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Die Welt von Rhonda Byrne

22 Aug

Rhonda Byrne: The Power (Parodie von Cosmic Connie)Aufklärer haben vor allem mit sich selbst zu kämpfen. Stetig sind wir bedroht vom Nihilismus, ich beobachte es immer wieder, natürlich auch bei mir selbst (ach, wirklich?). Unsere Arbeit erfordet ein gewisses Vertrauen in die Menschheit, oder wenigstens in ihr Potenzial. Doch immer wieder passieren Dinge, die uns an der Welt verzweifeln lassen, sei es der zweite Weltkrieg oder der unglaubliche Erfolg der Bücher von Rhonda Byrne. 19 Millionen Exemplare hat sie von ihrem “The Secret” verkauft.

Warnung: Polemik!Nach “The Secret” (siehe meine Amazon-Rezension) kommt jetzt ein neues Buch von Byrne heraus namens “The Power”. Es ist noch verrückter als “The Secret” (das geht – ich wollte es auch erst nicht glauben). Und es steht weit oben in den Vorverkaufslisten.

Der Hauptcharakter in Martin Walsers Klassiker “Ein fliehendes Pferd” nennt seinen liebsten Seinszustand: einfach dazuliegen und zu schwitzen. Er möchte eigentlich tot sein, er ist mit dem Leben am Ende, er lebt aber noch. “Er träumte, er drehe sich in seinem Sarg um und habe trotz der vollkommenen Dunkelheit den Eindruck, dass eine Sargwand fehle.” Etwas fehlt noch, aber nicht mehr viel. So erging es mir nach dem Lektüre der Rezension zu “The Power” von Jerry Adler, die Sam Harris gerade empfohlen hat.

Rhona Byrne hat sich vor ein paar Jahren ein neues Naturgesetz ausgedacht, ein großes: “Das Gesetz, das die gesamte Ordnung des Universums bestimmt, jeden Moment deines Lebens und jedes einzelne Ding, das du erlebst.” Hat Byrne die Weltformel entdeckt? Sieht so aus. Da können die Physiker, die weltweit daran arbeiten, im Grunde einpacken.

Im Gegensatz zu den anderen Naturgesetzen lässt sich mit diesem ganz leicht Geld verdienen. Man kann alles haben, was man möchte, von Parkplätzen über Heilmittel für seltene Krankheiten, indem man es sich einfach wünscht und so tut, als hätte man es schon. Das ist “The Secret” und typisch für Esoteriker brauchen sie ein paar hundert Seiten, um eine simple Tatsachenbehauptung aufzustellen, die falsch ist.

Anziehungsgesetz 2.0

Und jetzt kommt das Update dieses Naturgesetzes. In “The Power” weist Rhonda auf eine weithin missachtete Tugend hin: Wir müssen nett sein zu unserem Wasser. Sie meint das nicht metaphorisch. Forscher in vielen Ländern, schreibt sie, “haben entdeckt, dass wenn man Wasser positiven Wörtern aussetzt und Gefühlen wie Liebe und Dankbarkeit, dann nimmt der Energielevel des Wassers nicht nur zu, sondern die Struktur des Wassers verändert sich, sie machen die Struktur völlig harmonisch… Wenn das Wasser negativen Emotionen ausgesetzt ist, wie Hass, dann verringert sich der Energielevel des Wassers und chaotische Veränderungen treten ein. Denn “das Innere deines Kopfes ist 80% Wasser”, da schaust du mal, wie wichtig es ist.

Die Leute glauben ja schon sowas ähnliches, sonst würden sie nicht zum Homöopathen gehen. Insofern dürfte sich “The Force” wieder sehr gut verkaufen. Aber nicht nur das sensible Wässerchen ist neu.

The Power of Love

“The Power”, also “Die Macht”, ist die Macht der Liebe. Was du an Liebe gibst, das gibt dir das Universum zurück, indem es dir deine Wünsche erfüllt. Bestenfalls könnte man darunter soziale Gegenseitigkeit verstehen, dass andere Menschen dich dafür belohnen, wenn du ihnen Liebe entgegenbringst, oder wenigstens halbwegs anständig bist. Das ist gewiss der Fall, und man ob das “Karma” nennt oder “Die Macht der Liebe” ist mir im Grunde egal.

Aber Byrne lässt uns nicht die Möglichkeit, ihre Idee so großzügig auszulegen. Nein, es sind nicht die Menschen, die du liebst, die im Gegenzug gut zu dir sind. Es ist, im wörtlichen Sinne, “das Universum”. Die Macht der Liebe ist eine physische Eigenschaft des Universums, so ähnlich wie die Gravitation.

Auch das könnte ich – eigentlich nicht mehr akzeptieren. Aber es ist wenigstens nicht unethisch, sondern einfach nur falsch und absurd. Wenn Rhondas Buch die Leute dazu bringt, mehr Liebe und Dankbarkeit zu zeigen, dann kann man trotzdem auch mit ihrem Fantasie-Naturgesetz leben.

