
Wäre es nicht an der Zeit, unsere wahren Prominenten anzuerkennen? (http://www.zazzle.de/red_square)
Es gibt einige gute Argumente gegen den Irak-Krieg und viele schlechte. Das schlechteste ist das “Hobbystratege”- Argument: Jemand, der nicht als Soldat kämpft, darf nicht für den Krieg argumentieren.
Das hätte man Winston Churchill sagen sollen, dann würden wir heute noch den Geburtstag des Führers feiern.
Ich habe das Argument schon eine gefühlte Million mal gehört, zuletzt heute von Ingo Bading:
Ich frage mich nur, ob einer dieser tapferen Kriegsbefürworter schon jemals sich auch nur eine Bundeswehrkaserne von der Nähe angesehen hat, von ganz anderen Dingen ganz zu schweigen. Lieber nicht die Finger schmutzing machen, oder? Das überlassen wir anderen … Worte sind billig zu vergeben.
Jemand, der schon einmal im Krieg war, oder vielleicht dort kämpfen müsste, der wäre nicht so scharf darauf, Kriege zu verteidigen. Diese Logik steckt hinter dem Argument. Das stimmt nicht, denn die meisten US-Veteranen hätten Saddam Hussein wahrscheinlich schon vor langer Zeit am liebsten ausgeschaltet. US-Soldaten verabscheuen die Medien, die ihre Erfolge im Irak und ihre Heldentaten ignorieren, während sie nur über ihre Fehler berichten. Sie sind stolz darauf, den Menschen vor Ort helfen zu können und Terroristen zu bekämpfen, auch wenn es natürlich ein schwieriger und frustrierender Job ist, der umso frustrierender gemacht wird durch billiges, kindisches und naives Gekreische von unreifen und ahnungslosen Kriegsgegnern (was nicht heißt, dass es keine anständigen geben würde).
Wir führen aktuell einen Krieg gegen Terroristen, die sich dadurch auszeichnen, dass sie vornehmlich Zivilisten angreifen. Das heißt, dass Zivilisten von diesem Krieg direkt betroffen sind. Warum also sollten sie nicht für die Option stimmen dürfen, dass etwas gegen ihre willkürliche Ermordung unternommen wird?
Was ist, davon abgesehen, mit alten Menschen, mit Veteranen, mit Kindern, mit Jugendlichen unter 18? Sie alle könnten nicht oder nicht mehr als Soldaten in Kriegen kämpfen. Dürfen sie sich darum keine eigene Meinung bilden?
John Kerry, damaliger Gegenkandidat zu George W. Bush, musste laut Chris Hitchens zugeben, dass er verantwortlich war für eine katastrophale Expedition im Vietnam-Krieg, wo seine Truppe mehrere Kinder und alte Menschen erschossen hat. Hier haben wir also jemanden mit echter Kriegs-Erfahrung. Ist seine Meinung wichtiger als die von jemanden, der nicht an der Erschießung von Kindern beteiligt war?
Eine weitere Implikation ist, dass Zivilisten das Militär nicht mehr kontrollieren dürfen. Damit würde das Militär unabhängig von demokratischer Kontrolle. Unsere gewählte Regierung würde nicht länger über Krieg und Frieden entscheiden, sondern das Militär selbst. Grandiose Idee.
Schließlich können Soldaten und vor allem führende Offiziere eben gerade nicht ihre Meinung über Kriege abgeben! Was wäre, wenn deutsche Generäle persönlich der Meinung wären, wir sollten Liechtenstein angreifen oder Bomben über der Provence abwerfen, und sie würden überall in den Medien diese Ansichten propagieren? Im Militär ist die Meinungsfreiheit eingeschränkt, was bedeutet, dass ich als Soldat überhaupt nicht ohne weiteres für oder gegen den Irak-Krieg hätte argumentieren können. Wie praktisch.
Dazu kommt, dass es Zivilisten gibt, die dem Militär helfen, indem sie zum Beispiel Codes knacken. Oder, indem sie für den Krieg argumentieren und damit den Soldaten, die für uns ihr Leben risikieren, an der Heimtfront helfen. Angesichts der weit verbreiteten Feindschaftlichkeit gegen die Irak- und Afghanistaneinsätze sollte man den Wert einer solchen Tätigkeit nicht unterschätzen. Als die US-Soldaten aus Vietnam zurückkehrten, hat man sie angespuckt. Vielleicht wäre es ganz gut, wenn man unsere Jungs und Mädels, die gerade in Afghanistan tätig sind, bei ihrer Rückkehr nicht anspucken würde.
Im Grunde ist die ganze Hobbystratege-Argumentation ein billiger Versuch, die Opposition ruhigzustellen. Wenn ich von vorne herein nicht für den Krieg argumentieren darf, dann macht das die Sache für meine Gegenspieler erheblich einfacher. Natürlich darf sich in einer freien Gesellschaft jeder eine Meinung über jedes Thema bilden und diese äußern, aber mit der Verteidigung von freien Gesellschaften sind naive Kriegsgegner am wenigsten vertraut, also ist es kein Wunder, wenn sie das nicht wissen.









