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Sind wir alle verrückt?

01 Mai

In England soll angeblich jeder vierte Mensch irgendwann in seinem Leben eine Geisteskrankheit bekommen. Laut der WHO ist es weltweit jeder vierte Arztbesucher. In Deutschland soll es acht Millionen Spinner geben. Es existieren Organisationen gegen die Stigmatisierung von Verrückten, es gibt Regierungsvertreter und wohltätige Organisationen, die sich um die vielen Irren Sorgen machen.

Tatsächlich sind bei weitem nicht so viele Menschen gestört, sondern die Zahl basiert auf Fehlinterpretationen statistischer Erhebungen. Diese kamen zustande aufgrund zahlreicher Faktoren, darunter die Interessen von Psychiatern und der Pharmaindustrie (und diverser Esoteriker), möglichst viele Menschen für verrückt zu erklären, um ihnen ihr Geld abzunehmen, sowie aufgrund der Sensationslüsternheit der Medien. Ein weiterer Grund ist Verlangen nach einfachen Lösungen für komplexe Probleme. Zum Beispiel möchten viele Eltern ihren Kindern einfach ein paar Pillen einwerfen (erinnert sei an den britischen Fischölpillen-Skandal, über den Ben Goldacre in seinem Buch „Die Wissenschafts-Lüge“ berichtet), wenn sie in der Schule nicht aufpassen, anstatt großartig mit ihnen über ihre Schwierigkeiten zu reden.

Ein weiterer Faktor dürfte die christliche Leidensglorifizierung sein. Sich selbst ans Kreuz zu nageln, soll ja in Ländern mit christlicher Tradition ein besonders lobenswerter Einfall sein. Wer viel leidet, der ist nahe bei Gott, darum hat Mutter Teresa ihren Patienten auch keine Schmerzmittel verabreicht. Wir sollen ein leidendes, demütiges Gewürm sein, das vor seinem Schöpfer kriecht. Da kommt die Psychiatrie gerade recht als eine pseudowissenschaftliche Methode, die Menschen zu einem ebensolchen Gewürm zu machen. Leider nicht auf ihre eigenen Kosten, sondern auf Kosten aller Menschen, die unter echten Geisteskrankheiten leiden.

Wie genau der Irrsinns-Mythos erschaffen wurde, das erklärt der Neurowissenschaftler Jamie Horder bei Guardian. Das „Einer von vier“-Verhältnis kam zustande durch die britische „Psychiatric Morbidity Survey“, die zuletzt 2007 fragte, ob die Befragten in der letzten Woche unter Symptomen für die meisten psychischen Krankheiten gelitten haben. Die Zahl der Betroffenen wird noch viel höher, wenn man nach dem Auftreten psychischer Krankheiten in der gesamten Lebenszeit fragt. Studien in Neuseeland und in den USA sind zu dem Ergebnis bekommen, dass 50% aller Menschen mindestens einmal in ihrem Leben ein Rad abhaben. Aber 50%, das Verhältnis ist leider so hoch, dass am Ende zu viele Menschen kritisch nachfragen würden, wie solche Zahlen eigentlich zustande kommen. Also entschied man sich dazu, überall den 25%-Mythos zu verbreiten.

Aber wie sehen eigentlich die Kriterien aus, nach denen Psychiater entscheiden, ob man ein Fall für ihre Couch ist? Um offiziell klinisch depressiv zu sein, muss man den meist gebrauchten Kriterien (wie denen im DSM-4-Standardhandbuch) zufolge zwei bis drei Wochen lang fünf von neun Kriterien erfüllen, darunter Schlafschwierigkeiten und geringere Motivation. Stirbt also der geliebte Opa und man ist zwei Wochen lang traurig, dann ist man bereits nicht ganz bei Trost und ein Fall für den Seelenklempner. Derart vage Kriterien gelten für die meisten psychischen Krankheiten. Entsprechend wissen wir nicht, wie häufig echte psychische Krankheiten vorkommen, die man wirklich behandeln müsste.

Leider hat die Pathologisierung der Massen zahlreiche Probleme erzeugt: Wenn einer von vier Menschen psychisch krank ist, dann sind die Betroffenen nicht wirklich unnormal und man sollte sie nicht stigmatisieren, so die Denkweise der Anti-Stigma-Organisationen. Leider impliziert dies auch, dass eine geringere Zahl Betroffener tatsächlich unnormal wäre und stigmatisiert werden dürfte. Außerdem wird echte Depression als geringfügiges Problem angesehen, da schließlich so viele Menschen darunter leiden.

