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Freue ich mich über Bin Ladens Tod?

05 Mai

Wie es immer so ist, schlägt sich auch diesmal die mediale Mehrheit der Deutschen (die sehr wahrscheinlich nicht die tatsächliche Mehrheit ist) auf die Seite jener friedenslüsternen USA-Kritiker, die vollends auf Seiten des Völkerrechtes stehen, der nationalen Souveränität (von Pakistan, diesem, *räusper*, wundervollen Reiseziel), des Dialogs und des überhaupt Guten. Meine ungute Fraktion schwankt derweil zwischen Freude über Bin Ladens Tod (siehe auch Richard Herzinger) oder einer utilitaristischen Abwägung mit “Gut, dass er weg ist” unterm Strich.

In gewisser Hinsicht bin ich auf Seiten der professionellen Mitfühler. Es ist schon traurig, dass Bin Laden erschossen werden musste. Ja, es ist eine Tragödie. Das meine ich nicht einmal ironisch.

(Warnung: Dieser Beitrag wird sehr abgehoben philosophisch)

Obwohl ich nicht in wenigen Fällen (Irak, Afghanistan, Iran, Palästinensergebiete, etc.) dazu neige, militärische Interventionen zu befürworten und auch meine Ausführungen über Folter in Extremfällen, die Verteidigung des Bösen als Begriff der Ethik, viele eine hitzköpfige Gesinnung meinerseits vermuten ließen, sehe ich tatsächlich alles recht kühl. Meine Gedankengänge bei solchen Positionierungen bewegen sich eher im Rahmen von “das klingt logisch, also muss ich es vertreten, bis neue Fakten meinen Eindruck der Lage verändern”.

Darum “freue” ich mich auch nicht über Bin Ladens Tod. Im Grunde ist es tragisch, da haben die Friedensapostel schon recht, aber nicht nur Osamas Tod ist tragisch, sondern sein Leben seit der Konvertierung zum radikalen Islam; die Tatsache, dass Osamas Verstand von bösartigen Ideen entführt wurde. Natürlich wäre es besser gewesen, wenn Bin Laden nicht zum Islam konvertiert wäre und er lieber sein wohlständiges Leben geführt hätte, wie er es zuvor getan hat. Aber wie alle “was wäre wenn”-Szenarien kann uns das eigentlich egal sein, denn die Dinge sind nicht so, wie sie wären, wenn sie es wären, sondern sie sind so, wie sie sind.

Materialismus und Strafrecht

Ich denke, hier setzt wirklich die Kommunikationsstörung an, die zwischen mir und einigen anderen atheistischen Materialisten vorliegt. Wir sind uns einig über die (für Außenstehende wohl sehr schräg anmutende) Auffassung, dass wir in einem deterministischen Universum leben und dass man alles, was existiert, auf Physik reduzieren kann (aktuell auf die Ebene subatomarer Partikel, bis wir etwas entdecken, was noch kleiner ist). Das heißt in der Tat, dass es keinen “freien Willen” in dem Sinne gibt, dass er außerhalb des Kausalitätsprinzips stehen würde.

Bewusst denke ich das schon seit der 11. Klasse Gymnasium und hatte nie eine andere Position, gewiss ist das nicht schlecht für jemanden, der nicht mit dieser Ansicht großgezogen wurde und sich selbst alles erarbeitet hat, und doch muss ich mir immer wieder Belehrungen darüber anhören, ich hätte ein Schwarz-Weiß-Weltbild, würde an das metaphysische Böse glauben, Menschen für ihre Taten, “für die sich nichts können”, verurteilen und auch ansonsten nicht so ticken wie ein “richtiger” Naturalist. Warum sonst diese Aggression gegenüber Terroristen und Diktatoren?

