Mit Hilfe meiner grenzenlosen Fähigkeit, Logik selbst auf die naheliegensten Fälle anzuwenden, bin ich zu der Schlussfolgerung gelangt, dass es doch sinnvoll wäre, öfter einmal über mein eigenes Fachgebiet zu bloggen anstatt über andere. Beginnen wir meine “Best of hohe Literatur”-Serie also mit William Shakespeare.
Ehrlich gesagt mag ich Shakespeare nicht einmal so sehr (obgleich es eigentlich wenig Sinn ergibt, aus literaturhistorischer Sicht von “mögen” oder “nicht mögen” zu sprechen), wobei ich seinen herausragenden Platz im Kanon ja durchaus anerkenne. Aber weltanschaulich war der Mann – etwa im Gegensatz zu Christopher Marlowe – ein konservativer Christ, der trotz des Skeptizismus in seinen Werken die Ideologie des elizabethanischen Weltbilds immer wieder bestätigte. Die Entwicklungen seiner Zeit, insbesondere das Aufkommen der Wissenschaft, gingen an ihm praktisch vorbei, wann immer er sich nicht offen gegen sie aussprach.
Atheisten und Leute, die nicht an Astrologie glauben, wie Edmund in König Lear, sind in seinen Werken die Bösen. Shakespeare war auch gegen die Gleichberechtigung von Frauen. Einer der Gründe für die apokalyptischen Ereignisse in McBeth ist zum Beispiel, dass der König von seiner Ehefrau dominiert wird. Das geht natürlich gar nicht, also wird der König ermordet, Pferde fressen sich gegenseitig auf, ein Adler wird von einer Eule gefressen – selbstbewusste Frauen zerstören das ganze Weltgefüge!
Seine Kritik an Königen richtet sich nur gegen schlechte Könige, er produzierte sozusagen Fürstenspiegel, welche Könige erziehen und sie vor Fehlern bewahren sollten. Aber Shakespeare war ein Monarchist hoch zehn. Was er von Lust und Vergnügen hielt, sehen wir in einem Ausschnitt aus König Lear:
Here do you keep a hundred knights and squires;
Men so disorder’d, so debosh’d, and bold
That this our court, infected with their manners,
Shows like a riotous inn. Epicurism and lust
Make it more like a tavern or a brothel
Than a grac’d palace.
Hier sehen wir die typische christliche Hetze gegen Epikurismus und erotische Leidenschaft. In Hamlet zeichnet sich der böse, neue König bekanntlich auch dadurch aus, dass er zu viel Spaß hat, dass er zu viel trinkt, feiert und es gerade einen Monat (oh nein…) nach dem Tod des alten Königs mit seiner Frau treibt.
Über Astrologie sagt der böse Skeptiker Edmund aus König Lear:
This is the excellent foppery of the world, that, when we are sick in fortune, often the surfeit of our own behaviour, we make guilty of our disasters the sun, the moon, and the stars; as if we were villains on necessity; fools by heavenly compulsion; knaves, thieves, and treachers by spherical pre-dominance; drunkards, liars, and adulterers by an enforc’d obedience of planetary influence; and all that we are evil in, by a divine thrusting on. An admirable evasion of whore-master man, to lay his goatish disposition to the charge of a star! My father compounded with my mother under the Dragon’s Tail, and my nativity was under Ursa Major, so that it follows I am rough and lecherous. Fut! I should have been that I am, had the maidenliest star in the firmament twinkled on my bastardizing.
Er kritisiert hier die Tendenz, eigene Fehler einfach auf die Sterne zu schieben. Eigentlich ganz vernünftig, aber aus Shakespeares Sicht denken nur böse Leute Schlechtes über den Aberglauben seiner Zeit.
Wie dem auch sei. Shakespeare war ein Stilist erster Ordnung und seine Werke zeugen von einem tieferen Verständnis der menschlichen Natur. Nach dem obligatorischen Genörgle hier also meine Lieblings-Sonette (ein Sonett ist eine Gedichtform, die S. selbst mitprägte) von Shakespeare.
