Die Reaktionen auf Bin Ladens Tod zeigen, wohin es in der Praxis führen kann, wenn man das Konzept von „gut“ und „böse“ verwirft. Man sollte diese Begriffe gewiss innerhalb einer säkularen Ethik definieren, was auch kein Problem darstellt, da sogar die zentralen Elemente der katholischen Definition von „böse“ schon immer weltlich gewesen sind. Die meisten Menschen im Westen haben ein sinnvolles Verständnis von „gut“ und „böse“.
Inzwischen ist die Lage so dramatisch mit dem ethischen Relativismus in der Linken und in der politisch korrekten Öffentlichkeit, dass selbst Evangelikale mit ihrem metaphysischen Begriff des Bösen wichtige Aspekte der Welt besser verstehen als diese, wie der Religionskritiker Sam Harris mehrmals anmerkte. Mit der Ablehnung des Bösen ist oftmals auch ein grober Missbrauch der Religionskritik verbunden, da Linke Gläubigen die finstersten, mittelalterlichen Vorstellungen unterstellen, wann immer sie irgendwelche ethischen Differenzierungen vornehmen.
Ideologen wie die Nazis, Kommunisten und radikale Muslime haben ihre Feinde stets als Agenten des Bösen dämonisiert. Völkermorde wurden auch mit Hilfe von Dämonisierungen ermöglicht. Allerdings kann man alles missbrauchen und das bedeutet noch lange nicht, dass es keinen sinnvollen Gebrauch des „Bösen“ geben könnte. Man kann ein Brot mit einem Messer mit Butter bestreichen oder man kann jemanden mit einem Messer erstechen. Nur, weil man Messer auch missbrauchen kann, würde niemand sagen, dass wir sie überhaupt nicht mehr gebrauchen oder verbieten sollten. Bis auf einige Linke natürlich, die sogar den britischen Pfadfindern ihre traditionellen Taschenmesser verboten haben.
Warum glauben Linke nicht an das Böse?
Der theoretische Hintergrund der Ablehnung des Bösen in marxistischen Gefilden ist ein materialistisches Verständnis des Menschen, das ihn von Umwelt und Veranlagung determiniert sieht. Ich hatte in meinen linken Tagen in der Begründung für die Ablehnung des Wehrdienstes selbst geschrieben, dass Menschen nicht für ihre Taten verantwortlich sind, sondern Faktoren, die sie nicht beeinflussen können, weshalb es auch keinen Sinn ergebe, sie mit Gewalt für ihre Handlungen zu bestrafen. Diese Schlussfolgerung ist aber unlogisch. Wir würden Kampfroboter ohne Zögern mit Gewalt unschädlich machen, obgleich sie ebenso nur aufs Töten programmiert wurden und gewissermaßen „nichts dafür können“.
Außerdem stimmt es nicht, dass Menschen nicht für ihre Handlungen verantwortlich wären. Wir können rational Handlungsoptionen abwägen und Entscheidungen treffen, ob wir das bewusst tun oder unbewusst, ob dies ein notwendiger kausaler Vorgang ist oder nicht, es handelt sich trotzdem (oder gerade deshalb!) um unsere individuelle, selbst verantwortete Entscheidung. Und für die sind wir kausal verantwortlich. Wer denn auch sonst?
Nehmen wir an, ein Serienkiller ist unverbesserlich davon besessen, rothaarige Frauen umzubringen. Linke würden darauf hinweisen, dass er dies nur tut, weil er eine schlechte Kindheit hatte oder einen natürlichen Hang zur Gewalt. Es wäre falsch von uns, ihn zu verurteilen, da wir unter den selben Bedingungen ebenso handeln würden. Hätten wir seine Gene und seine Erziehung genossen, dann würden wir ebenso rothaarige Frauen umbringen. Mit anderen Worten: Wären wir ebenfalls Serienkiller, die rothaarige Frauen umbringen, dann wären wir ebenfalls Serienkiller, die rothaarige Frauen umbringen. Nun, das gestehe ich wohl zu. Aber es ist im Grunde bedeutungslos und ich sehe nicht ein, warum das ein Grund sein sollte, den Serienkiller weitermorden zu lassen. Ich sehe eigentlich nicht einmal ein, warum dies ein Grund dafür sein sollte, ihm die Todesstrafe zu ersparen.
