RSS

Sentimental Junky

01 Mai
Sherlock Holmes: Humanismus ohne Sentimentalität (Foto: Benedict Cumberbach, der Holmes aus der genialen BBC-Neuverfilmung)

Sherlock Holmes: Humanismus ohne Sentimentalität (Foto: Benedict Cumberbach, BBC-Neuverfilmung)

Der Philosoph und Religionskritiker (Das Ende des Glaubens) Sam Harris schreibt in seinem neuesten Blogbeitrag, dass er seine Befürwortung der Folter in Extremfällen nun bereut. Aber nicht, weil er seine Argumente für widerlegt hält, sondern weil es ihm persönlich zu viel Ärger eingebracht hat.

Das Phänomen ist mir geläufig, weil ich mich in einer Rezension des Films Unthinkable ebenfalls mit der Folter in Extremfällen befasste und die Reaktionen identisch ausgefallen sind.

In der allgemeinen Bevölkerung ist dieses Phänomen noch viel weiter verbreitet als unter Leuten, die so tun, als wären sie kritische Denker. Der Psychologe Theodore Dalrymple nennt es den giftigen Sentimentalitäts-Kult. Und Sentimentalität ist für ihn “der Urahn der Brutalität”. Er schreibt etwas über die britische Öffentlichkeit, das ebenso für die deutsche gilt:

“Um ihren Mangel eines moralischen Kompasses auszugleichen, ist die britische Öffentlichkeit anfällig für plötzliche Ausbrüche von kitschiger Sentimentalität, auf die große Empörung folgt, ermutigt durch die billige und zynische Sensationsgier der Presse. Spasmen von Selbstgerechtigkeit sind ihr Ersatz des moralischen Lebens.”

Er schreibt über die Definition von “Sentimentalität”:

“Sentimentalität ist der Ausdruck von Emotionen ohne Urteilsbildung. Vielleicht schlimmer als das: Sie ist der Ausdruck von Emotionen ohne eine Anerkennung, dass eine Urteilsbildung eine Rolle spielen sollte, wenn es darum geht zu bestimmen, wie wir auf etwas, das wir sehen und hören, reagieren sollten. Sie ist die Manifestation eines Verlangens nach der Außerkraftsetzung eines existenziellen Zustands des menschlichen Lebens, nämlich die Notwendigkeit, sich stets und ohne Ende ein Urteil zu bilden. Sentimentalität ist darum kindisch und also eine Reduktion unserer Menschlichkeit.”

Als Beispiele nennt Dalrymple unter anderem die öffentliche Trauer über den Tod Prinzessin Dianas und das westliche Verhältnis zu der Armut in Afrika. Die sentimentalen Lösungsvorschläge lauten, dass wir Afrika einfach Geld spenden sollten, oder dass jedes Kind dort eine Grundschulausbildung brauche oder einen Laptop oder unsere alte Kleidung. Das ist die erste Reaktion von jemandem, der armen Menschen helfen möchte (und als solche auch in Ordnung). Dass solche Ideen jedoch von einem Bauchgefühl zu angewandter Politik werden konnten, das sollte uns beunruhigen.

Wie man an China und Indien, wo die Armut massiv zurückgegangen ist, erkennen kann, braucht Afrika tatsächlich einen Zugriff auf den freien Markt. Aber der wird assoziiert mit “Gier” und “Ausbeutung”; ein irrationaler Reflex, der niemandem hilft, außer jenen, die sich besonders moralisch fühlen möchten, anstatt moralisch zu sein.

Nothing more than feelings 

Letztendlich geht es den Sentimentalisten darum, dass sie sich selbst gut fühlen. Sie gratulieren sich gegenseitig dazu, dass ihnen so viel liegt an den Armen und am Frieden und am Umweltschutz. Ihre politischen Programme haben durch die Bank den gegenteiligen Effekt, den sie sich von ihnen versprechen, aber das ist ihnen egal.

Es geht ihnen nicht darum, worum es Humanisten geht oder gehen sollte, nämlich das Leid der Menschen zu reduzieren, sondern es geht ihnen nur darum, dass sie sich besonders moralisch vorkommen, besser als andere. Sie sind so wie Helen Lovejoy, die Frau des Pfarrers, die auch bei den unpassensten Gelegenheiten kreischt, warum denn niemand mal an die Kinder denke?

Fühlgut-Philosophien wie der Pazifismus, die Atomangst, das angewandte Unbehagen vor neuen Technologien, all diese Phänomene zeugen von kindlichem Sentimentalismus, von Gefühlsausbrüchen ohne rationale Urteilsbildung. Unsere Gesellschaft verjüngt sich gewissermaßen, obwohl sie älter wird. Vielleicht wird sie auch senil.

