Es liegt in der Natur der Dinge, dass Menschen Texte aus der Perspektive verstehen, die einer Anhäufung ihrer bisherigen Erfahrungen gleichkommt, häufig ohne dass Lockes intellectus agens ein Wörtchen mitzureden hätte, indem er die Erfahrungen zu einem widerspruchsfreien Ganzen zusammenfügt.
In der Praxis tut dies so gut wie niemand konsequent und selbst, wenn dem so wäre, bestünde ein großes Problem in der unterschiedlichen Menge und Qualität der Erfahrungen, die verschiedene Individuen besitzen. Eigentlich müssten Philosophen immerzu Politiker und andere ermahnen, wenn sie sich nicht an die Regeln des rationalen Diskurses halten.
Kurz gesagt hat mein Kritiker gpe63 Unrecht mit mehreren Punkten, die er anführt. Es ist allerdings interessant, warum das so ist, und darum möchte ich dem Thema einen Blogbeitrag widmen.
In einem Kommentar schreibt gpe63:
Sie stehen an einem Scheideweg zwischen einem offenen und einem geschlossenen Weltbild
Vor zehn Jahren war ich Marxist, jetzt bin ich liberal. Vor drei Jahren war ich Utilitarist, jetzt bin ich Objektivist. Vor zwei Jahren war ich für freie Liebe, jetzt erinnere ich meine willigen Leser an die Tugenden der Ehe und der traditionellen Familie. Vor ein paar Wochen war ich für die Legalisierung aller Drogen, jetzt bin ich mit der Einschränkung des Drogenverkaufs einverstanden. Gestern war ich der Meinung, dass J.K. Rowling Recht hatte damit, die sexuelle Ausrichtung von Dumbledore im Nachhinein zu enthüllen, doch nach Lektüre eines dem widersprechenden Essays halte ich es für eine schlechte Entscheidung (sie hätte das bereits in den Büchern eindeutiger formulieren müssen – so gewinne ich den Eindruck, dass es im Zeitraum des Verfassens nicht so geplant war).
Doch nun zu der Krux der Sache.
Die Krux der Sache
Wer sind “die Muslime”? Es gibt viele gefährliche Spinner, aber soll ich darum alle beleidigen inklusive deren, mit denen man eine Plattform für bessere Zustände bauen kann? Ich arbeite in einem internationalen Konzern und habe zahlreiche Kollegen aus arabischen Ländern (und einen israelischen). Kann ich aus deren Verhalten auf Muslime im Allgemeinen schliessen? Sicher nicht, denn diese sind eine “Positivauswahl”. Menschen innerhalb einer Gruppe, z.B. der Muslime, unterscheiden sich stark. Sie haben sich eine undifferenzierte Gruppendenke zu eigen gemacht.
Ich habe die wichtige Unterscheidung getroffen zwischen der Kritik von Weltbildern, darunter religiöse Ideologien, und der von individuellen Menschen. Mein Hauptinteresse ist Ideengeschichte. Ich interessiere mich dafür, wie bestimmte Ideen Menschen beeinflussen, woher diese Ideen kommen, und schließlich, aus philosophischer Perspektive, was diese Ideen taugen (sind sie wahr? sind sie gut für den Menschen?).
Der Islam kann betrachtet werden als ein Bündel von Ideen. Es sind überwiegend – da der Islam eine fundamentalistische Religion ist – “heilige” Texte wie der Koran und die Hadithe. Dazu kommen islamische Schulen, Gelehrte und Prediger, die sich überwiegend am Wortlaut der heiligen Schriften orientieren. Die kritisch-rationale Analyse dieser Texte ist ein Bestandteil der aufklärerischen Religionskritik.
In meinem vorletzten Beitrag habe ich in aller Deutlichkeit das Gruppendenken kritisiert, das gpe63 mir unterstellt.
Kollektivismus bedeutet, dass das Individuum keine Rechte hat, dass sein Leben und seine Arbeit der Gruppe gehören (der „Gesellschaft“, dem Stamm, dem Staat, der Nation) und dass die Gruppe ihn einer Laune folgend ihren eigenen Interessen opfern kann. Die einzige Möglichkeit, eine solche Doktrin zu implementieren, ist mittels reiner Gewalt – und Etatismus war stets der politische Begleiter des Kollektivismus.
