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Befreit die ganze Welt!

06 Aug

Bist du frei? Dank unseren Truppen. (iowasbravest.org)Ich habe gerade Rüdiger Safrankis Romantikbuch durchgelesen und frage mich, ob er recht hat mit seinem Fazit, dass sich die Romantik aus der Politik heraushalten und auf die Kunst beschränken sollte. Wie in seinen anderen (empfehlenswerten) Büchern neigt Safranski dazu, sich irgendwann selbst zu widersprechen. Ich denke, es gibt einen gesunden Mittelweg.

Und Safranski widerspricht sich selbst, wenn er einerseits aufzeigt, dass die (Früh-)Romantik ein Produkt der französischen Revolution und der Aufklärungsphilosophie war, wo man die Ideale Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit feierte, und wo man sein eigenes Ich im Anschluss an Kant und Fichtes Philosphien erkundete, wo es um die freie Selbstentfaltung ging; und wenn Safranski am Ende zur gegenteiligen Einschätzung gelangt, dass man die Romantik aus der Politik heraushalten sollte. Die Romantik entstand mitunter aus der Politik und sie benötigt die Politik als Entfaltungsgrundlage, also wie kann sie sich dort heraushalten?

Was ist Romantik?

Safrankskis Romantik-BuchZunächst zu der Frage, was Romantik überhaupt ist. Die beste Definition stammt möglicherweise von Novalis:

Indem ich dem Gemeinen einen hohen Sinn, dem Gewöhnlichen ein geheimnisvolles Ansehen, dem Bekannten die Würde des Unbekannten, dem Endlichen einen unendlichen Schein gebe, so romantisiere ich es.

Safranski über das Romantische: “Es ist fast immer im Spiel, wenn ein Unbehagen am Wirklichen und Gewöhnlichen nach Auswegen, Veränderungen und Möglichkeiten des Überschreitens sucht. Das Romantische ist phantastisch, erfindungsreich, metaphysisch, imaginär, versucherisch, überschwenglich, abgründig. Es ist nicht konsenspflichtig, es braucht nicht gemeinschaftsdienlich, ja nicht einmal lebensdienlich zu sein. Es kann in den Tod verliebt sein. Das Romantische sucht die Intensität bis hin zu Leiden und Tragik.”

Freiheit und Romantik

Und darum gibt es mit dem Romantischen in der Politik Probleme. Die Politik muss gemeinschafts- und lebensdienlich sein. Aber das ist kein notwendiger Widerspruch. Die Romantik kann gemeinschafts- und lebensdienlich sein und ist es oftmals gewesen.

Rüdiger Safranski zitiert den Ex-Nazi Alfred Baeumler, der die Demokratie zu schätzen lernte, weil sie das “Anti-Erhabene” sei, also pragmatischer und realistischer als teleologische Geschichtsdeutungen und romantisierte Politideologien. Das stimmt in der Praxis zwar schon, allerdings war die Demokratie und ihre Ideale während französischen Revolution in Frankreich und in Deutschland anschließend für die Romantiker und die Vormärz-Bewegung selbst das Erhabene, ein romantisches Ideal.

Holmes "The Age of Wonder"Schließlich war die Aufklärung zum Teil romantisch. Sicher nicht, was Kant unter anderem daraus gemacht hat, ein moraltheologisch unterkühltes System fürs Diesseits, aber für zahlreiche Forscher und Denker des 18. Jahrhunderts. Dies stellt unter anderem Richard Holmes in seinem Buch The Age of Wonder. The Romantic Generation and the Discovery of the Beauty and Terror of Science beeindruckend dar. Darin geht es um die Forschungsreisen von Joseph Banks mit seinen Beschreibungen der “edlen Wilden” von Tahiti, um den “Self-Made”-Astronomen William Hershel und um andere Wissenschaftler und ihr romantisches Forschungsverständnis. Ebenso geht es um die Faszination der englischen Romantiker für die Wissenschaft. In der heutigen Zeit ist vor allem Carl Sagan für sein romantisches Verständnis des wissenschaftlichen Erkenntnisstrebens bekannt geworden.

Was die Politik angeht, gab es zwar kühl ausgedachte Konzepte über Gewaltenteilung und liberalen Rechtsstaat, etwa von John Locke und Montesquieu, aber gerade die praktische Umsetzung dieser Konzepte in den bürgerlichen Revolutionen in Europa, teils gewaltsam und teils friedlich, teils radikal und teils progressiv, die waren alle von einem romantischen Geist getragen, von der Idee, man könne mehr aus der Welt machen, als da zu sein scheint.

