Der jüngste Fernsehauftritt von Thilo Sarrazin bei Genosse Stalins fröhlicher Schauprozess im Zweiten war leider keine inhaltliche Debatte, sehr zum Erstaunen einiger meiner Genossen, die eine andere Herangehensweise gegen Klassenfeinde von der Partei erwartet hatten. Bei einigen ist gar der ganz und gar falsche Gedanke aufgekommen, dass Schauprozesse vielleicht mit unserer demokratischen Streitkultur im Widerspruch stehen könnten.
Die Zukunft von Thilo Sarrazin steht neben der Erfüllung des nächsten Fünfjahresplans im Mittelpunkt der Debatten, seit Genossin Merkel, unsere große Führerin und ehemalige Sekretärin für Agitation und Propaganda, sein Buch als “nicht im Sinne der internationalen Arbeiterbewegung” kritisiert hatte. Ob Genosse Sarrazin Parteimitglied und Vorstand der Arbeiter-und-Bauern-Bank und am Leben bleiben kann, ist seit der Verbringung seiner Frau und seiner Kinder ins Beckmann-Gulag umstritten.
Immerhin waren große Enthüllungen garantiert, als der Moderator, Genosse Stalin, Thilo Sarrazin mit unbequemen Fragen konfrontierte.
“Herr Sarrazin, Sie behaupten, dass es eine menschliche Natur gäbe und dass der Mensch nicht unbegrenzt formbar wäre durch die Doktrin des Marxismus-Leninismus?”
“Es ist der aktuelle Stand der Wissenschaft, dass der Mensch Gene besitzt und verschiedene natürliche Talente. Der Herr Broder hat mir noch weitere Belege…”
“Sie leugnen es also nicht!”
Ein großer Aufschrei und viel Tumult ist im Studio zu hören.
“Nein, natürlich nicht. Aber meine Aussage über das jüdische Gen war in der Tat sehr ungeschickt.”
“Ungeschickt!”
Die Zuschauer ergehen sich in “Buh!”-Rufen.
“Ihre Aussage über diese wurzellosen Kosmopoliten war das einzig Anständige, was Sie in der Presse verlauten ließen, Genosse!”
“In meinem Buch geht es nicht vordergründig um Genetik, es geht eigentlich um die Fehler, die wir bei der Integration….”
Stalin haut mit der flachen Hand auf den Tisch. “Die Partei macht niemals Fehler!”, schreit er. “Was fällt Ihnen ein, die Tüchtigkeit Ihrer Genossinen und Genossen in Frage zu stellen? Bislang haben wir jeden Fünfjahresplan erfüllt, manche sogar im Rückblick, als wir noch gar nicht wussten, dass wir sie erfüllt hatten!”
“Würden Sie sich einmal meine Zahlen anschauen! Ich habe folgende statistische Methodik…”
“Was fällt Ihnen ein, Ihre Genossinen und Genossen zu bloßen Zahlen zu reduzieren! Wir sind mehr als Zahlen! Wir sind Arbeiter und Bauern, aufgeteilt in verschiedene Kolchosen und dergleichen!”
Die Zuschauer stampfen wütend mit den Füßen.
“Aber der Stand der Forschung…”
Die Sendung fand ein abruptes Ende. Momentan ist das Volkskomissariat für Innere Angelegenheiten mit dem Fall “Sarrazin” betraut. Er wurde als Klassenfeind zunächst ins Plaßberg-Gulag gebracht. Sein Buch soll verbrannt werden und Genosse Christian Wulff vom Politbüro will für seinen Ausschluss aus dem Vorstand der Arbeiter-und-Bauern-Bank sorgen. Meine Genossen haben angemerkt, dass Genosse Wulff wider unsere Gesetze handeln müsste, um Genosse Sarrazin auszuschließen, doch das ist nur ein übles Gerücht. Denn die Partei macht niemals Fehler.









Karl Eduard
3. September 2010 at 14:04
Die Fortsetzung des Prozesses wird sein, wenn sich der Volksschädling Sarrazin reuemütig zu seinen Verfehlungen bekennt, die Partei urteilt dann hart aber gerecht.
