Wie eine neue Studie aufzeigt, ist der Gottesglaube offenbar stressig und beruhigend zugleich…
In einer neuen Studie wurden amerikanischen Studenten zehn Anagramme vorgelegt, von denen nur vier lösbar waren. Vor und nach der Studie wurde die Anspannung der Studenten gemessen. Außerdem gab es eine Vorübung: Sie mussten Wörter aus einem Wortsalat heraussuchen. In der Hälfte der Fälle waren Wörter mit Bezug zu Gott und Religion enthalten, in der anderen Hälfte nicht. Die Studenten, die mit religiösen Begriffen konfrontiert worden waren, benötigten mehr Zeit für die Lösung der Anagramme und sie waren danach angespannter. Das Ergebnis war unabhängig vom angegebenen Gottesglauben der Studenten.
Die Autoren der Studie vermuten, dass die Testpersonen der einen Gruppe das Gefühl hatten, Gott würde sie beobachten und dass sie darum einen höheren Druck verspürten, die Aufgaben zu meistern, auch wenn das überwiegend gar nicht möglich war. Andere Studien zeigen, dass der Gottesglaube normalerweise die Anspannung reduziert, aber das gilt offenbar nur so lange, bis sich Gläubige daran erinnern, dass sie von der Existenz eines unsichtbaren Diktators überzeugt sind, der ihre Gedanken lesen kann. Wie diese Studie nahelegt, werden auch nicht-religiöse Menschen durch den Gottesglauben, der in ihrer Kultur vorherrscht, beeinflusst.
Aus der grandiosen Evo-Presseschau!
Empfohlen sei die Facebook-Gruppe “Wir unterstützen aufs Schärfste das aktuelle Titanic-Cover“!










Andreas P
10. April 2010 at 22:13
Eine weitere Folge der beliebten Serie “Voodoo-Science” – es lohnt, den Originalartikel zu lesen (Journal of Social and Clinical Psychology, Vol. 29, No. 2, 2010, pp. 127-143):
Freundlicherweise geben die Autoren die Sätze, die sie zum “primen” benutzten, an:
God-Related Priming Sentences (50% mit “religiösen” Wörtern)
1. felt she eradicate spirit the
2. dessert divine was fork the
3. appreciated presence was imagine her
4. more paper it once do
5. send I over it mailed
6. evil thanks give God to
7. yesterday it finished track he
8. sacred was book refer the
9. reveal the future simple prophets
10. prepared somewhat I was retired
Neutral Priming Sentences
1. fall was worried she always
2. shoes give replace old the
3. retrace good have day a
4. more paper it once do
5. send I over it mailed
6. saw hammer he the train
7. yesterday it finished track he
8. sky the seamless blue is
9. treat I today it bought
10. prepared somewhat I was retired
(Es sind 4 der 5 Wörter zu verwenden, um daraus einen sinnvollen Satz zu formen.)
Das, was die Studie zeigt, ist, dass diejenigen der 60 College-Studenten, die bereits vorher nach ihrer Religionszugehörigkeit befragt wurden – was in den USA unüblicher ist als in D und eher als unhöflich gilt, also signifikant ist – UND die erste Liste bearbeiteten, angespannter waren und etwas mehr Zeit mit dem Teils-Unmögliche-Anagramme-Rätsel verbrachten als die, die die zweite Liste bearbeitet hatten.
(Ein Student äußerte explizit den Verdacht, dass es um Religion gehen würde – was ihn “disqualifizierte”, i. e. er taucht unter den 60 nicht auf.)
—————————–
Und?
Ich verweise auf
http://improbable.com/airchives/paperair/air-teachers-guide.html
Three out of five teachers agree: curiosity is a dangerous thing, especially in students. If you are one of the other two teachers, [...]. The scientist thinks that he (or she, or whatever), of all people, has discovered something about how the universe behaves. So:
Is this scientist right — and what does “right” mean, anyway?
Can you think of even one different explanation that works as well or better?
Did the test really, really, truly, unquestionably, completely test what the author thought she (or he) was testing?
Is the scientist ruthlessly honest with himself (or herself) about how well his (etc.) idea explains everything, or could he (etc.) be suffering from wishful thinking?
Some people might say this is foolish. Should you take their word for it?
Other people might say this is absolutely correct and important. Should you take their word for it?
Kids are naturally good scientists. Help them stay that way.