Die romantischen Künstler brauchten die Politik insofern als Grundlage, weil sie das Recht auf Selbstentfaltung benötigten. Mit anderen Worten war für sie eine Gesellschaftsordnung erforderlich, die frei genug war, damit sie sich der Dichtung widmen konnten. Zum Beispiel E.T.A. Hoffmann hat dies genau erkannt, als er sich gegen die Demagogenverfolgung einsetzte,  für die Unterscheidung von Meinung und Tat; für die Meinungsfreiheit und für die Kunstfreiheit. Die Romantiker benötigten einen Spielraum, wie man in Anlehnung an Schiller sagen könnte, wo sie sich frei entfalten konnten. Wenigstens insoweit ist die Romantik notwendig politisch, als sie sich diesen Spielraum erkämpfen muss.

Realpolitik versus romantische Politik

Erschwerend kommt hinzu, dass ein als “Realpolitik” bekanntes Konzept immer wieder scheitert. Gerade die angeblich kühle, pragmatische Politik, die auf Kompromisse und Diplomatie auch mit Tyrannen und Fanatikern setzt, hat seit dem Kalten Krieg eine Reihe an Katastrophen heraufbeschwört. Die Realpolitik war das Konzept von Henry Kissinger, Gerald Ford und Richard Nixon. Das war die Zeit, als die USA aus angeblicher Notwendigkeit und Eigentinteresse Diktatoren unterstützt hat (was sie ja teils noch immer tun). Es wäre eben “unrealistisch” bestimmte Länder zu befreien, hat es geheißen.

Barack Obama hat in unseren Tagen den iranischen Widerstand aufgrund realpolitischer Erwägungen nicht unterstützt.

Michael Rubin schreibt über Obamas Realpolitik: “Dem Realismus geht es um die Maximierung von US-Interessen. Ein feindliches Regime zu erhalten ist kein Realismus. Es ist einfach dämlich. Wir sollten der Islamischen Republik keine Rettungsleine hinwerfen, deren Fall dem Iran ermöglichen würde, sich als eine neue Kraft der Moderation in der Region zu etablieren und er würde dem iranischen Volk erlauben, seinen rechtmäßigen Platz unter den Nationen einzunehmen.”

Der israelische Premierminister Netanyahu dagegegen spricht Klartext: “Kräfte, die den Frieden bedrohen, müssen unschädlich gemacht werden (“dealt with”). Der Mut des iranischen Volkes bei ihrer Suche nach Freiheit ist etwas, das freie Menschen erkennen sollten.”

Die Konstruktion von Schuld (coxandforkum.com)

Die Konstruktion von Schuld (coxandforkum.com)

George W. Bush war eine Mischung aus Realpolitiker und Neocon. Neocons sind frühere Sozialdemokraten, die im kalten Krieg zur Rechten übergewechselt sind, weil die Linke den Kommunisten oftmals nahestand. In Punkto Außenpolitik sind sich liberale Falken, Decent Leftys und Neocons recht ähnlich. Bushs Realpolitik, nicht seine Neocon-Allüren, war verantwortlich für die Kooperation der USA mit Saudi-Arabien und mit Pakistan. Seine romantische Neocon-Hälfte hat dem Terrorismus den Krieg erklärt und Saddam Hussein ein Ende bereitet, anstatt, wie sein realpolitischer Vater, den Massenmörder als legitimiertes Staatsoberhaupt beizubehalten.

In seinem Beitrag “Rumsfeld und die Realisten” schreibt Rubin: “Realismus bietet einen kurzzeitigen Nutzen, oftmals auf Kosten einer Sicherheit auf lange Zeit. (…) Realisten leugnen die Realität und machen sich eine Ideologie zu Eigen, in der Gespräche produktiv sind und Regierungen ernsthaft. Während 9/11 die Konsequenzen einer Chardonnay-Diplomatie aufzeigte, vom Feilschen mit Diktatoren und einem Notlösungs-Ansatz zur nationalen Sicherheit, streiten Realisten weiterhin die Bedeutung der Ideologien ihrer Gegner ab und die Notwendigkeit von Langzeitstrategien.”

Gerade auf den notwendigen ideologischen Wettstreit hat sich die USA zur Zeit des Irak-Krieges dank realpolitischer Vorurteile zu wenig eingelassen. So konnten Verschwörungstheorien frei wuchern und außer einigen offiziellen Stellungnahmen war nichts zu hören von der Regierung.