In meinen undogmatisch-marxistischen Tagen war ich der Meinung, dass wir Gnade walten lassen sollten gegenüber Übeltätern, weil bestimmte Ursachen, für die sie nicht verantwortlich sind, Ursachen aus den Sphären von Umwelt und Veranlagung, zu ihren Untaten geführt haben. Ob jemand als Psychopath geboren oder zu einem Kriminellen erzogen wird, beides ist nicht “seine Schuld”.

Das ist eine sehr geläufige Auffassung unter Materialisten, aber eigentlich ist sie schlecht durchdacht. Eines der Probleme, die hier auftreten, ist die Frage, was dieses “Ich” in “Ich bin für meine Taten nicht verantwortlich wegen dem Determinismus” eigentlich ist? Wir glauben doch, dass im Grunde nur Umwelt und Veranlagung für das Verhalten von Individuen eine Rolle spielen, nicht wahr? Also muss dieses “Ich” ein Bestandteil von Umwelt und/oder Veranlagung sein. Etwas anderes existiert schließlich gar nicht.

Aber wenn das handelnde “Ich” ein Bestandteil von Umwelt und Veranlagung ist (oder von der Gesamtheit der natürlichen, deterministischen Ordnung), wie kann das “Ich” dann nicht für seine Taten verantwortlich sein? Das wäre nur möglich, wenn gar nichts für irgendetwas verantwortlich wäre. In diesem Falle wäre der Begriff “Verantwortung” überflüssig.

Aber es ergibt keinen Sinn, so zu sprechen. Wenn jemand für sein Verhalten verantwortlich sein soll, dann muss eine individuelle Person wenigstens die Ursache (innerhalb einer kausalen Kette) seines Verhaltens sein – und nicht etwa ein anderer, der diese Person mittels eines Chips in seinem Gehirn steuert oder dergleichen. Aus rechtlicher Sicht ist es zudem bedeutsam, ob die Entscheidung zur Tat bewusst getroffen wurde oder in einem Anfall, unter massivem Drogeneinfluss, etc. Sagen wir einmal, es muss eine bewusste, überlegte Entscheidung von einer individuellen, schuldfähigen Person getroffen worden sein, wenn wir von “Mord” sprechen wollen.

Mord existiert also nur in einer deterministischen Welt, denn andernfalls würden Entscheidungen zufällig getroffen werden und nicht aufgrund von Ursachen (zum Beispiel Ideen), die unsere individuellen Entscheidungen beeinflussen. Der Grund, warum wir bei einem Menschen als Täter von “Mord” sprechen und nicht bei einem Tiger, besteht darin, dass Menschen über die Fähigkeit verfügen, die Ideen in ihrem Kopf rational zu verarbeiten, verschiedene Handlungsmöglichkeiten zu simulieren und sich dann für eine davon zu entscheiden.

Ja, auch dieser Prozess verläuft deterministisch ab. Das bedeutet jedoch nicht – und das ist wirklich der große Fehlschluss -, dass Menschen für ihre Taten nicht verantwortlich wären. Wir sind doch nicht darum für unsere Taten verantwortlich, weil wir keine Gründe (Ursachen) haben, so zu handeln, wie wir handeln! Natürlich haben wir die. Der Punkt ist doch, dass dieses “wir”, das Handlungsoptionen abwägt, ebenfalls Teil der kausalen Kette, der natürlichen Welt ist!

Im Grunde begehen jene, die Vergebung und milde Strafen als Resultat aus ihrer “materialistischen” Weltanschauung fordern, einen dualistischen Fehlschluss. Nur, wenn wir von der natürlichen Welt unabhängig Entscheidungen treffen, ergäbe es Sinn, Kriminelle gleich wieder laufen zu lassen, weil wir dann sowieso keine Möglichkeit hätten, individuelles Verhalten durch Strafen zu beeinflussen. In der übernatürlichen Welt, in dem sich die Seele befände, bekäme sie von unseren Strafen ja gar nichts mit. Im Grunde wäre das die Aufhebung sämtlicher Vorhersagbarkeit menschlichen Verhaltens.

