Mein Therapeut meint zwar, ich sollte lieber erst ein paar Tage in einer abgelegenen Höhle meditieren, um meine innere Ruhe zu finden, bevor ich einen Blogbeitrag schreibe, aber leider ist es wieder passiert und ich habe ein paar Minderheiten beleidigt. Immerhin sollte man mir zugutehalten, dass es eine schöne Abwechslung von meiner Hauptbeschäftigung ist, die Mehrheit zu beleidigen.
Mein Leser Dr. Nathan Warszawski widerspricht der Einschätzung von Russel Crowe, die Beschneidung von Jungen sei “dumm und barbarisch”; eine Einschätzung, die ich abgenickt hatte. Ich möchte ihm hier antworten.
In der Tat ist der Ausdruck “dumm und barbarisch” übertrieben für die Praxis der männlichen Beschneidung, wie sie im Judentum praktiziert wird. Die weibliche Genitalverstümmelung, wie man sie in vielen muslimischen Ländern antrifft, ist dumm und barbarisch. Die Beschneidung von Jungen würde ich als relativ milden Fall eines unnötigen operativen Eingriffs bei nicht einwilligungsfähigen Minderjährigen ansehen. Es handelt sich meiner Einschätzung nach um Körperverletzung, die gegen GG Artikel 2, (2) “Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit” verstößt. Zumindest bei penibler Auslegung müsste man wohl zu diesem Schluss gelangen.
Herr Dr. Warszawski schrieb:
Sexualität und Nahrungsaufnahme, Beschneidung und Kaschrut, unterscheiden die Juden von anderen Völkern und sind der Grund, dass sie als Volk noch heute existieren, im Gegensatz zu vielen anderen kleinen Völkern.
Es ist widersprüchlich, sich für die Existenz des Jüdischen Staates einzusetzen und gleichzeitig die Basis für das Verschwinden des jüdischen Volkes zu zertrümmern. Beides geht nicht!
Ich würde argumentieren, dass die Praxis der Beschneidung keine vitale Grundlage für die Existenz des jüdischen Volkes ist. Auch ohne Beschneidung können sich Menschen offenkundig fortpflanzen. Vielleicht ist die Motivation höher für die Männer, sich eine Sexualpartnerin zu suchen, wenn die Masturbation durch die Beschneidung erschwert ist. Angesichts der Existenz von Verhütungsmitteln ist aber nicht garantiert, dass die Kinderzahl auf diese Art erhöht wird. Es dürfte doch entscheidender sein, dass im traditionellen Judentum das Geschlechtsleben innerhalb der Ehe als erstrebsame Tugend gilt und außerhalb der Ehe weniger.
Wichtiger dürfte das Argument sein, dass die Beschneidung zur kulturellen Identität von Juden gehört. Allerdings wird die Beschneidung, wie gesagt, auch von Muslimen und von Konfessionsfreien (insbesondere in den USA, wo die meisten Männer beschnitten sind), praktiziert. Also gehört sie nicht exklusiv zur jüdischen Identität, im Gegensatz etwa zu den meisten jüdischen Speisevorschriften, dem jüdischen Gottesdienst und der Auslegung der Tora und anderer Texte des Judentums.
Insgesamt würde ich doch meinen, dass das Judentum auch ohne Beschneidung und koscheres Schächten, das bei Tieren unnötig Leid auslöst, auskommen würde. Mit diesen zwei Praktiken würde nicht gleich die ganze jüdische Kultur enden.
Herr Dr. Warszawski schreibt ferner:
Es darf somit vor allem Juden außerhalb Israels nicht gleichgültig sein, wenn in Kalifornien ein Gesetz zum Verbot der religiösen Beschneidung von Jungen vorbereitet wird. Einflusslose Strömungen sind auch in Deutschland zu finden. Die Gründe sind vielfältig: körperliche Unversehrtheit, Verwechslung mit weiblichen Geschlechtsverstümmelung, Menschenrechte und anderes mehr. Der wahre Grund ist die Eliminierung des Judentums – und der Juden.
Der “wahre Grund” ist gewiss nicht die Eliminierung des Judentums, oder gar der Juden. Schließlich betrifft dieses Gesetz alle Jungen, die beschnitten werden, auch die Jungen von muslimischen und konfessionsfreien Eltern. Sollen mit diesem Gesetz auch die Jungen von muslimischen und konfessionsfreien Eltern “eliminiert” werden? Wohl kaum.
Ich weiß letztlich nicht, was der wahre Grund von anderen ist, aber mein wahrer Grund besteht darin, dass sich aus meiner Ethik, die auf die Vermeidung unnötigen Leids abzielt, ergibt, dass das unnötige Leid, das durch Schächten und Beschneidung ausgelöst wird, vermieden werden sollte. Das einzige Argument, das man in diesem Rahmen gültigerweise dagegen anbringen könnte, bestünde darin, aufzuzeigen, inwiefern ein noch größeres Leid aus der Abschaffung oder Umdeutung dieser Praktiken resultieren würde.
