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Folter revisited

06 Jun
Wie vermeide ich Folter? Schritt 1: Sei kein Menschenhändler (Szene aus 96 Hours / Taken)

Wie vermeide ich Folter? Schritt 1: Sei kein Menschenhändler! (Szene aus 96 Hours / Taken)

In brütender Sommerhitze hält Mary mit ihrem dreijährigen Sohn auf dem Rücksitz an der Tankstelle an. Sie ist erschöpft, weil ihr Sohn Tim im Supermarkt geheult hatte wie eine Sirene und sie ihren Einkauf vorzeitig abbrechen musste. Sie füllt ihren Tank mit zwanzig Litern, zückt die Brieftasche und nimmt die benötigten Scheine, während ihr Schlüssel noch vom Zündschloss baumelt.

Als sie in der Tankstelle zahlt, fährt ein Mann mit ihrem Hyundai davon. Die Polizei erscheint gleich nach ihrem Anruf und erkennt auf den Überwachungsvideos einen kräftigen Mann mit einem blond gefärbten Afro, der in ihr Auto einsteigt. “Keine Panik”, sagt der Polizeibeamte, “sobald er Ihren Sohn auf dem Rücksitz entdeckt, wird er das Fahrzeug aufgeben.” Das tut er auch, die Polizei verhaftet ihn an einer Bahnstation in der Nähe, nachdem er sich erfolglos der Verhaftung widersetzt hatte.

Im Polizeibus auf dem Weg zur Wache fragt der Beamte, “Wo haben Sie den Hyundai gelassen?” Der Dieb leugnet seine Tat, “Ich war es nicht.” Doch er war es, denn gestohlenes Eigentum aus dem Auto befindet sich in seinen Taschen. Im Büro des Kriminalpolizisten: “Es sind schon zwanzig Minuten vergangen, seit sie das Auto entwendet haben – eine kleine Blechbüchse wie dieses Auto – es wird sich bei diesen Temperaturen unter der Sonne wie ein Ofen erhitzen. Weitere zwanzig Minuten und das Kind ist tot oder hat einen schweren Hirnschaden. Wohin haben Sie das Auto gebracht?” Wieder: “Ich war es nicht.”

Appelle an die Anständigkeit, die Vernunft, das Eigeninteresse: “Wenn Sie uns das Auto zeigen, ist es nur Diebstahl, das sind sechs Monate.” Drohungen: “Stirbt das Kind, werde ich Sie wegen Totschlags verklagen!” Überheblich, widerstrebend und streitlustig; der Mann verheimlicht seine Abscheu vor der Polizei nicht. Ein Beamter schnippt dem Mann am Ohr, er steht auf und verpasst ihm einen Hieb, die Polizisten verprügeln ihn, bis er auf seinen Händen im eigenen Urin kniet. Er versteht, dass die Prügel erst aufhören werden, wenn er verrät, wo das Kind ist.

Im Polizeibericht wurden die Prügel nicht erwähnt, offiziell verriet der Mann freiwillig, wo er das Auto abgestellt hatte. Das Kind, als man es fand, war dehydriert, zu schwach zum Schreien. Der Notarzt konnte keine Langzeitprognose machen, ob es einen Gehirnschaden davon getragen hatte.

(Quelle: Fallstudie, bereitgestellt von John Blackler, ehemaliger Polizeibeamter aus New South Wales, USA, wo sich das Ereignis zugetragen hatte. Die Namen sind erfunden.)

Kann Folter jemals gerechtfertigt sein?

Dies ist ein realer Fall, wo die Polizei zur Folter griff, um ein dreijähriges Kind zu retten. Viele Menschen sind intuitiv der Meinung, dass dies ein Extremfall war, wo Folter gerechtfertigt gewesen sein mag, auch wenn man sie nicht legalisieren und institutionalisieren sollte. Zur selben Zeit sind sie gegen die Folter von Terroristen, die Atombomben in Großstädten platzieren und deren Verstecke nicht verraten wollen (“Ticking Bomb Scenario”), obwohl Tausende in diesem Fall sterben könnten – im ersten Fall nur ein Mensch.

Wahrscheinlich liegen die unterschiedlichen Bewertungen daran, dass das “Ticking Bomb Scenario” abstrakter ist. Kein weinender, dreijähriger Tim ist in Gefahr, sondern viele tausend anonyme Menschen, darunter, wie man sich offenbar schwer vorstellen kann, zahlreiche Kinder.

Ich habe jetzt eine Entscheidung getroffen, wie ich zur Folter stehe: Sie sollte weder legalisiert, noch institutionalisiert werden, weil Polizei, Militär und vergleichbare Behörden heute schon zu übertriebener Gewalt neigen und ihre Anwendung von Folter und übertriebener Gewalt mit geringerer Kompetenz korreliert.

Allerdings gibt es einige Extremfälle, für die sich kein verallgemeinerbares Gesetz formulieren lässt, wo es ethisch akzeptabel ist, zu foltern, wenn nicht gar geboten. Nämlich dann, wenn die Zeit drängt und es darum geht, von Schuldigen Informationen zu bekommen, die unabdingbar sind, um Menschenleben zu retten. Kommt es raus, sollten die Verantwortlichen nach einem Prozess verurteilt werden, allerdings unter Beachtung der mildernden Umstände, also nur zu einer geringen Strafe, vielleicht zu einem Tag Gefängnis.

Dies ist die unter Philosophen wohl am weitesten verbreitete Auffassung, ob und wann Folter akzeptabel ist. Sam Harris und Peter Singer sehen es beide ähnlich. Im Rückblick kann ich daher die wütenden Reaktionen auf meine letzte Verteidigung von Folter im Falle des “Ticking Bomb Scenario” noch weniger verstehen. Das Problem besteht wohl darin, dass Linke dazu neigen, sich mit Terroristen und anderen Schwerverbrechern zu identifizieren. Sie sind gegen Folter, weil sie befürchten, die Folter könnte sie selbst treffen. Schließlich müsste man nur in die selbe Lage kommen wie der Verbrecher und das Pech haben, mit der selben Veranlagung geboren zu werden, und schon würde man selbst der Folter gegenüberstehen.

Stimmt, aber wer nicht gefoltert werden möchte, der sollte vielleicht davon absehen, Menschen zu entführen oder Städte mit Atombomben zu bedrohen. Und wenn er das nicht kann, dann setzt er womöglich eine kausale Kette in Gang, zu deren Stationen die Folter gehören mag. Mein Mitleid hält sich in solchen Fällen eher in Grenzen.

Literatur

Stanford Encyclopedia of Philosophy: Torture

 
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Geschrieben von - 6. Juni 2011 in Philosophie, Politik

 

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