Zur Abwechslung ein Beitrag, in dem ich Jenseits von Gut und Böse von Michael Schmidt-Salomon verteidige. In Psychologie heute, aktuelle Ausgabe Mai 2010, ist nämlich eine Rezension zu dem philosophischen Werk erschienen, die ganz schön unfair ist.
Es gibt legitime Möglichkeiten, das Buch zu kritisieren (was ich ja schon mehrmals getan habe) und es ist entsprechend unnötig, sich irgendwas herbeizufantasieren oder mit absurden Unterstellungen um sich zu werfen, wenn es einem nicht gefällt. Immerhin kann sich MSS nun freuen, dass seine Vermutungen über die Rezeption des Werkes allmählich bestätigt werden.
Mir ist Jenseits von Gut und Böse nicht materialistisch genug, aber der Psychologe Nikolas Westerhoff hat offenbar das gegensätzliche Problem. Wobei es nicht ganz klar ist, was ihn eigentlich wurmt. Er erwähnt mehrmals die These von MSS, dass Stalin und Hitler insofern nicht “böse” waren, als sie sich nicht anders hätten verhalten können. Was ja auch, in dem spezifischen Sinne, wie MSS das meint, wahr ist. Offenbar passt das dem Rezensenten aber nicht.
Westerhoff fast die Willens-Unfreiheits-These von MSS wie folgt zusammen:
Hitler und Stalin und all die anderen Verbrecher der Menschheitsgeschichte handelten alternativlos – sie konnten nicht anders. Sie waren zwar frei darin, zu morden oder zu lieben. Und doch konnten sie nichts anderes wollen als das, was sie eben wollten: nämlich das Morden. Deshalb waren sie nur scheinbar frei.
An der Stelle fragt man sich, ob das nun beim Leser wie ein Widerspruch erscheinen soll (“MSS ist ja total verwirrt”), ob Westerhoff selbst das Konzept nicht nachvollziehen kann, oder ob er hier die Unterscheidung zwischen Handlungs- und Willensfreiheit (bei MSS libertarische Willensfreiheit) darstellen will. Auf jeden Fall ist das ein ziemliches Geschwurbel. Gemeint ist natürlich: Stalin und Hitler hatten insofern die Möglichkeit, nicht zu morden, da sie niemand dazu gezwungen hat, es zu tun. Aber letztlich war ihre Entscheidung insofern nicht frei, als sie durch bestimmte Ursachen ausgelöst wurde.
Wobei ich ja dieses Von-Ursachen-frei-sein für logisch unmöglich – sogar für undenkbar – und ganz bestimmt nicht für erstrebenswert halte. Natürlich werden unsere Entscheidungen durch Gründe = Ursachen ausgelöst, ob diese uns alle bewusst sind oder nicht. Von was denn bitte sonst?
Nun wirft Westerhoff dem Autor “biografischen Determinismus” vor. Dazu sollte man vielleicht anmerken, dass MSS keineswegs die Angewohnheit hat, seine Ansichten irgendwie zu verschleiern oder zu verbergen. Es sagt mehrmals ganz eindeutig, dass er den Determinismus vertritt, also wie kann man ihm dann vorwerfen, insgeheim den Determinismus zu vertreten? Oder ist der biografische Determinismus irgendwie anders als der Determinismus-Determinismus?
Nun erwähnt Westerhoff das Beispiel von Max Frischs Theaterstück Biografie: Ein Spiel. Darin erhält der Protagonist Hannes Kürmann die Möglichkeit, wichtige Entscheidungen seines Lebens zu revidieren und es danach noch einmal durchzuspielen. Viel verändert sich aber nie, weil seine Persönlichkeit stets die Selbe bleibt. (Seine Frau Antoinette hat das Problem allerdings nicht und sie entscheidet sich, Kürmann bei ihrem ersten Treffen sofort wieder zu verlassen – was Westerhoffs Deutung widerspricht).
Westerhoff:
Überträgt man diese dramaturgische Logik jedoch auf die großen Verbrecher Hitler und Stalin, so merkt man rasch, wie nichtssagend die Lehre von der Willensunfreiheit eigentlich ist. Dass ein Mensch nicht anders handeln konnte, als er es getan hat, lässt sich rasch postulieren. Doch glaubhaft wird es erst, wenn sich dieser Mensch seines inneren Handlungszwangs bewusst ist und darüber Rechenschaft ablegt.
Mir ist nicht ganz klar, was das nun bedeuten soll. Möglicherweise spielt Westerhoff auf unsere Unfähigkeit an, all die Gründe für unsere Entscheidungen zu kennen und sie zu überblicken – uns des eigenen “inneren Handlungszwangs” bewusst zu sein. Aber was hat das mit der Plausibilität der Willensunfreiheit zu tun?
Ich finde Max Frisch ja sehr interessant und ich hatte selbst mal den Spitznamen “Homo Faber”, als wir das in der Schule gelesen haben. Trotzdem sollte es doch klar sein, dass man nicht einfach ein Theaterstück erwähnen und dann meinen kann, damit wäre irgendwas widerlegt oder auch nur ausgesagt. So funktioniert Philosophie nicht. Lediglich als Veranschaulichung der eigentlichen Gründe für die Widerlegung könnte man das Stück anführen. Was sind aber nun die eigentlichen Gründe?