Auch das Verbot des Schächtens basiert auf vorgeschobene Begründungen, wie den Tierschutz. Der wahre Grund ist derselbe wie beim Verbot der Beschneidung. So verwundert es nicht, dass Deutschland das Schächtverbot 1933 eingeführt hat.
Dass die Nazis auch gegen Schächten waren, impliziert keineswegs, dass Schächten in Ordnung sein muss. Die Nazis waren auch gegen zu schnelles Fahren oder Handtaschendiebstahl.
Natürlich können Juden gute und weniger überzeugende Argumente beibringen, warum die Beschneidung der Jungen und das koschere Essen Überlebensvorteile bieten. Diese Argumente präsentieren nicht den wahren Grund. Der wahre Grund, warum Jungen beschnitten werden, koscher gegessen und Tora gelernt wird, ist weil es „geschrieben steht“.
Das mag wohl sein, aber jemand, der nicht an die Existenz heiliger Texte und Götter glaubt, wird sich kaum von dieser Tatsache beeindrucken lassen, im Gegenteil.
Welche Immigranten werden die vergreiste deutsche Gesellschaft unterstützen und damit den vielen Rentnern und Pensionären die Existenz sichern?
Damit die Migranten mit „muslimischen Hintergrund“ die deutsche überalterte Gesellschaft erhalten, werden vorausschauende Politiker hoch über ihren und Ihren kulturellen Schatten springen. Die religiös motivierte Zirkumzision als Kassenleistung wird als Selbstverständlichkeit im allgemeinen Entgegenkommen ein unwichtiges Detail werden.
Solange die meisten Muslime ihre teils mit dem Grundgesetz kollidierenden Ansichten beibehalten und nicht oder nur geringfügig in die Rentenkassen einzahlen und sich der höheren Bildung verweigern, sehe ich nicht, warum der deutsche Staat ein Interesse an einer höheren Kinderzahl von Muslimen haben sollte. Da wird die Bevölkerung lieber aussterben.
Von der religiösen Beschneidung sind hauptsächlich Muslime betroffen, die wenigen verbliebenen Juden lohnen kein Gesetz. Im Gegensatz zu Juden, pflegen Muslime Angriffe auf Ihre Kultur und Religion mit Gewalt zu beantworten. Als Jurist wissen Sie, dass schon manches Schulgesetz gebogen wurde, um den Muslimen zu gefallen. Im Falle einer gesellschaftlichen Auseinandersetzung um die religiöse Beschneidung, wie sie Ihnen vorschwebt, wird der Zivilisations-Clash damit enden, dass die religiöse Beschneidung unter dem Schutz des deutschen Staates gestellt werden wird und dass ein Angriff auf die religiöse Beschneidung strafrechtliche Konsequenzen nach sich ziehen wird. Z.B. weil er den Strafbestand der Volksverhetzung erfüllt – was bereits heute (auch ohne strafrechtliche Konsequenzen) zutrifft.
Nun, wie Sie als treuer Leser wissen, Herr Warszawski, neige im im Gegenzug dazu, Angriffe auf die freie Gesellschaft mit Gewalt zu beantworten. Wenn es nach mir ginge, würde man Muslime dazu zwingen, dass sie sich wie alle anderen in diesem Land an die Gesetze unseres Staates halten. Wenn sie dagegen rebellieren und Steine auf Polizisten werfen, werden sie ebenso wie Autonome zusammengeknüppelt und Ruhe ist. Es gibt in meiner liberalen Konzeption keinen Platz für Sonderrechte, egal für wen.
Das Szenario, das Sie beschreiben, könnte natürlich trotzdem eintreten, aber wünschenswert wäre das nicht. Ein “Angriff” auf die religiöse Beschneidung erfüllt nicht per se den Strafbestand der Volksverhetzung. Keine religiöse oder sonstige Gruppierung hat das Recht, ihre Ansichten unter Denkmalschutz zu stellen. Alles darf kritisiert und diskutiert werden. Nur, wenn jemand zur Gewalt gegen Juden aufrufen würde, weil ihm die Praxis der Beschneidung nicht gefällt, wäre das Volksverhetzung. Führt jemand, wie viele Juristen und wie ich, lediglich Argumente gegen die Beschneidung an oder prüft deren Vereinbarkeit mit dem Grundgesetz, dann ist das selbstverständlich keine Volksverhetzung.
Sie dürfen sich frei und richtig entscheiden.
Ich darf mich also frei entscheiden, aber nur für das, was Sie für richtig halten? Da bleibt ja nicht viel Raum für eine individuelle Entscheidung.
Es ist verständlich, dass Juden versuchen, ein Gemeinsamkeitsgefühl zu erzeugen, indem sie ihre jüdische Kultur bewahren. Schließlich werden sie noch immer stärker verfolgt als alle anderen Gruppen, insbesondere in der muslimischen Welt, oder seitens der Vereinten Nationen mit ihren immer neuen Resolutionen gegen Israel. Angesichts dieser Bedrohungen zusammenzuhalten, ist naheliegend. Aber wie das so ist mit Kulturen, entwickeln sie sich weiter und ob bestimmte Rituale zwangsweise zur jüdischen Identität gehören müssen, steht, wie alles, zur Debatte.








