teilweise ebenfalls mache.
Um dies zu illustrieren, eignet sich ein Blick auf einen typischen konservativen Artikel, wie man ihn im amerikanischen Diskurs derzeit antrifft. Andrew Price argumentiert bei Big Hollywood (ein US-Blog über Filme, der von einem Kreationisten betrieben wird), dass Harry Potter ein konservativer Held sei. Klingt fragwürdig, wenn man an die progressiven Anliegen der Autorin denkt. Wie kommt er auf diese Idee? Was sind die Werte, die ihn zu einem konservativen Helden machen sollen?
Sie werden überrascht sein.
1. Regierungskritische Themen
Das Zaubereiministerium reguliert alles von Kesselgrößen bis zum Handel mit Muggel-Artefakten. Es mischt sich unentwegt in das Leben der Menschen ein, hat aber große Probleme mit dem Schutz der Bürger. Der Zaubereiminister will nicht anerkennen, dass Voldemord zurück ist und nutzt Lügen, Zwang und Propaganda, um alle Hinweise auf seine Rückkehr zu vertuschen, darunter die Groß-Inquisitorin Dolores Umbridge, die Schüler in Hogwarts foltert.
2. Pro-Kapitalistische Themen
Die Winkelgasse, wo der freie Markt herrscht, gehört zu den aufregensten Orten der magischen Welt. Die Weasley-Brüder starten dort eine erfolgreiche Karriere als Scherzartikelanbieter. Während sich der Tagesprophet in den Händen der Regierung befindet, verbreitet der private Quibbler die Wahrheit.
3. Kritisch gegenüber Personenkult
Die Todesser verehren Voldemord und führen jeden Befehl ohne Nachfrage aus. Price schreibt: “Nichts ist mehr klassisch liberal, als selbst zu denken. Nichts ist mehr modern-liberal, als unkritisch zu glauben, was man von einem ‘talentierten’ Führer gesagt bekommt.” Und “klassisch liberal” setzt Price an der Stelle einfach gleich mit “konservativ”.
4. Ablehnung des ethischen Relativismus
Andrew Price: “[Voldemord] ist nicht böse, weil er missverstanden wird, weil er das Produkt einer unglücklichen Kindheit ist, oder weil er durch Wirtschaft oder mangelnde Gesundheitsfürsorge zum Bösen verführt wurde… er ist böse, weil er sich dazu entschieden hat. Und während verschiedene Motivationen angeboten werden, um ihn den Lesern zu erklären, so wird niemals nahegelegt, dass die Leser mit ihm sympathisieren oder sein Verhalten entschuldigen sollten. Dies ist eine wahrhaft konservative Botschaft: Das Böse sollte bekämpft werden, nicht mit ihm sympathisiert.” [kursiv im Original]
5. Der Wert harter Arbeit / Eigenverantwortung
Andrew Price: [Harry] ist nicht weiser oder stärker oder schneller als die anderen Kinder. Er hat keine Superkräfte. Was Harry hat, ist eine Gruppe von Menschen, die sich um ihn sorgen und die ihn anspornen, härter zu arbeiten. Wenn er das tut, hat er Erfolg. Wenn er das nicht tut, versagt er. So einfach ist das. In der Welt von Harry Potter wird harte Arbeit belohnt, Nachlässigkeit wird bestraft und jeder kann Erfolg haben, wenn er es darauf anlegt, Erfolg zu haben. Was könnte konservativer sein, als das?
6. Glaube an traditionelle Familien
Andrew Price: “Die Reihe betont immer wieder die Bedeutung der traditionellen Familie. Harrys Mutter und Vater starben, um ihn zu beschützen, und dadurch übertragen sie einen Zauberspruch auf ihn, der ihn schützt, so lange er eine Familie hat, selbst eine so bösartige Familie wie sein Onkel und seine Tante. Die glücklichsten Menschen in der Serie sind Teile der Weasley-Familie, die wichtige Lektionen über Liebe, Verantwortung und all die anderen Dinge lehren, von denen Konservative möchten, dass Eltern sie an ihre Kinder vermitteln.
Im Vergleich stammen die geschädigten Kinder, von Neville Longbottom bis zu Luna Lovegood, aus Haushalten mit nur einem Elternteil (obwohl sie ihre Probleme überwinden – ein weiteres konservatives Thema). Ebenso werden Malfoy und Dudley, die vollständige Familien haben, die falschen Lektionen gelehrt. Malfoys Familie ist lieblos und boshaft. Dudleys Familie ist zu nachgiebig und egoistisch. In der Konsequenz wurden Dudley und Malfoy ernsthaft verdorben. Die Folgerung zieht sich durch die Bücher: Eine starke Familie ist die beste Grundlage. Liebe deine Eltern, liebe deine Kinder und lehre ihnen die richtigen Werte.