Fazit

Politik muss auf der Realität basieren und sie muss die Natur des Menschen anerkennen. Wenn Realpolitik so zwieschneidig ist und wenn romantisierte Politik sowohl zu Katastrophen, wie auch zu wünschenswerten Veränderungen führen kann, dann ist davon auszugehen, dass der Mensch eben auch Romantiker ist. Ich stelle mir eine aufgeklärte Romantik vor, oder einen aufgeklärten Idealismus, und gerade davon gibt es mir aktuell zu wenig in der deutschen und in der amerikanischen Politik.

Was sind meine Ideale?

Christopher Hitchens und seine Kritiker über den Irak-KriegIch denke, man sollte alle Länder zu republikanischen, liberalen Rechtsstaaten umformen. Mit “republikanisch” meine ich eine repräsentative, konstitutionelle Demokratie, anstelle einer Mehrheitsdemokratie (Majoritarianism).

Fanatiker und Tyrannen sollte man bekämpfen und nicht mit ihnen verhandeln (allenfalls aus strategischen Gründen, um sie letztlich besiegen zu können).

Das Hauptziel ist die Durchsetzung der Menschenrechte. Früher wäre ich ein Befürworter der französischen Revolution gewesen, heute nennt man das wohl “Imperialismus”. Insofern bin ich ein Menschenrechts-Imperialist.

Der Faschismus wurde besiegt, der Kommunismus wurde besiegt und der Islamismus kann auch noch besiegt werden. Dann ist die Welt frei, Ende der Geschichte.

Frisch ans Werk!

Weiterführend:

Democratic Peace Theory

Can the whole world become democratic?

Mark Palmer: Breaking the Real Axis of Evil.  How to Oust the World’s Last Dictators by 2025

> Die zentralen Thesen dieses Buches:

  • Die “eigentliche Ursache” von Hungersnöten in der Welt ist Nicht-Demokratie
  • Die “eigentliche Ursache” von Armut in der Welt ist Nicht-Demokratie
  • Die “eigentliche Ursache” von Umweltzerstörung in der Welt ist Nicht-Demokratie
  • Die “eigentliche Ursache” von Korruption in der Welt ist Nicht-Demokratie
  • Die “eigentliche Ursache” von Krieg in der Welt ist Nicht-Demokratie
  • Die “eigentliche Ursache” von Völkermord in der Welt ist Nicht-Demokratie
  • Die “eigentliche Ursache” von Terrorismus in der Welt ist Nicht-Demokratie
 
5 Comments

Geschrieben von am 6. August 2010 in Geschichte, Literaturwissenschaft, Philosophie, Politik

 

5 Antworten zu Befreit die ganze Welt!

  1. Muriel

    6. August 2010 at 19:34

    Oh mein Gott, ist da ein Deppenapostroph auf dem Cover von Nick Cohens Buch?
    Wie kann denn sowas passieren?

     
    • Cyrano

      6. August 2010 at 19:40

      It´s english. Or are you being ironic?

       
  2. ca

    7. August 2010 at 12:58

    die politik ist nicht pragmatisch genug. sie agiert wo sie reagieren sollte. beispiel schweiz: erst der volksentscheid zum thema minarette und dann der rückzug der politiker die völlig überrascht wurden von dem ergebnis des votums. da hat die demokratie völlig versagt. wenn man in deutschland als wähler bei einem mehrheitsvotum feststellen würde, das man etwas bewirken kann, dann würde die wahlbeteiligung plötzlich in die höhe schnellen. so kann man nur zwischen parteien mit mehr oder weniger abstrusen programmen wählen. ich würde mehr mut zu mehrheitsentscheidungen in der bevölkerung begrüßen. DAS ist demokratisch…auch mal zu unpopulären wahlergebnissen stehen und sagen “das volk hat entschieden!”

     
    • carsten göldner

      7. August 2010 at 12:59

      sorry…aber der name kam nicht richtig an…

       
    • derautor

      7. August 2010 at 14:19

      Es war auch demokratisch, als Jahrzehnte lang in den USA die Kreationisten bestimmt haben, dass die Evolution des Menschen nicht gelehrt werden darf. Und auf basisdemokratische Weise wurde der Staat Kalifornien vollkommen ruiniert. Ebenso demokratisch wurde in Afghanistan ein Scharia-Unterstützer gewählt. Und im kalten Krieg wurden per Mehrheitsbeschlüssen die Bürgerrechte von Kriegsprotestlern eingeschränkt bis aufgehoben.

      Das Individuum geht vor, die Masse bedroht seine Rechte.

       
 
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