Offenbar möchte Westerhoff, dass Stalin und Hitler in der Rückschau erklären, welche Gründe sie dazu bewogen haben, so zu handeln, wie sie es taten: “Hitler und Stalin aber sind tot und schweigen. Und Schmidt-Salomon gelingt es nicht, sie zum Reden zu bringen.”
Nun, das wäre schon eine interessante Veranschaulichung gewesen – aber eben nur eine Veranschaulichung. Nichts, was für die Argumentation von Schmidt-Salomon notwendig wäre. Und natürlich weiß Schmidt-Salomon nicht, welche unzähligen Ursachen im einzelnen zu den Verbrechen von Stalin und Hitler geführt haben. Kein Mensch weiß das. Muss ja auch keiner wissen. Trotzdem ist alles, jedenfalls auf der Makroebene, determiniert, denn alle Alternativen hierzu sind unlogisch und inkohärent. Es ist einfach Quatsch, etwas anderes zu behaupten – insbesondere, ohne dafür Belege zu bringen oder auch nur die Alternative zu nennen!
Ich denke aber, Westerhoffs eigentliches Problem ist ein anderes: Er empfindet es als unmoralisch, Stalin und Hitler die moralische Verantwortung abzusprechen (was ja auch nur mit der spezifischen Terminologie von MSS Sinn ergibt, die man im Hinterkopf behalten muss!).
Am Ende muss Michael für sein Verbrechen gegen die Diskursregeln des deutschen Links-Spießertums, das die Medien beherrscht, bezahlen. Das mit Hitler, das geht nämlich gar nicht (wie Eva Hermanns Autobahn). Der Text ermöglicht leider keine Hinrichtung, also muss man sich etwas in diesen hineinfantasieren:
Indem [Schmidt-Salomon] das auf die Eigengruppe gerichtete Verhalten jedoch als moralisch hochwertig ansieht und das fremdgruppenbezogene Handeln als schlecht und verwerflich, revitalisiert er genau jene Denkfigur, gegen die er so stark zu Felde zieht: den Gut-Böse-Gegensatz.
Das Exekutionskommando der Gutmenschen hat mal wieder zugeschlagen. Natürlich tut MSS nichts dergleichen und Westerhoff weiß genau, warum er keine Belege für diese Behauptung bringt: Weil es keine gibt. Ganz im Gegenteil ist der letzte Teil des Buches von einer buddhistisch anmutenden, freischwebenden Leichtigkeit gekennzeichnet, ein Anflug von Welt-Umarmung. Wo verurteilt MSS denn bitte das fremdgruppenbezogene Handeln als schlecht und verwerflich? Nirgends!
Das hier schreibt MSS am Ende: “Wir können uns selbst helfen, indem wir anderen helfen, selbst glücklich sein, indem wir glücklich machen. Wir können vergeben statt vergelten, können Kritik als Geschenk begrüßen, statt vor ihr zu flüchten” (S. 311).
Oh, wie furchtbar! Da wird der Gut-Böse-Gegensatz revitalisiert! Insbesondere bei seinen Ausführungen über das stundenlange Piano-Spielen und das Flow-Erlebnis dabei, die sind der reine Faschismus.
Nein, das Gegenteil gehört zu meiner Kritik an dem Buch: Ich finde, es ist viel zu nett. Es gibt gefährliche Ideologen und Fanatiker da draußen, die entweder schon Atombomben haben (wie Kim Jong Il), oder sie sich gerade welche beschaffen (wie Ahmadinedschad), während die UN für sie Kaffeekränzchen veranstaltet. Wir müssen sie bekämpfen, notfalls mit Gewalt, und das macht keiner, wenn die Leute so nette Bücher lesen wie das von Michael Schmidt-Salomon. Das trägt nur zur allgemeinen Sorglosigkeit bei. Wir leben ohnehin schon in einer Spaßgesellschaft und die Deutschen würden Umfragen zufolge sofort ihre Freiheit aufgeben, wenn der Staat nur für sie sorgt. Wir brauchen im Moment keine meditierenden Buddhisten, sondern Freiheitskämpfer.
Natürlich sagt MSS auch, dass in bestimmten Situationen militärische Einsätze notwendig sein können, aber 99% des Buches befassen sich mit Vergeben und Vergessen.
MSS nun vorzuwerfen, er würde das Handeln der Fremdgruppe (welcher?) als verwerflich und schlecht ansehen, das ist einfach nur noch – böse.









Lukian
26. April 2010 at 07:34
Das Buch von MSS scheint mir nach all den Rezensionen als so wichtig wie die Diskussion, wieviele Engel auf einer Nadelspitze Platz haben.
Sim
26. April 2010 at 09:56
Nice Text.
Aber wieso ist am Anfang von Westerhoff und danach nur noch von Werlhoff die Rede?
derautor
26. April 2010 at 10:02
Psychologische Kriegsführung (Leichtsinnsfehler)
Rudorken
26. April 2010 at 10:35
Dieses Buch ist kein großer Wurf, aber auch nicht schlecht. MSS wandert dann doch gerne in Begriffsdefinitionen umher und drückt sich schriftlich meist nicht mit einer deutlichen Position aus.