Das Titelthema der aktuellen Ausgabe von Free Inquiry (30/5) dreht sich um Zensur in amerikanischen Universitäten. Das Ergebnis: Die Zensurvorstöße stammen fast ausschließlich aus den Reihen der postmodernistischen Linken, nur selten von der christlichen Rechten, und atheistische Organisationen haben schon mehrmals die Meinungsfreiheit von Christen gegen die Linke verteidigen müssen.
In amerikanischen Universitäten gibt es sogenannte „Speech Codes“, die festlegen, mit welchen Begriffen man über Minderheiten reden darf und mit welchen nicht. Außerdem gibt es „Harassment Codes“, mit denen die Belästigung von angeblich benachteiligten Gruppen unterbunden werden soll. Ein Verstoß gegen solche Verordnungen kann echte Strafen bis hin zu einem Verweis von der Universität nach sich ziehen.
Angeblicher Rassismus
In einem Fall hat Keith Sampson, eine Hilfskraft an der Universität von Indiana, ein Buch über den Ku-Klux-Klan gelesen. Obwohl das Buch dem Klan sehr kritisch gegenüberstand, wurde Sampson schuldig befunden, „offen ein Buch gelesen zu haben, das mit einem historisch und rassisch schrecklichen Thema zusammenhängt, während seine schwarzen Mitarbeiter anwesend waren“. Nur durch die Bemühungen der Bürgerrechtsorganisation FIRE (Foundation for Individual Rights in Education), die sich für Meinungsfreiheit auf dem Campus einsetzt, wurde Sampson schließlich freigesprochen.
In einem anderen Fall hat die Studentin Stephanie Grace in einer privaten E-Mail im Anschluss an eine Diskussion mit ihren Freunden ihre Meinung zum Thema „Rasse und Intelligenz“ zum Ausdruck gebracht, das im Anschluss an die Debatte um das Buch „The Bell Curve“ immer wieder einmal aufgekommen ist. In ihrer Mail hat sie geschrieben: „Ich würde die Möglichkeit absolut nicht ausschließen, dass Afro-Amerikaner im Durchschnitt genetisch prädisponiert sind, weniger intelligent zu sein. Ich könnte natürlich auch überzeugt werden, dass wir nach einer Kontrolle der richtigen Variablen sehen würden, dass sie tatsächlich genauso intelligent sind wie Weiße unter den selben Bedingungen. [...] Ich würde nur gerne ein paar wissenschaftliche Daten sehen, welche die genetische Position widerlegen und es ist oftmals schwer, kulturelle Aspekte zu quantifizieren.“
Die Mail wurde ohne Wissen der Studentin veröffentlicht und sie wurde im Netz als Rassistin bezeichnet und öffentlich von der Dekanin ihrer Universität, der Harvard Law School, für ihren Kommentar zurechtgewiesen, obwohl sie schon dazu gezwungen worden war, sich zu entschuldigen. Die Dekanin, Martha Minow, stellte fest: „Wir ermutigen Meinungsfreiheit, aber Meinungsfreiheit sollte von Verantwortung begleitet werden.“ Und wer nicht die selbe Meinung hat wie die postmodernistische Führungsschicht der Universität, der handelt eben verantwortungslos.
Angeblicher Schwulenhass
Ein anderer Fall spielte sich in der Yale-Universität ab. Hintergrund ist der Beleidigungs-Wettbewerb, den sich Yale jedes Jahr anlässlich der Football-Meisterschaft mit Harvard liefert (eine dieser seltsamen Campus-Traditionen). Auf einem T-Shirt der Yale-Studenten stand ein Zitat von F. Scott Fitzgeralds halb-autobiografischen Roman This Side of Paradise, nämlich: „I think of all Harvard men as sissies“ und auf der Rückseite „WE AGREE“.
Einige Studenten behaupteten, dass „sissies“ eine schwulenfeindliche Beleidigung sei, obwohl der Begriff nicht so von Fitzgerald verwendet wurde und obwohl er gemeinhin so viel bedeutet wie „Weicheier“ oder „Memmen“ – eine recht gewöhnliche Art, ein gegnerisches Football-Team zu beleidigen. Nachdem sie Beschwerden erhalten hatte, griff die Yale-Dekanin Mary Miller ein und untersagte die Shirts als „nicht akzeptabel“. Ein Slogan aus den vergangenen Jahren lautete zum Beispiel „Harvard Sucks. But So Will I for Crack“.
Verstöße gegen Scharia-Recht
Schwerwiegender ist die Zensur der dänischen Mohammed-Karikaturen in einem Buch über – die dänischen Mohammed-Karikaturen. Das Buch heißt The Cartoons That Shook the World vom Yale Universitätsverlag und Yale untersagte der Autorin Jytte Klausen, die Karikaturen darin abzudrucken. Die Vizepräsidentin und Sekretärin von Yale räumte ein, die Zensur sei begründet in einer unspezifischen, generellen Furcht vor vergeltender Gewalt.
