Ist der Glaube an das Übernatürliche ganz natürlich? Der Psychologe Bruce Hood provoziert Naturalisten mit seiner Hypothese, dass wir von Natur aus abergläubisch wären. In diesem Interview mit dem Evo-Magazin erklärt er, was er meint und warum die Aufklärung noch immer wichtig ist, obwohl sie niemals siegen kann.
Die Natur des Aberglaubens
11
Mrz









PlainCitizen
11. März 2010 at 16:14
Er glaubt an seine Interpretation von Aberglauben. Schön für ihn.
Andreas P
11. März 2010 at 18:15
Begrifflich höchst unsauber und schwach, was er im Interview von sich gibt – in Physikerdeutsch: “So vage, dass es noch nicht einmal falsch ist.” Nur ein Beispiel:
“Die meisten Individuen glauben an Seelen”, mithin glauben sie an Übernatürliches – der Schluss ist schlicht unhaltbar.
Entweder, man konkretisiert den Begriff “Seele”, und zwar so, dass er explizit Übernatürliches einschließt. Also etwa sowas wie:
“Ein vom menschlichen Körper unterscheidbares, ihm innewohnendes nichtmaterielles, unteilbares, unzerstörbares Ding, das die Personalität einer Person ausmacht, ihr Gedächtnis, ihre Wahrnehmungen und alle anderen geistigen Vorgänge umfasst, …” etc.
Für jede derartige Definition wird er vielleicht Minderheiten, vielleicht sogar eine Mehrheit finden, aber dass “die meisten” sich auf so einen Begriff einigen können, ist schlicht falsch.
Also bleibt nur – “Seele” ist vage gemeint. Was dann von seiner Behauptung übrigbleibt, ist:
“Die meisten Menschen unterscheiden zwischen belebten und unbelebten Dingen” (und dann noch zwischen Pflanzen und Tieren, und zwischen Tieren und Personen.)
Das ist völlig richtig, impliziert aber keinen Glauben an irgendwas Übernatürliches. Oder an eine “Essenz”, die etwa Menschen hätten, Tiere aber nicht. Man kann schließlich auch zwischen Tischen und Stühlen unterscheiden, obwohl es Grenzfälle gibt und keine kurze, einfache, in allen Fällen Abgrenzung (des normalsprachlichen Gebrauchs) möglich ist – ohne dass man deshalb folgern dürfte, fast alle Menschen seien Anhänger der platonistischen Ideenlehre.
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Kurzum, Hoods Behauptung, Aberglaube sei quasi angeboren, ist entweder trivial und tautologisch (“alle Leute glauben jeweils irgendwelche Behauptungen, die eigentlich – genaugenommen – nachweislich falsch sind”), oder falsch (“Menschen können kaum anders, als an eine große Zahl höchst komplexer, genau bestimmbarer übernatürlicher Entitäten zu glauben (Seelen, Essenzen, …) – und zwar kulturübergreifend dieselben”).
derautor
11. März 2010 at 20:10
Wie erklärt ihr säkularen Aberglauben? Zum Beispiel, dass Menschen tausende von Euros für Autogramme ausgeben, die eigentlich nur ein paar Euro wert sind, rein materiell?
PlainCitizen
12. März 2010 at 07:47
Wie erklären Sie den Aberglauben, dass Sie diesen Blog schreiben, obschon Sie damit nichts verdienen?
Andreas P
11. März 2010 at 21:58
… die “eigentlich” gar nichts wert sind, “materiell”.
(Geld-)Werte sind intersubjektiv, nicht objektiv. Gold etwa hat einen hohen Wert, weil jeder glaubt, es habe einen hohen Wert (- was es, nebenbei, wiederum rational macht, Gold einen Wert beizumessen). Es bedarf keiner metaphysischen Vorstellung einer wertgebenden Essenz, auch keiner Marx’schen Werttheorie, oder sonst einer komplexen philosophischen Vorstellung, um Gold aufzubewahren, angeschimmelte Obstschalen dagegen nicht. (Du setzt hier das, was zu zeigen wäre – dass Geld ausgeben für Autogramme in *jedem* Fall auf (“säkularem”=) *Aberglauben* beruhen *müsse* – bereits voraus.)
Mein ganzer Punkt ist, dass Hoods Theorien alles erklären und daher gar nichts, nicht zuletzt, weil er den Begriff des Aberglaubens so unscharf fasst – und ihn nicht mal sauber gegen den des Vor-Urteils abgrenzt.
Er unterstellt den Leuten komplexe Gründe und teils philosophische, teils magische Vorstellungen, die er dann abergläubisch findet. Wer auf bestimmte Fragen so oder so antworte, der könne das *nur* und *ausschließlich* aufgrund irrationaler, aber konkreter abergläubischer Vorstellungen tun.
Mit Penn & Teller: That’s bullshit.
Andreas P
11. März 2010 at 22:18
(Zum Begriff des Vorurteils – im Sinne eines zunächst wertneutral aufgefassten Präjudiciums – ist die Diskussion in der Frühaufklärung recht erhellend, etwa bei Thomasius; der Mann hat übrigens explizit gegen den Hexen-Aberglauben und die Hexen-Verfolgung gekämpft.
Zu den (primär sprach-)philosophischen Lapsi, die zumindest die hier verlinkten Artikel zu Hood andeuten, empfehle ich Gilbert Ryle “Der Geist in der Maschine” und v. Savignys “Philosophie der normalen Sprache” als Einstieg; insbesondere zu der Frage, ob die normalsprachliche Unterscheidung zwischen “beseelten” und “unbeseelten” Objekten die Annahme einer “Seele” voraussetzt.)
PlainCitizen
12. März 2010 at 07:54
Das sagt er richtig:
“die Intuitionen werden noch immer vorhanden sein als ein Teil der Funktionsweise unserer Gehirne”
und
“Das menschliche Gehirn ist eine Mustererkennungs- und eine Schlussfolgerungs-Maschine. Es macht Ordnung und Struktur in der Welt ausfindig und erzeugt Erklärungen.”
Danach wird der Bullshit Detector angehängt. Allerdings funzt der nicht bei jedem gleich gut.