Im Sonett 71 empfiehlt er seiner Geliebten (eigentlich einem jungen Mann, einer literarischen Konstruktion – aber vergessen wir das für den Moment), nach seinem Tod nicht um ihn zu trauern, sondern weiterzuleben und sich des Lebens zu erfreuen, anstelle sich von der Trauer einnehmen zu lassen. Und dazu gehört eine gewaltige persönliche Größe, weshalb dieses Gedicht zu meinen Favoriten zählt. Sonett 130 beschreibt, wie die Geliebte des Sprechers keineswegs an dichterische (petrarkistische) Ideale einer Geliebten heranreicht. Aber gerade darum liebt er sie: Weil sie ein echter Mensch ist und keine Fabrikation von Dichtern. Sonett 130 ist mein liebstes Liebesgedicht. Die deutschen Übersetzungen sind allerdings mäßig, darum gibt es das hier im englischen Original (und hier die Übersetzung als Link).
Auf YouTube gibt es wunderbare Vertonungen der Gedichte. Sonett 130 stammt von Alan Rickman (Severus Snape in den Harry Potter-Filmen)
Sonett 71
Wenn ich einst todt bin, traure nicht, sei froh,
Sobald der Glocke trüber Klang geschwiegen,
Der es der Welt verkündet, daß ich floh
Die schlechte Welt, beim schlechtsten Wurm zu liegen!
Und siehst du jemals diese Zeilen hier,
Gedenke nicht der Hand, die sie geschrieben:
Vergessen lieber will ich sein von dir,
Eh’ dich mein Angedenken soll betrüben.
Ja, wenn ich erst zu Staub zerfallen bin,
Dann rufe dir ein Blick auf diese Zeichen
Auch nicht mehr meinen Namen in den Sinn,
Mit meinem Leib laß deine Lieb’ erbleichen,
Sonst merkt’s die weise Welt, und dann zur Strafe
Schmäht sie dich noch um mich, wenn ich schon schlafe.
Sonett 130
My mistress’ eyes are nothing like the sun;
Coral is far more red, than her lips red:
If snow be white, why then her breasts are dun;
If hairs be wires, black wires grow on her head.
I have seen roses damasked, red and white,
But no such roses see I in her cheeks;
And in some perfumes is there more delight
Than in the breath that from my mistress reeks.
I love to hear her speak, yet well I know
That music hath a far more pleasing sound:
I grant I never saw a goddess go,
My mistress, when she walks, treads on the ground:
And yet by heaven, I think my love as rare,
As any she belied with false compare.









asphyxiapallida
3. März 2010 at 23:32
Ein Kompliment zu diesem Beitrag!
Ich habe in zwei Jahren Leistungskurs Shakespeare als ein Lieblingsthema betrachtet – zuerst die Sonette, dann Romeo & Juliet. Es führte soweit, dass ich King Lear bereits gelesen habe und Hamlet demnächst folgt.
Sonett 71 kannte ich noch gar nicht, es klingt aber sehr gut, und von 130 bin ich auch nach zwei Stunden Daueranalyse noch total angetan; einfach, weil hier wirklich mal die Abkehr vom Idealbild der Zeit ein bisschen hervorkommt, obwohl Shakespeare ja doch ziemlich regelkonform war.
ich hab den Beitrah irgendwie genossen. =)
kamenin
4. März 2010 at 11:06
Ein bisschen differenzierter ist WSs Frauenbild allerdings schon, vor allem für über 400 Jahre alte Literatur. Spontan fallen mir da Ophelia-Laertes-Szene über männlich-weibliche Doppelmoral und Beatrice ein, und Cressida oder die verschiendenen Töchterrollen in König Lear müsste ich mir noch mal ansehen. Ein eindimensionales ‘Frauen an der Herd’-Bild wäre wohl auch nicht besonders gut angekommen, wenn man für Elisabeth I. schreibt (auch kein unwesentlicher Punkt, wenn man über WSs Monarchismus in seinen Historien nachdenkt).
Und Lustfeindlichkeit würde ich auch nicht in den Werken sehen. Wenn es um die Moral von Königen geht, dann ist das eine Sache; aber selbst in Hamlet war dann doch wohl eher noch die Sache mit dem Brudermord und dem nach damaligen Konventionen inzestuösen Verhältnis entscheidender. Ansonsten ist es doch recht rustikales Bauerntheater und nie um eine Zweideutigkeit oder Obszönität verlegen.
