
Ist einfach alles relativ? (http://nicodoc3.blogspot.com/2010/11/12-november-michele-palmira-on.html)
Ich hatte gerade eine dieser ärgerlichen Diskussionen mit jemandem, der meint, ich wäre ein “Spießer” und wie überhaupt meine “geänderte Weltanschauung” mit meiner Arbeit als Humanist vereinbar wäre. Wenigstens war das eine schöne Abwechslung für ihn, dass er sich mal ein anderes Ziel sucht als immer nur Israel. Es ist schon grandios, was für Gestalten meinen, sie würden den Humanismus repräsentieren.
Dann sehen wir mal, was Humanismus ist und warum ich ein Humanist bin.
Was ist Humanismus?
Laut Richard Carrier ist es jede Philosophie, die sich an zwei grundlegenden Doktrinen orientiert:
1. Dass der Fortschritt und das Wohl aller Menschen das höchste Gut ist.
2. Dass nur säkulare Lösungen, um dieses Ziel zu erreichen, glaubwürdig sind, keine übernatürlichen.
Das ist genau das, was ich denke.
Wie erreicht man die Ziele des Humanismus?
Nun gibt es unter Humanisten Meinungsverschiedenheiten darüber, wie genau man Fortschritt und Wohl möglichst aller Menschen erreichen kann. Ich orientiere mich bei Logik und Empirie, um zu einer Lösung zu gelangen. Meine aktuelle Lösung lautet – und natürlich könnte ich mich irren –, dass man alle Länder in liberale Demokratien umwandeln sollte, weil diese erfahrungsgemäß, historisch wie gegenwärtig, am besten von allen bekannten Systemen dazu in der Lage sind, Fortschritt und Wohl aller Menschen zu ermöglichen.
Das ist ein Ergebnis der empirischen Politikwissenschaften, ursprünglich von R.J. Rummel herausgefunden, und seitdem wurde es zum einzigen “empirischen Gesetz der internationalen Beziehungen” erklärt. Das Gesetz bestätigt Kants These vom “ewigen Frieden”, laut der es erst dann Weltfrieden geben wird, sobald alle Staaten Republiken (liberale Demokratien) sind.
Ich sehe nur einen denkbaren Grund, warum das nicht funktionieren sollte, nämlich falls irgendwelche Völker von Natur aus zur Demokratie unfähig sein sollten, weil sie irgendwie zu blöde dafür sind. Das wäre zwar denkbar, aber wie die meisten denkbaren Szenarien, halte ich das für Unsinn. Gewisse Kulturrelativisten, die sich selber als repräsentative Stellvertreter des “Humanismus” ansehen, sind da anderer Meinung und finden, dass es “uns nichts angeht”, wenn anderswo Menschen willkürlich gefoltert und ermordet werden, weil die eben anders sind als wir. Offenbar gibt es also Menschen, die von Natur aus so gemacht sind, dass sie es genießen, gefoltert und ermordet zu werden.
Nun steht die Frage im Raum, wie genau man dieses Ziel der Demokratisierung erreichen kann. Im Weg stehen Diktaturen und die Systeme, die sie stützen. Ich denke – und R.J. Rummel denkt das auch – das man Krieg als Option gegen Diktaturen nicht ausschließen sollte, weil sie erfahrungsgemäß auf nichts hören, als auch Gewalt und auf die Androhung von Gewalt. Dies ist historisch meines Erachtens hinreichend aufgezeigt worden.
Spontan könnte man an das Appeasement gegenüber Hitler denken, und was dies gebracht haben soll, ebenso an das Appeasement gegenüber Saddam Hussein und die Zögerung, ihn nach dem zweiten Golfkrieg gleich abzusetzen, anstatt ihn noch zehn Jahre wüten zu lassen. Man überlege sich ferner, dass über 100 Millionen Menschenleben hätten gerettet werden können, hätte man sofort nach der Oktoberrevolution die kommunistischen Bolschewiken mit einem militärischen Eingriff abgesetzt. Ebenso kann man sich überlegen, wie sinnvoll es war, gegen den Vietnam-Krieg zu demonstrieren, wenn dies zu der Ermordung von einer Millionen Menschen durch die Roten Khmer und durch die kommunistischen Nordvietnamesen geführt hat.