Strafen sind Ursachen in einem komplexen kausalen Netz, die darauf abzielen, individuelles Verhalten zu beeinflussen. In Falle von Osama Bin Laden gehe ich davon aus, dass die Kombination von Veranlagung und Ideen, die sein Handeln bestimmen, ihn für andere so gefährlich machten, dass seine Tötung gerechtfertigt war. Wenn wir ihn als Mensch-Maschine sehen (ein seit Lamettrie beliebtes Bild unter Materialisten), so müssten wir ihn mit einem Terminator vergleichen, der auf die Tötung von Ungläubigen programmiert ist. Terminatoren sind so gefährlich, dass kein Zuschauer der gleichnamigen Filmreihe auf die Idee kommen würde, es wäre irgendwie ungerechtfertigt, sie notfalls mit Gewalt auszuschalten. Ausgerechnet Materialisten sind nun mitunter der Ansicht, dass wir Menschen wie Bin Laden nicht mit Terminatoren vergleichen dürften. Warum denn das?

(Für die Insider: Das weibliche Modell in Sarah Connor Chronicles in der ersten Season ist in allen relevanten Bereichen menschlich, empfindet Mitgefühl, kann Handlungsoptionen abwägen, etc. Die ethischen Dilemmata, die bei der Option ihrer Vernichtung von John Connor zu bewältigen sind, empfindet er mit Recht als identisch zu der Option, einen Menschen mit “Fehlfunktion” auszuschalten.).

Es ergibt sich also insgesamt, dass der materialistische Determinismus die Voraussetzung dafür ist, dass Strafen jeglicher Art überhaupt einen Sinn ergeben. Er ist keineswegs ein Grund für mildere Strafen oder für härtere Strafen oder für gar keine Strafen.

Härte der Strafen

Wie man die Härte der Strafen beurteilen sollte, ist ein ganz anderes Problem. Hierfür (und überhaupt) empfehle und vertrete ich die Philosophie des sogenannten “Konsequentialismus”. Wir müssen uns ansehen, welche Folgen bestimmte Strafen haben werden. Die Strafen passen wir den (empirisch ermittelten) erwünschten Folgen an. Sie können milde sein oder auch hart, in allen Fällen gleich oder unterschiedlich.

Und hier tendiere ich eher zu vergleichsweise harter und schneller Bestrafung insbesondere bei jugendlichen Gewalttätern, weil ich mir wünschenswertere Folgen (geringere Kriminalitätsrate, geringere Wiederholungsgefahr) davon verspreche. Tyrannen und gewalttätige Fanatiker vom Schlage der Taliban sollte man am besten einfach töten, wenn die Lage dies zulässt.

Vielleicht stimmt das auch nicht, das ist eine wissenschaftliche Frage. Ich bin auch nur darum gegen öffentliche Hinrichtungen, weil sie (meinen Quellen zufolge) keinen positiven Einfluss hatten auf die Reduzierung der Kriminalität, als sie noch praktiziert wurden und wo sie noch praktiziert werden. Ich würde sehr wahrscheinlich großes Mitleid empfinden mit den Verurteilten, gäbe es eine solche Strafe noch, aber ich würde es vermeiden, mein Urteil von diesen Empfindungen abhängig zu machen.

Michael Schmidt-Salomon, der in seinem Buch Jenseits von Gut und Böse die Leugnung der Willensfreiheit mit einer Forderung nach einem (milderen) Präventivstrafrecht statt einem Vergeltungsstrafrecht verband, räumte in unserer Diskussion über das Thema ein, dass seine Motivation dafür, die Ermangelung einer Willensfreiheit zu einer populären Idee zu machen, aus seinem Vorhaben resultierte, auf diese Art den Wunsch nach Rache abzumildern. Warum sollte man sich schließlich an einem Menschen rächen, der nicht wollen konnte, was er wollte?