“McBeth” lässt allerdings meine Augen tränen
Andreas Lichte
4. März 2010 at 11:30
@ der Autor & asphyxiapallida
könnt ihr mir sagen, warum mir das so gut gefällt:
Juliet:
“What’s in a name? That which we call a rose
By any other name would smell as sweet.”
Romeo and Juliet (II, ii, 1-2)
Andreas Lichte
4. März 2010 at 11:49
“(…) Das gemeinsame Abendessen wurde entweder unerträglich oder qualvoll, je nach meiner Laune.
»Mich deucht, o edler Herr, liebwerte Dame Ihr, auch ihr Geschwister all’, daß dieses Flügeltier aus ländlichem Gefild’ des Wohlgeschmacks und Saftes nicht enträt, hat es geschmort doch in der eig’nen süßen Brüh’, die Zeitspann’ während, die es braucht, daß Phoibos’ Sonnenwagen rosig, fingrig auch, die pflaumenfarb’nen Himmel tät’ durchmessen, damit die Stund’ des Zwielichts rinn’ durch’s Glas. (…) Was sagt Ihr, edler Vater, Schwestern ihr, noch kaum des Wortes mächt’ger kleiner Bruder du, laßt uns die Kelche haben und bis zur Neige leeren zu Ehren dieses leck’ren Mahles, so liebend und mit höchster Anmut zubereitet von jenem pflichtbewußten Weibe, so wir als Gattin, Buhlin, Mutter gar benennen!«
Meine Begeisterung kannte keine Grenzen. Bald bettelte mich meine Mutter buchstäblich an, im Auto zu warten, wenn Sie zur Bank oder zum Lebensmittelmann ging. (…)”
“Das Theatervirus”, aus: David Sedaris, “Nackt”, übersetzt von Harry Rowohlt
Andreas P
4. März 2010 at 22:02
Hmmm, ich bin hier natürlich wirklich weit außerhalb meines Fachs. Ein paar Sachen kann ich nicht ganz einordnen – ich wäre zu einer anderen Einschätzung gekommen.
- Welche Haltung hat Marlowe, was hat er veröffentlicht, in welcher Form? (Ich kenn kaum mehr als den Namen, sorry…)
- Du zitierst hier einige Figuren und setzt deren Sicht mit Shakespeares gleich. Das mag berechtigt sein, aber: Gibt’s zu Shakespeares Einstellungen unabhängige, direkte Belege?
- Ich sehe in Shakespeare vor allem einen Theatermacher in London – unkomfortabel nahe am Hof und ggf. königlicher Justiz. Gegeben die religiösen Verhältnisse seiner Zeit – hätte er sich klar auf die Bühne stellen können, und dort e. g. republikanische oder atheistische Standpunkte vertreten?
- Mir fiel bei Shakespeare eigentlich vor allem auf, wie irdisch das ganze ist. Gott tritt – anders als im Faust – nicht auf. Die christliche Religion ist praktisch nie ein großes Thema (Hexerei schon, das imaginierte Judentum auch). Die Geistlichen kommen – etwa in den Königsdramen – so sonderlich gut nicht weg – oder lese ich da was rein, etwa in Henry V?
- Gesetzt, dass er jeden Tag sein Theater vollzukriegen und sein Publikum nicht zu verprellen hatte, find ich’s ziemlich bemerkenswert, dass er überhaupt so viele ketzerische, atheistische, … Standpunkte zu Gehör bringt.
Ich denke da an Galilei, der einen langen Dialog über die Falschheit seines – des heliozentrischen – Weltbildes schrieb, auf solche Art und Weise, dass der Leser genau zum umgekehrten Schluss kommen musste. Auch wenn der Vergleich gewaltig hinkt, sind die beiden doch grob Zeitgenossen voneinander.
Wie gesagt, ich kenne mich hier nicht aus, und Du hast hier sicherlich weit mehr Hintergrundwissen als ich – daher würd’ mich interessieren, ob Shakespeare allgemein so eingeschätzt wird, wie Du es hier gemacht hast.