Ich bin überzeugt, dass humanitäre Interventionen unzählige Menschenleben retten können. Ich sehe nicht, wie man nach Ruanda und Bosnien noch anderer Meinung sein kann. Oder nach überhaupt irgendeinem Demozid, bei dem nicht oder zu spät militärisch eingegriffen wurde. Bei allen, mit anderen Worten.
Nun ist es für kurze Zeit bequemer, nicht in Darfur und co. einzugreifen, aber auf Dauer gefährdet dies unsere eigene Sicherheit – das sage ich für diejenigen, die für den Isolationismus argumentieren. Zum Beispiel hat man es jahrzehntelang Israel überlassen, die palästinensischen Terroristen zu bekämpfen, und erst jetzt wacht man allmählich auf und merkt, dass die israelischen Politiker recht hatten mit ihren Hinweisen, dass die Islamisten nicht nur Juden hassen, sondern das gesamte freiheitliche Lebensmodell. Und dass auch wir in ihren Augen Feinde sind.
Der Unterschied zwischen mir und vielen anderen Humanisten besteht mit Sicherheit in der Konsequenz. Aus den humanistischen Prämissen folgen Handlungsanweisungen. Indem sie sich äußerst schlechten Argumenten und Ausreden bedienen, versuchen sich viele herauszureden. Ich nehme den Humanismus ernst und sage, was getan werden muss. Diktaturen zerstören. Demokratien und somit Menschenrechte etablieren.
Ein Unterschied besteht auf jeden Fall auch in den Prioritäten. Für mich ist es die höchste Priorität, möglichst viele Menschenleben zu retten und möglichst vielen Menschen in möglichst kurzer Zeit zu Fortschritt und Wohl zu verhelfen. Das effektivste (und meiner Einschätzung nach einzig effektive) Mittel dafür ist ein gewaltsamer Umsturz der bestehenden (Un-)Ordnung in Form von allen Tyranneien weltweit. Zugleich muss man natürlich überlegen, wie man das am geschicktesten anstellt. Einfach alle zugleich anzugreifen erscheint äußerst ungeschickt. Ich bin Konsequenzialist, also jemand, der nur an den Folgen von Handlungen interessiert ist (und ich unterstelle anderen Philosophien, das sie das eigentlich auch sind). Die Folgen von einem spontanen Angriff auf alle Diktaturen wären offensichtlich nicht wünschenswert.
Wie R.J. Rummel und andere Humanisten, die sich verdächtig selten in Deutschland aufhalten, war ich sogar konsequent genug, die beiden verhasstesten US-Präsidenten in “humanistischen” Gefielden zu meinen Favoriten zu erklären: Ronald Reagan und George W. Bush. Nicht, weil ich es toll finde, dass sie evangelikal sind oder waren, sondern weil sie das Konzept des demokratischen Friedens unterstützt haben. Reagan ist einiges zu verdanken, weil er den Zusammenbruch des größten Mörderregimes und der größten Bedrohung des Westens, die es jemals gegeben hat, erheblich beschleunigte, was insgesamt unzählige Menschenleben gerettet hat, selbst wenn man diejenigen abzieht, die er zu diesem Zweck geopfert hat. Vielleicht stimmt das auch nicht, aber das ist meine aktuelle Einschätzung der Lage. George W. Bush hat die Taliban bekämpft, eine der schlimmsten Mörderbanden, die es jemals gegeben hat, und auch Saddam Hussein, ein Tyrann der ersten Sorte.
Eine verdächtig große Anzahl von “Humanisten” scheint das für ethisch verwerflich zu halten. Ich sehe nicht, inwiefern dies auf humanistischer Grundlage verwerflich sein sollte. Aber ich sehe, warum das Gegenteil, nämlich weiterhin nichts tun, unzählige Menschenleben gefährden würde.
