
Wo ist Waldo? Demonstranten stellen wichtige Fragen und fordern das Establishment heraus (http://www.ebaumsworld.com/pictures/view/80966674)
Die Schüler, Studenten, Rentner und Arbeitslosen, die ihre freie Zeit mit Demonstrationen gegen Stuttgart 21 verbringen, haben einen Sonderzug spendiert bekommen, um damit medienwirksam nach Berlin kutschiert zu werden. Hätten sie stattdessen in Nordkorea oder Syrien gegen ein staatliches Bauprojekt demonstriert, hätte man sie mindestens verprügelt und eingesperrt, vielleicht erschossen.
Warum interessieren sich Demonstranten kein bisschen für die wahren Verbrechen dieser Welt und fokussieren sich stattdessen auf banalen Schwachsinn wie umstrittene Bahnhöfe? Es liegt unter anderem an Moynihans Gesetz:
“Die Menge an Verstößen gegen Menschenrechte in einem Land ist umgekehrt proportional zu der Menge an Beschwerden über Menschenrechtsverstöße, die man von dort hört. Je größer die Menge an Beschwerden ist, die öffentlich geäußert werden, desto besser sind Menschenrechte in diesem Land geschützt.”

Nieder mit dieser Art von Zeug! Recht hat der Mann (http://www.ebaumsworld.com/pictures/view/80966674)
In der Politik hat die Empirie keinen Platz, dort herrscht Ideologie. Darum ist der Demokratische Friede, das einzige empirische Gesetz internationaler Beziehungen, in der Öffentlichkeit relativ unbekannt und darum ist auch Moynihans Gesetz unbekannt. Dabei ist es von großer Bedeutung.
Der Wikipedia-Eintrag über Moynihans Gesetz wurde gelöscht. Aber auch ohne Wikipedia ist leicht herauszufinden, dass das Gesetz von Daniel Patrick Moynihan stammt, einem Soziologen und amerikanischen Politiker, der eine Mixtur aus liberalen und konservativen Positionen vertrat.
Mein Lieblingskommentator Mark Humphreys hat diesen Beitrag über Moynihans Gesetz geschrieben:
Das Gesetz besagt folgendes: Nehmen wir an, auf einem Planeten gibt es freie Gesellschaften, die geringfügige Verbrechen verüben, und unfreie Gesellschaften, die große Verbrechen verüben. Welche werden häufiger kritisiert? Die Antwort, vielleicht überraschend, lautet: Die freien Gesellschaften.
Warum ist das so?

Auch die Anhänger Cthulhus nutzen ihr Demonstrationsrecht (http://www.ebaumsworld.com/pictures/view/80966674)
Erklärung
Die unfreie Gesellschaft erlaubt keine Selbstkritik. Die freie Gesellschaft erlaubt Selbstkritik und Kritik von ausländischen unfreien Gesellschaften. Aber die Leute schreiben über das, was sie wissen und sie interessieren sich für Leute, die so sind, wie sie. Also wird um eine Größenordnung mehr über ihre eigene Gesellschaft geschrieben als über ausländische unfreie Gesellschaften.
Die Tötung von einem Dutzend Demonstranten in einer ausländischen unfreien Gesellschaft mag einmal einen Absatz wert sein. Die Tötung von einem Dutzend Demonstranten in einer freien Gesellschaft würde die Nachrichten und Analysen für Monate komplett dominieren und man würde jahrelang oft darüber berichten, sogar Jahrzehnte danach. Dies ist so aus einer Reihe an guten Gründen. Ich weise lediglich darauf hin, dass die Berichterstattung nicht gleich ist.
Gewiss ist die Tötung von Demonstranten in einer freien Gesellschaft ein seltenes Ereignis. Aber selbst geringfügige Verbrechen – wie Bestechung oder das Parlament belügen – können die Nachrichten für Monate dominieren. Während tatsächliche Massaker in ausländischen unfreien Gesellschaften einen Platz in “Kurzes aus aller Welt” finden könnten.
Ich weise lediglich auf das Offensichtliche hin, nämlich das geringfügige Verbrechen (Bestechung, Bereicherung, das Parlament belügen) in der freien Welt normalerweise mehr Zoll an Druckspalten einnehmen als Kapitalverbrechen (staatliche Unterdrückung, Folter, Exekutionen) in der unfreien Welt. Es gibt gute Gründe, warum das so ist. Aber es ist eine Tatsache, dass es so ist. Das Ergebnis ist, dass in der freien Presse die Zoll an Druckspalten, die der Kritik von freien Gesellschaften gewidmet sind, erheblich umfangreicher sein werden als die Zoll an Druckspalten, die der Kritik von unfreien Gesellschaften gewidmet sind.
