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Woher wissen wir, was wir wissen?

30 Jan

Normalerweise habe ich stets einen spontanen Kommentar auf Lager für so ziemlich jedes Thema, aber die Zuschriften, die der Astronom Florian Freistetter von ernsthaft besorgten Bürgern erhalten hat, die sich vor dem Ende der Welt im Jahre 2012 fürchten – haben mir die Sprache für ein paar Stunden verschlagen.

Ich denke im Gegensatz zu Florian nicht, dass ein Mangel an Wissen das zentrale Problem ist, das solche Panikausbrüche auslöst, sondern, vorher noch, ein Mangel an Philosophie.

“Ich bin Mutter von 4 Kindern und wie Sie sich sicherlich vorstellen können, habe ich unwahrscheinliche Angst. Ich kann meine Kinder nicht beschützen, wenn wirklich so etwas eintrifft, wovon viele überzeugt sind. Was soll man denn nun glauben, ich bin so verunsichert und möchte das alles gar nicht wirklich wahrhaben.”

Als Internet-Geschädigter habe ich vor allem mit übelgesinnten Gestalten aller Art Bekanntschaft gemacht, die allzu oft etwas anderes sagten, als sie meinten, aber hier haben wir es endlich mal mit jemanden zu tun, der unmittelbar meint, was er sagt. Uneingeschränkt darüber freuen kann mich leider nicht, denn offenbar ist hier ein wohlmeinendes Individuum sehr verwirrten oder sehr gewissenlosen Individuen auf den Leim gegangen ist.

Florian meint, dass Unwissenheit das zentrale Problem sei, mit dem wir es hier zu tun hätten:

Die Angst entsteht durch Unwissenheit; sie entsteht, weil man dem Geplapper der Weltuntergangspropheten und der Hysterie der Medien ungeschützt ausgeliefert ist und nicht einordnen kann, ob das was dort gesagt wird Unsinn ist oder nicht.

Das Problem besteht also darin, die verschiedenen Informationen richtig einordnen zu können. Versteht man unter “Wissen” so viel wie “richtige Information”, ist es gut, wenn man die hat, aber noch wichtiger ist die Fähigkeit, allgemein richtige von falschen Informationen unterscheiden zu können. Ich möchte also die “philosophische Hälfte” zu Florians hervorragendem Artikel beisteuern.

Was tut man, wenn man eine Behauptung hört, von der man nicht weiß, ob sie richtig ist? Woher wissen wir überhaupt irgendetwas?

1. Es gibt keine absolute Sicherheit. Wir können uns nie 100%ig sicher sein über irgendetwas, inklusive unserer eigenen Existenz in der Form, in der sie uns erscheint (als Homo sapiens). Vielleicht ist unser subjektiver Eindruck, wir und die Welt um uns herum würden existieren, inklusive Zukunft und Vergangenheit, nur das Resultat von einer Simulation in einem Gehirn oder etwas ähnlichem, welches für eine Millisekunde im Universum aufgetaucht ist und sofort wieder verschwindet. Unwahrscheinlich? Warum sollte die Existenz von Milliarden Galaxien und mannigfaltigen Varianten von bewusstem Leben wahrscheinlicher sein? Aus pragmatischen Gründen kann man diese Möglichkeit aber ignorieren.

2. Wir benötigen eine gute Methode, um herauszufinden, was – so weit wir das sagen können – wahr ist und was nicht. Die Bedingungen, die eine solche Methode erfüllen muss, sind:

a) Erfolg der Vorhersagen. Eine Methode ist gut, wenn die Vorhersagen, die man mit ihrer Anwendung machen kann, eintreffen. Aus meiner persönlichen Erfahrung (Methode) schlussfolgere ich, dass morgen früh die Sonne aufgehen wird. Wenn sie das tut, spricht das für die Methode der persönlichen Erfahrung.

b) Eine konvergierende Anhäufung konsistenter Ergebnisse. Eine Methode ist gut, wenn man mit ihr zu immer mehr Ergebnissen gelangen kann, die zueinander passen. Die wissenschaftliche Methode hat die Theorie der Evolution durch natürliche Selektion hervorgebracht, welche durch Ergebnisse aus verschiedenen Forschungsbereichen – Geologie, Chemie, Genetik – immer wieder bestätigt worden ist. Die wissenschaftliche Methode führt also zu einer konvergierenden Anhäufung konsistenter Ergebnisse – alle relevanten Fakten stützen zum Beispiel die Evolutionstheorie.

