Ich fühle mich einmal mehr bemüßigt, eine kleine Anmerkung über Literatur loszuwerden; so langweilig das für einige Leser sein mag. Das Mädchen Mignon (Urheberin des Liedes mit der berühmten ersten Zeile: “Kennst du das Land, wo die Zitronen blüh’n”) aus Wilhelm Meisters Lehrjahre von Goethe ist angeblich der meistkommentierte Charakter der Literatur überhaupt. Es gibt unzählige Spekulationen aus aller Herren Länder darüber, wer oder was Goethe zu ihrer Erfindung inspirierte.
Dabei ist es eigentlich kein Geheimnis, was seine Hauptinspirationsquelle war, nämlich ein Mädchen, das Goethe am Anfang seiner Italienreise kennenlernte.
Die Parallelen sind hinreichend für meinen Geschmack:
- junges Mädchen,
- religiös, katholisch
- Vater ist Harfner
- Mutter gestorben
- wird Zeuge eines Brandes
- südländisches Aussehen
- natürliches Wesen
- exotischer Tanz zur Unterhaltung von anderen, Geldverdienen
- elf Jahre alt (ähnlich wie 12-13-jährige Mignon)
Natürlich hat Goethe noch etwas dazu erfunden und diese Ansätze weiter ausgemalt. In den Lehrjahren ist Mignon aus einer inzestuösen Beziehung zwischen dem Harfner und seiner Schwester Sperata hervorgegangen. Darum ist Mignon sozusagen verflucht, niemals eine Frau werden zu können. Sie stirbt, als ihr Ziehvater Wilhelm, zu dem sie sich hingezogen fühlt, seine Verlobte Therese küsst.
Hier ist die Passage aus Goethes Italienischer Reise:
Nach Walchensee gelangte ich um halb fünf. Etwa eine Stunde von dem Orte begegnete mir ein artiges Abenteuer: ein Harfner mit seiner Tochter, einem Mädchen von eilf Jahren, gingen vor mir her und baten mich, das Kind einzunehmen. Er trug das Instrument weiter, ich ließ sie zu mir sitzen, und sie stellte eine große neue Schachtel sorgfältig zu ihren Füßen.
Ein artiges ausgebildetes Geschöpf, in der Welt schon ziemlich bewandert. Nach Maria-Einsiedel war sie mit ihrer Mutter zu Fuß gewallfahrtet, und beide wollten eben die größere Reise nach St. Jago von Compostell antreten, als die Mutter mit Tode abging und ihr Gelübde nicht erfüllen sollte. Man könne in der Verehrung der Mutter Gottes nie zuviel tun, meinte sie.
Nach einem großen Brande habe sie selbst gesehen ein ganzes Haus niedergebrannt bis auf die untersten Mauern, und über der Türe hinter einem Glase das Muttergottesbild, Glas und Bild unversehrt, welches denn doch ein augenscheinliches Wunder sei. All ihre Reisen habe sie zu Fuße gemacht, zuletzt in München vor dem Kurfürsten gespielt und sich überhaupt vor einundzwanzig fürstlichen Personen hören lassen. Sie unterhielt mich recht gut. Hübsche große braune Augen, eine eigensinnige Stirn, die sich manchmal ein wenig hinaufwärts faltete. Wenn sie sprach, war sie angenehm und natürlich, besonders wenn sie kindischlaut lachte; hingegen wenn sie schwieg, schien sie etwas bedeuten zu wollen und machte mit der Oberlippe eine fatale Miene.
Ich sprach sehr viel mit ihr durch, sie war überall zu Hause und merkte gut auf die Gegenstände. So fragte sie mich einmal, was das für ein Baum sei. Es war ein schöner großer Ahorn, der erste, der mir auf der ganzen Reise zu Gesichte kam. Den hatte sie doch gleich bemerkt und freute sich, da mehrere nach und nach erschienen, daß sie auch diesen Baum unterscheiden könne. Sie gehe, sagte sie, nach Bozen auf die Messe, wo ich doch wahrscheinlich auch hinzöge. Wenn sie mich dort anträfe, müsse ich ihr einen Jahrmarkt kaufen, welches ich ihr denn auch versprach. Dort wollte sie auch ihre neue Haube aufsetzen, die sie sich in München von ihrem Verdienst habe machen lassen. Sie wolle mir solche im voraus zeigen. Nun eröffnete sie die Schachtel, und ich mußte mich des reichgestickten und wohlbebänderten Kopfschmuckes mit ihr erfreuen.
Über eine andere frohe Aussicht vergnügten wir uns gleichfalls zusammen. Sie versicherte nämlich, daß es gut Wetter gäbe. Sie trügen ihren Barometer mit sich, und das sei die Harfe. Wenn sich der Diskant hinaufstimme, so gebe es gutes Wetter, und das habe er heute getan. Ich ergriff das Omen, und wir schieden im besten Humor, in der Hoffnung eines baldigen Wiedersehns.









