…schreibt der Psychologe Pascal Boyer (Und Mensch erschuf Gott). Die Nichtexistenz der “Religion” als sinnvolles Konzept ist außerdem die logische Schlussfolgerung aus meinen letzten wissenschaftlich-philosophischen Beiträgen über Religiosität, insbesondere die Christenwahn-Reihe und meine Rezension von SuperSense, die den Stand der Forschung widerspiegeln.
Habe ich also die letzten Jahre etwas kritisiert, das es gar nicht gibt?
Gewissermaßen denken wir alle “religiös”, auch Atheisten, weil wir die selben natürlichen Veranlagungen haben wie religiöse Menschen und weil wir uns ebenfalls im Prinzip so verhalten wie sie. Natürlich könnten wir ebenso sagen, dass niemand “religiös” denkt, damit Michael Blume mich nicht falsch zitiert. Die Unterschiede zwischen Gläubigen und Atheisten sind graduell und beziehen sich eher auf konkrete Praktiken. Dies wird einem schnell klar, wenn man sich den alltäglichen “Aberglauben” ansieht.
Beispiele: Warum sollte Geld einen inhärenten Wert haben? Warum bedeutet uns das Foto unseres Partners etwas, obwohl es nur ein Stück Papier ist? Warum wollen wir nicht in einer Wohnung leben, in der ein Mord stattgefunden hat? Warum bestatten wir die Toten rituell, ob nun auf die eine Weise oder auf die andere? Warum identifizieren wir uns mit Clownfischen, mit sprechenden Autos, warum bekämpfen wir in Computerspielen Monster? Warum ist uns der Ehering mehr wert, als es sein materieller Wert? Warum hat der Ehering für uns überhaupt einen “materiellen” Wert? Warum würden wir unseren Partner nicht gegen eine exakte Kopie von ihm eintauschen?
Weil wir genauso ticken wie abergläubische Menschen. Wir gottlosen Skeptiker sind selber abergläubisch; nur in Bereichen, die aus kultureller Tradition bei uns nicht “abergläubisch” genannt werden.
Insofern ist es nicht sinnvoll, gegen Homöopathie und co. auf der Ebene zu argumentieren, es handle sich um Aberglauben. Vielmehr sollte man ökonomisch argumentieren: Homöopathie hat nicht den vom Anbieter versprochenen Effekt und ist darum das Geld nicht wert. Wie ein Zitroneneis, das nach Wasser schmeckt. Es ist nicht das drin, was draufsteht.
Wenn Pascal Boyer recht hat, dann ist die fundamentale Religionskritik nur ein weiteres Rädchen im marxistischen Getriebe, dessen Funktion die hoffnungslose bis verheerende Leugnung der menschlichen Natur ist. Es ergäbe mehr Sinn, konkrete Handlungen, Institutionen, etc. unter dem Aspekt zu kritisieren, dass sie Schaden anrichten, als bestimmte Praktiken, Ideen und Veranlagungen in eine Box namens “Religion” zu stecken und auf sie einzuschlagen. Atheistische Religionskritiker (wie ich) haben den Fehler gemacht, dass wir das Marketing-Konzept religiöser Institutionen einfach übernommen haben; nur, dass wir uns gegen ihre zum Göttlichen erhöhten Angebotspakete ausgesprochen haben, während sie dafür eintreten.
Was dagegen die menschliche Natur angeht, kann man nur zu dem Ergebnis gelangen: Religiöse Menschen sind wie wir und wir sind wie sie. Es ist am Ende gar nichts dran an der Religion, noch weniger, als wir dachten, denn sie existiert gar nicht. Das selbe gilt für den Atheismus. Wir sind Menschen, die unterschiedliche Dinge tun und an verschiedenen Arten von “Aberglauben” festhalten, aber es gibt keinen grundlegenden Unterschied zwischen uns.
Pascal Boyer: Warum würden anderweitig intelligente Forscher an “Religion” glauben?
