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Ethischer Realismus: Das FAQ

25 Dez

Ein Ex-Muslim, der eine türkische religionskritische Webseite betreibt, hat mir geschrieben und einige Einwände gegen den ethischen Realismus vorgebracht, den ich seit einer Weile vertrete. Ich nehme dies zum Anlass, auf die häufigsten Einwände hier einzugehen.

1.) Es gibt keine Werte unabhängig vom Menschen.

So ist es. Der ethische Realismus bietet nicht in dem Sinne objektive Werte, als wären sie platonische Ideen. Es gibt keine Ethik unabhängig vom Menschen – aber es gibt eine Ethik, die sich aus der menschlichen Natur ableiten lässt und die man intersubjektiv nachvollziehen kann.

“Ich behaupte gewiss nicht, dass moralische Wahrheiten unabhängig von der Erfahrung bewusster Lebewesen existieren, oder dass bestimmte Handlungen intrinsisch falsch sind. Ich sage lediglich, dass, angesichts der Tatsache, dass wir Fakten herausfinden können – reale Fakten – darüber wie bewusste Wesen das großtmögliche Leid und das großtmögliche Wohlbefinden erfahren können, es objektiv wahr ist zu sagen, dass es wahre und falsche Antworten auf moralische Fragen gibt, ob wir die nun immer in der Praxis beantworten können oder nicht.”

Quelle: The Moral Landscape (Sam Harris)

“Wie Technologien für den Getreideanbau gibt es mehr als eine Art, es zu tun, aber es gibt bessere und schlechtere Möglichkeiten, vielleicht sogar eine beste Möglichkeit, und dies ist je nach den Bedingungen unterschiedlich, aber in jedem Fall ist es die Natur des Universums selbst, welche dies festlegt, nicht die Meinungen von Menschen. Dass eine gute Ethik-Technologie besser zur Sicherung des menschlichen Glücks geeignet ist, als eine schlechte, ist eine Tatsache, die von meinen Ansichten, Gefühlen oder Wünschen, oder denen von irgendwem sonst, unabhängig ist.

Also ist die Ziel-Theorie ein objektives und nicht ein subjektives ethisches System, auch wenn es vollständig von der Natur bewusster Existenz abgeleitet ist; also existiert Ethik nicht unabhängig von der Existenz bewusster Wesen. Obwohl es auf einem essenziell subjektiven menschlichen Verlangen beruht, beruht es auf einem universellen; also ist es objektiv in einem relativen, anstelle eines absoluten Sinnes.“

Quelle: Ethik für alle (Richard Carrier)

“Ein glückliches Leben zu führen, das ist ein universelles menschliches Verlangen, also eines, das bei jedem Menschen von Natur aus eingebaut ist. Das Verlangen nach und somit der Wert der Glücklichkeit ist in Bezug auf den Menschen (= relativ) folglich objektiv gegeben. Darum ist eine Ethik, die auf dem Streben nach Glücklichkeit beruht, objektiv.”

Quelle: Ebenda, Andreas Müller

2.) Der naturalistische Fehlschluss: Man kann nicht vom Sein aufs Sollen folgern.

Sam Harris: Das größtmögliche Leid für alle

(Wie man von „Sein“ zu „Sollen“ gelangt 1.0)

Fakt #1: Es gibt Verhaltensweisen, Intentionen, kulturelle Praktiken, etc., die potenziell zum größtmöglichen Leid für alle führen. Es gibt auch Verhaltensweisen, Intentionen, kulturelle Praktiken, etc., die das nicht tun und die, tatsächlich, bei vielen bewussten Wesen Zustände des Wohlbefindens herbeiführen und zwar bis zu dem Grade, wie Wohlbefinden in diesem Universum möglich ist.

Fakt #2: Während es in der Praxis oftmals schwierig sein mag, so kann man prinzipiell zwischen diesen beiden Mengen unterscheiden.

Fakt #3: Unsere „Werte“ sind Wege, über diese Domäne der Möglichkeiten nachzudenken. Wenn wir Freiheit, Privatsphäre, Würde, Redefreiheit, Ehrlichkeit, gute Umgangsformen, das Recht auf Privatbesitz, etc. schätzen – dann schätzen wir diese Dinge nur insoweit sie Teil des zweiten Faktorenbündels sind, das zu dem Wohlbefinden (von jemandem) beiträgt.