Wie schauen eigentlich die Belege aus für die Macht der Liebe, die Byrne anführt? Sie nennt zum Beispiel einen neuen Rock, den sie in Paris bewunderte und der dann durch ein Wunder in einem Schaufensterladen in der Nähe ihres Hauses aufgetaucht sei. Sie nennt außerdem ein Pferd, das “eine Frau” haben wollte und das sie dann in der Lotterie gewonnen hat. Eine höhere Steuerrückzahlung. Ein Parkplatz in der Nähe der Tür des Supermarktes.

Wie wäre es mit dem Ende aller Kriege, einem Heilmittel für Krebs, mit dem Ende aller Hungersnöte? Warum denkt Rhonda nicht an so etwas?

Wie ich in der Rezension zu “The Secret” geschrieben habe: “Wenn Reichtum und Armut nur das Ergebnis von Gedanken sind, dann muss es sich bei den armen Kindern in Afrika um beachtliche Miesepeter handeln, die selbst für ihr Schicksal verantwortlich sind. Und die Opfer von Ausschwitz haben sich dieser Logik zufolge gewünscht, vergast und verbrannt zu werden.”

Alles bezieht sich nur auf mich!

Byrne wünscht allem und jedem die ganze Zeit über “Liebe” und “Dankbarkeit”, in der Tat hat es ihr ja scheinbar viel gebracht. Aber was so uneigennützig klingt, ist eher das Gegenteil: “Was das Anziehungsgesetz angeht, gibt es auf der Welt nur eine Person – dich! Es gibt nur dich, denn das Anziehungsgesetz antwortet auf deine Gefühle! Nur, was du gibst, zählt.”

Und jetzt wird es richtig gruselig: “Menschen wurden früher viele hundert Jahre alt”, schreibt sie und beruft sich auf “alte Texte” als Autorität. “Also, was ist geschehen? Die Leute haben das verändert, woran sie glaubten.” Auch der Tod wird vom Anziehungsgesetz bestimmt. Wer sich wünscht, dass er ein paar hundert Jahre alt wird, der wird das auch. Wir werden sehen, ob es dem Dalai Lama gelingen wird, der ist mit einem ähnlichen Projekt beschäftigt. Schade, dass die verhungernden Kinder in der dritten Welt eine so miese Einstellung haben und gar nicht lange leben wollen.

Und jetzt wird es noch gruseliger, wenn Byrne schreibt: “Wann immer ich etwas höre, selbst wenn es Wörter aus einer Unterhaltung von zwei Fremden sind, die in meiner Nähe stehen, wenn ich ihre Wörter hören kann, dann haben ihre Wörter eine Bedeutung für mein Leben. Ihre Wörter sind eine Botschaft für mich, sind relevant für mich, geben mir eine Rückmeldung auf mein Leben. Wenn ich reise und mir ein Schild auffällt und ich die Wörter lese, dann haben diese Wörter eine Bedeutung für mich.”

Es gibt einen psychologischen Fachbegriff namens “Beziehungswahn”, dabei handelt es sich um das Symptom einer Psychose.

Der Psychologe Karl C. Mayer definiert “Beziehungswahn” wie folgt:

Beziehungswahn

Im Vordergrund steht hier die wahnhafte Eigenbeziehung, in der Menschen und Dinge der Umwelt in abnormem Bedeutungsbewusstsein auf den Kranken selbst bezogen werden. Bedeutungs- oder zusammenhangslosen Bemerkungen und Handlungen anderer, aber auch große Ereignisse, wird mit wahnhafter Gewissheit eine persönliche Bedeutung im Sinne eines Bezugs zum Betroffenen gegeben. Der Betroffene steht quasi im Zentrum der Welt, die ganze Welt interessiert sich für ihn, alle Geheimdienste haben Zeit nur ihn zu überwachen. Die Kranken sind der festen Überzeugung, dass Ereignisse in ihrer Umwelt, die sich in Wirklichkeit nicht auf sie beziehen, für sie eine bestimmte Bedeutung haben.

Das Gespräch anderer Menschen bezieht der an einem Beziehungswahn Leidende auf sich, (z.B. er hört das Wort “voll” und ist der Überzeugung andere halten ihn für betrunken. Ein Zeitungsbericht über das Theaterstück in dem der Betroffene war ist nur geschrieben worden um ihm etwas zu sagen. Dass im Kaufhaus eine bestimmte Musik gespielt wird, soll ihm eine wichtige Botschaft übermitteln. Im Radio wird nur noch über ihn gesprochen. Der Kranke fühlt sich im Mittelpunkt der gezielten Aufmerksamkeit seiner Umwelt, selbst aus völlig unbedeutenden Ereignissen entnimmt er mit unerschütterlicher Gewissheit Signale, die ihn in ganz besonderer Weise angehen. Der Beziehungswahn kann isoliert vorkommen oder auch als Unter- und Hintergrund für andere Wahnformen, besonders für den Verfolgungswahn, Größenwahn, dann nur die jeweilige Wahnform markieren.