ciodo
11. Oktober 2010 at 20:25
Interessante Überlegungen.
Ich habe bisher immer mit der Gegenbehauptung geantwortet: “Jemand, der die Folgen des Friedens nicht selbst zu erleiden hat, sollte nicht gegen den Krieg sein.”
Das ist, zugegeben, keine super Antwort, weil sie höchstens ein Patt herbeiführt, aber sie könnte Leute drauf stoßen, dass die Abwesenheit von Krieg nicht unbedingt bedeutet, dass niemand leidet. Die strenge Frieden-Krieg-Dichotomie ist Mist, aber das ist vielen nicht klar.
tischl
11. Oktober 2010 at 20:47
„…Natürlich darf sich in einer freien Gesellschaft jeder eine Meinung über jedes Thema bilden und diese äußern…“
Das stimmt! – Die Frage ist nur, ob dies auch jeder Sandkastenstratege tun sollte…
Julian
11. Oktober 2010 at 21:02
Natürlich, was denn sonst?!
derautor
11. Oktober 2010 at 21:02
Und das soll deine Antwort sein?
Julian
11. Oktober 2010 at 21:05
Ja, jeder sollte seine Meinung sagen dürfen, wenn dieser Unsinn redet kann es ja Kritik hageln.
derautor
11. Oktober 2010 at 21:11
Ich habe tischl geantwortet.
Julian
11. Oktober 2010 at 21:13
Ach so, das ist nicht immer so eindeutig
tischl
12. Oktober 2010 at 00:59
@feuerbringer:
„…Und das soll deine Antwort sein?…“
Nein, keine Antwort – nur mein Kommentar – es gab ja auch keine Frage.
derautor
12. Oktober 2010 at 01:13
Aber es gab eine ganze Reihe von Argumenten, die du einfach ignoriert hast!
giordano
11. Oktober 2010 at 21:13
Dieses Argument weiter gedacht: wer nicht Chemie studiert hat, soll zur Homöopathie schweigen. Wer nicht Kriminell war, soll zur Kriminalität schweigen. Die Arguemtation ist wirklich absurd.
Hier ein Argument für den Krieg.
Bush zu den Leuten in London, die gegen den Krieg und Bush demonstrierten (sinngemäss): “Gerade deshalb sind wir in Irak, damit die Iraker eines Tages dasselbe tun können wie ihr.”
Leider habe ich die Quelle nicht mehr.
Stefan
12. Oktober 2010 at 03:59
“Wir führen aktuell einen Krieg gegen Terroristen…”
Ich bin gegen diesen Krieg. Natürlich bin ich als Zivilist, noch dazu als einer, der regelmäßig einige der Berliner Hauptverkehrsknoten passiert, irgendwie betroffen.
Aber ich bin der Meinung, dass man Terroristen nicht durch Kriege bekämpfen kann. Der Krieg gegen den Terror ist nichts weiter als das Herumstochern in einem Wespennest.
Terroristen, Guerillas etc. kommen direkt aus der unzufriedenen Bevölkerung. Sie sind nur locker organisiert, kümmern sich nicht um Friendly Fire oder Nachschubprobleme, die echte Militärs immer wieder anpisst.
Wenn ein Waffenlager ausgehoben wird, bekommen sie Ersatz aus privatem Eigentum von Nachbarn, Freunden und Verwandten. Wenn ein Trainingslager zerbombt wird, wird mit noch mehr Eifer auf irgendeinem Hinterhof weitertrainiert.
Die einzige Möglichkeit, das Problem militärisch zu lösen, wäre, alle “Schurkenstaaten” gleichzeitig mit einem Atombombenangriff plattzumachen.
Aber dann müssten die USA alle anderen Nationen ebenfalls vernichtet, um sich vor den Racheaktionen dieser zu schützen.
Die einzige Möglichkeit, das Problem wirklich an der Wurzel zu packen ist das, diese Staaten uneingeschränkt am globalen Handel teilhaben zu lassen.
Ignoriert alle Embargos, importiert, exportiert was das Zeug hält und bietet für beide Richtungen faire Preise. Die Lebensqualität steigt und die Talibanmitglieder können sich schon in der nächsten Generation um Dinge wie Philosophie kümmern, oder sich sorgen, dass ihre Kinder zu viel Zeit vor irgendwelchen Internetterminals verbringen anstatt in der Moschee zu beten.
Martin
12. Oktober 2010 at 11:00
@Stefan:
Du schriebst:
“Die einzige Möglichkeit, das Problem wirklich an der Wurzel zu packen ist das, diese Staaten uneingeschränkt am globalen Handel teilhaben zu lassen.
Ignoriert alle Embargos, importiert, exportiert was das Zeug hält und bietet für beide Richtungen faire Preise. Die Lebensqualität steigt und die Talibanmitglieder können sich schon in der nächsten Generation um Dinge wie Philosophie kümmern, oder sich sorgen, dass ihre Kinder zu viel Zeit vor irgendwelchen Internetterminals verbringen anstatt in der Moschee zu beten.”