Fakt #4: Werte sind also (explizite oder implizite) Urteile darüber, wie das Universum funktioniert und sie sind selbst Fakten über das Universum (d.h. Zustände des menschlichen Gehirns). (Religiöse Werte, die sich auf den Willen Gottes oder das Gesetz des Karma konzentrieren, sind keine Ausnahme: Der Grund, Gottes Willen oder das Gesetz des Karma zu respektieren, liegt darin, das größtmögliche Leid für viele, die meisten oder sogar alle bewussten Wesen zu vermeiden).

Fakt #5: Es ist möglich, verwirrt darüber zu sein oder sich darüber zu irren, wie das Universum funktioniert. Es ist darum möglich, die falschen Werte zu haben (d.h. Werte, die sich in Richtung des größtmöglichen Leids für alle bewegen, anstelle davon hinweg).

Fakt #6: Angesichts dessen, dass das Wohlbefinden von Menschen und Tieren auf Zuständen der Welt und Zuständen ihrer Gehirne beruhen muss und die Wissenschaft unsere systematischsten Mittel repräsentiert, um diese Zustände zu verstehen, kann uns die Wissenschaft potenziell dabei helfen, das größtmögliche Leid für alle zu vermeiden.

Fakt #7: Insofern unsere untergeordneten Werte in Konflikt miteinander stehen können – z.B. individuelle Rechte vs. kollektive Sicherheit, das Recht auf Privatsphäre vs. Meinungsfreiheit – wäre es vielleicht möglich zu entscheiden, welche Prioritäten am vollständigsten das größtmögliche Leid für viele, die meisten oder sogar für alle bewussten Wesen vermeiden können. Die Wissenschaft kann also im Prinzip (wenn auch nicht immer in der Praxis) unsere untergeordneten Werte bestimmen und bevorzugen (z.B. sollten wie „Ehre“ wertschätzen? Falls das so ist, dann wann und wie sehr?).

Fakt #8: Man kann vernünftigerweise nicht fragen: „Aber warum ist das größtmögliche Leid für alle schlecht?“ –denn falls das größtmögliche Leid für alle nicht schlecht ist, dann ist das Wort „schlecht“ bedeutungslos. (Das wäre so, als würde man fragen: „Aber warum ist ein perfekter Kreis rund?“ Die Frage kann gestellt werden, aber sie drückt nur Verwirrung aus, keine verständliche Grundlage für skeptischen Zweifel.) Ebenso kann man nicht fragen: „Aber warum sollten wir das größtmögliche Leid für alle vermeiden?“ – Denn falls der Begriff „sollten“ überhaupt irgendeine Verwendungsmöglichkeit besitzt, dann besteht sie darin, uns vom größtmöglichen Leid für alle wegzudrängen.

Fakt #9: Man kann also „Sollen“ von „Sein“ ableiten: Denn falls es eine Verhaltensweise, Intention, kulturelle Praxis, etc. gibt, die wahrscheinlich das größtmögliche Leid für alle hervorbringt, dann sollte man diese nicht annehmen. (Alle geringfügigeren ethischen Erwägungen und Verpflichtungen folgen daraus).

Quelle: How can you derive an ought from an is?

3.) Wissenschaft dreht sich um Fakten, nicht um Normen

a) Was auch über die Maximierung des Wohlbefindens von bewussten Wesen gesagt werden kann – und dies ist das einzige […] was wir vernünftigerweise schätzen können – muss sich ab einem bestimmten Punkt in Fakten über Gehirne und ihre Interaktion mit der Welt als Ganzes übersetzen lassen.

b) Bereits in der Idee von „objektivem Wissen“ (also Wissen, das durch ehrliche Beobachtung und Schlussfolgerung erzielt wurde) stecken Werte, da jeder Versuch, den wir unternehmen, über Fakten zu sprechen, von Prinzipien abhängt, die wir erst bewerten müssen (zum Beispiel logische Konsistenz, Verlassen auf Belege, Unparteilichkeit, etc.).

c) Ansichten über Fakten und über Werte scheinen von ähnlichen Prozessen auf der Ebene des Gehirns zu resultieren: Wie es aussieht, haben wir ein gemeinsames System für die Bewertung von Wahrheit und Falschheit in beiden Bereichen.“

Quelle: The Moral Landscape

4.) Man kann Glück oder Wohlbefinden nicht messen

Man fragt die Menschen: “Wie zufrieden oder unzufrieden sind Sie zur Zeit, alles in allem, mit Ihrem Leben insgesamt?”

