Offenbar habe ich es noch gar nicht erwähnt, also:
Viva la Muerte
Mein zweiter satirischer Roman, Das Prometheus Trio: Genesis, liegt auf Eis. Ein Drittel des Buches ist schon fertig, es ist mit Abstand mein bester Text jeglicher Art überhaupt, es war eine gigantische Menge Arbeit, aber der Alibri-Verlag will nichts mehr mit mir zu tun haben wegen diesen polemischen, nicht-immer-linken Dingen, die ich auf meinem privaten Blog schreibe.
Die verschrecken angeblich ihre Zielgruppe, weshalb niemand mehr Lesungen von mir hören wolle (was ja beim ersten Band noch völlig anders war. Das wochenlange Üben hat sich richtig gelohnt für die zwei kleinen Lesungen, die man mir gnädigerweise gönnte). Also haben sie ihre Zusage zurückgezogen und drucken es nicht. Immerhin sollte ich mich bedanken für die ganze Werbung, die sie (und nicht etwa ich) für das Buch gemacht haben und die schöne Lesereise, auf die ich mich monatelang gefreut habe, auch wenn sie dann nicht zustandegekommen ist und die gewiss irgendwie sinnvolle Arbeit, die sich mein Bruder mit den Coverentwürfen für Band 2 gemacht hat.
Immerhin ist es recht angenehm, von einer solchen Zielgruppe nicht gelyncht oder verstaatlicht und in eine Kolchose verwandelt zu werden.
Da PT 2 schon jetzt die beste Satire überhaupt ist, so unterhaltsam wie informativ und philosophisch, ein Sprachkunstwerk, das seinesgleichen sucht, der witzigste und intelligenteste Roman aller Zeiten, das unterhaltsamste Buch über den Evolution-Kreationismus-Streit, kann ich das bescheidene Geschreibsel vielleicht später irgendwo unterbringen.
Übrigens habe ich noch Terry Rotter 2 in der Neuauflage auf meinem Rechner. Das wollte ich eigentlich Alibri als Dreingabe schenken. Vielleicht biete ich es stattdessen hier als kostenfreien Dowload an, wie den ersten Teil.
Nihilismus in Buchform?
Aber in diesem Beitrag geht es um etwas anderes: Ich habe ein paar scharfe Verrisse von Leserinnen des ersten Bandes bekommen. Ihre Hauptkritikpunkte: Das Trio sei nur eine Ansammlung schlechter Witze, alles werde einfach zerstört, es gebe keine Moral, keine Hoffnung und keinen Sinn, nicht einmal eine erkennbare Meinung wird vertreten (klingt doch gut, was wollen die?). Obendrein nehme ich die Leser angeblich nicht ernst und sie sollen nur meine Meinung – die nicht erkennbare? – wiederkäuen.
Gar nicht wahr!
Während des Schreibens hatte ich ernsthafte Bedenken, ob die Metaphorik vielleicht zu deutlich ist und zu wenig subtil. Na, das hätte ich mir ersparen können.
Also, was ist die Aussage des Ganzen und woher weiß man das?
1. Jean Tee und das Licht der Aufklärung
Der fiktive Philosoph, der vor jedem Kapitel “Weisheiten” von sich gibt, ist den drei Leserinnen sauer aufgestoßen. Sie empfinden seine Präsenz als sinnlos.
Die Idee zu Jean Tee stammt ursprünglich aus Robert Rankins Armageddon: Das Menü. Ich habe sie erstmals in Terry Rotter und der Stein des Anstoßes aufgenommen, wo ein gewisser “Bill Tür” (Name des Todes aus Terry Pratchetts Alles Sense) am Anfang der Kapitel witzige Aphorismen von sich gibt. Im Trio habe ich die Methode verfeinert und die Zitate auf den Inhalt des Buches abgestimmt.