Die besten Methoden liste ich im folgenden hierarchisch nach ihrer Qualität auf:

3. Die verlässlichsten Methoden

a) Die Methode der Vernunft

Der größte, vollständigste und konsistenteste Erfolg laut den beiden Kriterien für gute Methoden sind durch Logik und Mathematik erzielt worden. Wenn eine Behauptung von Logik oder Mathematik bezweifelt wird, gelangen Logiker und Mathematiker zu der solidesten und am weitesten verbreiteten Einigung im Vergleich zu anderen Methoden. Wir selbst können logisch-mathematische Behauptungen in der Regel gleich prüfen. Die einzigen Behauptungen von Logik und Mathematik betreffen die Bedeutung von Konzepten und sie können darum alle in unseren Gehirnen getestet werden. Wie viel sind 12 Flaschen Cola + 14 Flaschen Cola?

b) Die wissenschaftliche Methode

Die wissenschaftliche Methode befasst sich mit Erscheinungen außerhalb unserer Gehirne. Unter den alten Griechen gab es Philosophen, die sogenannten “Rationalisten”, die alleine auf die Methode der Vernunft gesetzt haben, sowie die “Empiristen”, die sich rein auf Erfahrung konzentrierten.

Ich denke, man sollte beides kombinieren, aber ich räume der Empirie höheres Gewicht für die Erkenntnis der objektiven Realität außerhalb unserer Köpfe ein, als der Logik – nicht, weil die Logik weniger verlässlich wäre, sondern weil einfache Schlussfolgerungsketten (A = C, C = B, ergo: A = B) die komplexe Realität nicht erfassen können. Wir neigen dazu, viele wichtige Informationen zu übersehen, weshalb unsere Annahmen falsch sein könnten. Vielleicht ist in der Praxis A tatsächlich ungleich B, weil sich am Ende herausstellt, dass C ungleich B ist? Zuerst muss man alle relevanten Belege sammeln, dann setzt die Logik ein, um sie zu einem koheränten Ganzen zusammenzubauen.

Die wissenschaftliche Methode verlässt sich darum auf ein ganzes Netz unterschiedlicher Versuche und Beobachtungen aus unterschiedlichen Perspektiven, die alle eine bestimmte Hypothese prüfen sollen. Anfangs sahen die Belege für die Evolutionstheore noch nicht so umfassend aus, wie heute. Charles Darwin kannte einige Fossilien und er kannte viele Arten, die zu seiner Zeit lebten, aber er wusste zum Beispiel nichts von Genetik. Heute bestätigen Erkenntnisse der unterschiedlichsten Forschungsbereiche die Evolutionstheorie.

c) Die Methode der Erfahrung

Persönliche Erfahrung ist eine gute Richtlinie, aber die Wissenschaft ist besser, denn sie entspricht den persönlichen Erfahrungen von vielen, die penibel aufgeschrieben, gesammelt, wiederholt geprüft und bestätigt werden.

d) Die historische Methode

Die historisch-kritische Methode leidet darunter, dass sie sich auf nicht wiederholbare, vergangene Ereignisse bezieht. Man kann keine Experimente machen, um zu überprüfen, ob die Hermannsschlacht wirklich stattgefunden hat. Als Historiker muss man lernen, verlässliche Quellen von weniger verlässlichen zu unterscheiden und aus Einzelfakten ein überzeugendes Gesamtbild zusammenzubauen, das mit allem kompatibel ist und das alles sinnvoll erklärt, was wir über ein historisches Ereignis wissen.

e) Die Methode der Expertenaussage

Ein Experte muss wirklich ein Experte in dem Fachgebiet sein, das für die zu überprüfende Aussage relevant ist, oder wenigstens in einem eng verwandten Fachgebiet. Zum Beispiel ist Literaturgeschichte unter anderem ein Teilgebiet von Geschichte, also ist es nicht unwahrscheinlich, dass man von einem Literaturwissenschaftler auch korrekte historische Fakten hören wird. Ebenso ist Zoologie ein Teilgebiet der Biologie und ein Zoologe wird in der Regel allgemeine biologische Fragen beantworten können. Es gibt natürlich auch Laien, die sich in einem Gebiet selbst das Wissen angeeignet haben, und deren Verlässlichkeit kann man als Laie daran bemessen, was Experten mit entsprechender Qualifikation (Doktortitel, langjährige Berufserfahrung, etc.) von diesem Laien halten.

Ein Theologe ist zum Beispiel kein Experte, was die Frage angeht, ob Gott existiert. Er ist ein Experte in dem Gebiet, welches sich damit befasst, was Theologen über Gott schreiben. Ein Theologe weiß, was berühmte Theologen über Gott und sein Verhältnis zum Menschen geschrieben haben, aber nicht, ob Gott existiert.