Die Gesellschaften, die am häufigsten kritisiert werden, sind laut Definition diejenigen, die sich am besten benehmen. Was haben diese Gesellschaften getan, um für Kritik auserwählt zu werden? Sie waren nicht gewissenlos genug. Wenn sie gewissenlos, brutal und unfrei wären, dann würden sie nicht so stark kritisiert werden. Es ist aufgrund der Geringfügigkeit ihrer Verbrechen, dass sie öfter kritisiert werden.
Und so haben wir nun eine ganze Generation an Journalisten und Polemikern wie Robert Fisk und John Pilger, die beinahe ausschließlich über die Verbrechen der am wenigsten kriminellen Gesellschaften schreiben.
Die Folge
Was ist letztlich die Auswirkung dieser Ungleichheit auf die Menschen?
In einer unfreien Gesellschaft druckt das Regime (mit Freuden) die Kritiken der freien Gesellschaften an sich selbst. Keine Kritik an den unfreien Gesellschaften wird gedruckt. Viele Menschen in der unfreien Gesellschaft wissen nichts anderes und könnten sogar zu der Schlussfolgerung gelangen, dass die freie Gesellschaft fehlerhafter ist als ihre eigene. Zum Beispiel werden im arabischen Mittleren Osten vor allem Israel und Amerika kritisiert, anstatt die eigenen Gesellschaften, die erheblich fehlerhafter sind.
Und in der freien Gesellschaft lesen naive junge Menschen die Kritiken der freien Gesellschaft und lesen nicht die (kleinen) Kritiken von (uninteressanten) ausländischen unfreien Gesellschaften. Auch sie könnten sogar zu der Schlussfolgerung gelangen, dass die freien Gesellschaften die schlimmsten Gesellschaften sind. Und so sehen wir tausend Demonstrationszüge und Proteste gegen Amerika, Israel und England im Westen, während ich mich persönlich an keinen einzigen großen Protest gegen die Sowjetunion, China, Irak, Nordkorea, Nordvietnam, Serbien, den Sudan oder irgendeinen wahren Schurkenstaat der Geschichte erinnern kann.
Ebenso habe ich in meinem Leben eine endlose Reihe an Postern, Bannern, Graffitis und Karikaturen gesehen, die freie Länder wie Amerika, Israel und England mit Nazi-Deutschland vergleichen und ihre Führer mit Hitler. Ich bin mir nicht sicher, ob ich das jemals über ein unfreies Land gesehen habe.
Laut Definition sind die Länder, gegen welche die Menschen demonstrieren, die besten Länder. Sie werden auf diese Weise missbraucht, weil sie nicht rücksichtslos genug sind. Wären sie tatsächlich imperialistisch und Massenmörder (wie die Sowjetunion), würde niemand gegen sie demonstrieren.
Quelle des Beitrags: Mark Humphreys
Quelle der Fotos: eBaumsWorld










matthias
26. Oktober 2010 at 21:29
So, ich hab zu deinem anderen Eintrag was zum Thema geschrieben, jetzt darf ich hier (mangels Ansatzpunkte für echte Kritik) auch mal n bisschen klugscheissen
:
Weil du das auch extra so betonst:
Die Länder, gegen die die meisten Menschen demonstrieren, sind nicht laut Definition die besten. Definiert sind die besten Länder immer noch über die große Zahl an Freiheiten (o.ä.). Daraus folgt sofort, dass gegen diese auch am meisten demonstriert wird. Dass mit der Definition von Begriffen schlampig umgegangen wird um die eigene Behauptung zu belegen, ist in anderem Zusammenhang eine leider weit verbreitete Unsitte (“Gott ist für mich einfach die Summe alles jemals Existierenden” => Gott ist toll, unsterblich, existiert…)
Auch Moynihans Gesetz ist grauenvoll, was die Verwendung von mathematischen Begriffen betrifft. Eine Menge ist niemals die Umkehrfunktion einer anderen Menge. Das macht gar keinen Sinn. Gemeint ist wohl eher, dass die eine Anzahl indirekt proportional zur anderen ist.
Du hast nie ne Mathe-Vorlesung besucht, oder?
derautor
26. Oktober 2010 at 21:38
Das passiert eben, wenn man zu viel Zeit der Aufklärung opfert. Man macht Leichtsinnsfehler. Kursiv ist im Original. Mit dem Gesetz stimmt grundsätzlich alles und ich habe keine Ahnung, was du mit dem zweiten Absatz sagen willst.