Mein letzter konsequenter Schritt war die Unterstützung der Neocons, die sich in allem einig sind, was ich gerade erklärt habe. Ihr Ziel ist die Verbreitung von Demokratien, was sie allerdings nicht als hinreichenden Kriegsgrund ansehen. Hinreichend wäre nur eine ernsthafte Bedrohung der eigenen Sicherheit und die Intervention zur Verhinderung eines Genozids (oder Demozids). Ich bin nicht mit jedem Neocon mit allem einer Meinung, aber ich teile die eben erwähnten Grundlagen dieser Philosophie.
Dagegen ist eigentlich nichts zu sagen, finde ich, aber das Problem besteht auch darin, dass die Neocons das Ziel von einem hohen Maß an Paranoia und Verschwörungstheorien waren. Es ist für ihre Gegner enorm praktisch, dass die bekanntesten Neocons Juden sind, und denen hat man ja noch nie getraut, erst recht nicht die Person, mit der ich gerade eine Auseinandersetzung hatte, und die nichts besseres zu tun hat, als die Unterstützer von Terroristen als vertrauenswürdige Quelle anzuführen, aber lassen wir das.
Nihilismus – Fluch unserer Zeit
Das bringt mich zu meiner – und nicht nur meiner – persönlichen Erfahrung, dass vielleicht doch etwas dran ist an der Behauptung, dass erschreckend viele “Atheisten” keine Moral haben, oder jedenfalls nicht viel davon. Nach dem tausendsten Individuum, das sich offiziell dem Humanismus verschreibt und gleichzeitig die schrecklichsten Positionen vertritt und mir vorwirft, sie nicht auch zu vertreten, wird man irgendwann hellhörig. Von Christen habe ich auch schon schreckliche Dinge gehört, aber selbst von dem einen Fundi, der sich den Weltuntergang herbeisehnt, noch keine ganz so schrecklichen Dinge, wie zum Beispiel, dass es als “Selbstverteidigung” gerechtfertigt wäre, jüdische Kinder in kleine Teile zu sprengen. Wobei es sicherlich auch Christen gibt, die das so sehen. Immerhin geht der europäische Antisemitismus auf ihr Konto. Nur sollte man als Atheist da nicht auch noch mitmachen.
Ich würde die Unterscheidung treffen, dass dies nicht so sehr für reflektierte Atheisten gilt, die aus philosophischen Gründen zu ihrer Position gelangt sind, wie für jene, die einfach in den Unglauben hineingeboren wurden. Denn jemand, der sein Gehirn benutzt, kann nicht solche abartigen Ansichten vertreten, wie die Atheisten, die einem ethischen Relativismus anhängen, und die mir schon seit Wochen auf die Nerven gehen und die Frechheit besitzen, mich überall anzuschwärzen (es interessiert übrigens wirklich niemanden, was ihr sagt).
Und diejenigen, die in den Atheismus hineingeboren wurden und dem ethischen Relativismus zum Opfer gefallen sind, tun dies darum, weil er die gesellschaftlich vorherrschende Position ist und natürlich nicht darum, weil Atheisten irgendwie böse sind. Das Argument lautet vielmehr, dass diejenigen, die irgendeine philosophisch oder religiös begründete Moral haben, wenigstens nicht so einfach dem Nihilismus auf den Leim gehen.
Wenn ihr nun meint, dass ich mal wieder nichts besseres zu tun habe, als die eigene Seite anzuschwärzen, dann 1. grüßt euer Vorbild Josef Stalin von mir und 2. lest folgende Fußnote aus “The Moral Landscape” von Sam Harris:
In Anbetracht meiner Erfahrung als Religionskritiker muss ich sagen, dass es recht beunruhigend gewesen ist, die Karikatur des übergebildeten, atheistischen moralischen Nihilisten regelmäßig in meinem Maileingang und als Kommentator unter meinen Blogbeiträgen zu finden. Ich hoffe aufrichtig, dass Leute wie Rick Warren nicht darauf achtgegeben haben. (S. 198)
Mit anderen Worten: Es gibt da ein echtes Problem.
Dieser Typ, mit dem ich mich gestritten habe, meinte zum Beispiel, dass das Ehebruch-Portal, das die Kirchen anprangern, ethisch völlig unproblematisch wäre und dass uns dies sowieso nichts angehen würde. Nun, es wird die Kirchen freuen, so etwas von Atheisten zu hören. Philosophisch gesinnte Menschen werden vielleicht in Erwägung ziehen, dass es bei diesem Online-Portal darum geht, seine Partnerin heimlich zu betrügen (> Vertragsbruch für Kontraktualisten, Interessenskonflikt für Vertreter von Singers Interessensethik).
