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Göttliche Vorsehung in Oliver Twist und Harry Potter

29 Jun

Harry Potter - ein christlicher Zauberschüler?

Im Folgenden werfe ich einen näheren Blick auf göttliche Vorsehung in Charles Dickens’ Roman Oliver Twist und in J.K. Rowlings Harry Potter.

Gibt es eine Art des Schicksals, das wünschenswert ist? Ein Schicksal, das nicht zum Fatalismus führt, sondern zu guten Taten anspornt?

Göttliche Vorsehung in Oliver Twist

Charles Dickens hat Oliver Twist mit dem Ziel geschrieben, den Glauben in seinen Lesern zu bestärken, dass das “Prinzip des Guten” in Oliver trotz aller widrigen Umstände überlebt und am Ende triumphiert (vgl. Vorwort von 1841). Um das hinzubekommen, musste Dickens selbst Gott spielen und Oliver mit bemerkenswert viel Glück ausstatten, wie man an der großen Anzahl von Zufällen erkennt, die Oliver von Nutzen sind.

Olivers erster “Feldversuch” als Dieb in London – wo er nur zufällig ist und nie zuvor war – führt dazu, dass er ausgerechnet mit Mr. Brownlow Bekanntschaft macht, dem besten Freund seines verstorbenen Vaters und einst in Olivers nun ebenso verstorbene Tante verliebt. Mr. Brownlow hat zufällig ein Porträt von Olivers Mutter an der Zimmerwand, woraus er eine Verwandtschaft ableitet.

Als Bill Sikes Oliver mitnimmt, um bei einem Einbruch zu helfen, sucht er sich dafür ausgerechnet das Haus von Olivers anderer Tante aus, Rose Maylie, die ihn später gesundpflegt, anstatt ihn der Polizei zu übergeben. Olivers Bruder Monks, der ihn nie zuvor gesehen hat, erkennt Oliver auf einen Blick und Monks ist zufällig der einzige, der vom Testament von Olivers Vater weiß, das ihm sein Erbe nur zuerkennt, wenn Oliver nicht kriminell wird. Also stiftet Monks Fagin dazu an, Oliver zu einem Verbrecher zu machen – wobei Fagin sowieso seine Zeit damit verbringt, Straßenkinder als Diebe für sich auszunutzen, und insofern Oliver auch zufällig hätte rekrutieren können.

“Absurd machinations”, nannte ein Kritiker diesen unglaubwürdigen Plott. Vor dem Hintergrund von Dickens christlichem Glauben erfüllen diese Zufälle jedoch eine Funktion, es handelt sich wahrscheinlich um göttliche Vorsehung. Oliver stammt aus schrecklichen Verhältnissen, aber falls er die richtigen Entscheidungen trifft, soll er eine faire Chance bekommen, diese Verhältnisse hinter sich zu lassen. Das “Prinzip des Guten” verkörpert Oliver unumstößlich und dafür wird er durch eine neue Familie belohnt. Selbst wenn Gott/Dickens entgegen aller widrigen Umstände und Wahrscheinlichkeiten dafür sorgen muss.

Einem kleinen Jungen namens Dick, den Oliver in seinem Waisenhaus zurücklassen muss, ergeht es weniger gut. Wie von Dickens zu erwarten, ist die Abschiedszene zwischen den beiden und Olivers Reaktion auf den Tod des Jungen dermaßen emotional ausgefallen, dass man fast so sehr darüber weinen (lachen?) muss wie über den Tod der kleinen Nell in The Old Curiosity Shop. Hier die Passage von der Projekt-Gutenberg-Version:

“Ich hörte, wie der Doktor sagte, ich müßte sterben”, sagte Dick mit einem schwachen Lächeln. “Ach, wie ich mich freue, dich wiedergesehen zu haben, Oliver, aber halt dich nicht auf. Eile.”

“Erst sage ich dir jedoch Lebewohl”, entgegnete Oliver. Ich werde dich wiedersehen, Dick; ganz gewiß. Du wirst noch gesund und glücklich werden.”

“Das hoffe ich auch, wenn ich einmal tot bin, früher nicht. Ich fühle, daß der Doktor recht hat, denn ich träume soviel vom Himmel und von Engeln und freundlichen Gesichtern, die ich nie sehe, wenn ich wach bin. Küsse mich”, sagte der Kleine, indem er an dem niedrigen Tore emporkletterte und seine Ärmchen um Olivers Nacken schlang. “Lebwohl, lieber Oliver! Gott segne dich!”

Dick wird in einer folgenden Szene verprügelt und in den Kohlenkeller gesperrt und am Ende erfährt man von seinem Tod. Immerhin kann man davon ausgehen, dass er in den Himmel gekommen ist, weil er ein guter Junge war. Es gibt Leid auf der Welt, aber wer sich davon nicht unterkriegen lässt und das Prinzip des Guten lebt und bewahrt, wird entweder im Diesseits oder im Jenseits dafür belohnt werden.

