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Mutter Courage und ihre Kommunisten

26 Jan

Das Schlechte an Bertolt Brecht war, dass er ein so guter Dramatiker gewesen ist. Seine manchmal recht subtile, immer geschickte kommunistische Propaganda konnte und kann so ihre Wirkung besser entfalten.

“Mutter Courage und ihre Kinder” spielt im 30-jährigen Krieg (1618-48) und Brecht benutzt diese historische Vorlage, um die angebliche Sinnlosigkeit des Krieges an sich aufzuzeigen.

Es geht um die titelgebende “Mutter Courage”, eine fliegende Händlerin, die mit ihrer Tochter und ihren zwei Söhnen durch die Schauplätze des Krieges in Deutschland und in angrenzenden Gebieten fährt und dort ihre Produkte feilpreist. Sie ist (laut Brecht) eine kapitalistische Kriegsprofiteurin, die für einen guten Handel sogar das Leben ihrer Kinder aufs Spiel setzt und schließlich ihre Kinder verliert. Ihre behinderte Tochter, die nicht sprechen kann und angeblich intellektuell minderbemittelt ist, repräsentiert die letzte Bastion der Moral in diesem sozialdarwinistischen Szenario und lässt somit die Herzen von Rousseaus Anhängern höher schlagen.

Brecht lässt seine Mutter Courage oft humaner handeln, als man das von einer bösen Kapitalistin erwarten würde. Man gewinnt den Eindruck, dass sie beizeiten kaum eine Alternative hat, als sich um ihr Auskommen zu sorgen, selbst wenn das Leben eines ihrer Kinder gefährdet ist – ansonsten müsste sie womöglich selbst verhungern, zusammen mit ihren übrigen Kindern. Gegen Ende muss sie sich entweder für ihre behinderte Tochter entscheiden oder für ein bequemeres Leben an der Seite ihres Freundes in seinem Wirtshaus, und sie entscheidet sich für die Tochter.

Das erinnert mich an die Darstellung von Joseph Süß Oppenheimer im Nazi-Propagandastreifen “Jud Süß”. Kapitalisten / Juden sind zwar böse, aber man muss ihnen ein menschliches Gesicht verleihen, damit der Zuschauer sich nicht indoktriniert vorkommt und nicht bemerkt, wie er manipuliert wird. Allerdings hat damals die linke Zeitung “Neues Deutschland” Mutter Courage als einen humanistischen Engel interpretiert, also ist Brecht offenbar zu weit gegangen mit dem menschlichen Gesicht. Man erkennt das Böse kaum noch. Das rettet das Stück zwar nicht, aber es erhöht seine Qualität.

Manipuliert werden sollten wir ja schon. Brecht verwies selbst auf die Aussage seiner “Mutter Courage”:

Was eine Aufführung von “Mutter Courage und ihre Kinder” hauptsächlich zeigen soll

Dass die großen Geschäfte in den Kriegen nicht von den kleinen Leuten gemacht werden. Daß der Krieg, der eine Fortführung der Geschäfte mit andern Mitteln ist, die menschlichen Tugenden tödlich macht, auch für ihre Besitzer. Daß für die Bekämpfung des Krieges kein Opfer zu groß ist.” (GBA 25, 177).

Als Botschaft an die Deutschen in Bezug auf den Zweiten Weltkrieg kann man das noch halbwegs verstehen. Die Nazis haben die deutschen Bürger an den Profiten ihres Raubzuges durch Europa und an der Enteignung der Juden reichlich beteiligt, um sie auf diese Art zu kaufen. Aber ein Volk entschließt sich ja nicht einfach so für einen Raubzug. Wir könnten auch heute Polen überfallen und die Juden enteignen. Tun wir aber nicht.

Für Brecht ist Krieg einfach der “Kapitalismus”, die “Geschäfte mit andern Mitteln”. War auch der Krieg von Seiten der Alliierten nur ein Geschäft mit andern Mitteln? Für die Bekämpfung “des Krieges” soll kein Mittel zu hoch sein – gilt das etwa für alle Kriege, auch für den gegen Hitler? Wenn Brecht nicht zwischen dem 30-jährigen Krieg und dem zweiten Weltkrieg unterscheiden kann und überall nur kapitalistische Motive wittert, könnte man es vermuten.