Ich soll nun ein “Spießer” sein, weil ich das nicht richtig finde. Ehrlich gesagt ist mir überhaupt keine Moralphilosophie bekannt, die das richtig findet. Man fragt sich, was solche Leute eigentlich ihrer Partnerin erzählen – oder nicht erzählen? “Hey, ich hatte gerade Sex mit zwei anderen Frauen und wenn dir das nicht passt, Schatz, bist du voll die Spießerin!”. Ist das wirklich progressiv oder eher degenerativ?
Offenbar geht dieser Einfallspinsel davon aus, dass so das Ergebnis einer aufgeklärten Sexualmoral aussehen würde. Man sollte vielleicht einbeziehen, dass selbst Modelle wie offene Partnerschaften und freie Liebe voraussetzen, dass sich die Partner absprechen (!) und dass sie sich nicht einfach so heimlich betrügen. Genau das ist aber der Sinn dieses Ehebruch-Portals.
Bin ich jetzt ein Spießer und kein Humanist mehr, weil ich es für falsch halte, wenn jemand seinen Partner ohne Rücksprache einfach betrügt und dass es dafür sogar ein Online-Portal gibt? Darf ich den Kirchen wirklich niemals recht geben, selbst nicht in diesem Fall? Was ist eigentlich, wenn die Kirchen sagen, dass man nicht willkürlich irgendwen bestehlen oder ermorden soll (was sie ja auch sagen), darf ich mit den Kirchen auch dann nicht übereinstimmen, nur weil es die Kirchen sind, die das sagen?
Früher mag so ziemlich alles schlechter gewesen sein, aber eine Ausnahme gibt es vielleicht doch: Man hätte jemanden, der so etwas behauptet, ethisch dafür verurteilt. Was heute ein moderner, “aufgeklärter Humanist” sein will (aber bestimmt nicht ist!), wäre damals einfach ein gottverdammtes, rücksichtsloses Arschloch gewesen.
Literatur
Persönlich bin ich in der Tat insofern “konservativ”, als ich nicht glaube, dass eine Partnerschaft funktioniert, wenn man sich gegenseitig betrügt, selbst wenn man sich abspricht. Aber wenn das ein Paar einvernehmlich so handhaben will, ist das natürlich ihre Sache. Schließlich bin ich ein liberaler “Konservativer”. Die Leute werden schon selber merken, dass ihre theoretischen Modelle den Realitätstest nicht bestehen. Wenn sie es nicht merken und sich wundern, warum ihnen immerzu die Frauen weglaufen, ist das nicht mein Problem (“Aber ich habe doch angekündigt, dass ich dich heute betrügen werde, Schatz!”). Statistisch betrachtet gibt es solche Partnerschaften jedenfalls kaum, was vielleicht doch etwas über die menschliche Natur aussagen könnte und mit welchen Modellen wir friedlich zusammenleben können und mit welchen eher nicht. Damit verteidige ich übrigens nicht die traditionelle Ehe, sondern jede Partnerschaft, ob nun für zwei Tage oder für ein ganzes Leben.
Vom Ehekäfig zum Intimnetzwerk?
Ein Essay von MSS zum Thema. Der liberalen Haltung stimme ich zu, allerdings werden diese kinderarmen bis kinderlosen Beziehungsmodelle gewiss nicht das demografische Problem in Deutschland lösen. Wenn niemand mehr in diesem Land lebt, dann wird sich niemand mehr an freier Liebe erfreuen können. Es ist ganz einfach: Keine Menschen > keine freie Liebe. Darum finde ich, der Staat sollte die Produktion und Aufzucht von Kindern fördern. Und zwar unabhängig von demjenigen, der sie aufziehen möchte. Wenn ein homosexuelles Paar sich eine Leihmutter besorgen und Kinder adoptieren und großziehen will, sollte der Staat das ebenso fördern wie Kinder innerhalb der traditionellen Familie. Der Staat sollte also konkret Kinder fördern, nicht ein bestimmtes Modell, wie man sie aufziehen könnte.