Ein Beispiel:
“Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück. Denn ich trage immer eine Taschenlampe bei mir” (2. Kapitel)
Es handelt sich um ein bekanntes Bibelzitat, nur dass in der Bibel Gott mit primitiven Handwerkserzeugnissen aus dem finstern Tal herausführt. Psalm 23, Vers 4:
“Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal, fürchte ich kein Unglück; denn Du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich.”
Bei mir ist es die Technologie, eine Errungenschaft der Aufklärung, in Form einer Taschenlampe, die aus dem finstern Tal herausführt. Wer es nicht bemerkt, wird mit der Lichtmetaphorik (für die Aufklärung typisch) darauf gestoßen. Schließlich ist es eine Taschenlampe! Das Zitat steht auch nicht zufällig vor dem zweiten Kapitel, schließlich kommt darin die programmatische Passage mit dem Anschlag der drei Thesen an die Bibliothekstür vor (Luther, anyone?). Darin wird verkündet, dass die Aufklärung gescheitert sei. Aber: Das Kapitel wurde eingeführt durch einen Träger von Licht (Hoffnung, Erleuchtung), ist die Aufklärung also wirklich gescheitert?
2. Die Bibliothek als Hort der Aufklärung
Es war mir fast peinlich, ein so deutliches Symbol für einen Hort der Aufklärung und der Vernunft auszuwählen. Aber es bringt ja nichts, denn auch diese Metaphorik ist bei einigen auf taube Ohren oder blinde Augen gestoßen. Für die Leute in der letzten Reihe habe ich geschrieben, dass sie von Friedrich II. (Freund von Voltaire) errichtet worden ist, dass sie Statuen von griechischen Göttern (antike Hochkultur, über die Rennaissance Vorbereitung der Aufklärung) und diverse Kunstschätze enthält. Und wem das alles noch zu wenig war, für den lebt darin “Prometheus”, ein menschenähnlicher Roboter.
Nun ist der Titelgeber Prometheus – und das wird alles im Buch erklärt! – der griechische Gott, der den Menschen das Feuer (die Selbstbestimmung, Befreiung des Menschen von der Abhängigkeit von den Göttern) gegeben hat. Die Erschaffung eines künstlichen Menschen würde den Menschen zum Schöpfer machen und Gott überflüssig.
Nun ist diese Bibliothek von den Menschen verlassen, sie steht weitgehend leer. Nur sehr wenige Besucher wie John Cohen oder Direktor Klug verirren sich dort hinein. Mit anderen Worten ist die Aufklärung nur noch ein Relikt aus einer längst vergangenen Epoche. Doch in dem Buch wird sie neu besiedelt von drei Jugendlichen, also von Repräsentanten des Nachwuchses, die sich explizit aufmachen, um die drei Thesen an der Bibliothekstür (angeschlagen vom evangelischen Pfarrer) zu widerlegen. Sie sind die Hoffnungsträger für eine neue Aufklärung.
Sollten all diese Symbole und Metaphern jemandem entfallen sein, hätte er immer noch die Dialoge zwischen Clara und Direktor Klug und zwischen John und Clara im Garten der Cohens lesen können. Diese erklären die Bedeutung der Aufklärung für das Buch sehr deutlich. Überhaupt geht es Clara ja im ersten Drittel darum, John aus seiner lethargischen Phase zu erwecken und ihn dazu zu bewegen, seinem Leben wieder einen Sinn zu geben, seine Forschung wieder aufzunehmen und sich der Aufklärung zu verschreiben.
3. Slapstick?
Wozu dann die Situationskomik, die einer “niederen Sphäre” des Humors entstammt? Immer wieder heißt es, es gäbe zu viele billige “Schenkelklopfer”.
Es gibt keine einzige reine Slapstickszene (Torte ins Gesicht, etc.) in diesem Buch! Hier eine besonders Wut entfachende Szene:
“David?”, fragte Clara. “Möchtest du in Zukunft auch nachdenken und dich informieren, bevor du etwas glaubst? Oder zumindest eine Weile lang keine völlig verrückten Dinge tun?
