Hier ein weiteres neues Video mit Sam Harris. Diesmal wird er nicht ständig unterbrochen von irgendwelchen Idioten. Harris vertritt die moralphilosophische Position des “ethischen Realismus”. Er bestreitet somit die Existenz des “naturalistischen Fehlschlusses”, laut dem man kein “Soll” vom “Sein” ableiten kann. Aber damit hat er Unrecht…
Wenn Hitler sechs Millionen Juden ermorden lässt, können wir nicht daraus folgern, dass es falsch ist, so zu handeln und auch nicht, dass es richtig ist. Da müssen wir schon die Philosophie bemühen. Zwar handelte Hitler keineswegs auf Basis von Fakten, schließlich glaubte er viele falsche Dinge über Juden (es wären keine Menschen, sie wollen die Weltherrschaft, etc.). Aber man könnte sich einen wohlinformierten Hitler vorstellen, der trotzdem die Ermordung von sechs Millionen Juden fordert, vielleicht aus Rache für die Tat eines einzelnen Juden, oder so etwas. Klar wäre das kaum überzeugend für irgendwen sonst. Trotzdem können wir nicht einfach so sagen “Das ist falsch”, ohne es zu begründen.
Wir können uns dem ethischen Realismus nur annähern, aber nur auf Basis einer philosophischen Grundannahme. Beispiel: Wir sollten die Welt so einrichten, dass möglichst viele Menschen ein möglichst glückliches Leben führen können. Dies ließe sich weiter begründen, zum Beispiel indem man aufzeigt, wie jede Person von einer solchen Regelung profitieren würde. Aber es gibt keine zwingende, vom Menschen unabhängige, in der Natur der Dinge angelegte Begründung. Wenn jemand lieber eine Welt voller Kriege haben möchte wie die Klingonen oder Faschisten, können wir ihn nicht vom Gegenteil überzeugen. Wir müssten ihn uns einfach vom Leib halten, weil die Welt, in der er leben möchte, nicht mit unserem Ideal vereinbar ist (hoffe ich einmal für meine Leser verallgemeinern zu können).
Dies bedeutet keineswegs, dass wir unbedingt Relativisten, jedenfalls nicht im starken Sinne, sein müssten. Ich sage zum Beispiel, dass wir uns darum bemühen sollten, totalitäre Regime auszuschalten, wenn nötig, auch mit Gewalt. Dafür habe ich eine ganze Reihe an Gründen, sowohl egoistischer als auch altruistischer Natur, aber ich habe keine Letztbegründung. Die Herrscher dieser Regime sind gewiss nicht mit mir einer Meinung und werden sich durch nichts überzeugen lassen, was ich zu sagen habe. Im Gegensatz zu ethischen Relativisten sage ich nun aber nicht: “Das ist ihre Entscheidung und ich muss sie akzeptieren”, sondern “Geht hin und erschießt sie” (je nach Erfolgsaussichten). Dafür brauche ich keine Letztbegründung. Man muss als Atheist also kein Weichei sein.
Über diesen Umweg kommen wir zu Gott, der Theologen zufolge das einzig feste Fundament für eine Ethik sein kann. Aber selbst, wenn er existieren würde und wenn jeder an ihn glauben würde, könnte jeder Mensch immer noch der Meinung sein, dass man Gottes Befehlen nicht gehorchen sollte. Obendrein ist Gottes bloße Existenz sehr umstritten und es gibt in der Tat mehrere Götter in den Köpfen der Menschen. Welcher davon soll das feste Fundament für allgemein verbindliche Werte sein? Nein, vergesst es: Entweder ihr argumentiert für eure ethische Position, oder ihr habt schon verloren. Es gibt keine Freikarten.
Außerdem weise ich hin auf die Antwort des Philosophen Russel Blackford auf den Vortrag von Sam Harris:
What science can’t do, even in principle, is tell us what our ultimate values or the totality of our values should be. Religion can’t do that either.
[...]
The fact that the possession of a value or the act of valuing has a physical (neurophysiological) substrate does not mean that the valuing itself, or the having of the value, is the kind of thing that can be mistaken. When, for example, I value eating chocolate or desire to eat a chocolate, I am not making a claim that can be true or false. I want the world to be such that chocolate will continue to be available to me, or such that I can get chocolate now. I’m not claiming anything about how the world actually is – the kind of thing that I could be wrong about.