Krieg ist schlecht und der Kapitalismus ist schuld

Als der Wagen der Courage 1949 auf die deutsche Bühne rollte, erklärte das Stück die immensen Verwüstungen, die der Hitlerkrieg angerichtet hatte. [...] Die große Menge ist nicht für Krieg. Aber es gibt so viele Mühsale. Könnten sie nicht durch einen neuen Krieg beseitigt werden? Hat man nicht doch ganz gut verdient im letzten, jedenfalls bis knapp vor dem Ende? Gibt es nicht doch auch glückliche Kriege? Der Stückeschreiber fragt sich, wie viele der Zuschauer von “Mutter Courage und ihre Kinder” die Warnung des Stücks heute verstehen. (GBA 24, 271-4)

Brecht stellte mehrmals fest, dass er nicht glaubte, dass die Menschen seine Offenbarung verstanden hätten. Ihre tiefgründige Analyse von Krieg und Frieden ist für Linke auf die Feststellung beschränkt, dass Krieg schlecht sei und dass kapitalistische Machthaber daran schuld wären. Ja, das verstehe ich auch nicht, wie man als erwachsener Mensch auf so eine simplistische Idee kommen kann.

Schrecklicherweise ist die Warnung des Stücks heute nicht überholt, denn nur der spezielle Krieg, vor dem es einst warnte, ist vorbei, aber neue scheinen heraufzuziehen. (GBA 24, 274)

Brecht war der Ansicht, dass alle Kriege durch Profitgier ausgelöst werden und dass alle demnach ethisch verwerflich sind. So etwas als jemand zu schreiben, der dank des Kriegseinsatzes der Briten und Amerikaner wieder in seine Heimat zurückkehren konnte, ist schon eine Leistung. Nein, wir sollten nicht alle Kriege ablehnen – Befreiungskriege sollten wir befürworten, insofern sie in der konkreten Situation ein angemessenes Mittel sind, um Diktaturen loszuwerden.

Die Welt ist kompliziert, und auch der Krieg

Die Komplexität der Thematik wird von Brecht nicht einmal ansatzweise erfasst. Es geht eben nicht nur um Profit. Meistens geht es überhaupt nicht um Profit, sondern laut dem Kriegshistoriker Victor Davis Hanson sind Kriege so gut wie nie das Resultat einer rationalen Kosten-Nutzen-Abwägung, sondern sie wurden meist ausgelöst durch „Wahrnehmungen von Ehre, Furcht, Eigeninteresse“, es ging um „irrationale Motivationen“, zum Beispiel, dass man jemandem etwas beweisen müsse, um die „Ehre“ des Stammes, die „Größe“ der eigenen Nation, die Überlegenheit des eigenen Glaubens.

Das ist nicht so bei demokratischen Nationen – eine historisch neue Erfindung. Demokratien führen keine Kriege gegeneinander – die Bürger sehen durchaus, dass sie vom friedlichen Handel mehr profitieren -, sie führen ausschließlich Kriege gegen Diktaturen. So lautet eines der Ergebnisse des Politologen und Demozidforschers R.J. Rummel. Und so war es auch während des zweiten Weltkriegs. Demokratien führen Kriege aus guten Gründen, nämlich um die Gefahren abzuwenden, die von Diktaturen ausgehen oder von Nationen, die auf dem Weg sind, sich zu einer Diktatur zu entwickeln (wie Nicaragua unter den Sandinisten). Dabei können sie falsche Entscheidungen treffen, aber das ist die Regel.

Im Herzen des Marxisten schlägt der Nihilismus

Eine “Kapitalisten sind an allem schuld”-Auffassung ist eine derart faule Analyse, dass sich die Betroffenen Nihilismus vorwerfen lassen müssen. Sie wollen eigentlich gar nicht wissen, was die Welt im Innersten zusammenhält, weil sie die Welt viel zu sehr hassen dafür. Sie wollen einfach nur “das System” zerstören, am liebsten die ganze Welt.

Die eigentliche Haltung der “Mutter Courage” zeigt sich im “Lied von Salomon, Julius Cäsar und andere große Geister”, das der Koch singt. “Denn die Tugenden zahln sich nicht aus, nur die Schlechtigkeiten, so ist die Welt und müßt nicht so sein!”

Im Kommunismus wäre “die Welt”, also der Mensch, ganz anders. Das glaubte jedenfalls Brecht. Da wäre der Mensch tugendhaft, nicht so eigennützig. Wie es mit dem Himmel auf Erden so ist, hat er bislang immer stets der Hölle verdächtig ähnlich gesehen. Links zu sein ist eben der Wunsch nach ewiger Kindheit, wo alle wohlbehütet sind und alle sind superlieb zueinander. Doch wenn Sandkastenrowdies die Welt regieren, wird man sehr bald eingebuddelt.

Wer ein literarisches Werk über den 30-jährigen Krieg lesen möchte, sollte es besser mit “Der Abentheuerliche Simplicissimus Teutsch” versuchen. Das ist christlich motiviert und insofern zumindest weniger krank als Brechts kommunistische Fantasien.

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Geschrieben von - 26. Januar 2011 in Bücher, Literaturwissenschaft, Politik

 

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