Ein Auszug. Deutsche Übersetzung: AM
Es gibt wirklich nicht so etwas wie “Religion”. Die meisten Menschen, die in modernen Gesellschaften leben, glauben, es gäbe da draußen so etwas wie “Religion”, womit sie eine Art soziales und kognitives Paket meinen, das Ansichten über übernatürliche Urheberschaft (Götter und dergleichen), moralische Vorstellungen, vor allem Rituale und manchmal bestimmte Erfahrungen, sowie Zugehörigkeit zu einer bestimmten Glaubensgemeinde und die Errichtung bestimmter Organisationen (Priesterkasten, Kirchen, etc.) enthält. All dies, wie ich sagte, stellt man sich als ein “Paket” vor, in dem jedes Element in Beziehung zu anderen Sinn ergibt, angesichts einer kohärenten und expliziten Doktrin. Das ist tatsächlich die Art, wie sich die meisten Haupt-”Religionen” – Islam, Hinduismus zum Beispiel – uns darstellen; die Art, wie ihr institutionelles Personal, viele Akademiker und die meisten Gläubigen sie sich vorstellen.
Doch all dies ist eine neue Erfindung. Der Großteil der menschlichen Evolution fand in kleinen Gemeinschaften statt, die keine religiösen Institutionen hatten. Dies war auch bis vor kurzem der Fall bei den meisten menschlichen Gruppen außerhalb der modernen ökonomischen Entwicklung und ist noch immer der Fall an abgelegenen Orten außerhalb des direkten Einflusses moderner Staaten. An all diesen Orten gibt es keine einheitliche Domäne der “Religion”. Sicher, es mag diverse Ideen über übernatürliche Agenten geben, es mag Ideen über Moral geben (oftmals ohne Verbindung mit diesen Agenten), es mag Ansichten über ritualisierte Sequenzen geben, die ausgeübt werden müssen (einige mit und viele ohne Verbindung zu Geistern, etc.), es mag eine gemeinschaftliche Bindung geben (normalerweise ohne Verbindung zur Moral oder übernatürlicher Urheberschaft), aber es gibt nichts, was es rechtfertigen würde, all diese Dinge miteinander zu verbinden.
“Religion” ist die neue Erfindung von speziellen Organisationen, die in frühen Staaten erblühten, typischerweise in lese- und schreibkundigen Gesellschaften. Diese Institutionen versammelten Ritualspezialisten, die kollektiv versuchten, ein unternehmerisches Monopol auf das Angebot bestimmter Dienste zu erlangen – und die Schritt für Schritt eine stabile Doktrin, standardisierte Rituale, Exklusivität von Gottesdiensten und andere Aspekte von unternehmerischer Markenentwicklung etablierten.
Aus diesem Grund führen wissenschaftliche Erklärungen dessen, was in Religionen geschieht, und dessen, was für gewöhnlich “religiös” genannt wird, zu einer Entleerung des Begriffs, und sie zeigen, dass nichts sui generis an diesen Denkweisen, Normen von Praktiken dran ist. Zum Beispiel haben uns viele wohlmeinende Menschen erzählt, dass “Religion” kostspielige Signale erzeuge, aber diese findet man natürlich in vielen anderen Kontexten menschlicher Kommunikation ebenso und man findet sie häufig nicht in der “Religion”. Das Selbe gilt für andere Argumente, zum Beispiel, dass “Religion” die Aufhebung der Ungläubigkeit erfordere, dass sie sozialen Zusammenhalt (oder soziale Spaltung) erzeuge, dass sie eine einzigartige Art von Erlebnis hervorbringe, etc. All diese Eigenschaften findet man manchmal zusammen mit dem Glauben an übernatürliche Agenten, aber oftmals ohne solche Überzeugungen, sodass die Kategorie “religiös” wenig bis nichts erklärt.
Ich weise darauf hin, dass dies ausdrücklich keine Frage der “Definition” ist. Manche Menschen, die sich mit der Erklärung der Religion befassen, würden sagen, dass wir eine bessere, breitere und empirischere oder was auch immer Definition von Religion bräuchten. Aber dies erscheint weitestgehend fehlgeleitet. Das Problem ist ein ontologisches, kein terminologisches. Viereckige Dreiecke und Einhörner mögen sehr klar definiert sein – sie existieren einfach nicht.
In vielen menschlichen Sprachen und Kulturen gibt es keinen lokalen Begriff für “Religion” und wo es einen gibt, da ist er stets ein Begriff, der von bestimmten lese- und schreibkundigen Organisationen als Marke ihres Angebots erzeugt oder entwendet wurde. Was bedeutet es, wenn eine bestimmte Sprache keine Entsprechung für etwas kennt, das andere Menschen für offensichtlich halten?
