Es ist mal wieder Zeit für eine Blog-Presseschau über den ganzen Wahnsinn, über den ich aus Zeitproblemen nicht berichten konnte. Auch in Waldorf-Schulen soll es zu Missbrauch gekommen sein, Düsseldorfer Richter arbeiten für die Kirche, Welt Online macht Werbung für Alternativmedizin, in England drohen einem Atheisten sieben Jahre Gefängnis für Blasphemie und Texas wirft Thomas Jefferson aus den Lehrplänen
Missbrauch bei den Anthroposophen
In der Freien Waldorfschule in Überlingen soll es einem ehemaligen Schüler zufolge zu Missbrauchsfällen gekommen sein. Auch in den 1990er Jahren wird von einem anderen Schüler von Missbrauchsfällen in der Waldorfschule Schloss Hamborn berichtet. In Überlingen kam es angeblich zu sexueller Kindesmisshandlung, in Schloss Hamborn um Demütigungen und Prügelstrafen. Ein großes Problem besteht darin, dass sich niemand für die Schulaufsicht zuständig fühlt. Offiziell ist in NRW laut Schulgesetz der Staat zuständig, jedoch gibt es keinen festen Plan für Visitationen durch die Bezirksregierungen in Privatschulen, wie der Sprecher des Schulministeriums, Ralf Dolgner, bestätigte. Privatschulen befinden sich überwiegend in kirchlicher Trägerschaft, wobei der Träger nur sieben Prozent der Kosten trägt und der Staat 93%. Allerdings übernehmen die Träger die Verwaltung, was für den Staat sehr bequem ist. Wenn da ein paar Kinder misshandelt werden, auch egal.
GB: Atheist drohen sieben Jahre Gefängnis wegen Karikaturen
Ein Atheist hat im Gebetsraum des Liverpooler Flughafens religionskritische Karikaturen an die Wände gemalt. Ein bestürzter Kaplan hat ihn angezeigt und nun drohen ihm ganze sieben Jahre Gefängnis für “schwere religiöse Belästigung, Schrecken oder Leid”. Beim hpd erfährt man:
Terry Sanderson, Präsident der National Secular Society, sagte, die Staatsanwaltschaft habe Blasphemiegesetze „durch die Hintertür“ hereingebracht.
Er meinte weiter: „Das ist ein beschämendes Urteil, allerdings ein unausweichliches, wenn man dieses verderbliche Gesetz betrachtet. Es scheint unglaublich, dass man im 21. Jahrhundert ins Gefängnis kommen könnte, weil jemand wegen deiner Sicht auf seine Religion „beleidigt“ ist. Das Blasphemiegesetz wurde vor drei Jahren abgeschafft, aber es lebt in Gestalt von schweren religiösen Vergehen weiter und ist damit weitaus gefährlicher. (…)“
Er fuhr fort: „In einer multikulturellen Gesellschaft sollte keiner von uns den Rechtsanspruch darauf haben, nicht beleidigt zu sein. Dieses Gesetz muss dringend geprüft werden.“ (…)
Staat kriecht zu Kreuze
Kirchenfunktionären ist es gelungen, ein großes Kreuz an prominenter Stelle im neuen Düsseldorfer Justizzentrum durchzusetzen. Außerdem wird das Ding mit einem ökumenischen Gottesdienst eingeweiht werden. Der ehemalige Richter Gerhard Czermak sagte dazu beim hpd:
Und wieso meinen die Vertreter der staatlichen Justiz, sich bezüglich ihres Gebäudes von religiösen Interessenvertretern einen – verfassungswidrigen – Kompromiss abhandeln lassen zu dürfen? Denn die symbolische Aussage eines Kreuzes und keines anderen Symbols in einem Gerichtsgebäude (oder Rathaus) legt den Gedanken nahe: Das Christentum hat auch für die dienstlichen Aufgaben eine herausgehobene Bedeutung, wer Christ ist, trifft auf besonderes amtliches Wohlwollen und jedem, der das Gebäude betritt, wird optisch demonstriert, welche Richtung hier das Sagen hat – bei, nach Auffassung der Gerichtspräsidenten, aller gleichwohl natürlich unbestrittenen religiös-weltanschaulichen Neutralität.
Aber sehen wir das positiv: Wenn die deutschen Gerichte nur noch für Christen da sind, dann müssen wir Atheisten uns nicht mehr an die Gesetze halten. Schließlich gibt es bald niemanden mehr, der uns legitimerweise verurteilen könnte.
Texas schreibt Geschichte um
In den neuen Lehrplänen von Texas heißt “Kapitalismus” jetzt “freie Marktwirtschaft” (siehe junge Welt). Außerdem fliegt Thomas Jefferson, der dritte Präsident der USA, aus dem Geschichtsunterricht, weil er sich für die Trennung von Kirche und Staat einsetzte und dem Christentum kritisch gegenüberstand. Da Texas einer der größten Abnehmer für Schulbücher ist, bestimmt der Bundesstaat die Inhalte vieler Schulbücher der ganzen USA. Man darf eine massenhafte christlich-reaktionäre Indoktrination erwarten.