Peter A. Bruns
3. September 2010 at 14:57
Welch ein Buhei wird hier um Thilo Sarazzin einen Mann der SPD veranstaltet? Er hat doch nicht „Mein Kampf“ geschrieben und wird als Rassist und sogar als Nazi beschimpft. Warum? Weil er keiner war? Weil er SPD-Genosse ist? Weil er ein echtes Problem der Einwanderer anspricht?
Ich habe mir die Mühe gemacht und die Liste ehemaliger NSDAP-Mitglieder, die nach Mai 1945 politisch tätig waren und teilweise noch sind, recherchiert. Bei amtlichen Stellen und bei Wikipedia. (gut dass es „Wiki“ gibt) Die Liste ist lang und sie würde insgesamt den Rahmen dieses Forums sprengen.
Angefangen mit A wie Achenbach, Ernst FDP, über Bismarck, Otto von CDU. Carstens, Karl CDU und Deutscher Bundespräsident. Ehmke, Horst SPD Justizminister und Filbinger, Hans CDU Ministerpräsident Baden-Württemberg. Genscher, Hans-Dietrich, FDP, Bundesaußenminister. Höcherl, Hermann CSU Bundesinnenminister. Kiep, Walther Leisler, CDU. Kiesinger, Kurt Georg CDU Bundeskanzler. Lemke, Helmut CDU Ministerpräsident in Schleswig-Holstein. Schiller, Karl SPD Bundesfinanz und Wirtschaftsminister. Schleyer, Hanns Martin, CDU Präsident Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände. Bis Z, wie Zimmermann, Friedrich CSU Bundesinnenminister, um nur einen Bruchteil zu nennen.
Tagesaktuell wäre noch Günther Oettinger zu nennen, der zum Tode Nazi-Filbingers auf dessen Trauerfeier, diesen als „Widerstandskämpfer“ gegen Hitler ehrte. Da passt es schon, wenn Oettinger heute vor der EU in seinem Englisch stammelt: „We are all sitting in one boat“. Ein ziemlich braunes Boot. Warum verlangte unsere Kanzlerin, oder unser Bundespräsident nicht Oettingers Rausschmiss aus der CDU? Warum Sarazzin? Hat der Wahnsinn Methode?
Peter A. Bruns
eduardbruns.wordpress.com
Alani Prinz
3. September 2010 at 20:20
Der Wahnsinn hat Methode: Eingetreten wird in der Regel für das, was den eigenen Job sichert – in Politik, Medien etc. Am gegenwärtigen Stand von Thilo Sarrazin ist gut zu sehen, wo man stehen sollte, will man nicht unmittelbare oder zukünftige Nachteile in Kauf nehmen.
bandler
4. September 2010 at 06:38
In Sachen Sarrazin ist jetzt der Gabriel von der SPD dran, mal klare Kante zu zeigen. Was ist jetzt nicht verstehe ist, warum der Wulff erstmal die Merkel fragen muss, denn er hat doch vor dem Antrag der Bundesbank gesagt, dass der Sarrazin weg soll. Ist er sich jetzt auf einmal nicht mehr so sicher und wir erlebe eine Überraschung, aber vielleicht ist das nur Alibi.
Ingo Bading
4. September 2010 at 17:42
Tolle Satire. Unheimlich.
Da manchmal durchblitzt, es könnte gar keine Satire sein … Etwa wenn Genossin Merkel spricht …
theveggieatheist
4. September 2010 at 19:13
Gibt es auch einen link zu der Satire, oder habe ich da was falsch verstanden?
Peter A. Bruns
8. September 2010 at 09:27
Zugegeben! Tatsächlich habe ich es nicht sofort als Satire verstanden. Aber das spricht ja nicht gegen eine gute Satire, wie diese Stalin-Sarazzin-Satire.
Peter A. Bruns
yilo
27. September 2010 at 17:57
Sarrazin im Gespräch:
27.9, um 22:25Uhr bei “Vis-a-Vis” auf 3Sat
http://www.3sat.de/page/?source=/sfdrs/142919/index.html