RSS

Woher kommt die Ablehnung des Kapitalismus?

09 Jun

Eine umfassende neue Studie befasst sich mit der Frage, welche Einstellungen diejenigen teilen, die das Einkommen möglichst “gerecht” verteilen wollen und wie im Gegensatz die Einstellungen derjenigen aussehen, die eher auf Seiten des klassischen Liberalismus stehen und von Umverteilung nichts halten.

Die Studie heißt What Drives Views on Government Redistribution and Anti-Capitalism: Envy or a Desire for Social Dominance? und stammt von dem Juristen James Lindgren von der Northwestern University, USA. Lindgren hat einen kritischen Blick auf die bisherige Forschung auf dem Gebiet geworfen und viele Daten neu ausgewertet.

Seine Datengrundlage sind 16 General Social Surveys vom National Opinion Research Center von 1980 bis 2004. Da in den meisten Jahren den meisten Teilnehmern nur wenige für das Thema relevante Fragen gestellt wurden, variiert die Teilnehmerzahl zwischen 535 bis 15743. Die GSS-Umfragen erfassen einen repräsentativen Querschnitt der US-Bevölkerung und 535 bis 15743 Teilnehmer pro Jahr über 24 Jahre stellen eine sehr ordentliche Datengrundlage dar.

Die marxistische / soziologische Theorie

Man darf also gespannt sein, was dabei herausgekommen ist. Es ist zunächst aufschlussreich zu sehen, wie Soziologen bislang diese Frage beantwortet haben – und insbesondere, wie sie dazu kamen.

Soziologen, die sich mit den Teilgebieten Konservatismus und Soziale-Dominanz-Forschung befassen, gehen laut Lindgren “fast immer davon aus, dass Menschen den Kapitalismus unterstützen und eine umfassendere Einkommensverteilung ablehnen, weil sie Minderheiten nicht mögen und nach sozialer Dominanz streben”.

Das ist die alte Idee von der Gleichsetzung von Liberalen mit Sozialdarwinisten. Wie lauten die Belege?

John Jost, Jack Glaser, Arie Kruglanski and Frank Sulloway kommen beispielsweise in ihrer Übersicht der Literatur zum politischen Konservatismus (für genauere Quellen verweise ich auf die verlinkte Studie, die deutschen Übersetzungen der Zitate stammen von mir) zu dem genannten Ergebnis:

Unsere Theorie des Konservatismus als die Motivation, den Status Quo gegen diverse Arten von Bedrohung zu verteidigen und Ungleichheit zu rationalisieren, hilft nicht nur dabei, zu verstehen, warum Konservative dazu neigen, den Kapitalismus zu befürworten, sondern auch, warum eine starke Unterstützung des Kapitalismus andere, scheinbar damit unverbundene rechte Ansichten beinhalten würde. Zum Beispiel haben Sidanius und Pratto (1993) herausgefunden, dass sowohl in den USA wie in Schweden pro-kapitalistische Ansichten mit Rassismus und einer Orientierung zur sozialen Dominanz assoziiert waren.

Und wie genau haben Sidanius und Pratto das herausgefunden? Die beiden Forscher haben ausschließlich Schüler und Studenten befragt, also diejenigen Gruppen, die in ihrem Leben am wenigsten mit der Marktwirtschaft zu tun hatten. Die befragten US-Studenten waren zu 41% Asiaten, während der Anteil von Asiaten an der durchschnittlichen US-Bevölkerung damals nur 3% betrug (heute 4%). Und die Schweden waren Gymnasialschüler unter 18 Jahren. Diese unrepräsentative Stichprobe  beweist nun in den Augen der Soziologen, dass Konservative den Kapitalismus befürworten, weil sie Rassisten sind, die gerne andere Menschen beherrschen.

Die liberale Theorie

Der liberale Ökonom Ludwig van Mises, einer der frühesten Kritiker der sozialistischen Ökonomie, war der Auffassung, dass die Forderung von Einkommens-Umverteilung durch Missgunst, Neid und einem Verlangen nach Rache motiviert werde (siehe: Ludwig Mises. Die Wurzeln des Antikapitalismus). Lindgren verweist außerdem auf die Verbindung des Antisemitismus mit dem Antikapitalismus, zum Beispiel schrieb Karl Marx in seiner Schrift Zur Judenfrage:

Sobald es der Gesellschaft gelingt, das empirische Wesen des Judentums, den Schacher und seine Voraussetzungen aufzuheben, ist der Jude unmöglich geworden, weil sein Bewußtsein keinen Gegenstand mehr hat, weil die subjektive Basis des Judentums, das praktische Bedürfnis vermenschlicht, weil der Konflikt der individuell-sinnlichen Existenz mit der Gattungsexistenz des Menschen aufgehoben ist.

Die gesellschaftliche Emanzipation des Juden ist die Emanzipation der Gesellschaft vom Judentum.

Das “empirische Wesen des Judentums” – “der Jude” in der Praxis, sozusagen – ist also das Schachertum, behauptet Karl Marx. Oxford-Professor Peter Pulzer sieht einen Hauptgrund des wachsenden Antisemitismus im 19. Jahrhundert im durch die Marktwirtschaft begründeten Aufstieg von erfolgreichen jüdischen Geschäftsleuten. Das Bürgertum fühlte sich durch die “Emporkömmlinge” verdrängt, wurde eifersüchtig und aggressiv. Der Marxist Wilhelm Marr sagte gar: “Der Antisemitismus ist eine sozialistische Bewegung, nur in noblerer und reinerer Form als die Sozialdemokratie.”

