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Bayerisches Kultusministerium zensiert Religionskritik

26 Jun
Die Morlocks aus dem Film "Die Zeitmaschine" von 1960, Foto: MGM

Die Morlocks aus dem Film "Die Zeitmaschine" von 1960, Foto: MGM

Wie die Leser meiner Bücher wissen, steckt das Bayerische Kultusministerium insgeheim hinter allem, was schlecht ist auf der Welt. Nun hat das Ministerium ein Schulbuch für den Englischunterricht zensiert, weil darin ein kritischer Beitrag über Evangelikale auftaucht. Mit Bezug auf die “Ehrfurcht vor Gott”, ein oberstes Bildungsziel laut der bayerischen Verfassung, hat das Ministerium dem Cornelsen-Verlag die Zulassung ihrer Schulbücher verweigert, sollten sie weiterhin Religion kritisieren.

Natürlich ist die “Ehrfurcht vor Gott” rechtlich null und nichtig, wegen dem Grundsatz “Bundesrecht bricht Landesrecht”. Aber die Taliban und ihre bayerischen Brüder im Geiste interessieren sich nicht für die elementaren Grundlagen der freien Gesellschaft, wie etwa das Recht auf eine kritische Auseinandersetzung mit Religionen und Ideologien. Gerade das ist ein wichtiges Bildungsziel, einen mündigen, aufgeklärten und kritischen Bürger heranzubilden, der nicht auf Ideologien hereinfällt, aber natürlich überwiegt für das Bayerische Blödheitsministerium der Schutz ihres allmächtigen Gottes.

Laut dem evangelikalen Nachrichtenportal idea wurde folgender Beitrag in dem Buch “Context 21″ angekreidet:

In dem Kapitel „Fundamentalismus in Amerika“ behauptet die Atheistin und Journalistin Susan Jacoby, dass „ein unbestreitbarer, starker Zusammenhang zwischen religiösem Fundamentalismus und einer fehlenden Bildung“ besteht. Kreationismus habe „die öffentliche Bildung in vielen Regionen des Landes nachhaltig beeinflusst“. Er sei ein wichtiger Grund dafür, dass amerikanische Gymnasiasten weniger über die Wissenschaft wissen, als Gleichaltrige in Europa und Asien.

Das sind empirisch bestätigte Tatsachen. Mag das bayerische Bananenministerium etwa keine Tatsachen? Bevorzugt es die Lehre der Evangelikalen, laut der die Welt 6000 Jahre alt ist und Schwule böse Sünder? Sieht ganz so aus.

Susan Jacoby ist eine engagierte Atheistin, Direktorin des Center for Inquiry in New York, was natürlich bedeutet, dass sie kein Recht hat, in bayerischen Schulen Gehör zu finden. Dort müssen alle Schulbücher von gehirnamputierten Sechs-Tage-Gläubigen geschrieben worden sein, oder sie erfüllen nicht die hohen Ansprüche, für welche das bayerische Bildungswesen so bekannt ist.

Jacobys Buch The Age of American Unreason wurde von Akademikern als hervorragendes Werk gewürdigt. So schrieb etwa der Historiker Douglas Brinkley darüber: “Mit analytischem Elan und einem tiefen historischen Verständnis dokumentiert Susan Jacoby die Verblödung unserer Kultur wie ein Maestro. Irren Sie sich nicht: Dies ist ein bedeutendes Buch.” Bei idea erfährt man dagegen:

Ein führender Mitarbeiter der Weltweiten Evangelischen Allianz, Prof. Thomas Schirrmacher, warf Jacoby vor, „hochkomplexe Zusammenhänge in einem stark religiösen Land wie den USA auf einfache Stereotypen zu reduzieren“.

Da Jacoby über ein “tiefes historisches Verständnis” verfügt, erscheint es plausibler, dass sie Tatsachen ausspricht, die religiösen Spinnern nicht gefallen. Und dafür wird ihr in Bayern das Maul gestopft. Nicht in Saudi Arabien, im Sudan, in Nordkorea, nein, in Bayern!

Man überlege sich das einmal! Religionskritik ist an bayerischen Schulen verboten! Man darf kein kritisches Wort über religiöse Fanatiker wie Taliban oder christliche Fundamentalisten verlieren! Fairerweise müsste man dies auf Weltanschauungen erweitern, dann gäbe es kein Recht mehr, die Nazis im Geschichtsunterricht kritisch zu behandeln. Vielmehr müsste man sie positiv darstellen, weil sich sonst irgendein Nazi beim Ministerium beschwert und natürlich muss man die Kritik von Verrückten ernstnehmen und alles zensieren, was ihnen nicht passt, da man Evangelikale ja auch ernstnimmt!

Weiter heißt es bei idea:

Ende vergangenen Jahres hatte die Kirchliche Sammlung um Bibel und Bekenntnis in Bayern sich kritisch zu einem Deutschbuch geäußert, in der die „Sage vom Doktor Faust“ behandelt wird. Zu den Aufgabenstellungen für die Fünftklässler gehörte unter anderem, eine Beschwörungsformel für den Teufel zu verfassen und zu überlegen, welche Verlockungen heute einen Teufelspakt rechtfertigen könnten.