Linke Reaktionen auf Bin Ladens Tod
Wie schon angemerkt, liegt Henryk Broder wahrscheinlich zum Teil daneben mit seiner Analyse der deutschen Reaktion auf Bin Ladens Tod. Er interpretiert die Verurteilung der Tötung Bin Ladens und der Freude darüber als ein spezifisch deutsches Phänomen, das mit der psychologischen Verarbeitung der Nazi-Verbrechen zu tun habe. Wie hier exemplarisch gezeigt wurde, ist es jedoch ein generell linkes Phänomen, das man ebenso in anderen Ländern beobachten kann und Deutschland ist einfach nur linker – also stärker von marxistischen Ideen beeinflusst – als andere Nationen (was wiederum mit den Nazi-Verbrechen zu tun haben mag).
Der deutsche Politikwissenschaftler Herfried Münkler von der Humboldt-Universität in Berlin erklärt die Freude über Bin Ladens Tod folgendermaßen: „Nur jemand, der an die Existenz des ‘Bösen’ glaubt und der das ‘Böse’ nicht in Hinblick auf eine unglückliche Kindheit erklärt; jemand, der das alttestamentarische Prinzip ‘Auge um Auge, Zahn um Zahn’ vertritt, kann gerechtfertigterweise öffentlich seine Freude über den Tod eines Feindes ausdrücken und die Befriedigung seines Rachedurstes.“ [Übersetzt aus dem Englischen].
Er leugnet also die Existenz des „Bösen“ und glaubt zugleich, das „Böse“ könnte durch eine unglückliche Kindheit erklärt werden? Glaubt Münkler, dass alle Massenmörder der Geschichte unglückliche Kindheiten hatten? Sogar Bin Laden, um den es hier geht, hatte keine unglückliche Kindheit.
Die britische linke Aktivistin Laurie Penny fasst die relativistische Auffassung der Linken in einer Diskussion zusammen (das Video kann ich nur empfehlen, denn die Antworten auf ihre Ausführungen sind großartig!): „Das ist herablassend und simplistisch. Es ist eine simple Narration. Die Guten und die Bösen… Der Westen ist gut. Alle anderen sind schlecht… Wir sind die Guten. Sie sind die Bösen. Wir sollten Angst vor ihnen haben. Wir sind nicht wie sie.“
Der Krieg gegen die unterdrückerische, fanatische, genzidale Doktrin des radikalen Islam, die seit dem 11. September 2001 über 17 000 weitere Terroranschläge hervorgebracht hat, ist „tatsächlich“ durch unsere Furcht vor anderen Hautfarben und Unterschieden begründet. Oder sollten wir etwa darum Furcht vor unseren radikal-islamischen Freunden haben, weil sie, sagen wir, Menschen umbringen?
Der linke irische Blogger „Bock the Robber“ findet, die Bezeichnung von Bin Laden als „böse“ sei „Unsinn“. „Wann ist es in Ordnung, dass Menschen auf den Straßen tanzen, wenn jemand getötet wurde? Wir waren alle Zeugen dieser bösen Islamisten, wie sie nach der Gräueltat des World Trade Centers ihre Waffen in die Luft abfeuerten und tanzten… Heute zeigt man uns mehr Bilder von tanzenden Menschen auf den Straßen, nachdem jemand getötet wurde, aber das ist in Ordnung, weil die Tanzenden keine Araber waren, sondern weiße Christen.“
Nein, es war in Ordnung, weil die Menschen den Tod eines Massenmörders feierten und nicht den Tod von tausenden Unschuldigen. Ein „subtiler“ Unterschied. Aber das ist zu hoch für unsere elaborierten Linken.