Thilo Sarrazin hat die volle Breitseite an sentimentalistischer Soziopathie abbekommen, von der die westliche Gesellschaft heimgesucht wird. Es hieß über ihn wörtlich oder sinngemäß, er sei ein kühler “Faktenmensch” und er interessiere sich “mehr für Zahlen als für Menschen”. Es gibt aber keine “moralischen Menschen” als Alternative zu “Faktenmenschen”. Es gibt Menschen, die ein ernsthaftes Interesse daran haben, reale Probleme zu lösen und darum Fakten anerkennen, und es gibt egomanische Traumwandler, die sich nur um ihr eigenes Vergnügen scheren und um ihr Ansehen unter gleichgesinnten Heulsusen.

Wenn Menschen mit den angeblichen Opfern von Hexen mitfühlen und darum Hexen verbrennen, oder mit den angeblichen Opfern von Juden und darum Juden vergasen, das sind mögliche Folgen von Sentimentalität. Man fühlt irgendetwas und das ist Beweis genug.

Sam Harris stellt in seiner Stellungnahme fest, dass eine rationale Diskussion über Folter in jedem Fall unmöglich gewesen sei und dass das Thema aufgrund seiner verzerrten Darstellung in den Medien viele Menschen von seinem Buch abgeschreckt habe. Er findet, dass irgendjemand schon über das Thema öffentlich nachdenken sollte, aber nicht er, da er schon genügend provozierende Haltungen verteidigen müsse. Es ist eine Schande, dass er dies zu sagen gezwungen ist.

Es ist unsere Pflicht als aufgeklärte Menschen, unbequeme Tatsachen zu akzeptieren, um das menschliche Leid effektiv mindern zu können. Wir müssen auch gefährliche Ideen durchdenken, weil es noch gefährlicher ist, sie Ideologen zu überlassen und ihnen statt Argumenten nur emotionale Empörung entgegenzuhalten.

Wer ist nützlicher für die Menschheit? Jemand wie SPD-Chef Sigmar Gabriel, der Fakten nicht dulden kann, oder ein rational denkender Mensch wie (aus Ermangelung realer Beispiele) Sherlock Holmes, der sich die Gefühlsduselei erspart und auf der Basis von Logik und Empirie das Leid der Menschen mindert? Sherlock Holmes behauptet zumindest, kein Mitgefühl für die Opfer von Verbrechen zu empfinden, und doch sorgt er für die Überführung der gemeingefährlichen Täter. Ein gefühlskalter Humanist ist mir lieber als mitfühlender Mörder.

Let’s talk about feelings

Über einen Autor des “Manifest der Vielen”-Buches heißt es in der SZ:

Gümüsay hat mal ein Interview geführt mit Sarrazin. Nicht über seine Statistiken, “sondern über Emotionen wollte ich mit ihm reden. Über das, was er ausgelöst hat mit seinem Buch.”

Na gut, reden wir einen Moment über Emotionen: Ich empfinde Abscheu gegenüber Menschen, die in öffentlichen Debatten über Sachthemen ihre Gefühle in den Vordergrund stellen und nicht die relevanten Argumente. Ich empfinde Hass gegenüber Menschen, die andere niedermachen und ihr Leben zu ruinieren versuchen, nur weil sie etwas gesagt haben, was dazu führt, dass sich manche Menschen schlecht fühlen. Kann schon sein, dass sich Holocaustleugner schlecht fühlen, wenn man ihnen die Belege dafür zeigt, dass der Holocaust wirklich stattgefunden hat; kann schon sein, dass sich viele Türken schlecht fühlen, wenn man sie an den Völkermord an den Armeniern erinnert. Darum muss mich das noch lange nicht kümmern.

Das heißt nicht, dass wir so werden sollten wie Thomas Gradgrind, der literarische Typus des “Faktenmenschen” aus Charles Dickens’ Hard Times. Mitgefühl gehört neben Integrität zu meinen höchsten Werten. Der Punkt ist ein anderer: Es darf nicht mit dem Mitgefühl anfangen und mit dem Mitgefühl aufhören. Wir müssen gegebenenfalls prüfen, ob das Mitgefühl wirklich angemessen ist, dann, wie wir den leidenden Menschen realistischerweise helfen können. Einfach nur mitfühlen und das Mitgefühl wie ein goldenes Kalb vor sich hertragen, das sollte kleinen Kindern überlassen bleiben.

Musik zum Thema 

Feelings, nothing more than Feelings

Korrektur: Die Simpsons-Figur, die ich meinte, war Helen Lovejoy, nicht Maude Flanders. Danke an Hermann Oppermann für den Hinweis.

 
Kommentare deaktiviert

Geschrieben von - 1. Mai 2011 in Philosophie, Politik

 

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.

 
Follow

Bekomme jeden neuen Artikel in deinen Posteingang.

Join 102 other followers