Eine weitere Anmerkung: “Haremsbildung” gibt es kulturübergreifend fast nur in der Form von einem Mann, der mehrere Frauen hat – ein Modell, das in der islamischen Welt zur massenhaften Versklavung und Unterdrückung von Frauen geführt hat und zu zahlreichen weiteren zerstörerischen Effekten. Dafür gibt es wissenschaftliche Belege:
Kinder, Frauen und die Gesellschaft leiden unter Polygamie
Wir sollten nicht das Modell von reaktionären Gesellschaften wie den fundamentalistischen Mormonen und Muslimen befürworten. Ich finde, wir sollten in diesem Fall eine Ausnahme von der liberalen Haltung machen und Polygamie sollte verboten bleiben. Nur weil es Polygamie anderswo gibt, ist das noch lange nicht gut so. Wer das anders sieht, sollte sich Saudi Arabien mal aus der Nähe ansehen oder die Kinderbräute der fundamentalistischen Mormonen. Bei aller Liberalität: Es gibt auch so etwas wie Menschenrechte und Wege, wie man sie erhalten und Wege, wie man sie gefährden kann.









Andy
16. November 2010 at 03:30
Nichts für ungut, aber bis zu dem Teil mit dem “Fremdgehen per Absprache” hätte ich den Text unterschrieben. Dass das nur einem Bruchteil der Menschen überhaupt gelingt, ist klar. Das liegt aber meiner Erfahrung nach hauptsächlich an der Erziehung, die wiederum mehrheitlich religiöse Motive bzw. Ursprünge hatte. Ich kann nur dazu sagen, dass das funktioniert. Allerdings muss man dazu auch erstmal ein gewisses Alter und somit Lebenserfahrung auf dem Buckel haben, um ehrlich und direkt genug zu sein, und zwar von Anfang an! Man sollte die Frauen nämlich nicht unterschätzen: Eine betrogene Frau ist eine belogene Frau. Eine, der man von Anfang an reinen Wein einschenkt, lässt oft weit tiefer in ihre Einstellungen blicken als erwartet.
Schönen Tag noch
Julian
16. November 2010 at 06:02
Zur Oktoberevolution: Also die Bolschewisten gleich nach der Machtübernahme angreifen…Soweit ich weiß lief zu der Zeit noch der erste Weltkrieg und es war damals denke ich mal kaum abzusehen wie das mal alles enden wird und zweitens gabs dann bald in Russland einen Bürgerkrieg. Wurden die Gegner der Bolschewisten nicht durch den Westen unterstützt?
Ingo Bading
16. November 2010 at 11:47
Die deutschen Truppen hätten 1917/18 mit Leichtigkeit dem bolschewistischen Spuk in Moskau und Leningrad ein Ende machen können. So viel ich mich erinnere, ist das auch von Militärs wie Ludendorff gefordert worden.
Aber das wäre dann wohl doch zu sehr Politik im Sinne des Humanismus gewesen.
Daß der Westen die “Weißen” in Rußland zwar unterstützte – aber immer nur halbherzig, wird auch daran liegen, daß man Furcht vor einem Rückfall in die Monarchie hatte. (Und das wäre natürlich – aus linksdemokratischer Sicht – vieeel, viel schlimmer als Bolschewismus gewesen …) In Rußland war eine breite bürgerliche Mitte, die ein demokratisches Gemeinswesen tragen würde, damals gar nicht vorhanden. Zweifel, ob dies heute vorhanden ist, sind wohl berechtigt nach all den unbestraften Morden an den hervorragendsten Repräsentanten einer solchen demokratischen, bürgerlichen Mitte.
Und auch in westlichen Ländern wird eine breite, kritisch-demokratische Mitte allmählich im Orwell’schen Sinne durch willfährige, verdummte Massen ersetzt. (Sie werden nicht körperlich, sondern psychisch ermordet – eins wie das andere.)