Individuelle Experten, insbesondere wenn sie eine andere Meinung vertreten als die Mehrheit der anderen Experten in ihrem Fachgebiet, können sich irren. Einem Experten sollte man weniger trauen als seiner eigenen Erfahrung, der Wissenschaft und Logik.

f) Die Methode der plausiblen Folgerung

Es ist vernünftig, den ungetesteten, aber logischen Resultaten von validen inferenziellen Generalisierungen von unvollständigen Fakten zu vertrauen. Der metaphysische Naturalismus ist zum Beispiel das Resultat einer plausiblen Folgerung. Nicht alle seiner Implikationen wurden empirisch getestet, zum Beispiel wissen wir noch nicht alles über das menschliche Gehirn und seine Funktionsweise. Aber der Naturalismus, die Annahme, dass außer der natürlichen Welt nichts existiert, ist vereinbar mit allen uns bekannten Fakten und so lange keine unvereinbaren Fakten hinzukommen, ist es vernünftig, davon auszugehen, dass die Welt natürlichen Gesetzen folgt.

Mit anderen Worten: Alle uns bekannten Phänomene können entweder bereits natürlich erklärt werden, oder sie werden höchstwahrscheinlich irgendwann natürlich erklärbar sein, was wir aus der Tatsache folgern, dass alle uns bekannten Phänomene historisch stets erfolgreich natürlich erklärt worden sind und es immer ein Fehler gewesen ist, eine übernatürliche oder außerempirische Erklärung zu bevorzugen. Jedesmal haben sich übernatürliche Erklärungen als falsch erwiesen und natürliche als richtig.

g) Die Methode des bloßen Glaubens

Mit der Methode des bloßen Glaubens akzeptiert man einfach, was Tradition, Hörensagen, Wunschdenken oder bloße Spekulation behaupten. Diese Aussagen können wahr sein oder auch falsch. Stünde uns nur die Methode des bloßen Glaubens zur Verfügung, könnten wir niemals auch nur annähernd wissen, ob irgendeine Aussage wahr oder falsch ist.

Allerdings sollten wir uns darüber im Klaren sein, dass wir alle in der Praxis meistens bloß glauben. Kinder haben keine andere Wahl, als ihren Eltern weitgehend zu vertrauen. Skeptiker weisen immer wieder auf die Überlegenheit der hier genannten Methoden hin, aber das heißt noch lange nicht, dass sie sie selber überall anwenden würden.

Wer kann schon von sich behaupten, dass er in allen Wissensbereichen die notwendigen kritischen Methoden angewendet hat? Ich habe das zunächst vor allem in Bezug auf Religion und die Gottesfrage getan, dann in Hinblick auf Biologie und Psychologie, jetzt bin ich zu Politik und Ökonomie übergegangen. Aber es gibt viele Dinge, von denen ich gar nichts verstehe. Darum gebe ich dazu auch keine Kommentare ab. Immerhin habe ich mich mit öffentlichen Äußerungen über Politik eher zurückgehalten, als ich noch keine große Ahnung davon hatte. Wer meint, man könnte einfach Richard Dawkins mit allem vertrauen, nur weil er viel Ahnung hat von Biologie, der irrt sich.

Fazit

Ich habe große Angst vor dem Jahr 2012, da man ja so viele verschiedene Theorien hört.. Ich bin vor kurzem Mama geworden und möchte auch noch Oma werden!

Es gab historisch immer wieder Weltuntergangsapostel, ob nun religiös oder ideologisch oder sonstwie motiviert. Jedes Jahr kommen neue Behauptungen hinzu, dass an einem bestimmten Datum die Welt untergehen soll. Sie hatten niemals recht.

Wer sich unbedingt Sorgen machen will, kann sich näher informieren über die wissenschaftlich begründbaren Weltuntergangsszenarien (Roter Riese, Vulkanausbrüche, Meteoriten, etc.). Am besten ist es aber, einfach sein Leben zu leben und wenn es vorbei ist, dann ist es eben vorbei. Gegen den Weltuntergang können wir in der Regel sowieso nichts unternehmen und die übrigen Szenarien können wir Experten überlassen (z.B. Wie kann man Meteoriten abwehren? Wie kann man gegebenenfalls gegen Vulkanausbrüche vorsorgen? Wie kann man sinnvoll auf die globale Erwärmung reagieren?). Aktuell ist uns kein unmittelbar oder an einem bestimmten Zeitpunkt drohender Weltuntergang bekannt.

Das Gesetz des drohenden Weltuntergangs

Wenn irgendjemand – außer der Mehrheit der Experten im betroffenen Gebiet mit Unmengen von Belegen in ihrem Gepäck – behauptet, dass an einem bestimmten Datum die Welt untergehen wird, dann ist er ein paranoider Idiot oder ein skrupelloser Halsabschneider, der unsere Aufmerksamkeit nicht verdient hat.

Literatur

Richard Carrier: Sense & Goodness Without God

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1 Kommentar

Geschrieben von - 30. Januar 2011 in Philosophie, Wissenschaft

 

Eine Antwort zu Woher wissen wir, was wir wissen?

 
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