Es gibt nur ein Gegengift zum Rassismus: Die Philosophie des Individualismus und seine politisch-ökonomische Entsprechung, Laissez-Faire-Kapitalismus.
Warum also kritisiere ich den Islam? Weil er eine kollektivistische Ideologie ist. Folgen alle Muslime gleichermaßen dieser kollektivistischen Ideologie? Auf diese Frage gibt es zwei mögliche Antworten:
1. Ja, denn wären Muslime keine Anhänger der kollektivistischen Ideologie des Islam, dann wären Muslime keine Muslime, denn ein Muslim ist laut Definition ein Anhänger der kollektivistischen Ideologie des Islam.
2. Nein, weil es de facto eine ganze Reihe von liberalen Muslimen gibt, die nur dem Namen nach Muslime sind und die eine kritische Haltung gegenüber ihrer Religion haben.
Beides ist korrekt. Es handelt sich um eine Definitionsfrage. Erkenne ich nicht nur die Anhänger des Islam als Muslime an und beziehe diejenigen ein, die nur dem Namen nach Muslime sind, dann nehme ich eine Perspektive ein, die philosophisch inkonsequent ist, die jedoch die Lebenswirklichkeit wiederspiegelt und die Gefahr reduziert, Gruppendenken zu motivieren.
Daher mein Beitrag über Organisationen von moderaten und liberalen Muslimen. Manchmal ist es schwierig, die Unterscheidung zu kommunizieren. Mir ist obendrein bewusst, dass ebenso die wahren Anhänger einer kollektivistischen Ideologie Individuen mit zumindest leicht unterschiedlichen Ansichten und Erfahrungen sind, auch wenn sie alles tun, um das zu vermeiden.
Das Potential dazu hätten Sie aber; schliesslich sollte Ihre Ausbildung eine quellenkritische Lektüre lehren.
Meine Hauptbeschäftigung besteht darin, Linke zu überreden, endlich mal die Primärquellen von Liberalen zu lesen und Liberale zu überzeugen, endlich mal die Primärquellen von Konservativen zu lesen. Derweil fordere ich religiöse Konservative dazu auf, endlich mal hochwertige religionskritische Materialien zu lesen, wie etwa die Anthologie The Christian Delusion. Einige hören sogar auf mich. Ich selbst lese alles. Aktuell ein Buch von der Liberalen Ayn Rand, vom Konservativen Theodore Dalrymple und vom Linken Jean-Jacques Rousseau.
Ich tue genau das nicht, was wissenrockt-Kommentator hansmeier tut:
Als Kriegsverlierer, unterwürfigster Vasall und insbesondere gläubiger Christenstaat sind wir dazu dressiert wie verdammt, den Puritanern und insbesondere den Juden bei ihrem Gemetzel gegen ihre moslemischen Glaubensbrüder beizustehen. Sich für eine Seite zu entscheiden ist im Grunde nichts anderes als Scheiße nach Geruch zu sortieren. Die sollen sich gegenseitig bis auf den Letzten dezimieren, vielleicht ist dann endlich mal Ruhe.
Bewertung der Gefahr von Terrorgruppen
gpe63 ist scheinbar der Meinung, dass man lediglich die Anzahl von Terrorangriffen miteinander vergleichen müsste, um die Gefahr einschätzen zu können, die von Terrorgruppen ausgeht:
Sehen Sie den die Manipulation dahinter nicht? Um die Rechnung “auszubalanzieren”, werden auf Seite der Islamisten z.B. die geplanten Attentate dazugerechnet. Für einen sinnvollen Vergleich müsste man dies auch bei den separatistischen tun, was unterbleibt.
Laut dem aktuellen Terrorbericht von Europol sind die meisten Terroranschläge von 2010 in Europa mit Abstand von separatistischen Gruppen (ETA, PKA, IRA) ausgegangen.