Man kann Länder nicht einfach “demokratisieren”, so wie sich das Herr Müller offenbar vorstellt. Gerade Rußland ist dafür ein gutes Beispiel. Der demokratische Gedanke muß in den Herzen der Menschen zuvor Fuß gefaßt haben. Und diese müssen in umfangreichem Maße fähig sein zur “cheater detection”. Sonst breiten sich Scheindemokratien aus wie Seuchen. “Brave new world-Demokratien”.
caruslav
16. November 2010 at 14:33
soweit mir das ganze bekannt ist, haben die deutschen die revolution in russland unterstützt. die hatten gar kein interesse daran, die bolschwewisten zu stürzen, weil durch die innenpolitischen unruhen ein weiterer kriegsgegner ausgeschaltet wurde.
deutschland selbst hat ja lenin in den zug nach russland gesetzt.
außerdem hatten die anderen kriegsteilnehmer andere probleme, als einen unterentwickelten agrarstaat vor dem abrutsch in den kommunismus zu bewahren…
folgsam
16. November 2010 at 15:11
Ob der Zar es geschafft hätte das unterentwickelten Bauern- und Klerikerreich in einen modernen Industriestaat zu verwandeln, kann man sich auch fragen.
Von daher war der “Abrutsch in den Kommunismus” im Vergleich zu den vorher herrschenden Verhältnissen nicht das schlechteste.
Fakt ist, dass es kein Mensch mehr ausgehalten hat und man gut daran getan hat, den Tyrannen an die Wand zu stellen. Warum man das gleiche nicht sofort danach mit Stalin gemacht hat weiß ich nicht, ich finds aber bedauernswert.
Ingo Bading
16. November 2010 at 15:49
Die Deutschen haben Lenin kaum unterstützt. Das war im wesentlichen Parvus Helphand, wie man Darstellungen zu dessen Biographie (auch verfilmt) nachlesen kann. Der hat die deutschen Diplomaten (Brockdorf-Rantzau) grenzenlos doof übers Ohr gehauen. Andererseits erhofften mit der Sozialdemokratie sypmathisierende deutsche Diplomaten auch einen Linksruck in Deutschland DURCH die Reovlution in Rußland.
Klar, die deutschen Militärs wünschten ein Ende des 2-Fronten-Krieges, dazu war ihnen alles recht. Daß Parvus Helphand und Konsorten noch ganz andere Ziele mit der Entsendung Lenins verfolgten, hat ihnen natürlich niemand gesagt.
- Im übrigen: Ein Übergang in die Industriegesellschaft, die mit 100 Millionen Leichen gepflastert ist, ist durch nichts zu rechtfertigen. Da wäre es tausend mal besser gewesen, wenn Rußland ein Agrarstaat und Entwicklungsland geblieben wäre. Dann könnte der Putin heute auch nicht so viel Mist bauen, von seinen Vorgängern ganz abgesehen.
Julian
16. November 2010 at 12:29
Ja klar, und was hätten die deutschen Truppen in Russland 1917/1918 gemacht? Preußisch-wilhelminischer Imperialismus?? Keine Demokratisierung. Als wenn die Deutschen damals sich um die Freiheit der Russen geschert hätten.
Ingo Bading
16. November 2010 at 13:35
Sag ich ja auch. Sie hätten irgendein konservativ bis monarchisches Regime gefördert. Sagen wir: Nichts wirklich Gutes. Aber wahrscheinlich auch nichts – im Vergleich – wirklich Schlechtes.
Und etwas anderes wäre noch zu beachten: Der Nationalsozialismus ist in vielem bloß eine Reaktion, eine Antwort auf die Verbrechen des Bolschewismus gewesen und um ähnliche rätedemokratische (sowjet-demokratische) Verhältnisse in Deutschland zu verhindern.
Also möglicherweise wäre auch der dadurch verhindert worden.
Julian
16. November 2010 at 14:18
Also dein Geschichtsbild ist ja zutiefst reaktionär und falsch, den Nazi-Terror als bloße Reaktion auf die Bolschewisten. Der Historiker Enzo Traverso widerlegt diesen Mythos:
Moderne und Gewalt. Eine europäische Genealogie des Nazi-Terrors
Die schlimmsten Verbrechen der Stalinisten geschahen übrigens nach 1933.