2006 hat ein Verwalter der San Francisco State University eine Gruppe von Studenten vor das Uni-Gericht gezerrt, weil sie auf selbstgemachten Hezbollah- und Hamas-Flaggen herumgetreten hatten, was Teil einer Demonstration gegen Terrorgruppen gewesen ist. Seine Anschuldigung lautete, sie hätten „den Namen Allahs geschändet“, also gegen das Scharia-Recht verstoßen. Erst nach Monaten von öffentlichem Protest seitens FIRE hat man die Klage gegen die Studenten fallen gelassen.
In der Tufts-Universität (wo Daniel Dennett unterrichtet) wurde die Redaktion einer konservativen Studentenzeitschrift angeklagt, weil sie sich in einer satirischen Anzeige über die „Islamic Awareness Week“ der Universität lustig gemacht hatten. Sie verwiesen auf einige Koran-Zitate und die Zustände in islamischen Theokratien als Gegengewicht zu der positiven Darstellung des Islams während dieser Woche. Der Uni-Präsident zog die Anklage erst nach Protest von FIRE zurück.
Wenn Atheisten Gläubige verteidigen müssen
Angriffe gegen Blasphemie und Aktionen von atheistischen Studentengruppen kommen in der Regel von außerhalb der Universitäten, etwa von besorgten Eltern und von konservativen Politikern. Zum Beispiel sollte einer Universität untersagt werden, dass in ihren Räumen ein Pornofilm gezeigt werden darf, was aber keinen Erfolg hatte.
Anders sieht es aus mit christlich-konservativen Studenten, die immer wieder der Zensur ausgesetzt sind und die immer wieder von atheistischen Studentenverbindungen unterstützt werden müssen. Am häufigsten trifft es evangelikale Christen. Verantwortlich für die Zensur sind, wie erwähnt, nicht die säkular-humanistischen oder atheistischen Studentenverbindungen, sondern die postmodernistisch-linken Führungsschichten der Universitäten, sowie ähnlich gesinnte Studenten.
2004 wurde dem Christian Student Fellowship vom Indian River Community College in Florida untersagt, Mel Gibsons Die Passion Christi bei einem Treffen der Gruppe zu zeigen. Dem College zufolge soll der Film „kontrovers“ sein und außerdem „R-Rated“ (ab 18). Das College hatte jedoch in den Vorjahren Filme mit dem R-Rating zugelassen. Zur selben Zeit, als das College die Aufführung des Films verboten hat, erlaubte sie eine Studentenproduktion, in der Studenten andeutungsweise zu einem Gemälde von Jesus Christus masurbierten. Sie nannten die Aufführung „Fucking for Jesus“.
2006 untersagte die Universität von Wisconsin-Eau Claire ihren Studenten, in ihren Schlafsälen die Bibel zu studieren. Die Bibelstudien waren freiwillig und wurden in der Freizeit abgehalten. Die Begründung für das Verbot lautete, die Bibelstudien machten die christlichen Studenten „nicht zugänglich“ für andere.
In der Universität von Northern Kentucky, der Universität von Wisconsin-Stevens-Point und der Missouri State University hatten Pro-Life-Gruppen die Erlaubnis erhalten, Kreuze aus Eis am Stil aufzustellen, die ihre Opposition gegen Abtreibung zum Ausdruck bringen. Die Kreuze wurden von Studenten zerstört. In Northern Kentucky stiftete sogar ein Professor seine Studenten dazu an, die Kreuze zu zerstören und damit ihr „Recht auf freie Meinungsäußerung“ zu gebrauchen. Den „Duke’s Students for Life“ wurde im letzten Moment untersagt, an einer Diskussion über Mutterschaft unter Studenten am Duke’s Women Center teilzunehmen.
In der York University in Toronto sollte es eine Debatte zwischen christlichen Pro-Lifern und Pro-Choice-Anhängern der „Freethinkers, Skeptics and Atheists of York University“ geben. Die York Federation of Students untersagte die Debatte, weil „Frauen ein Recht haben, mit ihren Körpern zu tun, was sie wollen“, wie die Sprecherin Kelly Holloway feststellte. Daraufhin verteidigten die Atheisten das Recht der Christen auf freie Rede.
In der Universität von Calgary in Alberta organisierte Campus Pro Life (CPL) das „Genocide Awareness Project“, wo sie Abtreibung mit dem Holocaust verglichen. CPL sollte daraufhin ihren Club-Status verlieren. Die University of Calgery Freethinkers haben in der Gauntlet-Universitätszeitung das Recht auf freie Rede der Pro-Life-Seite verteidigt.
In den Universitäten McGill in Quebec, Victoria in British Colombia und anderen Universitäten sollten die Pro-Life-Gruppen komplett verboten werden, was erneut auf Widerstand durch atheistische Studentengruppen stieß.
Laut FIRE verfügen 71% der Colleges über Speech Codes, die laut dem Ersten Verfassungszusatz als verfassungswidrig erklärt würden. FIRE hat bislang jede der bislang 15 Gerichtsverhandlungen gegen Speech Codes für sich entschieden.