Welt macht Werbung für Alternativmedizin
In einem aktuellen Beitrag macht Welt Online Werbung für “Emotional Freedom Techniques”. Im Artikel heißt es über die Technik: “Dabei werden nach dem Meridianmodell der Traditionellen Chinesischen Medizin Ängste durch Klopfen auf bestimmte Körperstellen bekämpft.”
Natürlich existieren die Meridiane, die Energiezonen der “Traditionellen Chinesischen Medizin”, überhaupt nicht.
„Die Grundvorstellung ist, dass es körpereigene Energieströme gibt. Wenn sie blockiert sind, äußert sich das in den unterschiedlichsten Beschwerden“, erklärt Ulrich Görres vom Fachverband der professionellen EFT-AnwenderInnen in Bonn. „Um diese zu beheben, müssen die Energieströme beeinflusst werden, indem bestimmte Körperpunkte gereizt werden.“ Auf diesen Wirkkonzepten basieren auch die Akupunktur und die Akupressur.
Das Problem: Die Krankenkassen bezahlen nun für die Akupunktur, weil es eine Studie gibt, die eine Wirkung belegt (wobei es egal ist, wo man die Nadeln reinsteckt, was bedeutet, dass die Wirkung nichts mit Energieströmen und Meridianen zu tun hat). Auf diese Weise lässt sich der ganze andere Müll in die Listen anerkannter Behandlungsmethoden einschleußen.
EFT ist bislang keine Kassenleistung. „Während es zur Akupunktur und ihrer positiven Wirkung mittlerweile fundierte Studien gibt, ist die Studienlage zu EFT – wie zu Akupressur – dagegen schwach: Es gibt nur wenige aussagekräftige Studien“, begründet TK-Mediziner Liecker das.
Wie kann man nur ernsthaft nach Studien fragen, die belegen sollen, dass man durch das Klopfen auf bestimmte Körperstellen psychische Krankheiten heilen kann? Das ist ja selbst fast schon eine psychische Krankheit.
Der Beitrag ist äußerst unkritisch. Zum Beispiel heißt es dort:
Ein Weg kann dabei über die Psychologenkammern der Länder führen: Viele von ihnen vergeben mittlerweile Fortbildungspunkte für Mitglieder, die an EFT-Seminaren teilgenommen haben. Auch über die Internetseite des EFT-Fachverbandes sind Coaches zu finden.
Eine Sitzung ist Therapieeinheit und Anleitung zur Selbstbehandlung in einem. Sie dauert bei Ulrich Görres eine Stunde und kostet 60 Euro.
Warum genau sollte man das als Durchschnittsleser wissen wollen? Bezahlt jemand die Welt, für diese Scheiße Werbung zu machen?
Beda Stadler im Nachtcafé
Und noch ein Hinweis:
“Zölibat, Verhütung, Schwule – muss die Kirche umdenken?”
Sendung am Freitag, 19.03.2010, 22.00 bis 23.28 Uhr auf SWR
Beda Stadler ist der Vorzeigeskeptiker im Schweizer Fernsehen und immer häufiger auch im deutschen Fernsehen. Er ist auch ein Fan von meinem Blog (Hallo Beda!), um das mal selbstbeweihräuchernd anzumerken.










nichtbriefmarkensammler
19. März 2010 at 17:49
Warum sollte Texas der größte Abnehmer von Schulbüchern sein? Texas hat ca 23Mio Einwohner, alleine Kalifornien hat 36Mio. Außer sie bekommen viel mehr Kinder, aber dann müssten sie es im Vergleich zu den Kaliforniern ja wie die Karnickel…
nichtbriefmarkensammler
19. März 2010 at 18:21
ah ok, im originalartikel steht “Als _einer_ der größten Käufer von Schulbüchern werde die Entscheidung von Texas den Inhalt von Büchern für den gesamten nationalen Markt beeinflussen, argumentieren sie.”. Naja schmlimm genug!
Andreas Lichte
20. März 2010 at 09:52
Aktualisierung:
In der Freien Waldorfschule Überlingen IST es zu sexuellem Missbrauch gekommen, das wurde von der Schule inzwischen bestätigt. Ein Hintergrundbericht der Schwäbischen Zeitung ist auch erschienen.
Dazu und zu Gewalt in Waldorfschulen allgemein hier ein erster Überblick:
“Waldorfschule – auch hier sexueller Missbrauch!”
http://ratgebernewsblog.wordpress.com/2010/03/19/waldorfschule-auch-hier-sexueller-missbrauch/