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Der Mann der Masse

01 Mrz

Poe: Der Mann in der Menge (Cover des Audiobuchs)

Edgar Allan Poe: Der Mann in der Menge (Cover des Audiobuchs)

Inspiriert durch E.A. Poes Der Mann in der Menge. Veröffentlicht in Kurzgeschichten Ausgabe 8

Ein sonniger Tag, durchzogen von wenigen kühlen Windstößen. Alle Pflanzen recken sich gen Himmel und offenbaren ihre farbenfrohen Blüten. Die Teiche sind belebter denn je, so finden sich hier die verloren geglaubten Enten wieder ein und auch die Fische erobern ihren Lebensraum zurück. Eine perfekte Kulisse für einen feierabendlichen Besuch.

So fand ich mich mit meinen Freunden und Kollegen hier ein, um über den Sinn und Unsinn des Lebens zu philosophieren. Da sich letzterer allmählich unserer Diskussion behauptete, nahm meine Konzentration allmählich ab. Mein Blick wandte sich einem kleinen Teich zu, in dem sich einige Bierflaschen tummelten. Libellen kreisten über dem Wasser. Ich hörte ein leises Rascheln. Ich folgte dem Geräusch und erblickte einen Mann, der ganz in seine Zeitung vertieft war. Er blätterte eine Seite um.

“Komisch”, dachte ich, “Den kenne ich doch von irgendwoher….” Auf einmal war ich überzeugt, dass ich ihn sogar schon sehr oft gesehen hatte. Immer hier und – immer zu dieser Zeit im Frühling. Gut, die Macht der Gewohnheit. Ich musste schließlich auch immer hier gewesen sein, sonst hätte ich den Mann ja gar nicht erkennen können. Ich redete mir ein, dass diese Sache von kaum einer Bedeutung war und versuchte wieder, dem Gespräch meiner Freunde zu lauschen.

Plötzlich hatte ich einen merkwürdigen Verdacht. War es möglich? Der Mann hatte diese Zeitung doch schon einmal gelesen! Letztes Jahr, genau hier. Aber warum auch nicht? Die Leute haben eben ihre Favoriten. Nachdem der Mann also seine Zeitung zu Ende gelesen hatte, stand er auf und warf sie in den Papierkorb. Er verließ den Park in Richtung Innenstadt und war schon bald hinter einem Heckenwall verschwunden. Doch die Neugier hatte mich gepackt. Ich nahm die Zeitung aus dem Abfalleimer und warf einen Blick auf das Datum: Undenkbar!

Ich war nicht mehr davon abzubringen, herauszufinden, was es mit diesem Mann auf sich hatte. Meine Freunde hielten mich zwar für verrückt, aber ich war zu neugierig auf das Geheimnis, das der Fremde scheinbar verbarg. Schließlich verabschiedeten wir uns und ich machte mich auf, den Unbekannten zu verfolgen.

Ich entdeckte ihn vor einem kleinen Frisörladen. Er musste wohl neu sein, denn zuvor war er mir noch nie aufgefallen. Der Fremde war auf dem Weg in das Geschäftsviertel und niemand außer mir schien ihn weiter zu beachten. Aber warum sollten sie auch? So zogen wir an den Läden vorbei. Gesprächsfetzen erreichten mein Gehör: Frauenstimmen unterhielten sich über Männer, Männerstimmen sprachen über Fußball.

Irgendwann kam er an einem kleinen Café in der Nähe des Bahnhofs an. Ich zögerte einen Moment lang, um mich zu vergewissern, dass er mich nicht gesehen hatte, dann folgte ich ihm hinein. Ich setzte mich an einen Tisch, der sich in einigem Abstand zu seinem befand und beobachtete ihn von dort. Er wechselte einige Worte mit der Bedienung und widmete sich wieder der Lektüre einer Zeitung. Ich lauschte kurz den anderen Gästen an den Nachbartischen: Männer in blauen Anzügen sprachen über Aktien, alte Damen unterhielten sich über das Wetter und über die Jugend. “Die Konstanz des Lebens”, dachte ich. Nach einer Weile brachte man ihm einen Kaffee, den er gemächlich trank. Ich hatte mir auch einen bestellt und tat es ihm gleich. Darauf zahlte er und ging. Auch ich bezahlte und warf kurzerhand einen flüchtigen Blick auf seinen Tisch, auf dem noch jene Zeitung lag: Es war die selbe Ausgabe, die er bereits im Park gelesen hatte. Die selbe Ausgabe.

Dieses Ereignis hatte meine Neugier gesteigert und ich entschied mich, ihn weiterhin zu verfolgen. Er lief zu einem Telefonhäuschen und rief jemanden an. Ich hatte mich hinter einem Baum versteckt, von wo aus ich sein Gespräch leider nicht hören konnte.

Stattdessen beobachtete ich meine Umgebung: Die Leute auf dem Gehweg neben der Straße. Eine junge Frau. Sie bahnt sich ihren Weg durch die Massen. Ein Mann läuft ihr hinterher. Einige weitere Menschen schließen sich dieser Schlange an und nun bewegen sich alle Menschen auf der linken Seite des Bürgersteigs in eine Richtung. Die Leute auf der rechten Seite reagieren darauf und benutzen den entgegengesetzten Weg. Kurze Zeit später machte sich der Mann wieder auf den Weg.

Wir kamen am großen Parkplatz vor dem städtischen Naturkundemuseum an, wo er sein Auto abgestellt hatte. Das verwunderte mich etwas, da mein Wagen ganz in der Nähe stand. Aber das konnte auch nur ein Zufall sein, schließlich war es ein sehr großer, weithin bekannter Parkplatz.

Ich fuhr ihm hinterher, bis wir an einem chinesischen Restaurant ankamen. Es war inzwischen Abend geworden. Dort traf er sich mit einer Frau. Sie war es wahrscheinlich, mit der er kurz zuvor telefoniert hatte. Ich setzte mich an einen Tisch, der ausreichend von dem des Paares entfernt war. Er verfasste seine Bestellung. Darauf sie. Dann holte sich der Mann noch eine Zeitung, die er sich mit seiner Freundin beim Lesen teilte. Mir fiel auf, dass ich eigentlich nicht wusste, wer sie war. Vielleicht war es ja auch seine Schwester? Ihr Verhalten ließ beide Schlüsse zu. Die Bedienung musste an mir vorbeilaufen, um dem Paar ihre Bestellung bringen zu können, da sich die Küche hinter mir befand. Ich sah daher, was sie bestellt hatten. Der Ober stellte die Peking-Ente an den Platz der Frau und das Hähnchen süß-sauer an den Platz des Mannes.

Als sie das Restaurant später verließen, wollte ich meinen Verdacht überprüfen. Und ich hatte recht: Es war wieder die selbe Ausgabe der selben Zeitung, die er bereits zweimal, wenn nicht öfter, an diesem Tag gelesen hatte. Ich folgte ihnen noch bis zu einem Mietsgebäude, das sie betraten und fuhr dann selbst nach Hause.

Ich konnte diese Geschehnisse einfach nicht verstehen, so sehr ich mir auch den Kopf darüber zerbrach. Als ich es schon aufgeben wollte, kam ich plötzlich auf eine Idee: Ich würde am nächsten Tag so genau wie möglich den Tagesablauf jenes Mannes nachahmen, vielleicht erschloss sich mir dann sein Geheimnis.

Nachdem ich im Park die aktuelle Ausgabe jener Zeitung gelesen hatte, machte ich mich auf den Weg zum Café am Bahnhof, bestellte dort wiederum einen Kaffee und las die Zeitung. Ich zahlte und machte mich auf den Weg zur Telefonzelle. Dummerweise hatte ich keine Freundin, also rief ich einfach das Mädchen an, das mir schon seit einer ganzen Weile schöne Augen machte. Ich lief zum Parkplatz am Naturkundemuseum und fuhr dann zu dem chinesischen Restaurant, wo ich mir Hühnchen süß-sauer bestellte und das Mädchen die Peking-Ente. Ich nahm mir außerdem noch betreffende Zeitung.

Moment: Warum hatte sich das Mädchen die Peking-Ente bestellt? War es nur ein Zufall? Sie konnte gar nicht wissen, dass die Frau, die jenen Mann am Vortag begleitet hatte, auch Peking-Ente bestellt hatte. Es musste ein Zufall sein! Doch in der Reflektion meines Glases sah ich etwas, was ich nicht fassen konnte: Einige Tische hinter mir saß der Mann, dem ich am Tage zuvor nachgelaufen war. Die Frau begleitete ihn dieses Mal nicht. Er musste mich schon den ganzen Tag über verfolgt haben.

 
1 Comment

Geschrieben von am 1. März 2010 in Erzählung, Philosophie

 

Eine Antwort zu Der Mann der Masse

  1. FlowShow

    8. März 2010 at 00:04

    Diese Geschichte macht mir verdammt Angst. Vor allem mit dem gedämpften Schreibtischlicht, alleine in dieser kleinen Kammer, und vor allem mit diesem Lied, welches ich in dem Moment gehört habe.

     
 
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