Göttliche Vorsehung in Harry Potter

Harry Potter ist ebenfalls eine christlich inspirierte Romanreihe, auch wenn einige Leute, die selbst nicht wissen, was das Christentum beinhaltet, den Zauberlehrling unter “Satanismus” eingeordnet haben. Zunächst dachte ich ebenfalls, HP wäre säkular, da schließlich fast alle oberflächlichen Anspielungen auf das Christentum fehlen. Selbst der Weihnachtsschmuck in Hogwarts kommt ohne Engel und Krippe aus.

Doch Rowling verwendet die (und glaubt wahrscheinlich an die) selbe Art von göttlicher Vorsehung wie der liberale Protestant Charles Dickens. Davon hat mich unter anderem die Argumentation von Jeremy Pierce in The Ultimate Harry Potter and Philosophy: Hogwarts for Muggles überzeugt.

(Nebenbei: Falls sich jemand wundert, warum ich so etwas lese, wo ich mich doch sonst nur für Bücher begeistern kann, die Armen die Sozialhilfe streichen und neue Kriege anzetteln wollen: Ich arbeite mich gerade durch die Sekundärliteratur zur HP-Reihe, damit die Leser von Terry Rotter: Die Auferstehung – kommende Neubearbeitung dieses Buches – von meinen Erkenntnissen profitieren können.)

Genau wie Oliver Twist im gleichnamigen Roman profitieren Harry, Ron und Hermine von einer Reihe bemerkenswerter, eigentlich unglaubwürdiger Zufälle. In HP ergeben sich diese scheinbaren Zufälle, damit zwei Prophezeiungen von Professor Trelawney erfüllt werden.

In Kammer des Schreckens brauen die Drei einen Vielsafttrank, um Draco Malfoy zu befragen. Sie hätten auf andere Art an ihn herankommen, oder den Trank anderswo brauen können, als in der Toilette der geisterhaften Myrtle. Aber sie tun es genau da, wo sie später den Eingang zur Kammer des Schreckens entdecken.

Harrys flüssiges Glück “Felix Felicis” bringt ihn an die Erinnerung Horace Slughorns über die Horkruxe heran, von denen die letzten beiden Bände handeln. Diesen Trank bekam Harry nur, weil er das frühere Schulbuch von Severus Snape, dem Halbblut-Prinzen, nutzen konnte. Im letzten Buch kann Snape Harry die letzte Botschaft von Dumbledore mitteilen, bevor er stirbt.

Dumbledore behauptet, dass Harry und Voldemort entgegen der Prophezeiung hätten handeln können – aber eine lange Reihe erstaunlicher Zufälle, die alle zur Erfüllung der Prophezeiung führen, ohne dass dies jemand hätte vorhersehen können, sprechen nicht gerade für diese Behauptung.

Auch wenn Rowling vielleicht selbst nicht bewusst göttliche Vorsehung in ihre Bücher eingebaut hat, so ist das Konzept doch bemerkenswert ähnlich zu dem von Charles Dickens. Harrys positive Entscheidungen werden belohnt, eine Kette scheinbarer Zufälle sorgt für die Erfüllung einer Prophezeiung/Schicksal und zwar auf eine Weise, die ein glückliches Ende garantiert.

Schlussgedanken

Ich finde, diese liberal-protestantische Version der göttlichen Vorsehung (die übrigens auch in Daniel Defoes Robinson Crusoe wirkt) ist eine schöne Vorstellung. Es ist eben gerade keine fatalistische Schicksalsergebenheit, die sich daraus ergibt. Vielmehr hängt es von der Qualität der eigenen Taten ab, was das Schicksal für die Menschen bereithält. Wenn man gut handelt und immer wieder auf den rechten Weg zurückfindet, dann sorgt Gott dafür, dass man dafür belohnt wird. Man verfügt über die Option, auch schlecht zu handeln, in welchem Falle Gott ein anderes Schicksal für die Betroffenen auf Lager hat.

Worin besteht der Unterschied zur Realität? Nun, hier werden gute Taten, selbst konsequent gute Taten, nicht notwendigerweise belohnt; obgleich die Wahrscheinlichkeit steigt, dass man von guten Taten profitieren wird, je konsequenter man den Weg beschreitet. Außerdem gibt es wohl kein Jenseits für Menschen wie den kleinen Dick, der trotz seines guten Charakters sterben muss.

Ich kann mir aber gut vorstellen, dass es besser für die Gesellschaft wäre, wenn mehr Menschen an diese Version der göttlichen Vorsehung glauben würden. Schließlich ist die Motivation höher, gut zu handeln, wenn man stärker davon ausgehen kann, dass man davon profitieren wird. Selbst, wenn erstaunliche Zufälle dafür nötig sind.

Meine eigene Ethik sieht Integrität und Mitgefühl als die wichtigsten Sekundärwerte an. Im Prinzip ergibt sich die selbe Handlungsanleitung aus meiner Philosophie, wie aus dem Gedanken, Gott würde uns für unseren guten Lebensweg belohnen. Da ich mir im Unterschied zu gläubigen Christen allerdings nicht sicher sein kann, ob das auch so funktioniert, muss ich den Weg in gedämpfter Stimmung beschreiten.

 
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Geschrieben von - 29. Juni 2011 in Bücher, Literaturwissenschaft, Philosophie, Religionskritik

 

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