———————–
Einfach mal auf das obige Experiment und die angehängten ausufernden Vermutungen anwenden: Wer nicht innerhalb von 5 Minuten zwei andere mögliche Erklärungen findet, sollte ein durchschnittlich begabtes Schulkind fragen…
derautor
11. April 2010 at 00:45
Jedes einzelne Mal, wenn ich über eine Studie berichte, kommt eine Horde von Neunmalklugen an und sagt, dass die nichts taugt, völlig unabhängig von Art und Qualität der Studie. Das muss eine Art Skeptizismus-Wahn sein. Vielleicht glauben die Leute, die Demokratie oder die freie Forschung wäre gefährdet, wenn sie nicht wie Berserker jeder einzelnen Studie widersprechen.
Zu den Einwänden: Wenn mich jemand nach meiner Religionszugehörigkeit fragt, bin ich nicht den ganzen Test über angespannt – außerdem müssten beide Gruppen angespannter gewesen sein und nicht nur die mit den Gott-Wörtern. Dass der Student nicht einbezogen wurde, der Verdacht schöpfte, ist doch sonnenklar! Reine Trollerei, diese Kritik. Wie so oft.
Es ist wie die Strategie der Tabak-Lobby: Eigentlich ist es klar, dass Rauchen Krebs verursacht, also muss man Zweifel säen. Direkt widerlegen kann man die Befunde ja nicht. Aber so etwas zu tun, ohne dafür bezahlt zu werden, ist schon wirklich bescheuert.
Andreas P
11. April 2010 at 02:35
Wie üblich: Wildes Geschimpfe auf sachliche Kritik an der Originalquelle (überhaupt mal einen Blick drauf geworfen?) – und natürlich wieder mit falschen Unterstellungen: “Wenn mich jemand nach meiner Religionszugehörigkeit fragt, bin ich nicht den ganzen Test über angespannt” – hat niemand behauptet! (Meine Güte, lernt man in der Literaturwissenschaft inzwischen tatsächlich nicht mal mehr richtiges Zitieren?)
Zur Sache, 2. Punkt: Natürlich war es richtig, den genannten Studenten rauszusortieren, der den Verdacht *äußerte*. Völlig unklar bleibt, wie viele der Studenten ebenfalls den Verdacht *hatten*, aber nicht *äußerten*, und welchen Einfluss das auf das Ergebnis hatte – das ist schlicht nicht untersucht worden.
(Und das sind beileibe nicht die einzigen Probleme.)
Allgemein: Die meisten Laien ohne (natur- oder sozial-)wissenschaftliche Forschungserfahrung unterschätzen bei weitem die Schwierigkeit, wirklich sichere neue Erkenntnisse zu gewinnen. (Siehe dazu auch J. Kruger, D. Dunning 1999, Journal of Personality and Social Psychology, Vol 77, 1121-1134 – für Laien zusammengefasst auch bei Wiki unter Dunning-Kruger-Effect zu finden.) Ein Großteil dessen, was hier autoritativ als (endgültige) “Befunde” präsentiert wird, besteht aus weitreichenden Spekulationen auf dünnster empirischer und teils auch methodisch fragwürdiger Basis.
Die Spekulationen dann noch kritiklos und unsachlich zu verteidigen – pardon, aber das verweist auf Wissenschaftsgläubigkeit und mithin das exakte Gegenteil einer wissenschaftlich-rationalen Haltung. Dass derautor “Zweifel [zu] säen” ernsthaft für einen Vorwurf hält, gar von “Skeptizismus-Wahn” spricht, sagt eigentlich schon alles aus…
- Keine Sorge, das war mein letzter Kommentar hier – der “Troll” trollt sich und geht wieder an seine Forschungsarbeit zurück.
derautor
11. April 2010 at 11:06
Normale psychologische Forschung, publiziert in einem gewöhnlichen Fachmagazin, als “Voodoo-Science”, also Pseudowissenschaft zu bezeichnen, weil dir ein paar Kleinigkeiten nicht passen, ist allerdings KEINE sachliche Kritik. Im Gegenteil säst du Zweifel an dem Wert der Forschung per se und nicht nur in bestimmten Fällen (du hast ja bislang jede einzelne Studie, die ich hier vorgestellt habe, rundherum abgelehnt).