Außerdem eine rätedemokratische SU wäre ja was ziemlich andres gewesen, sowas wäre ja im Prinzip das Gegenteil von Parteidiktatur gewesen. Aber der Rätekommunismus a la Anton Pannekoek war ja nicht die Sache der Leninisten/Stalinisten.
Ingo Bading
16. November 2010 at 15:54
Muß ich darauf antworten? Wohl nicht. Ich sagte “in vielem”. Und das kann man nicht bezweifeln. In Deutschland hat man schon 1917/18, dann 1919 – etwa durch die Kriege im Baltikum – sehr viel von den russischen Greueln mitbekommen.
Dagegen noch zu argumentieren, entspringt kann nur noch einem ideologisch verzerrten Blickwinkel entspringen.
Daß dadurch die Verbrechen des NS auch nur in IRGENDEINER Weise “entschuldigt” wären, sagt auch niemand.
GEnauso wenig wie die Verbrechen Churchills und Stalins in Reaktion auf deutsche Verbrechen durch die deutschen Verbrechen in IRGENDEINER WEise gerechtfertigt werden.
Bei so einem platten, primitiven Denken, das aber üblich geworden ist in unserer Scheindemokratie, mache ICH nicht mit.
Julian
16. November 2010 at 16:04
Die ganze Ideologie des NS war aber schon lange vor dem ersten Weltkrieg da, gerade was den Antisemitismus angeht, in vielem eine bloße Reaktion auf ist einfach falsch. Platt ist das keineswegs du kannst ja Traverso lesen und sein Buch halte ich doch für ziemlich seriös.
Ingo Bading
19. November 2010 at 17:52
Richtig, die Ideologie des NS, vor allem ihr Antisemitismus, war schon vor dem Ersten Weltkrieg da. Aber daß diese Ideologie nach dem Ersten Weltkrieg so viel Zulauf bekommen hat, das geschah deshalb, weil man ja in Rußland sah, wie all die “weichen” und halbherzigen Demokraten und Sozialdemokraten eingeknickt sind vor den Bolschewisten. Weil man sah, glaubte zu sehen: Dem Bolschewismus muß man eine “härtere” Ideologie entgegensetzen, sonst rennt er uns über den Haufen. (Oder so ähnlich.)
Kadina
16. November 2010 at 17:14
Moral orientiert sich an Werten.
Werte sind immer Konstruktie zugunsten derjenigen, die grade wo oder wann die Macht haben.
Humanismus ist mit Sicherheit nicht erstrebenswert – zumindest nicht nach den hier vorliegenden Definitionen. Denn es wird nur der Mensch gesehen – nicht andere Lebewesen auf diesen Planeten.
Der Mensch ist aber m.E. nicht die Krone der Schöpfung, sondern evulotionstechnisch ganz unten angesiedelt, so wie er sich benimmt.
Thomas
16. November 2010 at 18:30
Humanismus ist sicherlich nicht die global in der Politik vorherrschende Moral, sonst würden die westlichen Industrienationen mehr unternehmen, um die Entwicklungsländer zu fördern. Kulturrelativismus als auch Neoliberalismus scheinen hier ausschlaggebende Ideologien zu sein.
Der Kern des Humanismus ist zwar das Wohl des Menschen, das schließt Tier- und Umweltschutz aber nicht a priori aus. Im evolutionären Humanismus wird der Mensch als soziales Tier definiert. Tierschutz und Tierrechte sind unter Berücksichtigung der Bewusstseinskapazität von nicht-menschlichen Tieren erstrebenswert. Auch dass ein gewisses Maß an Umweltschutz für alle Spezies der Erde überlebenswichtig ist, wird kein Humanist bestreiten.
Nach Richard Dawkins ist Evolution die nicht-zufällige umweltbedingte Selektion zufälliger vererbter Merkmale. Relevant ist das Überleben der Gene, nicht aber Freud und Leid. Von der Populationsgröße her betrachtet scheint die Menschheit evolutionär momentan durchaus erfolgreich zu sein.