Aus der neuen, großen Evo-Presseschau!

 
7 Comments

Geschrieben von am 1. Mai 2010 in Empirische Psychologie, Medizin, Wissenschaft

 

7 Antworten zu Sind wir alle verrückt?

  1. Gondlir

    1. Mai 2010 at 22:36

    Das sehe ich etwas differenzierter. Überfordert mit der korrekten Diagnose sind zweifellos die meisten Hausärzte. Dazu habe ich gerade heute etwas in “Gehirn und Geist” 10/2009 gelesen [http://www.wissenschaft-online.de/artikel/1006095]:

    “Antriebslos, ohne Appetit, von Schlafproblemen geplagt – Symptome wie diese können auf eine Depression hindeuten. Für Betroffene ist der Hausarzt häufig die erste Anlaufstelle. Doch erkennt der die Krankheit auch? Laut britischen Medizinern
    vom Leicester General Hospital übersehen Allgemeinmediziner jede zweite Depression bei ihren Patienten. Umgekehrt diagnostizieren sie das Leiden häufig auch zu Unrecht.

    Das Team um Alex Mitchell fasste 41 Studien mit insgesamt mehr als 50 000 Patienten zusammen, deren Hausarztbefunde mit den Ergebnissen ausführlicher klinischer Interviews seitens der jeweiligen Forscher verglichen worden waren. In einer typischen Stadtpraxis eines Allgemeinarztes ist demnach etwa jeder fünfte Patient depressiv. Die Ärzte in den von Mitchell analysierten Untersuchungen erkannten dies jedoch nur in der Hälfte der Fälle. Dafür stellten sie eine erkleckliche Anzahl falsch-positiver Diagnosen: Im Schnitt vermuteten sie bei knapp einem Fünftel der nichtdepressiven Patienten eine entsprechende psychische Störung.

    Mitchells Erklärung: Hausärzte wüssten meist, dass statistisch gesehen einer von fünf Patienten eine Depression hat. Um zu beurteilen, ob die geschilderten Symptome für diese Diagnose sprechen, hätten sie aber oft nur wenig Zeit. Vor allem leichtere depressive Verstimmungen würden so übersehen. Zur Ehrenrettung der Ärzte taugt ein weiterer Befund: Sahen sie ihre Patienten an zwei Terminen statt nur einmal, erkannten sie 90 Prozent der vorliegenden Depressionen richtig.”

    Die “Fachleute”, also Psychiater, Neurologen und Dipl.-Psychologen, diagnostizieren normalerweise nicht so, wie es jeder selbst auf manchen Webseiten machen kann. Stattdessen haben sie ausführlichere Fragebögen und führen ausgiebige Gespräche. Ich hab’s auch schon hinter mir.

    Außerdem wird in Deutschland zur Klassifizierung nicht das DSM, sondern – laut Sozialgesetzbuch – die ICD herangezogen: http://www.dimdi.de/static/de/klassi/diagnosen/icd10/htmlgm2010/index.htm
    Danach werde ich zur Zeit wohl unter F33.4 eingeordnet. Also keine Panik. ;-)

    Außerdem wissen Fachleute sehr wohl zwischen einer depressiven Episode, wie sie z.B. nach dem Tod des Opas auftreten kann, und “echten” Depressionen, die aus geringeren Anlässen oder gar ohne erkennbaren Grund auftreten, zu unterscheiden.

    Statistiken der Pharmaindustrie traue ich allerdings aus den von Dir genannten Gründen ebenfalls nicht. Doch die mir immer wieder begegnende Schätzung von 20% Depressiven innerhalb der Bevölkerung halte ich für realistisch, obwohl vermutlich viele Depressionen (gerade bei Männern) nicht erkannt werden.

    Ich wäre allerdings vorsichtig, nicht näher definierte Begriffe wie “verrückt”, “Spinner”, “Irre” zu verwenden. Denn vor allem diese sind stigmatisierend, nicht die “psychischen und Verhaltensstörungen”, so die Bezeichnung laut ICD.

    Zusammenfassung: Ich bin krank – das kann jedem passieren. Nicht körperlich, sondern psychisch – das passiert auch mehr Menschen, als man denkt. Und ich lasse mich wie viele andere kranke Menschen behandeln – gut, daß ich auf diese Weise mein Leben bewältigen kann.