“Hm…”, meinte David. “Na gut. Gott muss keine Angst haben vor der Vernunft. Sie kann seine Existenz nur bestätigen, sonst hätte er sie nicht erschaffen.”
Als er das hörte, wälzte sich John eine Zeit lang lachend am Boden. Dann stand er wieder auf. (S. 103)
Zugegeben habe ich bei der Szene länger darüber nachgedacht, ob sie nicht zu albern rüberkommt und ob man sich hier über den armen David lustig macht. Eben darum ist sie nun so formuliert, wie sie formuliert ist. Für eine Leserin war das einfach nur Slapstick: Junge fällt um, wälzt sich am Boden, steht wieder auf. Haha. Ja, in der Tat, wäre im Satz vorher keine typische Position moderater Gläubiger zitiert worden, hätte man das so sehen können. Zur Zeit Newtons dachte man schon, die Wissenschaft diente der Erforschung des “Wie” der Schöpfung, während Gott das “Warum” darstelle. Aus heutiger Sicht, wo die Wissenschaft nach und nach den christlichen Glauben in einen Schweizer Käse verwandelte, lässt sich das kaum noch behaupten.
Dennoch ist der Leser nicht gezwungen, sich über Johns Reaktion zu freuen, sondern es ist auch die Deutung bewusst ermöglicht, dass John hier als Bilderbuch-Szientist mit wenig Einfühlungsvermögen an die Sache herangeht und dass es gerade er ist, über den man hier lachen könnte. Dafür spricht auch das Ritualhafte seiner Handlung: Umfallen, wälzen, “Dann stand er wieder auf”. Wie das Spiegelbild religiöser Rituale ist das hier das glaubensmockierende Ritual eines emotionslosen Wissenschaftsfreaks. Beide Deutungen sind sehr wohl möglich! Und in keinem Fall ist es bloßer Slapstick in Richtung Torte ins Gesicht!
4. Fortschritt
Nun möchte ich noch auf die letzte große Kritik eingehen, nämlich dass das Buch sich nirgendwohin bewege und man dort aufhöre, wo man angefangen hat. Keine Ahnung, wie man zu dieser Schlussfolgerung gelangen kann. Dawkins-Fans werden wissen, worauf ich am Ende des Buches anspiele:
“Es ist ein Privileg, dass wir hier sind”, stellte Clara fest, als sie die Weiten der Milchstraße mit bloßen Augen erforschte.
“Das ist es”, meinte John und kuschelte sich näher an seine Freundin heran.
“Oh, danke ihr beiden”, sagte Prometheus und ging zurück zu seinem Podest. “Schön, dass es euch gefällt.” (S. 153)
Es handelt sich um eine Anspielung auf die berühmte Passage in Richard Dawkins “Der entzauberte Regenbogen”:
Sicher, ich habe es zweimal ironisch gebrochen: Zuerst denkt John, Clara hielte es für ein Privileg, hier neben ihm zu liegen. Hierauf glaubt Prometheus, Clara meinte, es wäre ein Privileg, in seiner Bibliothek zu sein. Aber die ursprüngliche Aussage war klar. Und wir haben es hier immerhin mit Jugendlichen zu tun, die von zwei Sekten geopfert werden sollten, David sogar von seinem eigenen Vater. Und sie schaffen es trotzdem noch, das Leben zu bejahen und einen Sinn darin zu erkennen.
Und das soll “bloße Zerstörung” sein?
Schließlich wurde gefragt, was es mit dem Bibliothekar Fridolin auf sich hat, der scheinbar übernatürliche Kräfte besitzt. Untergräbt er nicht die Aussage, es gäbe nichts Übernatürliches? Nun, das ist nicht die Aussage. Der Bibliothekar hat eine wichtige Funktion und welche das ist, wird im zweiten Band verraten. Ebenso wird dort verraten, wer die Bibliothek gebaut hat (eine andere kritische Anmerkung, da deren Existenz angeblich “unplausibel” sei – Leute, für wie blöd haltet ihr mich?). Und wenn der zweite Band nie erscheinen sollte, dann werdet ihr das eben niemals erfahren.