An sich ist Kritik an Studien sinnvoll, man sieht ja, wie die Pharmaindustrie und erst recht die Alternativmedizin-Industrie Studien so ansetzt und interpretiert, dass ihre Mittelchen immer wirken. Aber in diesem Fall sind keine solchen Motive im Spiel und es gibt in der Tat einen Skeptizismus-Wahn, wenn man diese Studie nicht in den Kontext der bisherigen Forschung stellt (glaubst du etwa wirklich, dass Gläubige keine Angst vor ihrem wütenden und rachsüchtigen Gott haben, der ihre Gedanken lesen kann!?) und meint, alleine mit Spitzfindigkeiten etwas widerlegen zu können. Im Prinzip können wir die empirische Forschung einstellen, wenn jede Studie – und bislang hast du keine ausgelassen – einfach nur unbrauchbar ist.
celine
11. April 2010 at 14:17
Ich versteh wirklich nicht warum Du ein Problem mit diese Art von Skeptizismus hast.
Die Studie gibt, wie viele dieser Art, viel Raum für Interpretation, und darauf sachlich und begründet hinzuweisen, sehe ich durchaus als Bereicherung.
Das heißt ja noch nicht, dass sie völlig wertlos, oder gar falsch sei, sondern dass man um der Wahrheit näher zu kommen noch sehr viel genauer hinschauen muss.
Diese Studie hat eben nicht das gleiche Gewicht wie die zahlreichen und großen Studien zur Gefahr des Tabakkonsums.
Und insbesondere wenn man eine solche Studie im nicht-wissenschaftlichen Bereich zitiert und viele Leser Schwierigkeiten haben dürften ihre Bedeutung und Aussagekraft selber einzuschätzen, im Gegensatz zu den Lesern eines Fachblattes, dann wird aus Science leicht “Voodoo-Science”.
derautor
11. April 2010 at 18:53
“Voodoo Science” ist keine sachliche Kritik. Ebenso ist der implizite Vorwurf mit dem durchschnittlich begabten Schulkind nicht sachlich. Der ganze überheblich-sarkastische Tonfall der Kritik war nicht sachlich.
Es gibt unter den Kommentatoren auf diesem Blog eine ganze Reihe von Verrückten, die zugunsten ihrer eigenen Ideologie Studien anzweifeln (was ich Andreas P nicht unterstelle). Zwei davon habe ich kürzlich erst herausgeworfen.
Wenn ich zum Beispiel schreibe, dass es keine empirischen Belege dafür gibt, dass Schwule sich unethisch verhalten und der Gesellschaft schaden, dann gibt es immer irgendein Arschloch, der eine Studie von der Templeton-Foundation oder einer anderen religiösen Organisation ausgräbt, die Laien nicht durchschauen und welche die Verwerflichkeit von Homosexualität zu belegen scheint, wenn man nicht genau hinsieht. In den USA gibt es eine ganze Reihe dieser Art von Studien. Ich lasse es einfach nicht zu, dass meine Leser von Gegenaufklärern und Selbstdarstellern hinters Licht geführt werden. Da gibt es eine Qualitätskontrolle.
Bei Andreas P ist es so, dass er bislang alles, was ich hier an normalen, peer-reviewed psychologischen Studien in Beiträgen gebracht habe, wegen irgendwelchen Details abgelehnt hat. Da stimmt irgendetwas nicht. Es interessiert mich nicht, was konkret nicht stimmt, und ich bin froh, dass er sich verabschiedet hat.
Fundierte Kritik ist an Studien natürlich willkommen, aber nach Heerscharen von Aidsleugnern, Impfkritikern, Esoterikern, arroganten Besserwissern (die nicht wirklich etwas besser wissen) und religiösen Extremisten, die hier immer wieder auftauchen, bin ich auf deren Art von Kritik allergisch geworden. Manchmal trifft es die Falschen, aber das ist das kleinere Übel.
Andreas P
12. April 2010 at 01:05
Wegen der – inzwischen gewohnten – persönlichen Attacken nun doch eine Replik.
Eine Grundregel jeglicher Wissenschaft ist:
Außergewöhnlich starke Behauptungen erfordern außergewöhnlich gute Belege.
Für die Beurteilung der Qualität solcher Belege sind wissenschaftstheoretische Kenntnisse und eigene (empirische) Forschungserfahrung vorteilhaft, Statistikkenntnisse und eine Vertrautheit mit den Methoden und dem groben Forschungsstand in einem Feld kaum verzichtbar, und eine Kenntnisnahme der genauen jeweiligen Originalveröffentlichungen unabdingbar.
Desautors eingestellte Vita und fast durchgehend unsachlichen Erwiderungen auf jede Kritik legen nahe, dass es in allen fünf Punkten mangelt.