     
    • derautor

      1. Mai 2010 at 23:06

      “Ich wäre allerdings vorsichtig, nicht näher definierte Begriffe wie “verrückt”, “Spinner”, “Irre” zu verwenden. Denn vor allem diese sind stigmatisierend, nicht die “psychischen und Verhaltensstörungen”, so die Bezeichnung laut ICD.”

      Die habe ich in Abrenzung zu echten psychischen Krankheiten ironisch verwendet.

      Was ich im ICD bislang gelesen habe (über psychische Störungen) klingt auch nicht besser, ein Beispiel:

      “Die erste Episode kann in jedem Alter zwischen Kindheit und Senium auftreten, der Beginn kann akut oder schleichend sein, die Dauer reicht von wenigen Wochen bis zu vielen Monaten.”

      Die erste Episode kann immer auftreten, sofort oder langsam, kann lange dauern oder kurz sein. Das ist doch der totale Mist. Das ist doch die Definition schlechthin von totalem Mist. Was hat denn das mit Wissenschaft zu tun, von den lateinischen Begriffen abgesehen?

       
      • Gondlir

        1. Mai 2010 at 23:55

        Die ICD dient vor allem der Abgrenzung gegenüber anderen Erkrankungen. Zur eigentlichen Diagnose ist das natürlich nicht geeignet.

        Fachärzte und Dipl.-Psychologen haben zu diesem Zweck normierte Testverfahren. Verbreitete Diagnosewerkzeuge sind die Hamilton-Depressionsskala (HAMD), das Beck-Depressionsinventar (BDI) und das Inventar depressiver Symptome (IDS). Für Kinder gibt es noch andere spezielle Tests.

        Beispiel: http://de.wikipedia.org/wiki/Inventar_depressiver_Symptome

        Und Psychiatrie hat ebensoviel mit (empirischer) Wissenschaft zu tun wie die Medizin, von der sie ein Fachbereich ist. Ein und dieselbe Krankheit kann unterschiedliche Symptome haben, und ganz unterschiedlich verlaufen. Die ICD dient wie gesagt nicht der Diagnose, sondern der Klassifizierung und Abgrenzung zu ähnlichen Erkrankungen.

        Schau doch zum Vergleich mal, was z.B. unter J00 steht: “Akute Rhinopharyngitis” (“Nasen-Rachen-Entzündung”), auf deutsch ein stinknormaler Erkältungsschnupfen. Da sind gar keine Symptome aufgeführt, sondern nur, was darunterfällt, und was davon unterschieden werden soll.

        Ärzte benutzen das nicht als Handbuch zur Diagnose, sondern nur, um nachzuschlagen, was genau der Krankenkasse mitgeteilt wird. Denn unser Gesundheitssystem kennt nunmal keine Krankheiten, die nicht in der ICD drinstehen.

        Um bei psychischen Erkrankungen eine angemessene Diagnose stellen zu können, fehlt es Hausärzten an zwei Dingen: An Erfahrung mit solchen Erkrankungen, und an geeigneten Testverfahren. Letztere sind nämlich recht teuer. Da sie wissenschaftlich normiert und evaluiert werden, lassen sich die Herausgeber diese bei Benutzung von den Fachärzten bezahlen.

        Das gilt übrigens auch für andere normierte Testverfahren wie z.B. IQ-Tests oder Kindersprachtests beim Logopäden. Ich durfte Letztere während meiner Logopädieausbildung ein paarmal bewundern. Kopieren ist natürlich nicht gestattet.

         
  2. BRAINSTORM

    2. Mai 2010 at 00:33

    Das hängt alles davon ab, wie man die Begriffe definiert:

    Wenn man alle, die an Gott oder Götter, Geister, Feen, Engel, Magie, Wunder etc. glauben, als geisteskrank bezeichnet, sind das viel mehr als 25 %.

    Weltweit liegt man dann bei ca. 90 %, in Deutschland bei ca. 66 %…

     
    • Piet

      2. Mai 2010 at 09:04

      Wenn ich mich so umschaue komm ich auf 100%
      Natürlich ohne mich.

       
      • derautor

        2. Mai 2010 at 10:08

        Das sind aber keine echten Störungen, nur große Dummheit.

         
  3. piet

    3. Mai 2010 at 04:51

    Das ist aber deswegen nicht weniger interessant.

     
 
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