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Die fantastische Welt der Libertarier

06 Apr

"Der Wanderer über dem Nebelmeer" von Caspar David FriedrichAls ich einige der Kommentare zu meinem Beitrag über die Willensfreiheit auf dem Blog des Biophilosophen Edgar Dahl gelesen hatte, dachte ich für einen Moment, ich wäre in einer Paralleldimension des Rennaisance-Zeitalters gelandet, als Descartes Meditationes de prima philosophia gerade erschienen ist.

Libertarier argumentieren in den Kommentaren mit einer unfassbaren Selbstsicherheit für Positionen, die ich nur als Aberglauben bezeichnen kann, wie er seit 300 Jahren eigentlich ausgestorben sein sollte.

In einem Beitrag auf seinem Blog vergleicht der Quantenphysiker die Willensfreiheit, wie ich sie mir angeblich denke, mit der Freiheit eines Heizkörperthermostaten. Und er scheint das wirklich ernst zu meinen.

Ein Heizkörperthermostat ist ein gutes Beispiel für ein deterministisches System, das Entscheidungen fällen kann und die Freiheit hat, diese Entscheidungen in die Tat umzusetzen.

Kein Determinist würde jemals einen solchen Nonsense von sich geben. Ein Heizkörperthermostat funktioniert nach einem simplen Reiz-Reaktionsschema. Unser Gehirn dagegen ist höchst komplex und in der Lage, verschiedene Optionen abzuwägen. Ein Thermostat wägt so viel ab wie ein Toaster oder wie ein Einzeller. Essenziell setzt Schulz unser Gehirn mit dem einer Amöbe gleich. Aber wer sagt, dass ich so etwas glauben würde?

Auch der Thermostat trifft die Entscheidung auf der Grundlage einer eigenen Überlegung

Nein, ein Thermostat denkt nicht, wenn ich das einmal provokativ anmerken dürfte. Unser Gehirn verfügt neben angeborenen Fähigkeiten (räumliches Sehen, Ortung von Geräuschen, Sexualdrang, … – alle hiervon bereits so komplex, dass noch keine Maschine sie nachahmen kann! Noch nicht einmal das Gehirn einer Fliege wurde erfolgreich nachgebaut!) über Jahre und Jahrzehnte von Erfahrungen aller möglichen Variationen. Psychologen zufolge verfügen wir über ein intuitives System und ein rationales System. Ein Thermostat verfügt lediglich, wenn man so will, über das intuitive System einer Mikrobe.

Menschen empfinden aber eine größere Freiheit, nämlich die, ihre Beweggründe selbst zu finden oder sogar einmal eine Entscheidung ohne Gründe oder gegen besseren Wissens zu treffen.

Wir sind also frei, Entscheidungen zu treffen, die wir nicht treffen wollen (wider besseres Wissen)? Wenn wir eine Entscheidung nicht treffen wollen, sie aber trotzdem treffen, wie kann man das “Freiheit” nennen? Das klingt eher nach einer Zwangsstörung. Und wir finden unsere Beweggründe selbst? Was um alles in der Welt soll das nur bedeuten? Wenn Sie in der Wüste Gobi gestrandet sind, finden Sie Ihren Beweggrund, nach Wasser suchen zu wollen, dann selbst?

Wir treffen gewiss manche Entscheidungen ohne bewusst überlegte Gründe, das ist klar – aber gänzlich ohne URSACHEN? Wie stellen Sie sich das bitte vor? Und inwiefern macht uns das frei?

Die Entscheidung, so scheint es, kommt von dem Menschen selbst. Und es ist offenbar eine Frage der eigenen Persönlichkeit, ob sich der Proband eher für logisch fundierte oder eher für Bauchentscheidungen entschließen wird.

Ja, das ist gewiss der Fall. Aber na und? Inwiefern sind Bauchentscheidungen oder logisch fundierte Entscheidungen frei von URSACHEN? Manche Menschen sind von Natur aus eher intuitiv und andere denken lieber etwas länger nach. All dies widerspricht in keiner Weise dem Determinismus.

Echten Zufall gibt es. Man sehe sich nur die Ergebnisse der modernen quantenoptischen Experimente an.

In Ordnung. Aber wo ist die Relevanz für die Willensfreiheit?

Wenn Gedanken durch biochemische Abläufe in den Nervenzellen bestimmt ist, wird quantenmechanischer Zufall nicht einen einzigen Gedanken ändern. Dieser bekannte Zufall ist zu schwach, um unvorhersehbare Änderungen in der Verhaltensweise von Lebewesen hervorzurufen.