—-
Eine der wichtigsten Regeln intellektueller Redlichkeit ist, eine gute Sache nicht mit schlechten Argumenten zu verteidigen. Daher sollte man dreimal kritisch gegen alles sein, was einen in der eigenen Meinung bestärkt.
Das exakte Gegenteil ist desautors “Qualitätskontrolle”: Die von ihm meist indirekt zitierten Studien und populärwissenschaftlichen Quellen haben als der Wahrheit letzter Schluss zu gelten, weil selbstverständlich nach dem reinigenden Ritual des peer-reviews keine Unwahrheit sich einschleichen kann (außer bei Gender/Frauenforschung, Theologie, Alternativmedizin – warum zählt bei denen das Peer review-argument nicht?).
Das ist Quark. JEDER, der Forschungserfahrung hat, weiß, dass die Fachveröffentlichungen zu oft aufs heftigste widersprüchlichen Schlüssen kommen, eher der Großteil Fehler und methodische Mängel aufweist (ein Beispiel: die Hamburger Mathematikprofessoren Dubben und Beck-Bornholdt gehen nach eigenen Untersuchungen von ca. 80% gravierenden mathematischen Mängeln bei medizinischen Veröffentlichungen aus). Selbst die besten Studien können zu Ergebnissen kommen, die sich später als falsch und irreführend herausstellen – das ist nicht selten, sondern der Regelfall.
Peer review ist ein Filter, der methodisch augenfällig falsche Artikel, gröbste sachliche Schnitzer, bloße Behauptungen und wilde Spekulationen, aber eben auch kleinere Fehler und Formprobleme herausfiltert – mal mehr, mal weniger gut. Aber auf gar keinen Fall, in keinem Fachgebiet ist es eine Garantie für absolute Wahrheit!
—————————-
In diesem Blog veröffentlich derautor laufend wissenschaftliche Studien, die angeblich spektakulärste Behauptungen in punkto Verhaltenspsychologie belegen – was sich bisher laufend bei näherem Hinsehen als Fata Morgana entpuppte: Die Belege tragen die Behauptungen und Vermutungen nicht. (Das macht sie nicht wahr oder falsch, sondern nicht hinreichend belegt – non sequitur = “es folgt nicht”.)
Mit seiner nun expliziten Forderung, die Ergebnisse in keinem Fall in Zweifel zu stellen, weil sonst der Glaube der Leser an “die Wissenschaft” verlorenginge, stellt er sich als exaktes Spiegelbild der Theologen dar: Nämlich als Wissenschaftsgläubiger, der hier ungestört zu seiner “Gemeinde” predigen will.
derautor ist bereit, die gute Sache der Religionskritik (da sind wir uns einig) auch mit schlechten Gründen zu verteidigen.
Ich nicht.
derautor
12. April 2010 at 02:14
Was ist denn eine außergewöhnlich starke Behauptung in meinem Beitrag? Ich finde es vollkommen trivial, dass sich Menschen angespannt fühlen, wenn sie daran denken, dass ein allmächtiger Diktator ihre Gedanken liest. Das gehört zu diesen Dingen, die offensichtlich wahr sind. Es bräuchte wohl eher Studien, um das zu widerlegen, als es zu belegen.
“außer bei Gender/Frauenforschung, Theologie, Alternativmedizin – warum zählt bei denen das Peer review-argument nicht?”
Weil die in der Regel kein Peer-Review verwenden. Und ich sagte lediglich, dass man gewöhnliche peer-reviewed Forschung nicht als “Pseudowissenschaft” bezeichnen kann. Klar gibt es auch dort Fehler, die zu kritisieren sind (hab ich schon oft genug getan), aber wenn du sagst, es ist Pseudowissenschaft, dann bezweifelst du in die gesamte Art und Weise, wie Forschung betrieben wird.
“Mit seiner nun expliziten Forderung, die Ergebnisse in keinem Fall in Zweifel zu stellen, weil sonst der Glaube der Leser an “die Wissenschaft” verlorenginge, stellt er sich als exaktes Spiegelbild der Theologen dar”
Das habe ich nicht getan. Ich habe gesagt, dass man die wissenschaftliche Methode (!) nicht prinzipiell und immer wieder in Kommentaren auf diesem Blog, welcher der Aufklärung dient, bezweifeln sollte, weil das Wissenschaftsfeinden entgegenkommt.
