Henryk Broder schreibt in seinem aktuellen Kommentar zum Osloer Attentat:
Breivik wusste, dass er seine Tat „rational“ begründen muss. Und das hat er nicht bei mir und Thilo Sarrazin gelernt, sondern bei Mohammed Atta und Osama Bin Laden, bei den Attentätern von Madrid, London, Mumbai, Bali; bei Carlos, dem Schakal, und den „Märtyrern“, die ein Video aufnehmen, bevor sie ins Paradies aufbrechen.
Den Eindruck habe ich ebenfalls schon seit ein paar Jahren – seit ich für eine sprachwissenschaftliche Arbeit die Stellungnahmen der RAF (Rote Armee Fraktion) durchgearbeitet hatte: Im Grunde ist das alles nur Gerede. Die RAF hat willkürlich linke “Theorien” und linke Begriffe zusammengewürfelt, um ihren irrationalen Spaß am Töten und an der Machtausübung “rational” zu begründen für die Idioten, die auf so etwas hereinfallen. So ähnlich war es auch im Falle Anders Breivik.
Die Nation in Atem zu halten, in allen Zeitungen zu stehen, Staatsfeind Nummer 1 zu sein – und sich dabei auf ein Heer an nützlichen Idioten und stillen Bewunderern verlassen zu können, das gibt psychopathischen Charakteren mit Messias-Komplex (schöner Begriff, auch wenn er von Freud stammt) ein geradezu erhabenes Gefühl.
Anders Breivik versucht dasselbe Spiel wie die RAF mit Linken nun mit Konservativen. Im Gegensatz zum Linksextremismus ist der Konservatismus allerdings die Philosophie der Trieb-Kontrolle und der Moderation. Konservative sind diejenigen, die nicht immerzu schreien und demonstrieren, sondern sich hinsetzen, ihre Arbeit machen und vielleicht Sonntags mal einen Schoppen trinken. Es ist sehr unwahrscheinlich, dass Breivik unter Konservativen viele nützliche Idioten finden wird, die seine sadistische Tat rechtfertigen.
Bis auf ein paar Kommentatoren, die eher rechtsradikal als konservativ zu sein scheinen (und Nazis sind keine Experten für Triebkontrolle) war aus konservativen Reihen nicht viel in Richtung “Aber Breiviks Tat ist schon irgendwo verständlich” zu hören. Eine ganze Reihe haben entweder die Todesstrafe für ihn gefordert (im ordentlichen Rahmen, man soll sie für solche Fälle wieder einführen) oder zumindest die Höchststrafe, welche die norwegischen Gesetze für solche Fälle vorsehen (vermutlich zwei Wochen Sozialarbeit).
Andererseits ist es klar, dass auch ursprünglich konservative Menschen irgendwann anfangen können, am Rad zu drehen. Da in ihrer Ideologie nichts ist, was die Ermordung von 100 Kindern irgendwie legitimieren könnte, musste Breivik diese aufpeppen mit Elementen des Marxismus (Alleinherrschaft einer Partei, gewalttätige Revolution) und eines fanatisch ausgelegten Christentums, welches in dieser Form eher dem Islam ähnelt (Ehre, Märtyrertum – das christliche Konzept des Märtyrertums sieht einen passiven Märtyrer vor, der nicht seinen Glauben verleugnet, im Gegensatz zum Islam aber keinen aktiven Krieger-Märtyrer). Breivik hat versucht, eine totalitäre Ideologie aus dem Konservatismus zu machen.
Ergebnis ist ein Manifest, in dem verschiedene Fakten, Pseudo-Fakten und ursprünglich sinnvolle Islamkritik gesammelt wurden, um aus diesen absurde Handlungsanweisungen abzuleiten. Zum Beispiel tritt er, ähnlich wie die satirische APPD (Anarchistische Pogo-Partei Deutschlands), für “liberale Zonen” ein, in denen es den Menschen gestattet ist, Pop-Musik zu hören und ein nicht-konservatives Leben zu führen. Immer wieder sind seine Ausführungen auf eine solche Art unfreiwillig komisch.
Zum Beispiel argumentiert er auf S. 1176, dass Ehen nicht auf Liebe basieren. Man sollte nur heiraten, um den 20-Jahres-Plan zu erfüllen: Die Kinderaufzucht. Liebe ist für ihn nur erotisches Verlangen. Er glaubt außerdem, dass Frauen mehr “erotisches Kapital” hätten, womit er meint, dass sie Männer aufgrund deren stärkeren Verlangens nach Sex systematisch erpressen. Irgendwie hätten sie mit diesem Vorteil eine Matriarchie erschaffen und hätten insgesamt mehr Macht als Männer – ein Spiegelbild des radikalen Feminismus. Und er will die Entwicklung “künstlicher Gebärmütter” fördern – als ob Kinder keine Eltern bräuchten (S. 1187). Eine ganze Reihe solcher utopischer Ideen stecken in seinem pseudo-konservativen Weltbild.
Am Ende ging es Breivik um Macht und um den Spaß am Töten – ein sehr unmittelbarer und kurzzeitiger Spaß, dessen Konsequenzen Breivik den Rest seines Lebens zu spüren bekommen wird. Seine Ideologie hat die konkreten Opfer definiert, aber es hätten auch eine andere Ideologie und andere Opfer sein können. Ausschlaggebend war Breiviks nihilistische, psychopathische, größenwahnsinnige und letzten Endes primitive und barbarische Einstellung.
So haben es auch die Zeugen erlebt:
“Es sah aus, als habe er Spaß. Das macht alles noch schlimmer. Er lief über die Insel als sei er allmächtig. Und das war er auch, weil wir wehrlos waren.” Magnus Stenseth (18)
“Ich hab ihn nicht gesehen, aber gehört. Er schrie und jubelte und gab mehrere Siegesrufe von sich.” Nicoline Bjerge Schie (22)









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