Achso, es gibt keine Relevanz für die Willensfreiheit! Trotzdem ein interessanter Off-Topic-Beitrag über die Wirkung kleiner Teilchen.

Willensfreiheit muss, wenn sie denn existiert, etwas drittes sein. Ich nenne es einmal Willkür. Willkür ist weder deterministisch noch zufällig, sondern sie verfolgt Ziele, die sich eine Person selbst gesetzt hat. Diese Ziele können weitblickend sein, sie können aber auch einfach eine Laune sein.

Willkür ist also eine fremde Macht, die unsere Ziele verfolgt? Welch ein Albtraum! Ist Willkür eine Art von Bodysnatcher oder kann man die Willkür eher vergleichen mit den Goa’uld aus Stargate? Kleine Würmer, die an unserem Rückenmark festkleben und die von dort Macht über uns ausüben können. Na, wenigstens verfolgen die Willkür-Goa’uld unsere eigenen Ziele für uns.

Ich bin kein Freund von Esoterik. Ich glaube daran, dass Willkür, wenn es sie denn gibt, wissenschaftlichen Methoden nicht unzugänglich sein kann. Wissenschaft ist schließlich ergebnisoffen, sie fragt nur nach Reproduzierbarkeit. Man muss sich also nach einer Methode umsehen, mit der man zufällige von willkürlich gewählten Zahlenreihen unterscheidet.

Der bei Libertariern implizierte Dualismus ist Esoterik pur. Die Idee ist schon seit Spinoza so tot wie der tote Papagei aus dem gleichnamigen Monty-Python-Sketch. Willkür ist eine unnötige, schlecht bis gar nicht definierte Hypothese, die nichts erklärt, was Erklärung bedürfte. Ich kann es gar nicht fassen, dass ein Wissenschaftler solche Hypothesen aufstellen sollte. Der Determinismus (meinetwegen mit zufälligen Elementen darin) ist die Minimalannahme. Alle zusätzlichen Annahmen müssen nachweisbar notwendig sein. Und sie müssen überprüfbar sein.

Ich behaupte keineswegs, dass es neben Zufall und Determinismus noch die Willkür gibt. Es ist sehr gut vorstellbar, dass ein deterministisch arbeitendes Gehirn uns das Gefühl der Freiheit nur vorspielt. Es gibt keinen wissenschaftlich belastbaren Hinweis, dass Willkür existiert. Aber es gibt ein Phänomen: Die gefühlte Willensfreiheit. Und es ist eine Aufgabe von Naturwissenschaft, Phänomene zu untersuchen.

Aber warum denn “vorspielt”? Was ist denn vorgespielt an unserem Gefühl der Freiheit? Genau das ist eines der Themen in meinem Beitrag. Ich denke, dass unser Freiheitsgefühl so formuliert werden könnte:

„Rationale Akteure haben aufgrund ihrer Natur als rationale Akteure einen Eindruck, dass sie ihre Entscheidungen auf Grundlage ihrer eigenen Überlegungen treffen können.“

Und genau das können wir ja auch! Die Willkür ist wie Gott, Elfen oder das Krümelmonster: Eine unnötige Hypothese, die nur vernebelt und die nichts erklärt. Wenn unsere Gesellschaft nicht so vom christlichen Körper-Seele-Dualismus durchdrängt wäre, müssten wir diese Debatte nicht weiterführen, aber so ist es leider nun einmal, dass selbst fähige Wissenschaftler diesen metaphysischen Gespenstern noch immer auf den Leim gehen.

 
8 Comments

Geschrieben von am 6. April 2010 in Empirische Psychologie, Philosophie

 

8 Antworten zu Die fantastische Welt der Libertarier

  1. nichtbriefmarkensammler

    6. April 2010 at 22:20

    >>Echten Zufall gibt es. Man sehe sich nur die Ergebnisse der modernen quantenoptischen Experimente an.
    In Ordnung. Aber wo ist die Relevanz für die Willensfreiheit?<<

    "Echter" Zufall hat keine Relevanz für die Willensfreiheit, aber für den Determinismus. Die Fragestellung ob es Zufall gibt, finde ich aber trotzdem, oder gerade deshalb sehr spannend.