Zunächst muss man hier feststellen, dass AMs Argumentation für ein Präventiv- und gegen ein Vergeltungsstrafrecht völlig kompatibel ist mit dem Ansatz von Wolf Singer sowie mit meinen eigenen Darlegungen (siehe insbesondere das Kapitel „Gerächt ist nicht gerecht!“, JvGuB, S. 278ff.). Warum aber meinen wir im Unterschied zu Andreas Müller, dass der Abschied von der Willensfreiheitsideologie sehr wohl hilfreich wäre, um die letzten Reste eines Vergeltungsstrafrechts hinter uns zu lassen? Antwort: Weil die Unterstellung, dass sich ein Täter dank seines „freien Willens“ in einer bestimmten Situation auch anders hätte entscheiden können („Prinzip der alternativen Möglichkeiten“), im emotional-kognitiven Verarbeitungsprozess eines Individuums den Wunsch nach Vergeltung stärkt – beziehungsweise umgekehrt, weil die Unterstellung, dass ein Täter unter den gegebenen Bedingungen nur so handeln konnte, wie er unter diesen Voraussetzungen handeln musste, den Wunsch nach Rache abmildert.

Das bedeutet, dass die Ablehnung eines Vergeltungsstrafrechts keine logische Schlussfolgerung aus der Ermangelung der Willensfreiheit ist – genau, was ich behauptet habe. Vielmehr ist die Propagierung der Nichtexistenz der Willensfreiheit für MSS eine Strategie im Kampf gegen das Vergeltungsstrafrecht und gegen Rachedurst als solchen. Woher die Ablehnung eines Vergeltungsstrafrechts und des Rachedurstes eigentlich kommt, das wäre die interessante Frage. Denn nur auf dieser Grundlage könnten wir entscheiden, ob dies zielführend ist oder nicht.

Wie ich das sehe, wäre ein Vergeltungsstrafrecht dann abzulehnen, wenn es nicht die erwünschten Folgen zeitigt: Weniger Kriminalität, geringere Wiederholungsgefahr. Da wir evolutionär auf Rachegefühle programmiert sind, stellt sich aber die Frage, ob das überhaupt stimmt und ob wir im strafrechtlichen Bereich entgegen unserer Intuition handeln sollten oder nicht. Vielleicht wäre es sogar wünschenswert, wenn wir unsere Rachegefühle nicht immer und vollständig von philosophischen Überlegungen abmildern ließen? Vielleicht sollte der Staat unserem natürlichen Rachedurst tendenziell eher entgegenkommen, anstatt dass wir unsere Natur aufwändig zähmen müssen?

Das ist die eigentlich interessante Frage. Ich weiß es auch nicht. Aber es ist glücklicherweise eine Frage, die grundsätzlich wissenschaftlich beantwortet werden kann. Tendenziell würde ich aus unseren Erfahrungen mit Systemen, welche die menschliche Natur verleugnen (Sozialismus jeder Art) dazu neigen, auf den Wert unserer natürlichen Neigungen für das Zusammenleben zu schließen. Schließlich haben sie ein paar Milliarden Jahre Entstehungszeit gebraucht. So ganz sinn- und nutzlos kann unser Rachedurst (der eigentlich das Verlangen nach Fairness ist) nicht sein.

Ich selbst kann aufgrund der jahrzehntelangen philosophischen (Ver-)Formung meines Geistes keine Freude über den Tod auch der schlimmsten Menschen empfinden. Wohl aufgrund meiner Veranlagung und meines ursprünglich marxistischen Hintergrunds (zu dem ich mich einst selbst indoktrinierte) empfinde ich intuitiv eher Mitleid mit Kriminellen, als das ich ihnen Übles wollte. Aber das ist mein Problem und ich erkenne es an, dass dies mein Problem ist. Normale Menschen werden sich eher freuen über den Tod von Osama Bin Laden und das, liebe Genossinnen und Genossen, ist wahrscheinlich auch gut so.

 
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Geschrieben von - 5. Mai 2011 in Philosophie, Politik

 

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