Dass sich die Fundamentalchristen über so etwas beschweren, beweist, wie wahnsinnig sie sind. Sie glauben tatsächlich, dass man den Teufel beschwören kann und dass es so etwas gibt wie einen Teufelspakt! Darum wollen sie nicht, dass Schülern so etwas “beigebracht” wird. Die sind geradewegs aus dem Arkham Asylum ausgebrochen. Aber das Bayerische “Bildungs”-Minsterium nimmt solche Leute ernst und tut, was sie sagen! Was kommt denn als Nächstes!? Wenn der psychopathische Serienkiller Ted Bundy sich beschwert, dass er in einem Schulbuch “stereotyp” dargestellt wird, muss die Passage dann auch verschwinden? Schließlich gibt es so viele verschiedene Arten von psychopathischen Serienkillern, die kann man doch nicht alle über einen Kamm scheren!

Das Bayerische Kultusministerium und die Morlocks

Immer, wenn ich an das Bayerische Kultusministerium denke, muss ich an die Morlocks aus H.G. Wells Die Zeitmaschine denken. In der Geschichte hat sich die Menschheit aufgespalten in die dekadenten “Eloi”, die nur an Ästhetik und Hedonismus interessiert sind, und die “Morlocks”, die sich zu brutalen Halbaffen zurückentwickelt haben und die nun im Untergrund leben, von wo aus sie die Eloi mit Hilfe von Maschinen wie Vieh halten und gelegentlich ein paar zu sich rufen, um sie aufzufressen.

Das Bayerische Kultusministerium ist wie die Morlocks: Von ihrer Weltanschauung her sind sie primitive, barbarische Halbaffen und Kannibalen. Aber: Ihnen steht die Staatsmaschinerie zur Verfügung, mit deren Hilfe sie die Eloi, die naiven, gutmütigen, leichtgläubigen Schüler, unter Kontrolle halten. Anstatt sie kritisches Denken zu lehren, fressen die Morlocks den Geist der bayerischen Schüler auf. Und die Zahnräder der Maschine drehen sich unnachgiebig weiter.

Vielleicht kommt irgendwann ein Zeitreisender und befreit die bayerischen Schüler aus ihrer geistigen Sklaverei. Aber wahrscheinlich nicht.

Wo ich gerade dabei bin, hier eine kurze Passage über einen fiktiven Bayerischen Kultusminister aus meinem Buch. Er spielt darin den Anführer einer UFO-Sekte, die drei Kinder den außerirdischen Kryptorianern opfern will:

Der Bayerische Kultusminister im Prometheus Trio

Clara und John gingen zu dem Mann mit der Antenne auf dem Kopf, oder, genaugenommen, auf seinem Helm. Sie bestand aus grün gefärbtem Plastik und passte keineswegs zu seinem weißen Strahlenschutzanzug. Er begrüßte die beiden Kinder recht freundlich:

„Hallo Erdlinge.“

„Hallo… Sie“, antwortete John, während Clara den Mann näher betrachtete.

„Wenn ich mich kurz vorstellen darf“, fuhr der Mann fort. „Ich bin Gottfried Steinmetz, der bayerische Kultusminister. Ihr kennt mich sicher schon aus euren Schulbüchern und aus so spannenden Dokumentationen wie ‚Gottfried Steinmetz erklärt die Evolution: Sie fand nicht statt‘ oder ‚Sexualkunde mit Gottfried Steinmetz: Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß.‘“

[...]

„In jedem unserer neuen Bücher befindet sich auf der ersten Seite ein Bild von Gottfried Steinmetz“, erklärte Clara. „Darunter sein Wahlspruch: ‚Lernen heißt nicht Denken‘

—–

Ja, ich kann das Bayerische Kultusministerium wirklich nicht leiden.

 
6 Comments

Geschrieben von am 26. Juni 2010 in Bücher, Humor, Politik, Religionskritik, Wissenschaft

 

6 Antworten zu Bayerisches Kultusministerium zensiert Religionskritik

  1. Mart

    26. Juni 2010 at 14:14

    Als altem Berliner amüsiert es mich, etwas zu lesen, was meine zugegebenermaßen vorgefaßte Vorstellung über das bayrische Kultusbeamtentum bekräftigt. Als Morlocks konnte ich sie mir bisher nicht vorstellen – allerdings hat sich das jetzt mit diesem Artikel geändert ;-)

    Ein Gutes hat dieser ideologische “Talibanismus” des bayrischen Kultusministeriums aber schon: es bringt nicht nur religiös deformierte Schüler und Schülerinnen hervor, sondern auch deren deftigste Kritiker. Wenn in anderen Bundesländern die Zeichen eher auf Gemeinschaft und Versöhnung der Religionen stehen, dann kracht es da bei euch im Süden so richtig. So aus der Ferne ist das ein schön schauriges Spektakel…

     
  2. Bärli

    27. Juni 2010 at 20:48

    “Dort müssen alle Schulbücher von gehirnamputierten Sechs-Tage-Gläubigen geschrieben worden sein, oder sie erfüllen nicht die hohen Ansprüche, für welche das bayerische Bildungswesen so bekannt ist.”
    Habe mich mit der Sache an sich noch nicht beschäftigt. Aber dieser Satz verwundert mich. Wieso haben dann die Schüler von BW und Bayern bei der letzten Pisastudie am besten abgeschnitten?

     
    • Lars

      2. Juli 2010 at 11:30

      …weil sie alles brav auswendig lernen?

       
  3. Trinculo

    28. Juni 2010 at 07:40

    Weil bei PISA nicht auf kritisches Denken, sondern auswendig gelernten Stoff geprüft wird.

     
 
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