Natürlich kann man (und habe ich deine Kommentare etwa gelöscht?) einzelne Studienergebnisse bezweifeln. Bei dir habe ich jedoch nicht den Eindruck, dass es dir darum ginge, vielmehr scheinst du ein generelles Problem mit der naturwissenschaftlichen Erforschung des Menschen zu haben, weil du einfach alles ablehnst, was die empirische Psychologie hervorbringt. Man sollte sich daran erinnern, was die Psychologie vorher getan hat – bloßes Herumspekulieren (Psychoanalyse) und Verallgemeinern (Behaviorismus) – bevor man so auf der Empirie rumhackt.
Nun präsentiere ich Studien in meiner Funktion als kritischer Wissenschaftsjournalist und nicht als Forscher, der umfassende Analysen von Arbeiten erstellt. Wenn es nach dir ginge, müssten wir den Wissenschaftsjournalismus schlichtweg aufgeben und gar nicht mehr über neue Studien berichten, weil an denen quasi immer – wie du meinst in 80% der Fälle – etwas grundlegend falsch ist. Wenn zufällig ein Experte meine Zusammenfassungen von aktuellen Studien liest, wird er sowieso das Original durchlesen und es kritisch im Detail überprüfen.
In der Tat gibt es einen Über-Skeptizismus, der mir aus postmodernistischen Studienfächern bekannt ist. Mit fadenscheinigen Argumenten bezweifeln manche Leute einfach alles, inklusive der Tatsache, dass Menschen verhungern, wenn sie nichts essen (das ist keine Übertreibung!). Es ist einfach sinnlos, sein gesamtes Wissen über die Welt und über frühere Studien zu vergessen und Studien wie ein unbeschriebenes Blatt zu interpretieren. Ich finde es angesichts meiner religionswissenschaftlichen Vorkenntnisse so klar wie etwas nur sein kann, dass sich Menschen bei der Konfrontation mit Gott angespannter fühlen können. Es gibt zum Beispiel Studien, die aufzeigen, dass Menschen kooperativer sind, wenn sie davon ausgehen, dass sie von einem unsichbaren Wesen überwacht werden. Warum sollten sie kooperativer sein, aber nicht angespannt wegen der Überwachung? Das ist einfach absurd. Natürlich bin ich angespannt, wenn ich glaube, dass ein Geist oder Gott im Raum ist! Es gibt auch den gegenteiligen Effekt, aber eines ist klar: Religiosität hängt mit Anspannung zusammen! http://epiphenom.fieldofscience.com/2010/03/prayer-but-not-belief-in-afterlife.html
In dem Blog von Tom Rees wird der Versuchsaufbau immer umfassend genug beschrieben. Diese Art der Darstellung übernehme ich. Wenn du eine Ahnung von Journalismus hättest, wüsstest du, dass der Versuchsaufbau in der Regel von keinem Menschen in großen Zeitungen beschrieben wird. Stattdessen gibt es nur das Ergebnis, dieses mit einer plakativen Überschrift grenzenlos übersteigert und dazu einen sensationslüsternen Artikel. Meine Darstellung ist erheblich professioneller als die Regel. Aber wenn du eine seitenlange Detailanalyse erwartest, dann bist du beim Journalismus generell an der falschen Adresse. Das interessiert keinen Normalsterblichen, sondern nur Experten, die das unter sich ausmachen können.
Deine inhaltliche Kritik an der Studie fand ich einfach nicht überzeugend, sondern für mich klang das nach einer Alibi-Kritik – Hauptsache herumgenörgelt.
PlainCitizen
11. April 2010 at 11:15
Ogottogott!
(Sorry, konnte einfach nicht widerstehen.
Andreas P
12. April 2010 at 02:09
(Klärung:
Natürlich gibt es in den empirischen Wissenschaften irgendwann, nach zig Studien, Untersuchungen, usw., meist eine sich rauskristallisierende “Konsensmeinung”. Die ist zwar nie als der Weisheit letzter und endgültigster Schluss anzusehen – aber zu erwarten sind eher Verfeinerungen im Detail. In dem Sinne, wie die Relativitätstheorie Einsteins die Newtonsche Physik als Spezialfall enthält, damit alle bisherigen Phänomene gleich gut und etliche dazu erklären kann.
Eine neue, umfassendere “Mechanik” ist natürlich denkbar – es werden mehrere in der TheoPhysik diskutiert, Stichwort “Quantengravitation”, “Stringtheorie” -, aber sie muss zumindest in der Lage sein, zu erklären, warum die Newtonsche Mechanik eine gute Näherung und die Einsteinsche eine (bisher) perfekte Näherung war.