Der Direktor von Europol, Rob Wainwright, schreibt in der Einleitung allerdings:
In 2010, terrorist attacks took place in nine Member States. An increasing number of individuals were arrested for the preparation of attacks in the EU. Also, Member States prevented the execution of various attacks, including attacks by Islamist terrorist groups, which aimed to cause mass casualties.
Es gibt also einen wichtigen Unterschied zwischen radikal-muslimischen/islamistischen Terrorgruppen und anderen Terrorgruppen: Radikale Muslime wollen möglichst viele Menschen töten. Derweil wollen die allermeisten Tierrechts-Terroristen überhaupt keine Menschen töten. Und Separatisten greifen konkrete strategische Ziele an und haben 2010 einen Menschen getötet.
Im Hauptteil des Berichts, Schlüsselurteile, geht es an erster Stelle um den islamistischen Terrorismus. Das ist kein Zufall.
The threat of attacks by Islamist terrorists in the EU remains high and diverse.
In the past year, several EU Member States have successfully prevented attacks by Islamist terrorist groups, which aimed to cause mass casualties. During 2010, 179 individuals were arrested for offences linked to Islamist terrorism, representing a 50% increase compared with 2009. Furthermore a higher proportion of those arrests related to the preparation of attacks in the EU (47% compared with 10% in 2009). Additionally, the high number of threat statements to the EU (46) posted by Islamist terrorist organisations or their media fronts indicates terrorist groups’ clear intent to target the European Union.
Islamist terrorist groups are changing in composition and leadership. Terrorist groups are becoming multi-national, command and control from outside the EU is decreasing and more lone actors with EU citizenship are involved in terrorist activities. Returning jihadists from conflict zones continue to be a threat to the EU. They return with specific contacts, skills and modi operandi, and the potential intent to apply these in EU Member States.
Im Vergleich zu 2009 sind 50% mehr Individuen verhaftet worden für Vergehen in Verbindung mit islamistischem Terrorismus. 47% dieser Verhaftungen hingen mit der Vorbereitung von Anschlägen zusammen, im Vergleich zu 10% im Jahr 2009. Islamisten sind zunehmend vernetzt, international und unabhängig von zentraler Kontrolle; außerdem werden sie in Konftliktzonen ausgebildet. Islamisten wollen möglichst viele Menschen töten, was sie von anderen Terroristen unterscheidet.
Gruppen wie die IRA wollen kein weltweites Kalifat errichten. Sie haben ein eng limitiertes Ziel, die Unabhängigkeit Nordirlands von Großbritannien, und sie verüben Terroranschläge in diesem Kontext. Separatistische Terroristen finanzieren sich überwiegend durch Erpressung und durch Spenden, während Islamisten von Staaten wie Iran, Pakistan und Saudi Arabien unterstützt werden.
Rechtsradikale Terroranschläge gab es 2010 überhaupt keine, 2011 gab es bekanntlich einen großen Anschlag. Linksradikale und Anarchisten dagegen haben nach den Separatisten am meisten Anschläge verübt und sechs Menschen sind dabei ums Leben gekommen – mehr Tote als bei allen anderen Gruppierungen im Jahr 2010.
Linksradikale Terroristen organisieren sich ebenfalls zunehmend international und werden zunehmend gewalttätig. Nicht selten sieht man Linksradikale und Islamisten zusammen auf Demonstrationen. Darum ist es angemessen, ihnen entsprechende Aufmerksamkeit zu schenken. Wer meinen Blog regulär liest, der weiß, dass meine beiden am häufigsten kritisierten Ideologien nicht zufällig auch die gefährlichsten sind: Marxismus und radikaler Islam. Internationale, utopische, nihilistische Ideologien.
Der Inhalt von Ideen ist wichtig, nicht nur die bloße Anzahl von Terrorangriffen.
Ergänzung: Ich würde gpe63 natürlich einen Gastbeitrag hier anbieten, wie ich es schon oft getan habe, wenn mich jemand kritisieren wollte. Er will die Diskussion lieber beenden, umso besser, allmählich führt es nirgendwo mehr hin.