    Man könnte zb die Position vertreten, dass es keinen echten Zufall gibt. Ich sehe auch nicht wie quantenoptische Experimente die Existenz von echtem Zufall nachweisen sollten. Wenn ich einen Würfel werfe, mag das Ergebnis zwar zufällig erscheinen. Und Zufall ist hier auch tatsächlich ein gutes Modell. Aber "echter" Zufall welcher gegen Determinismus spräche ist das nicht. Der Würfel unterliegt physikalischen Gesetzmäßigkeiten. Allerdings ist es vielleicht prinzipiell für uns nicht möglich das Ergebnis der Würfelwurfs zu bestimmen, da wir nicht alle relevanten Daten kennen (können) und ebenfalls nicht alle Gesetzmäßigkeiten kennen.

    Wobei ich mich frage, wenn es eigentlich keinen Zufall gibt, welcher Mechanismus dann bewirkt , dass beim Würfeln die Zahlen von 1-6 in gleicher Häufigkeit auftreten.

     
    • Aranxo

      6. April 2010 at 23:37

      Beim Würfeln treten die Zahlen von 1-6 eben _nicht_ in gleicher Häufigkeit auf. Mach mal ein Experiment und würfle mit demselben Würfel 60 mal. Das Ergebnis wird mit Sicherheit nicht sein, dass alle Zahlen 10 mal geworfen wurden. Stattdessen wird eine Zahl ca. 15 mal gefallen sein, ein ca. 5 mal und der Rest irgendwo dazwischen. Welche Zahl am meisten fällt, kann man aber vorher nicht sagen, denn wenn man das Experiment wiederholt, wird ein ähnliches Ergebnis herauskommen, nur unter Umständen mit einer anderen Zahl als häufigster.

       
      • nichtbriefmarkensammler

        7. April 2010 at 01:01

        Als ich noch ein kleines Kind war und noch sehr sehr viel Zeit hatte hab ich das tatsächlich mal gemacht und war erstaunt, wie geleichverteilt die Ergebnisse waren. War wohl ein Nerdkind ;-)

        Generell ist es auch so, dass wenn man nur genügend oft würfelt, die Ergebnisse immer gleichverteilter werden (Gesetz der großen Zahlen).

        Dein Besipiel mit 60 mal Würfeln, wobei eine Zahl ca 15 mal und eine andere ca 5 mal auftritt könnte evt. noch so passieren. Aber wenn du sagen wir mal 6000 mal würfelst, wird es mit an sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht passieren, dass eine Zahl 1500 mal und eine andere nur 500 mal oben liegt. Die Anzahlen werden sich mit steigender Würfelzahl n immer perfekter n/6 annähern.

        Zum Gesetz der großen Zahlen siehe auch hier:
        http://de.wikipedia.org/wiki/Gesetz_der_großen_Zahlen

         
    • ariton

      9. April 2010 at 11:59

      Was Menschen angeht würde ich die These das Menschen als Individuen streng deterministisch handeln aber durchaus unterstützen. Betrachtet man ein Individuum so wird auf den selben Reiz immer die selbe Reaktion folgen. Diese Reaktion mag von Individuum zu Individuum zwar unterschiedlich sein aber auf ein Individuum bezogen ist sie streng deterministisch. Die Erklärung liegt darin begründet das besagtes Individuum über die Zeit seines Lebens gewisse Strategien entwickelt hat wie mit einer Situation (Reiz) subjektiv am besten umzugehen ist.

       
  2. Monist

    7. April 2010 at 15:05

    @Andreas: Lass die Indeterministen in Ruhe ;o) Die wollen doch nur einen Grund haben, ihrem Aberglauben in ganz anderen Bereichen frönen zu können, ohne für bekloppt erklärt zu werden – das ist zumindest meine Erfahrung.

    Ist die These Libertarismus=Indeterminismus überhaupt haltbar? Wenn ja, scheint es ganz unterschiedliche Begriffe und Verständnisse vom Libertarismus in Politik und Philosophie zu geben. Den Begriff habe ich bislang überwiegend politisch verstanden, also ohne jeden Zusammenhang mit der Thematik Determinismus-Indeterminismus.

     
    • derautor

      7. April 2010 at 15:17

      Amüsanterweise habe ich ja auf dem Blog vom “Libertarian” einen Beitrag gegen den philosophischen Libertarismus geschrieben – den er auch selbst ablehnt (Edgar ist auch Determinist).

       
  3. zakum

    7. April 2010 at 18:02

    Mensch, jetzt hau doch nicht so den armen Mann. So unrecht hat er ja nicht mit seinem Thermostat. Im Kleinen betrachtet, meine ich.