tartaros
10. August 2010 at 20:06
Oh Mann, in Amerika ist der politische Korrektheitswahnsinn ja noch verrückter. Na ja, auch kein Wunder. Kommt ja auch von dort.
Gibts da eigentlich auch Beispiele für verfassungswidrige „speech codes“?
prop
11. August 2010 at 13:26
Philip Roth hat die Mechanismen in seinem Buch „Der menschliche Makel (The Human Stain)“ sehr gut beschrieben.
Bärli
11. August 2010 at 20:00
Interessanter Artikel. Aber in den USA muss der Hersteller ja auch auf die Waschmaschine schreiben, dass selbige nicht zum Waschen der Hauskatze geeignet ist.
Freiheit gilt eben nicht immer und überall für alle. Warum nun allerdings gerade dort die „Linke“ so stark ist, verstehe ich nicht ganz. Oder gilt das nur für die Unis?
Cyrano
11. August 2010 at 20:31
In keinem der Fälle handelt es sich um Zensur, vielmehr wohl um eine Art u.a. hierarchisch organisierter „Peer Pressure“. Wer die email im Fall 1 veröffentlicht hat, bleibt unklar, die Zurechtweisung der Dekanin ist nicht ganz grundlos (obwohl sie niemals aufgrund einer geleakten Mail erfolgen dürfte, hier folgt dem ersten Eingriff in die Privatssphäre auf dem Fuß der 2.). Immerhin, hinter dem Argument, dass dieses oder jenes nicht „zweifelsfrei“ bewiesen sei, verschanzt sich die reaktionäre Weltanschauung, mit der wahren Aussage, kulturelle Faktoren seien eben nicht zu klassifizieren, wird die mindestens ebenso unbewiesene Mär vom essentiellen Unterschied der Rassen verteidigt, verschweigend, dass „genetische Faktoren“ sich in der geforderten Weise ebenso schlecht klassifizieren lassen. Im dritten Fall („Schwulenhass“), wäre nachzuweisen, dass das Verbot des Shirts aus eben dem Grund erfolgt ist, aus dem die Beschwerde erfolgt ist, immerhin wäre denkbar, dass das „Havard Sucks“ shirt bei Beschwerde ebenso wäre verboten worden.
Solche „Kleinigkeiten“ wären mir ehrlich gesagt egal, würde nicht die rede von der Zensur ebensolche „Amerikakritiker“ auf den Plan rufen wie die obigen. Dass nämlich solche Streitereien recht offen ausgetragen werden, und kontrovers diskutiert werden spricht für eine Streitkultur, wie sie in Dtl. meiner Meinung nach nicht gegeben ist. Der „politische Korrektheitswahnsinn“ ist in den USA mit sicherheit nicht einfach „viel schlimmer“, sondern ein umstrittenes Terrain, das, wie vielfach vergessen wird, seine berechtigten Wurzeln im Kampf gegen rassistischen Hate Speech hat, und somit tatsächlich zumindest tendenziel bewusste Vergangenheitsbewältigung ist. Unreflektiert übertragen wird „PC“ dagegen im nicht Anglo-Amerikanischen Westen, pointiert auf den Punkt gebracht von Stephen Colbert: „Black Russians? They´re called African Americans, Mister!“
Naja, und die Frage, wie und ob „PC“ reflektiert wird, führt dann zum vierten Fall(bündel): Kulturrelativismus, einer Disziplin, in der sicherlich die USA nicht, Deutschland aber bestimmt, Federführend ist. Die gesamten beschriebenen (Selbst)Zensur(en) gab es dort auch (der Autor weiß das, die Kritiker? ich weiß nicht…), und das, während antisemitische Vorstellungen betreffend schon längst wieder kaum ein Blatt vor den Mund genommen wird…
Edgar Dahl
12. August 2010 at 14:37
Eine Lektion, die Linke bis heute nicht begriffen haben, ist, dass sie mit ihrem wohlgemeinten Kampf gegen Ungerechtigkeiten wie den Rassismus, Sexismus und andere Formen der Diskriminierung letztlich mehr Schaden anrichten als verhindern.
Erst darf man bestimmte Sachen nicht mehr sagen, dann darf man sie nicht mehr lesen und schließlich darf man sie nicht einmal mehr denken.
Das ist Orwell’s „Gedankenpolizei“ und eine Politik, deren Auswirkungen ich in der ehemaligen DDR am eigenen Leibe erleben durfte.
Der „Americans With Disability Act“ ist ein ausgezeichnetes Beispiel für die Kontraproduktivität linker Politik in den USA.
Die strafrechtliche Verfolgung von Holocaustleugnern ist ein gutes Beispiel für die Unangemessenheit linker Politik in Deutschland.
Die Linken müssen endlich begreifen, dass man Tugend nicht erzwingen kann – sei es durch die Verunglimpfung, die Verfolgung oder die Verhaftung von Menschen mit unliebsamen Ansichten.
El_Mocho
13. August 2010 at 10:43
„Linke Politik in den USA“? Seit wann gibt´s denn sowas?
http://www.newleftreview.org/?view=2731