[...]
I’ve never yet seen an argument that shows that psychopaths are necessarily mistaken about some fact about the world. Moreover, I don’t see how the argument could run, since it’s easy to imagine pointing out to the psychopath, as he tortures me, that I’m suffering extreme pain, terror, and so on. The psychopath can know all this, but simply not care. When the psychopath values being able to torture me, he (it will probably be a “he”) is not making any factual claim. The fact that he has this value may consist in his neurological state. The fact that what he values exists may consist in mine. But he does not assert any mistaken proposition about the world such as, “Russell is not in pain.” He knows all the facts, but he acts differently from a normal human being because he values different things. He’s not mistaken about something … but he’s certainly dangerous to the rest of us, giving us a reason to lock him up.
There are also various differences in values among people who are not psychopaths, and again none of those people are necessarily making any mistake about facts about the world. They simply disagree in their settled wishes about how they want the world to be.
If one person, after full reflection, wants the world to be peaceful and gentle, and another wants it to be full of glorious battles and victories, that’s a difference in their values, but it need not mean either is making a mistake about any matter of fact. Both may have very good knowledge of how things are, but they have different preferences as to how they want things to be. They will fail to convince each other because they don’t disagree on the facts. Each will need to appeal to considerations that the other does not accept and cannot be compelled by reason to accept.









Gwendolan
24. März 2010 at 21:38
Ich glaube Harris setzt das (philosophisch zu begründende) ultimative Ziel (Eine Welt in der möglichst viele empfindungsfähige Wesen möglichst wenig Schmerzen und möglichst viel Freude empfinden) einfach voraus. Eventuell aus rethorischen Gründen, eventuell weil er wirklich der Ansicht ist, dass dieses Ziel alle Menschen teilen.
PlainCitizen
25. März 2010 at 10:27
Wenn jemand lieber eine Welt voller Kriege haben möchte wie die Klingonen, können wir ihn nicht vom Gegenteil überzeugen. Wir müssten ihn uns einfach vom Leib halten, weil die Welt, in der er leben möchte, nicht mit unserem Ideal vereinbar ist.
Schön gesagt, und aktuell.
PlainCitizen
25. März 2010 at 10:30
Die Begründbarkeit führt zumindest argumentativ zu einem Gleichgewicht, wenn man das so nennen kann. Wer Krieg will, der setzt sich und seine Interessen über diejenigen des anderen, und das ist nicht begründbar – ausser natürlich mit einem Gott.
Cabuflé
25. März 2010 at 11:45
Na, zumindest mancher der Krieg will, nimmt ja bewusst in Kauf, oder wünscht sich gar, in diesem Krieg zu sterben, und stellt damit unter Umständen durchaus seine Eigeninteressen hinter denen (bestimmter) Anderer hintan.
Abgesehen davon ist leider ebensowenig – zumindest nicht mittels der Naturwissenschaft – absolut konsistent begründbar, warum jemand nicht seine eigenen Interessen über die seiner Mitmenschen stellen sollte. Es ist ein moralischer Grundsatz, den wir, wie schon erwähnt, einfach voraussetzen.
Davon bleibt natürlich unbenommen, dass wissenschaftliche Fakten eine wichtige Rolle bei konkreten Moralentscheidungen spielen, wie Harris’ Beispiele zeigen.
Sithil
25. März 2010 at 12:07
Wer überhaupt irgendetwas (Ob Krieg oder Frieden, Demokratie oder Diktatur, oder sonstwas) will, der setzt seine Interessen über diejenigen des anderen, der das eben nicht will, und das ist nie (weiter) begründbar.
Aber alle tun es einfach, und zwar die ganze Zeit.
PlainCitizen
25. März 2010 at 15:43
Völlig einig, sie tun es einfach. Mit der Begründung hapert’s (wieso sollte sein Interesse mehr wert sein als meines, ist die Frage).
Dass sie es nicht begründen können, hilft nicht viel, und darum hat derautor auch wieder recht: Wir müssen uns solche Leute vom Leib halten.