Sim
27. Oktober 2010 at 15:44
Er meint wohl, dass wenn man den Begriff ‘Menge’ aus Moynihans Gesetz, streng mathematisch deuten würde, wäre das eben ein anderes mathematisches Objekt als eine (natürliche) Zahl.
Demnach wäre eine Menge V von Verstößen, eine Ansammlung der Verstöße mit Kommas getrennt und Mengenklammern drumrum:
V = {Verstoß_1 , Verstoß_2, …Verstoß_n}
(wobei n eine natürliche Zahl ist)
Wobei die Anzahl der Verstösse eben die Anzahl der Elemente der Menge der Verstöße wäre:
Anzahl der Verstöße = |V| = n
Mit der Umkehrfunktion könnte gemeint sein, dass wenn man die beiden Größen in einen indirekt Proportionalen Zusammenhang stehen hat, kann man die jeweils eine aus der anderen herleiten. Da kann man dann eben eine adäquate bijektive Funktionangeben die diesen Zusammenhang modeliert und zu jeder bijektiven Funktion gibts eben auch eine Umkehrfunktion.
Aber ich persönlich finde, dass mans auch nicht übertreiben sollte mit der Mathematisierung der Alltagssprache.
matthias
27. Oktober 2010 at 15:53
Ich hab nur “Umkehrfunktion” noch nie in der Alltagssprache gehört und mathematisch gelesen hats keinen Sinn ergeben. “Menge” wird natürlich auch in der Alltagssprache verwendet.
Flo
27. Oktober 2010 at 01:59
Du hast oben beim Verweis auf den deutschen Artikel in der Wikipedia auf Michael Moynihan statt auf Daniel Moynihan verlinkt. Ersterer ist ein komplett bekloppter Faschist und Holocaustleugner…
Hat bei mir kurzzeitig für etwas Verwirrung gesorgt
Julian
27. Oktober 2010 at 07:39
“Wenn sie gewissenlos, brutal und unfrei wären, dann würden sie nicht so stark kritisiert werden. Es ist aufgrund der Geringfügigkeit ihrer Verbrechen, dass sie öfter kritisiert werden.”
Irgendwie ist die Argumentation doch zirkulär? Dass in Terrorregimen wenig kritisiert wird liegt doch daran, dass die Kritiker erschossen werden, ins Exil fliehen oder durch Angst mundtot gemacht werden. Desweiteren gibts Zensur usw.
Kadina
27. Oktober 2010 at 10:09
Es geht dabei ja wohl darum, dass deswegen kritisiert wird, damit es in den “freien” Gesellschaften” nicht zu solchen Zuständen kommt, wie in den “Unfreien”.
Denn das was kritisiert und wo gegen demonstriert wird, sind Tendenzen in die Richtung, die in “unfreien Gesellschaften” herrschen.
Uns wird erzählt wir leben in einer “freien demokratischen Gesellschaft” und dann wird gegen überwiegenden Willen der Bevölkerung einfach ein Bahnhof gebaut, der Millionen kostet.
Trotz der ewigen Message: “Wir haben zu wenig von allem und besonders zu wenig Geld”…
Fabian
27. Oktober 2010 at 16:30
Ich kann die Demonstranten schon verstehen. Wäre die erste Demonstration friedlich zu Ende gegangen, würde jetzt wohl ein Hahn mehr danach krähen. Aber da die Polizei beschlossen hat, normale Bürger die friedlich demonstrierte, Kinder, Rentner, Leute aus allen Schichten niederzuknüppeln und zu sprayen, hat das Projekt natürlich noch mehr an Sympathie verloren. Ich könnte mir denken, dass vielen das Bahnhof sogar mehr oder weniger egal ist, sondern sie zeigen wollen, dass sich der Staat nicht alles erlauben kann und sie nicht tun und die Obrigkeit nicht tun und lassen kann, was sie will. Die Leute möchten respektiert werden und nicht, dass auf sie herabgesehen wird.
Eine Demonstration ist natürlich auch eine Kosten-Nutzen-Rechnung. Natürlich könnten sie gegen Iran, den Welthunger oder was auch immer demonstrieren. Aber würde es was bewirken? Wohl kaum. Hier bestehen aber reale Chancen, dass es etwas bewirkt.
derautor
27. Oktober 2010 at 17:04
Genau da bin ich anderer Meinung. Der Westen könnte die Welt verändern, wir haben die Mittel dazu, wir müssen es nur wollen. Es fehlt am Willen.