Es mag auf eine von zwei diametral entgegengesetzten Situationen hinweisen. Denken Sie an den Gegensatz zwischen “Syntax” oder “Ökonomie” auf der einen Seite und “Sport” oder “Scheidung” auf der anderen. Obwohl die meisten menschlichen Sprachen bis vor kurzem keinen Begriff für “Syntax” kannten, so hatten sie doch alle eine Syntax. Obwohl die Vorstellung der Ökonomie eine wissenschaftliche Kategorie ist, so haben alle menschlichen Gesellschaften ökonomische Prozesse. Aber an einem Ort, wo es keinen Begriff gibt, den man als “Fußball” oder “Scheidung” übersetzen könnte, ist es recht sicher, dass niemand Sport betreibt oder sich scheiden lässt.
Die Erforschung der “Religion” im Bereich des Geister- oder Götter- oder Ahnherren-bezogenen Zeugs, die man vor und außerhalb von religiösen Institutionen antrifft, ist so, als würde man “Sport” an einem Ort erforschen, der kein solches Konzept kennt. Man kann sicherlich feststellen, dass Menschen an diesem Ort manchmal anstrengende physische Aktivitäten ausüben, dass sie bei anderen Gelegenheiten um die Bewältigung schwieriger Aufgaben konkurrieren, dass sie lachend Objekte aufeinander werfen, dass sie oft ihre Gruppe gegen andere verteidigen… Aber es gibt keine einheitliche Zeit und einen einheitlichen Ort, wo Menschen spielerisch bei anstrengenden und schwierigen physischen Aufgaben miteinander konkurrieren und andere zusehen und eine der wettstreitenden Seiten unterstützen. “Sport” ist eine dieser Institutionen, die einige menschliche Gruppen haben und auf die andere verzichten können.
Offensichtlich gilt dasselbe für “Religion”. Aber wenn es so etwas nicht gibt, warum weiter darüber reden? Warum wollen (anderweitig) intelligente Forscher diesen Begriff verwenden?
[Anm. des Übers: Neben Unwissenheit und Faulheit nennt Boyer folgenden Grund:]
Ein recht hinterhältiger, aus wissenschaftlicher Sicht, ist ideologische Motivation. Die Behauptung, dass “Religion” nicht nur eine bestimmte Institution von bestimmten Zeiten und Orten ist, sondern eine stabile Eigenschaft der Menschheit, kann eine normative Aussage sein, die impliziert, dass alle (oder alle voll entwickelten) menschlichen politischen Ordnungen religiöse Institutionen haben sollten, dass der Zustand der meisten Stammesgesellschaften in dieser Hinsicht irgendwie abnormal oder primitiv sei.
Das ist nicht nur eine Fantasie von mir. Für religiöse Institutionen ist es offensichtlich wichtig, zu behaupten, dass es so etwas wie “Religion” gibt (welche diese Institutionen zu ihrem wirtschaftlichen Nutzen erklären, verwalten, etc.). Wenn Sie das nicht akzeptieren, dann gibt es keinen Grund für die soziale Rolle dieser Institutionen oder, fürwahr, ihre Existenz. Dies könnte erklären, warum religiöse Apologie ausnahmslos in die Disziplin der “Religionsforschung” (an Orten, wo sie existiert) eindringt, egal, wie heroisch die Bemühungen von ernsthaften Akademikern sind, wahre Forschung gegen diese heimtückische Invasion zu verteidigen (siehe die Bücher von Don Wiebe).
Was ist zu tun?
Wir müssen uns an einer besonders sensiblen rhetorischen Übung beteiligen und aufzeigen, dass die Kognitionswissenschaften und die Evolutionsbiologie viel zu sagen haben darüber, was die Leute normalerweise “Religion” nennen, und wir müssen die Leute sanft zu der Realisierung führen, dass “Religion”, wie Äther und Phlogiston, auf den Aschehaufen der Wissenschaftsgeschichte gehört.
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Mein Fazit
So weit Pascal Boyer. Die Neuen Atheisten können sich freuen, denn die Religion ist dekonstruiert worden; jetzt teilt sie Gottes Schicksal. Der Kaiser ist nackt. Wir sollten nun dazu übergehen, konkrete Praktiken (z.B. Steinigung) und Ideen (z.B. belohnter Märtyrertod) und Institutionen (z.B. die katholische Kirche) zu kritisieren und davon wegkommen, gläubige und ungläubige Menschen gegeneinander auszuspielen oder uns etwas darauf einzubilden, dass wir nicht “religiös” wären, sondern “aufgeklärt”.
(Danke an Rolf Degen für den Hinweis auf Boyers Artikel!)