Ingo Bading
16. November 2010 at 20:49
Fast alle bisherigen Gesellschaften der Menschheitsgeschichte waren religiöse Gesellschaften, die versuchten, Antworten auf die Fragen zu geben, warum es Menschen überhaupt gibt. Und warum es diese Welt gibt.
All diese Antworten wurden zwischenzeitlich “entzaubert”.
Aber wie will man Moralfragen beantworten, so lange man auf diese grundlegenden Fragen keine irgendwie konsensbildenden Antworten gegeben hat?
Wenn dieses Leben sinnlos ist und daraus dann – mehr oder weniger zwangsläufig – gefolgert wird, daß nur noch persönliches Glücksstreben “Sinn” macht, dann einigt man sich bestenfalls auf eine Minimalmoral.
Daß eine solche hedonistische Minimalmoral ganz offensichtlich nicht ausreicht, um fortgeschrittene Gesellschaften demographisch stabil zu halten, läßt deutlich werden, daß eben doch die Frage beantwortet werden muß: Warum Menschen?
Thomas
17. November 2010 at 13:27
Es gibt hier keinen Konsens, weil die Menschen psychisch nicht gefestigt genug sind, um die wahre Erklärung für unser Dasein (=zielfreie Abiogenese und Evolution) zu akzeptieren. In der wissenschaftlichen Welt ist diese Erklärung längst konsens, nur eben nicht bei den Meinungsführern der Gesellschaft.
Das Leben ist objektiv sinnfrei, also müssen wir es mit subjektivem Sinn füllen. Die Idee, dass Freude gut ist und Leid schlecht, ist für nahezu alle Menschen intersubjektiv nachvollziehbar. Eltern wollen zudem ihren Kindern den gleichen oder einen höheren Lebensstandard ermöglichen. Daraus kann man eine realistische Ethik ableiten, die darauf abziehlt, allgemein Freude zu maximieren, Leid zu minimieren und den Planeten zu erhalten. Für meine Begriffe gibt es keinen vernünftigen Grund, empfindsame, semi-bewusste Tiere dabei auszuschließen.
Ein vernünftiger, intersubjektiv nachvollziehbarer Lebenssinn ist für meine Begriffe, zu versuchen, die Welt zu einem lebenswerteren, lebensfreundlicheren Ort zu machen für alle, die wir in unsere Ethik miteinschließen.
apoth
16. November 2010 at 20:38
1.
Ich finde die militärische Abschaffung einer Diktatur zur Erschaffung einer Demokratie ist nur Symptombekämpfung. Wenn sich in einem Land eine Diktatur entwickelt hat , jemand dann diese gewaltsam abschafft und den Urzustand wiederherstellt würde rein theoretisch wieder dasselbe passieren. Man sollte eher das Volk soweit bilden, dass es solche Diktatoren nicht zulassen würde. Eine Stabilisierung des Landes ist dafür zwar wahrscheinlich nötig, aber nicht alleiniges Mittel.
2.
Bei den alten Azteken galt es als große Ehre, als Menschenopfer auserwählt zu sein. Was hält derautor denn davon? Machen lassen oder unterdrücken?
derautor
16. November 2010 at 20:44
2. Unterdrücken natürlich!
Ingo Bading
19. November 2010 at 17:57
Karlheinz Deschner “Der Moloch”.
Ich stolpere gerade über dieses Buch von Karlheinz Deschner, das doch viele Sympathisanten hat (siehe etwa Amazon). Und da ich hier über Suchfunktion nichts dazu finde, möchte ich fragen:
Gibt es eigentlich Leser dieses Blogs – oder hat sich der Autor dieses Blogs von diesem Buch schon in irgendeiner Weise – in zustimmendem oder ablehnendem Sinne – davon inspirieren lassen?
Könnte doch eine Diskussiongrundlage bilden für diverse Erörterungen hier auf dem Blog … – ?
Julian
19. November 2010 at 20:02
Ich habe das Buch auch gelesen und mir hat es gefallen, aber was ich an dieser Ausgabe nicht verstehe: wo ist das Quellenverzeichnis? Hat der Verlag das nur “vergessen” zu drucken? Die Kriminalgeschichte hat ja dagegen ein ellenlanges Literaturverzeichnis.