Ja, das ist eine wahrhaft großartige Idee, die schon mit Saudi-Arabien ganz vorzüglich funktioniert hat.
Tut mir leid, aber Du sitzt da einem sozialromantischen Mythos auf. Nicht die Armut schafft Terrorismus, sondern die Ideologie.
derautor
12. Oktober 2010 at 12:08
Diktaturen haben kein Interesse an freier Marktwirtschaft, bestenfalls an kontrollierten Sonderwirtschaftszonen (wie China).
Stefan
12. Oktober 2010 at 17:57
Dann ist wohl einer von Bender Rodriguez’ Lieblingssprüchen der einzige Weg zum Weltfrieden: “Alle Menschen töten!”
Die Vorstellung, dass Bomben eine höhere Einschlaggewalt als Schreibutensilien haben (auch metaphorisch), ist irgendwie deprimierend.
Ingo Bading
12. Oktober 2010 at 10:18
In Kabinettskriegen vor und während der Anfangsjahre der Aufklärung haben zumeist Menschen, die nicht Soldaten waren, über Krieg oder Frieden entschieden. Der Aufklärer Friedrich der Große war eine der wenigen großen Ausnahmen – und die Tatsache, daß er unter seinen Zeitgenossen ein so großes Ansehen genoß, auch unter seinen Soldaten, mag unter anderem darauf beruhen, daß er jederzeit bereit war, die Leiden des einfachen Soldaten zu teilen und mit ihnen in den Tod zu gehen.
Ich glaube nicht, daß das unterbewertet werden darf. Auch Bismarck zum Beispiel hat als einfacher Soldat gedient und hat bei seinen vielen Rücktrittsdrohungen angeboten, als einfacher Offizier in jenen Kriegen zu dienen, zu deren Ausbruch er manches beigetragen hat.
Ich wünschte mir derartiges nur sagen wir von einem VIERTEL jener Politiker, die Kriegsteilnahme des eigenen Landes befürworten? Ist das zu viel verlangt? Oder von einem VIERTEL der Journalisten, die Kriegsteilnahme des eigenen Landes befürworten. Auch von einem VIERTEL der BLOGGER (!!!!!), die Kriegsteilnahme befürworten.
Wie Sokrates, lieber Herr Müller, müssen Sie bereit sein (MEINER Meinung nach), das Maschinengewehr zu schultern und sich neben die Kameraden am Hindukusch hinzulegen und mit ihnen Sorgen und Nöte zu teilen. Besteht diese Bereitschaft nicht – bitteschön, dann wird es großkotzig, was hier geredet wird.
Sicherlich kann nicht JEDER demokratisch Politker gleichzeitig – etwa wie Sokrates – auch einfacher Soldat einer Wehrpflichtarmee sein. Aber es sollte unter Politikern und Journalisten MEINER Meinung nach eine durchgehende sehr starke Verbundenheit mit dem Militär geben, die sich UNTER anderem darin ausdrücken könnte, daß nur der über Krieg mitentscheidet – oder vor allem jene – die ihre Wehrpflicht abgeleistet haben oder sonstwie gezeigt haben, daß sie auch persönliche Leiden auf sich zu nehmen bereit sind. Und die nicht – wie heute – vornehmlich den sogenannten “hedonistischen Linken” angehören.
Wenn Bismarck sagte, die Balkan-Frage wäre ihm nicht die “Knochen eines einzigen pommerschen Grenadiers” wert, (mit dieser Meinung hätte der 1. Weltkrieg übrigens nicht ausbrechen können), dann spricht daraus eine tiefe, beherzte und herzhafte Verbundenheit mit den einfachen Menschen seines Landes, für die er Politik machte. (Er machte für seine Pommern Politik, nicht in erster Linie für irgendwelche Muslime oder Christen auf dem Balkan, die sich gerade mal wieder gegenseitig die Köpfe einschlugen.)
SOLCHE Politiker wünsche ich mir.
Ich selbst habe als Soldat nie das Gefühl gehabt, solche Politiker zu haben. Und deshalb bin ich zu dem Schluß gekommen, daß wir heute in das Zeitalter der Kabinettskriege zurückgekehrt sind. Und da wünsche ich mir, daß da möglichst niemand mitmacht, auch nicht die derzeitigen Söldner, die sich Bundeswehrsoldaten schimpfen.
folgsam
24. Oktober 2010 at 23:37
“This whole enterprise designed to rid the world of danger has increased danger in the world; an attempt to end a torture regime led to widespread torture by Iraqi government forces, and, of course, by the US itself; a bid to encourage democracy will in all likelihood lead to either chaos or a Shiite strongman; an endeavor seeking to weaken Iran has ended in empowering it.
These are conservative lessons, not liberal ones – of the hellish consequences of good intentions in places we do not understand and cannot control. And if we continue to delude ourselves in the same way about Afghanistan, we will not just be imprudent.”
- http://andrewsullivan.theatlantic.com/the_daily_dish/2010/10/iraq-surge-fail-update.html