Kreuzen Sie auf einer Skala von “1″ für “unzufrieden” bist “10″ für “zufrieden” das Treffenste an.

Glückliche Lebensjahre = (Lebenserwartung bei Geburt) x (Glücklichkeitswert / 10)

Bei Tieren überprüft man, ob sie gesund und artgerecht leben, ob ihre Grundbedürfnisse (Essen, Trinken, etc.) erfüllt sind.

Quelle: Eine Wissenschaft des Glücks

5.) Es gibt keine “realistische” Ethik, die man aus der Realität ableiten könnte.

„Ebenso handelt es sich um eine realistische Theorie, da ethische Thesen reale Fakten über Menschen und das Universum beschreiben, welche durch objektive empirische Forschung entdeckt werden können. Ich akzeptiere nicht den Strohman von Simon Blackburn über einen „Realismus“ [...], der angeblich voraussetzt, dass Werte außerhalb des Menschen existieren müssten. Der objektive Realismus erfordert dies nicht.

Er setzt nur voraus, dass Werte unabhängig von menschlichen Meinungen und Ansichten existieren. Werte sind Beziehungsmuster zwischen unserer Glücklichkeit und tatsächlichen oder potenziellen Dingen, Handlungen und Konsequenzen im Universum; Muster, deren Erkenntnis wir üben müssen, genau wie wir üben müssen, um die komplexen Noten eines Musikstücks zu erkennen.“

Quelle: Ethik für alle (Richard Carrier)

6.) Man kann nicht zu “realistischen” Werten gelangen.

“Du solltest Wert x teilen” = „Es sollte dich nach x verlangen, weil es deine Aussicht auf wahre, anhaltende Glücklichkeit verbessern wird.“

Kardinalwert: Wahre, anhaltende Glücklichkeit.

Abgeleitete Sekundärwerte:

„Strebe nach Integrität in dir selbst und nach Mitgefühl für alle“.

Quelle: Ethik für alle (Richard Carrier)

7.) Warum sollte ich der realistischen Ethik folgen und nicht einfach Böses tun?

Aus Eigennutz. Du schadest dir selbst, wenn du nicht dein wahres Glück anstrebst:

a) Du machst dir jeden zum Gegner, die Menschen verlieren Respekt und Vertrauen dir gegenüber oder sie behandeln dich so, wie du sie behandelst und du wirst das Opfer

b) Mit unethischem Verhalten kannst du alles zerstören; von deinen Freundschaften bis zu deiner Gesundheit

c) Du erhältst nur vorrübergehende und augenblickliche Vorteile

d) Du wirst in Angst leben, alleine und ungeliebt

e) Wenn du geliebt wirst, dann nur für die Maske, die du trägst, was nicht befriedigend ist

f) Du lebst in chronischem Zorn, in Enttäuschung; du hast Schwierigkeiten, Depressionen oder du leidest unter Paranoia

g) Du ersetzt wahres Glück durch Luxusgüter, durch Ablenkungen und Machtdemonstrationen. Und du wirst niemals genug von ihnen bekommen.

h) Du wirst dich selbst hassen.

Quelle: Ethik für alle (Richard Carrier)

8.) Werte und ethische Ge-/Verbote als solche sind keine Teile der empirisch wahrnehmbaren Welt.

Für Materialisten ist alles ein Teil der empirischen Realität. Auch Konstruktionen unserer Gehirne. In diesem Fall sind wir von Natur aus darauf programmiert, an unserem eigenen Wohlbefinden interessiert zu sein. Das ist eine empirische Tatsache. Es handelt sich nicht um einen willkürlichen Glauben.

Wir sind in dem gleichen Sinne an unserem Wohlbefinden interessiert, wie wir Füße haben, wie wir nach einer Weile ohne Nahrung hungrig werden, wie wir Schallwellen wahrnehmen können. Wir mögen uns noch so lange einreden, dass wir nicht an unserem Wohlbefinden interessiert wären, sondern zum Beispiel an Gottes Willen, es stimmt trotzdem nicht. Am Ende sind alle bewussten Lebewesen an ihrem Wohlbefinden interessiert , egal, was sie sich vormachen und wie sehr sie sich darüber irren, was ihrem Wohlbefinden dienlich ist.

Andreas Müller

 
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Geschrieben von - 25. Dezember 2010 in Empirische Psychologie, Philosophie, Soziobiologie

 

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