Greg
25. März 2010 at 20:17
Sam bestreitet NICHT den nat. FS, wie die Überschrift behauptet, sondern zeigt einfach nur, dass die Wissenschaft – im Gegensatz zu vielen Meinungen dazu – sehr wohl zeigen kann, welche Werte/Kulturen-Bündel bessere Resultate erzeugen. Die einzige Voraussetzung, die er dafür machen muss, ist die vom Gwendolan-Kommentar weiter oben bereits aufgezeigte. Diese GRUNDSÄTZLICHE Annahme ist aber etwas ganz anderes als die von ihm fokussierten kulturellen Elemente, die er der wissenschaftlichen Analyse unterwerfen will.
Zu sagen, dass die Wissenschaft Werte&Kulturen im Besser-Schlechter-Sinne bewerten kann, ist etwas GANZ anderes, als zu sagen, dass das (häufige oder seltene) Vorkommen in der Realität den Schluss auf richtig oder falsch zulässt. Ersteres ist das bewusste Verändern & Verbessern der Welt auf Basis von Forschung, letzteres der naturalistische Fehlschluss.
Wie kann man nach diesem Video nur darauf kommen, es würde darin der nat. FS geleugnet?!
blob
26. März 2010 at 16:51
Das ganze gibt es auch etwas weniger kompakt (1:16 h) als authors@google talk http://www.youtube.com/watch?v=UrA-8rTxXf0
politbuerokrat
26. März 2010 at 20:50
“Dafür habe ich eine ganze Reihe an Gründen, sowohl egoistischer als auch altruistischer Natur, aber ich habe keine Letztbegründung. [...] Im Gegensatz zu ethischen Relativisten sage ich nun aber nicht: “Das ist ihre Entscheidung und ich muss sie akzeptieren”, sondern “Geht hin und erschießt sie” (je nach Erfolgsaussichten). Dafür brauche ich keine Letztbegründung.” — Zu meinen, jemanden ohne (Letzt)Begründung zum Töten auffordern zu dürfen, ist eine Art ethischer Relativismus. Relativiert werden die Gründe, den Tyrannen nicht zu morden (insbes. die Gründe, warum auch der Tyrann nicht ermordet werden will) und absolut setzt Du Deine persönlichen Gründe.
“Wir sollten die Welt so einrichten, dass möglichst viele Menschen ein möglichst glückliches Leben führen können.” — Das setzt voraus, Glücksempfinden interpersonell vergleichen zu können. Das können nur Leute, die zu doof sind, kardinale (metrische) Größen von ordinalen zu unterscheiden, wie die vielen Psycho-/Soziologen, deren Studien Du so gerne zitierst. Beispiel: Alice und Bob würden sich über deine Cola freuen, die du nicht trinken magst. Wem sollst Du sie geben, damit Deinem Ideal “glückliches Leben für möglichst viele Menschen” am besten entsprochen wird?
Daß Überzeugen etwas mit Ethik zu tun hat, sehe ich nicht so. Es kann ja sein, daß in einem Kollektiv keiner eine gescheite Einsicht über Ethik hat. Trotzdem kann man die Taten der Gruppenmitglieder bewerten.
derautor
27. März 2010 at 10:41
Es GIBT keine Letztbegründung, auch Gott ist keine Letztbegründung. Also kann ich nur den Tyrannenmord ohne Letztbegründung befürworten. Das ist kein Relativismus, meine Gründe sind gut genug.
Was ein glückliches Leben ist, kann jeder weitgehend selbst entscheiden, so lange er anderen nicht in die Quere kommt.
“Es kann ja sein, daß in einem Kollektiv keiner eine gescheite Einsicht über Ethik hat. Trotzdem kann man die Taten der Gruppenmitglieder bewerten.”
Ja, aber das bringt dir nichts – wenn niemand mit dir übereinstimmt, magst du alle für unethisch halten und nichts wird sich daran ändern.
Papageno
29. März 2010 at 13:56
Nur ganz kurz: Der naturalistische Fehlschluss ist nicht, wie es im Text heißt, ein “Sollen” aus einem “Sein” abzuleiten (das wäre der Sein-Sollen-Fehlschluss), sondern die Eigenschaft des Gutseins mittels anderer Eigenschaften zu definieren, etwa der Eigenschaft des Lustvollseins.