 
9 Comments

Geschrieben von am 22. August 2010 in Bücher, Empirische Psychologie, Humor, Religionskritik

 

9 Antworten zu Die Welt von Rhonda Byrne

  1. Bebu

    22. August 2010 at 02:42

    Meine Fresse… wenn ich sowas lese, könnte ich glatt bedauern, dass man solche perfiden Geldmacher nicht einer modernen Form der Wasserprobe unterziehen kann. Man wirft sie einfach irgendwo in den Atlantik und sagt ihnen, dass sie sich doch ganz fest ein Schiff herbeiwünschen sollen. Wenn sie mit ihrem Mist recht haben, sollte dieses dann ja bald erscheinen. ;-)

     
  2. Lichtecho

    22. August 2010 at 07:48

    Der Blogpost zeigt wunderbar, was so problematisch an der Esoterik ist. Der Esotrend beruht auf einen extremen Egozentrismus, in dem es ausschließlich nur noch um die Beziehung des eigenen Selbst mit der Umwelt geht. Übergeordnete Perspektiven können diese Menschen nicht mehr einnehmen, da sie nur um ihre eigene Lebenssinnproblematik kreisen. Einfache Widersprüche, die sich ergeben, wenn man ihre einachen Lösungsstrategien zum Gesetz erhebt, fallen ihnen gar nicht mehr auf.

    Es ist einfach ekelhaft, wenn sich Menschen so wichtig nehmen.

     
  3. qwertzuiopqweasdyxc

    22. August 2010 at 10:41

    Die Idee, nett zu seinem Wasser zu sein ist aber nicht neu. Ein ehemaliger Lehrer von mir hat sein Mineralwasser immer in Papier eingepackt, auf dessen Innenseite Sachen standen wie “Du bist Toll!” oder “Ich liebe dich!”, damit das Wasser besser schmeckt.

     
  4. booner

    22. August 2010 at 11:20

    Das Gesetz der Liebe… hm…
    wenn ich jetzt, sagen wir, blutverschmierte, zerfetzte Körperteile liebe… ist das dann ein positiver oder ein negativer Gedanke? Vllt sollte ich einen japanischen Politikwissenschaftler fragen, so einen wie Masaru Emoto, der mal nebenbei zwischen einem Sushi und einem Sake die moderne Physik auf den Kopf stellt.

     
  5. meingedankengarten

    26. August 2010 at 17:55

    Das ist ja alles wieder eine Glaubensfrage und Glaube ist ja individuell *g* Dass wir durch unser Denken unser Leben gestalten und die Welt, in der wir leben, ist für mich Fakt. Ob man jeden Esotrend auf Dauersinnsuche mitmacht, ist eine andere Geschichte. Zu diesem Thema habe ich auch mal was gebloggt:
    http://meingedankengarten.wordpress.com/2010/07/22/fuhrer-befiehl-wir-folgen/

     
  6. gorias

    26. August 2010 at 21:14

    The Power funktioniert!!!

    Seitdem ich der Kloschüssel gut zurede funktioniert die Abspülung besser und ist auch nicht mehr verstopft gewesen.

     
  7. melli

    29. Oktober 2010 at 18:57

    leute, ihr seid leider auf dem falschen trichter. versucht lieber euer denken zu ändern und die grundsätze die nunmal die welt/ unser dasein beherrschen zu verstehen und richtig anzuwenden. idiotie das schlecht zu reden ohne es wirklich zu verstehen und ausprobiert zu haben. klar das ihr das natürlich gleich zu blödsinn runterredet, jeder mensch ist nunmal von grund auf nicht auf veränderung programmiert, sondern bleibt schon bequem in seinem hass und seinen festgefahrenen ansichten stehen, weil es eben keine kraft und anstrengung kostet. wie es so schön heisst, von nichts kommt nichts. also werdet ihr auch weiterhin nur den dreck glauben der euch von der mehrheit vorgelebt wird.

    tut euch selbst nen gefallen, öffnet etwas eueren falsch geglaubten horizont und gestaltet euer leben für euch freier.

    kein mensch kann euer leben für euch leben und es euch erleichtern, nur ihr selbst. wenn jemand wirklich bereit ist an sich zu arbeiten, seine grundsätze wirklich selsbt zu lenken, anstatt von seinem ego geknechet zu werden, kann freiheit empfinden. ich sag nur eins: ich habe sehr lange gebraucht und es auch abermals abgetan als schwachsinn, die wahrheit ist – es ist die wahrheit. habe es in allen lebenslagen erkannt und erlebt. change your thoughts! aber wirklich, kein blödes wunschdenken, nein ihr müsst es wirklich glauben, es muss euer “weltbild” werden: nämlich dass das was ich selbst für wahr empfindet, was ich mir selbst wert bin, das bekomme ich von meiner umwelt/mitmenschen/geldsituation reflektiert.

    alles gute, und tut was für euch selbst skeptiker ;)

     
    • booner

      29. Oktober 2010 at 20:16

      Ich you open your mind too much, your brains will fall out.

       
 
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