Wer sich eine eigene Meinung bilden möchte: Das Buch könnt ihr – wie jedes andere auch – bei eurem Buchhändler bestellen, oder bei eurer Bibliothek, oder ihr könnt es im Internet kaufen, zum Beispiel dort:
Eine offizielle Website mit Rezensionen gibt es auch:
Außerdem hat sich erfreulicherweise eine Facebook-Gruppe zum Buch formiert, ohne dass ich etwas dafür tun musste:













Christian Duße
19. Oktober 2010 at 17:41
Eigentlich recht schade die Sache mit dem Alibri-Verlag. Ich hätte dort gerne die Fortsetzung gekauft.
Jedenfalls war PT1 das beste nicht-Sachbuch, das ich gelesen habe (naja ich bin ja noch Schüler^^).
derautor
19. Oktober 2010 at 19:35
Freut mich! Vielleicht schreibe ich es fertig und es druckt es jemand anderes oder ich veröffentliche es als kostenfreies e-Book. Dann könnte ich endlich behaupten, dass niemals ein Mensch so viel unbezahlt gearbeitet hat wie ich. Aber nicht in der nächsten Zeit.
vogelfrei
20. Oktober 2010 at 09:18
Bei deinem Output frage ich mich ohnihin schon lange, wie das ein Einzelner überhaupt schafft. Bist du überhaupt ein Einzelner? Nicht vielleicht doch ein Trio?
Wie auch immer: Wär sehr schade, wenn der 2. Teil nicht fertig würde.
derautor
20. Oktober 2010 at 13:56
Ich bin schon einer. Einer mit dem Schreibwahn von Hundert und der Frechheit von Tausend.
vogelfrei
20. Oktober 2010 at 14:14
… und dem Größenwahn von ner Million
)
Ne, bist scho recht
apoth
19. Oktober 2010 at 18:47
Gott würfelt nicht
Der Würfel gottet
?
Kamran
19. Oktober 2010 at 21:28
Du kannst ja zum Kopp-Verlag gehen
Für alle, die sich nicht dem PC-Mainstream unterwerfen wollen. Ja ja, wohl beschissene Zeiten, in denen wir leben.
Thomas
19. Oktober 2010 at 23:06
Haha, genau, der Kopp-Verlag, der in erster Linie Werke über Esoterik, Verschwörungstheorien und Pseudowissenschaften publiziert. Perfekt für einen antitheistischen Aufklärer.
Stefan
20. Oktober 2010 at 07:00
…Ich nehme einfach mal stark an, dass das der Witz an der ganzen Sache war…
(Man beachte das kaum zu erkennende Smilie nach dem ersten Satz.)
H. Lektor
20. Oktober 2010 at 18:28
Tja, dann sollten wie mal anfangen, Protestschreiben an Alibri zu verfassen…Wir könnten auch den Stuttgartern erzählen, daß das S21 da geplant wurde, vielleicht setzt das den Verlag genug unter Druck…
Jan von nebenan
20. Oktober 2010 at 18:55
Erinnert mich irgendwie an Firefly, die Sache mit dem Verlag…
) jedenfalls soeben auf meinen Weihnachts-Wunschzettel geschrieben. Obwohl, das passt ja gar nicht so recht zusammen… Vielleicht doch besser zu Afflux schenken lassen?
Habe mir Das Prometheus Trio (<- wie kommt eigentlich das Deppenleerzeichen da hinein
Marta
29. Oktober 2010 at 14:52
Ich mag Dawkins sehr. Ich schätze seine intellektuellen und oratorischen Kompetenzen hoch. Aber manchmal sieht es aus, als Dawkins eigenem Gott hätte. Gott, der Dawkins heißt.