Ein neuer Rassismus?

Bevor man den Zusammenhang zwischen Rassismus und Pro-Kapitalismus ermitteln kann, muss man zunächst überlegen, wie man Rassismus misst. Eine Reihe von Soziologen sind der Ansicht, dass es eine neue Art von Rassismus gäbe, nämlich “kulturellen”, “aversiven”, “symbolischen”, “modernen” oder “Laissez-faire-Rassismus”. Dieser Rassismus sei indirekter, subtil und werde eher in nicht-rassistischen Begriffen ausgedrückt, um gesellschaftliche Sprachnormen nicht zu verletzen.

Wie messen Soziologen diesen “neuen Rassismus”? In Jacobsons “New Racism Scale” muss man folgende Frage beantworten:

Glauben Sie, dass Schwarze in Institutionen der höheren Bildung besonders beachtet und eher aufgenommen werden als Weiße?

1. Ständig.

2. Manchmal.

3. Selten.

4. Niemals.

Die nicht-rassistische Antwort lautet “Niemals”. Es gibt nur ein Problem mit dieser Antwort, nämlich dass sie falsch ist. Die richtige Antwortet lautet “ständig”. Der Grund dafür sind “Affirmative Action”-Regelungen, wie Lindgren bemerkt. Es handelt sich um Quoten, die den Anteil von Minderheiten an US-Universtitäten erhöhen sollen – wobei niedrigere Anforderungen an ihre Leistungen gestellt werden. Die angeblich neo-rassistische Antwort zeichnet sich also dadurch aus, dass sie die Realität ausdrückt.

Eine weitere Merwürdigkeit mit dem neuen Rassismus besteht darin, dass die neuen Rassisten tendenziell gebildeter sind als die neuen Nicht-Rassisten. Das Gegenteil ist der Fall in Hinblick auf den traditionellen Rassismus. So merkwürdig ist das andererseits nicht, wenn man bedenkt, dass die “neuen Rassisten” durch ihre Antworten zeigen, dass sie einfach besser informiert sind. Wenn das so weitergeht, wird “Rassismus” zu einer neuen Qualifikation. Vielleicht sollte man bald in seine Bewerbung schreiben, dass man “Rassist” sei, und erhöht damit seine Chancen. Schließlich ist es ein Beleg für höhere Bildung.

Trotz allem bieten viele Fragen des GSS noch genügend Material zur Ermittlung des tatsächlichen Zusammenhangs zwischen klassischem Liberalismus und (traditionellem) Rassismus.

Beispielsweise: “Ist es die Verantwortung der Regierung, die Unterschiede zwischen Menschen mit hohem Einkommen und Menschen mit niedrigerem Einkommen zu reduzieren?”. Ferner wird gefragt, ob die Regierung Preise kontrollieren soll, jedem einen Job garantieren soll, Einkommen gesetzlich festsetzen soll, etc.

Um traditionellen Rassismus zu ermitteln, wird nach der Unterstützung für ein Recht von Weißen, in segregierten Nachbarschaften zu leben, gefragt; außerdem nach Unterstützung für Gesetze zum Verbot von Ehen zwischen den Rassen.

Ergebnis

“Diejenigen, die Kapitalismus und freiere Märkte unterstützen und sich gegen größere Einkommensumverteilung aussprechen, sind tendenziell höher gebildet, haben höhere Familieneinkommen, sind weniger traditionell rassistisch und weniger intolerant gegenüber unpopulären Gruppen. In den General Social Surveys von 2002 und 2004 waren jene, die Einkommensumverteilung ablehnten, außerdem tendenziell die großzügigeren Spender für wohltätige Organisationen und sie haben mit höherer Wahrscheinlichkeit andere altruistische Verhaltensweisen gezeigt.”

Ferner korrelieren die folgenden Einstellungen positiv miteinander:

1. Klassische Messungen des Autoritarismus wie die Forderung, sich an die Gesetze zu halten, selbst wenn sie falsch sind, und der Glaube, dass es zwei Arten von Menschen gibt, die Starken und die Schwachen.

2. Unterstützung von Einkommensumverteilung

3. Anti-Kapitalismus

4. Traditioneller Rassismus

Die Einkommensumverteiler aus der Erhebung von 1996 beschrieben sich als trauriger, einsamer und wütender.

“Daten von 16 repräsentativen nationalen Studien der allgemeinen Öffentlichkeit sind konsistent mit der Mises-These, dass Anti-Kapitalismus durch Neid, Eifersucht oder Missgunst ausgelöst wird und inkonsistent mit der vorherrschenden akademischen Literatur über Konservatismus und soziale Dominanz.”

(Danke an Rolf Degen auch für diese Studie; seine Bücher seien wie immer empfohlen).

About these ads
 
Kommentare deaktiviert

Geschrieben von - 9. Juni 2011 in Ökonomie, Empirische Psychologie, Politik, Wissenschaft

 

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.

 
Follow

Bekomme jeden neuen Artikel in deinen Posteingang.

Schließe dich 111 Followern an

%d Bloggern gefällt das: