Es war einmal vor langer Zeit in einem weit entfernten Königreich.
Ein großer roter Drache entfachte ein Feuer. Es loderte auf einem Holzstapel inmitten seiner Höhle.
“Schuppi, wach’ auf!”, sagte er.
Ein kleiner roter Drache erwachte, streckte sich und gähnte.
“Was ist denn los, Mami?”
“Etwas ganz Schlimmes ist geschehen!”
“Beim Feueratem des großen Zippo! Was ist es?”
“Die Menscheneltern haben die Weihnachtsgeschenke für ihre Kinder noch nicht geliefert bekommen und es ist schon Nikolaus! Sie denken jetzt, böse Kobolde hätten ihre Weihnachtsgeschenke aus dem Weihnachtsland gestohlen!”
“Oh, nein!”
Laut einer Legende beschenkt der Weihnachtsmann alle Kinder dieser Welt. Bis zum Nikolaustag lässt er die Geschenke im Weihnachtsland von seinen freundlichen Arbeitern produzieren. Angeblich zahlen ihm die Schenkenden dafür horrende Preise, aber das ist sicher nicht wahr, denn sonst würde der Weihnachtsmann seine freundlichen Arbeiter höher entlohnen.
“Was kann ich tun?”, wollte Schuppi wissen.
“Du musst unbedingt ins Weihnachtsland gehen und dich erkundigen, ob die Gerüchte wahr sind! Wir wollen doch niemandem Unrecht tun!”
“Natürlich nicht!”
“Hier kriegst du noch einen Kanister Benzin für die lange Reise. Viel Glück!”
“Danke Mami. Auf Wiedersehen!”
“Wiedersehen mein kleiner Flammenwerfer!”
So kam es, dass ein kleiner Drache sich aufmachte, Weihnachten zu retten.
Derweil wurde im Schloss des Königs ein großer Empfang für Prinz Seppl gehalten. Er war von seiner Reise ins ferne Feenland zurückgekehrt, um die Geschenkeproblematik mit seinem Vater zu bereden. Der bedeutenste, reichste und auf engste Weise verwandte Adel wohnte dem Empfang bei. Seppl winkte seinem Vater auf einer Bühne symbolisch mit der Hand und trat näher.
“Servus, mein Alter!”
“Gewöhn dir eine ordentliche Sprache an, Junge!”
Vater und Sohn Monarch setzten sich an den Tisch der engsten Berater, wo auch Wilhelm, des Königs oberster Militär, seine Wenigkeit parkte.
“Es gibt wichtige Dinge zu besprechen: Angeblich wurden die Weihnachtsgeschenke der Menschen von fiesen Kobolden gestohlen!”
Ein empörter Aufschrei machte sich unter den Gästen breit.
Wilhelm, was meinen Sie dazu?”
“Das ist eine komplizierte Situation. Wir sollten keine voreiligen Schlüsse ziehen. Wir könnten unsere Entscheidungen schnell bereuen. Wir sollten sie alle ausrotten!”
“Seppl, was denkst du?”
“Ja, mei! Des mach ma glatt!”
“Dann ist es entschieden. Informieren Sie ihre Männer, Wilhelm! Wir greifen sofort an!”
Die Gäste jubilierten und warfen ihre goldenen Hüte in die Luft, was sie bereuten, als die Hüte zurückkamen.
Schuppi war nun schon seit Wochen auf der Reise. Weihnachten war nicht mehr lange hin und erst jetzt hatte er das Weihnachtsland gefunden. Dabei war es nur 10 Kilometer vom Schloss entfernt – der König hatte das Kartenzeichnen verboten, da er es als seine alleinige Bürde ansah, den Aufenthaltsort bedeutender Rohstoffe zu kennen. Das Haus des Weihnachtsmannes war eine gewaltige, gläserne Christbaumkugel. Innen war großer Lärm zu hören.
“Wir lassen uns das nicht mehr gefallen, Santa! Nun sind Sie eindeutig zu weit gegangen! Man streicht nicht den freundlichen Arbeitern des Weihnachtsmannes das Weihnachtsgeld!”
Eine tiefe, freundliche Stimme entgegnete: “Wir befinden uns in einer schweren Wirtschaftskrise. Die Konjunktur zwingt mich zu Einsparungen.”
“Erzählen Sie das ihrer Großmutter!”
Schuppi erreichte die Christbaumkugel und beobachtete, was sich im Innern zutrug: Die freundlichen Arbeiter hatten den Weihnachtsmann umstellt. Ihr Anführer kletterte auf einen Podest neben dem großen Weihnachtsbaum, um eine Rede zu halten.
“Freunde, Arbeiter, Revolutionäre: Unsere Zeit ist gekommen! Nicht eine Sekunde länger werden wir die Autorität dieses Diktators anerkennen! Wir werden die kapitalistische Ausbeutung des Weihnachtsfestes aufhalten! Die Genossen Kinder werden ab sofort nur noch von der Einheitsfront der freundlichen Arbeiter beliefert! Die Fabriken gehören uns!”
Schuppi wollte nun den Krieg gegen die unschuldigen Kobolde verhindern, da sie ja die Geschenke gar nicht geraubt hatten, und lief so schnell wie möglich nach Hause.
“Mami, Mami!”
“Oh, da bist du ja mein Kleiner.”
“Das waren nicht die Kobolde! Die freundlichen Arbeiter machen nun die Arbeit alleine. Sie brauchten nur etwas Zeit, um das dem Weihnachtsmann zu erklären.”
“Dann gehe schnell zur Burg und erzähle das dem König, bevor noch etwas passiert! Ich würde ja gerne mit kommen, aber du weißt ja – die Verletzung von den Drachenkriegen…”
In den Drachenkriegen ging es um den Glauben an Drachen. Eigentlich war es ja offensichtlich, dass es Drachen gab, aber einige Leute wollten das einfach nicht glauben und dadurch war das Leben der Drachen gefährdet, sie ernährten sich nämlich vom Glauben der Menschen an ihre Existenz. Von dem und von Jungfrauen. Zumindest erzählte man sich das. Gewonnen hatte keiner die Kriege. Es blieben aber nur wenige Drachen übrig.
Schuppi trat eilig vor den König.
“Herr König! Das waren nicht die Kobolde! Die Geschenke sind bald da!”
“Woher soll ich wissen, dass du die Wahrheit sagst?”
“Selbst wenn es nicht stimmen sollte: Besser Sie greifen nicht als Erste an!”
“Das kann ich nicht tun! Sie haben unser Gold! Ähm, unsere Geschenke! Das ist sicher!”
“Gold…?”
“Raus mit ihm!”
Sie warfen Schuppi aus dem Schloss. Der Krieg endete so schnell, wie er begonnen hatte. Bald waren fast alle Kobolde gefangen oder ermordet. Schuppi sah nur noch einen Ausweg. Er steckte den Weihnachtsbaum am Marktplatz der Reichshauptstadt in Flammen, um auf sich aufmerksam zu machen. Alle Einwohner versammelten sich um den Baum. Als der König davon hörte, ging auch er zum Marktplatz, um einen möglichen Aufstand zu verhindern. Selbst die freundlichen Arbeiter kamen undsie berichteten von ihrer Übernahme der Weihnachtsfabriken. Den Weihnachtsmann hatten sie ermordet.
“Leute, hört mich an!”, sprach Schuppi. “Die Kobolde hatten nichts mit den Geschenken zu tun! Es gab eine Verzögerung, weil die freundlichen Arbeiter den Weihnachtsmann entlasten wollten, wie sie euch gerade erzählten! Ich habe das dem König gesagt! Er griff die Kobolde trotzdem an, weil er ihr Gold haben wollte! Und ihr habt daran teilgenommen, obwohl ihr es besser hättet wissen können! Und ihr Arbeiter: Wie wollt ihr Recht auf Unrecht gründen?”
Die Leute überlegten eine Weile. Schuppi sah sie schweigend an. Offenbar hatten die Menschen den Glauben an sich selbst verloren. Und plötzlich verschwanden sie und mit ihnen die freundlichen Arbeiter. Auch der König und seine Gefolgschaft lösten sich auf. Jedoch erkannte Schuppi seinen Vater, wie er vom Brunnen auf ihn zukam. Er war bei den Drachenkriegen gefallen und war jetzt wieder am Leben. Seine Mutter sah er über sich fliegen. Ihre Verletzung war verheilt.