7. Das Schwulen-Thema
Der konservative Mainstream ist eindeutig nicht homophob. Andrew Price ist nur eines von vielen Beispielen: “Aber was ist mit der Tatsache, dass Dumbledore schwul ist, werden Sie sich fragen? Nun, zunächst gibt es keinen Grund, warum ein schwuler Mensch nicht konservativ sein sollte. Wäre Ronald Reagan schwul gewesen, wäre er noch immer mein liebster Präsident. Und schwule Charaktere in Filmen zu haben, sollte kein Problem für Konservative sein, insofern sie keine traditionellen oder religiösen Werte angreifen.”
“Traditionell”, “religiös”, “konservativ” und “klassisch liberal” scheinen für Andrew Price beinahe identisch zu sein. Und nicht nur für ihn, sondern das Muster wiederholt sich immer wieder, auch bei anderen Autoren der konservativen Elite wie Theodore Dalrymple und David Horowitz.
Enttäuschung des Monats
Falls sich jemand für das alte Feindbild der Konservativen interessiert, das nur noch wenig mit der Realität zu tun hat, dem sie die aktuelle Ausgabe der MIZ empfohlen, das Magazin für linke Atheisten. Dort werden ein Haufen Verrückter – die man in der Tat prinzipiell kritisieren kann und sollte – einfach mit “Konservativen” gleichgesetzt, als wären das die führenden Intellektuellen unter Konservativen. Hätten sie wenigstens “erzkonservativ”, “reaktionär” oder “paläokonservativ” geschrieben, dann würde dieser Ansatz noch Sinn ergeben.
Der MIZ-Chefredakteur veranschaulicht dies anhand der Debatte um das Sexualstrafrecht, in der „Expertinnen“ wie Stefanie zu Guttenberg in den Medien überproportional häufig Gelegenheit finden, ihre Auffassungen zu präsentieren. Sachlich qualifiziert ist die Textilbetriebswirtin dafür kaum, aber sie wird getragen von einem christlich-konservativen Netzwerk.
Wie groß und einflussreich ist dieses Netzwerk auf die heutige Politik wirklich?
Daran knüpft Daniela Wakoniggs Aufsatz an, die sich mit einer Studie auseinandersetzt, die angeblich nachweist, dass eine hohe Anzahl von Sexualpartnern einen negativen Einfluss auf das Bildungsniveau hat
Es gibt nicht nur dämliche Studien von Linken, sondern ganze Forschungsbereiche, die der Vermittlung ihrer Ideologie gewidmet sind: Postcolonial Studies, Gender Studies, Cultural Studies, alle möglichen anderen “Studies”, große Teile der Soziologie und so weiter. Über 80% der Professoren an amerikanischen Universitäten sind links. Wie viel Einseitigkeit wollt ihr bitte noch im akademischen Bereich? Ist es immer noch nicht genug? Muss alles vollkommen gleichgeschaltet werden? Muss sich jeder einen Marx-Kopf auf den Arm tätowieren lassen?
den Tiraden Edmund Burkes
Edmund Burke war ein wichtiger und sehr typischer Aufklärer. Mit seinen Reflections on the French Revolution hat er die historisch-kritische Methode in der Geschichtsforschung vorangebracht. Sein Hauptargument ist schließlich, dass die britische Revolution von 1688 nicht mit der französischen Revolution zu vergleichen sei – die Schrift ist eine Replik. Außerdem hat er korrekterweise den Staatsterrorismus Robespierres vorhergesagt. Aber ist ja auch egal. Er war konservativ = böse.
Solche Annäherungen sind in Fragen der Rolle der Frau oder des Verhältnisses der Geschlechter nicht zu entdecken. Jedenfalls nicht, wenn wir uns den „neuen Konservatismus“ ansehen, der von Eva Herman oder dem Familiennetzwerk repräsentiert wird. Und wenn es um den viel beschworenen Verfall der Sitten geht, ist mit diesen entschieden Rückwärtsgewandten nicht zu spaßen. Da wird die Katastrophe auf der Love Parade 2010 in Duisburg zum Mentekel, das den Untergang des Abendlandes ankündigt… (Eva Herman schreibt nicht „wohlverdienten“, aber dass sie genau das meint, ist nicht nur Christoph Lammers’ Eindruck).
Das ist doch nicht der “neue Konservatismus”, das ist der uralte, steinalte Konservatismus! Ja, der Kommentar von Hermann über die Love-Parade war schwerstens daneben, aber wer bitte hat sie dafür verteidigt? Glaubt ihr wirklich, die konservative Elite oder der Mainstream wären der Meinung, dass die Opfer des Unglücks es nicht anders verdient hätten und gut, dass Gott sie strafte?
Ich dachte, es gäbe kein rechts und links mehr, sondern man müsse unterscheiden zwischen rational und irrational. Was ist denn daraus geworden?