In breiten Teilen der Psychologie fehlen solche allgemein unbestrittenen “universalen” Theorien. Es gibt eine Menge empirisch recht gut abgesicherter Einzelergebnisse, aber für fast alles gibt es verschiedene, widersprüchliche Erklärungen, die auch meist über einen engen Bereich keine Gültigkeit beanspruchen können. Vereinfacht, der Psychologie fehlt bisher ein Darwin oder ein Newton.
Jeder, der mal “Allgemeine Psychologie I” oder vergleichbares gehört hat, bekommt das mit: Ein allgemeiner, von niemand Ernstzunehmendem angezweifelter “Universalerklärungsrahmen” zum Thema menschliches Verhalten existiert schlicht nicht.
Genauer: Auf der Physiologie-nahen Seite existieren natürlich gesicherte Erkenntnisse (e. g. zu Fragen der audiovisuellen Wahrnehmung und Reizverarbeitung). Es hat sich eine breit anerkannte Methodik, eine gute Forschungspraxis, herauskristallisiert, die zumindest unter empirischen Psychologen nicht grundsätzlich umstritten ist. Zu zahlreichen psychischen Krankheitsbildern existieren weitgehend anerkannte Diagnosekriterien. Usw.
Generell gilt: Je weniger komplex ein Verhalten ist, d. i. von je weniger Faktoren es abhängen könnte und je präziser es sich (valide und reproduzierbar) empirisch messen lässt, desto eher gibt es eine Chance auf gesicherte Erkenntnisse und einen Forschungskonsens.
Das, was derautor hier dagegen laufend präsentiert hat, sind Berichte über Studien, die auf dünnster und teils auch methodisch fragwürdiger Belegbasis sehr weitreichende Aussagen über höchst komplexes menschliches Verhalten machen. Präsentiert werden sie als der Wahrheit letzter Schluss.
Daher die Einordnung des Beitrags unter “Voodoo Science”.)
derautor
12. April 2010 at 02:20
Ich präsentiere sie nicht als der Wahrheit letzter Schluss! Das ist eine glatte Lüge! Hier der Beleg:
Wie eine neue Studie aufzeigt, ist der Gottesglaube OFFENBAR stressig und beruhigend zugleich…
[...]
Die Autoren der Studie VERMUTEN, dass die Testpersonen der einen Gruppe das Gefühl hatten, Gott würde sie beobachten und dass sie darum einen höheren Druck verspürten, die Aufgaben zu meistern, auch wenn das überwiegend gar nicht möglich war. Andere Studien zeigen, dass der Gottesglaube NORMALERWEISE die Anspannung reduziert, aber das gilt OFFENBAR nur so lange, bis sich Gläubige daran erinnern, dass sie von der Existenz eines unsichtbaren Diktators überzeugt sind, der ihre Gedanken lesen kann. Wie diese Studie NAHELEGT, werden auch nicht-religiöse Menschen durch den Gottesglauben, der in ihrer Kultur vorherrscht, beeinflusst.
Du übersiehst alle Relativierungen in diesem Artikel. Stelle dir mal selbst die Frage, warum.
celine
12. April 2010 at 13:10
Die hervorgehobenen Worte sind genau jene, auf die sich die großen Zeitungen auch immer berufen, wenn man ihnen vorwirft es mit der Wahrheit nicht so genau zu nehmen. Das mag juristisch für Journalisten wichtig sein, es hilft aber nicht wenn Du hier Aufklärung betreiben willst.
Andreas P hat seine Kritik vielleicht etwas überspitzt formuliert, aber trotzdem gut begründet, Du lässt aber die Kritik links liegen und regst dich über seine Spitzen auf.
Egal, hat vermutlich etwas mit der Vorgeschichte zu tun…
Aber ein Satz über die Größe und Aussagekraft der Studie, wäre für alle die nicht gleich in die Originalquelle schauen wollen, sehr hilfreich. Ob das einen Andreas P zufriedenstellt? Vermutlich nicht, aber vielleicht könnte er zumindest damit leben…
Nur zur Erinnerung, wir erleben jeden Tag aufs neue wie sich die Sonne um die Erde dreht und trotzdem behaupten einige doch tatsächlich es wäre andersherum – absurd.
derautor
12. April 2010 at 14:19
Ich nehme es mit der Wahrheit sehr wohl genau, eben darum habe ich ja die Ergebnisse relativiert. Was ich auch tue, es ist falsch.