    Nehmen wir einfach mal hypothetisch einige Milliarden unterschiedlich großer und starker Heizungen, verbinden an jede dieser Heizungen einen Thermostat (dessen Einstellungen sich von der der Anderen Thermostate unterscheidet), und packen das ganze in einen geschlossen Raum.
    Et voila, wir haben ein System, dessen einzelne Teile sich alle deterministisch verhalten, und komplett vorhersehbar sind, dessen gesamtes Verhalten aber so komplex ist, dass wir es nicht vorhersehen können.
    Ein schönes Bild für unser Gehirn.

    Die Frage, die sich hier nun stellt: Ist das, was wir durch dieses hypothetische Experiment geschaffen haben, eigentlich in der Lage zu Denken? Hat es Bewusstsein?

    Zieht man den Vergleich zum Gehirn, das aus einer großen Zahl von Neuronen besteht, die durch Synapsen verbunden sind, so ist man doch versucht zu sagen ja!
    Letztedlich tut ein Neuron doch auch nicht mehr, als eingehende elektrische Impulse aus den Synapsen zu sammeln, um, wenn eine Schwelle überschritten ist, selbst zu feuern.
    Wo ist da der Unterschied zum Thermostat, der die Temperatur misst, und Befehle an die Heizung schickt, wenn sie außerhalb einer bestimmte Bandbreite liegt. Und dadurch andere Thermostate zum “Feuern” bringt.

    Einen möglichen Unterschied würde ich in dem Fakt sehen, dass sich beim Lernprozess die stärke der (häufig) benutzen Verbindungen zwischen Neuronen vergrößert. Dafür gibt es im Thermostat-Modell kein Äquivalent.

    Hätten wir also durch unser Gedankenspiel ein nicht lernfähiges Bewusstsein geschaffen?

    …Nur mal so, als Denkanreiz zum Zeitvertreib… ;)

     
  4. Hesse

    31. Mai 2010 at 12:52

    Die Diskussion dreht sich seit langem im Kreis, weil die entscheidende Frage umgangen wird. Es geht doch bei dem, was man nach Belieben Entscheidungsfreiheit, Wahlfreiheit oder “innere Handlungsfreiheit” nennen kann, darum, ob ich tatsächlich zwischen zwei Optionen A und B wählen kann:
    Wir sind überzeugt davon, eine freie Wahl, etwa zwischen Vanille- und Scholadeneis, treffen zu können (sofern wir nicht unter einem Vanilleeis-Esszwang oder einer Schokophobie leiden) – aber wieso können wir das, wenn in unserem Gehirn nur Naturvorgänge ablaufen, die dem Determinismus unterworfen sind? Jeder Vorgang im Gehirn ist eindeutig durch seine Ursachen bestimmt, kein Gehirnvorgang hat eine Wahl zwischen A und B. Wieso bin ich trotzdem überzeugt, dass ich diese Wahl habe?
    Der Emergenzbegriff ist hilft nicht weiter, denn erstens erklärt er nichts, und zweitens wäre es absurd, anzunehmen, im Gehirn sei durch Emergenz eine Struktur entstanden, die die Freiheit der Wahl besitzt – wenn diese Freiheit sonst in der Natur durch den Determinismus ausgeschlossen ist. Was wäre eine solche geheimnisvolle Struktur anderes als ein “Geist”?
    Man muss vielmehr zeigen, dass eine Freiheit der Wahl innerhalb der Grenzen des Determinismus grundsätzlich möglich ist – keine absolute Freiheit im Sinne von Indeterminismus, aber doch eine im Vergleich zu normalen deterministischen Abläufen besondere Qualität, die den Namen “Freiheit” verdient. Ich denke, dass es diesen natürlichen “Zustand Freiheit”, gibt. Die Basis dafür ist nicht die Abwesenheit von Ursachen, sondern ein (hinreichend annäherndes) Gleichgewicht einander entgegenwirkender Ursachen oder Kräfte. Deshalb besitzen Lebewesen in hohem Maße Freiheit (schon die “äußere Handlungsfreiheit” der aktiven Bewegung ist etwas, das in der Natur sonst nicht vorkommt!), denn das Leben selbst beruht auf einem sensiblen Gleichgewicht von Kräften – wogegen in der unbelebten Natur der Zustand Freiheit extrem unwahrscheinlich (aber nicht unmöglich) ist.
    Ich habe meine Überlegungen in drei Texten ins Internet gestellt (zu finden mit dem unten stehenden Link), die allerdings in der Form überarbeitungsbedürftig sind.

    http://knol.google.com/k/determinismus-und-freiheit#

     
 
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