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Amnesty und die Jihadisten

10 Feb

Besessen von USA-Kritik: Amnesty International

Was würdet ihr sagen, wenn die größte und einflussreichste Menschenrechts-organisation der Welt mit “Englands berühmtesten Taliban-Unterstützer” zusammenarbeiten würde? Was würdet ihr sagen, wenn sie eine ihrer engagiertesten Mitarbeiterinnen für ihren Protest gegen die Kollaboration rauswerfen würde?

Denkt einmal darüber nach, denn genau das ist jetzt geschehen.

Mit Amnesty geht es seit Jahren bergab. Als paranoide Attacken auf die Bush-Regierung gerade im Trend lagen, stellte Amnesty Abu Ghraib und Guantanamo in den Vordergrund ihrer Kritik und ließ dafür Saddam Husseins Folterlager und Massenexekutionen sowie die Steinigungen und Anschläge von Taliban und Al Qaeda irgendwo im Hintergrund verschwinden. Seitdem könnte man meinen, der Menschenrechts-Gigant hielte die USA für das barbarischste Land der Welt, da sich Amnesty kaum noch mit etwas anderem befasst.

Die Menschenrechtler nannten Guantanamo sogar den “Gulag unserer Zeit“. Millionen Menschen sind in Stalins Gulags gestorben und kein einziger in Guantanamo. Der Virus des Relativismus befällt inzwischen selbst jene, die es von ihrer Berufung her besser wissen müssten.

Nun arbeitet Amnesty mit Cageprisoners zusammen, einer Organisation von Moazzam Begg. Wer ist das? Er ist ein ehemaliger Gast des Gefängnisses, das für Amnesty auf einer Ebene mit den Gulags liegt: Moazzam Begg hat drei Jahre in Guantanamo verbracht. Der britische Journalist David Aaronovitch weiß mehr über Begg zu berichten:

Laut Begg existiert seine Organisation, um (muslimische) Gefangene zu repräsentieren, die, mit seinen Worten, weder angeklagt wurden noch vor Gericht standen. Aber die Cageprisoners-Website verlangt Solidarität mit mehreren Jihadisten, die sowohl einen Prozess bekamen als auch verurteilt wurden und für einige mehr, die sich auf freiem Fuß befinden. Man fragt sich, ob Amnesty die ganze Liste durchgegangen ist, die den Pakistan-Amerikaner Aaifa Siddiqui enthält, der sich momentan vor Gericht für die Erschießung von US-Soldaten verantworten muss. Dort sind auch Abu Hamza und Sajid Badat gelistet, die gestanden haben, an einem Komplott für die Sprengung eines Flugzeugs mit einer Schuhbombe beteiligt gewesen zu sein und die 2005 zu 13 Jahren Haft verurteilt wurden. Und Andrew Rowe, der Konvertit, der ebenfalls 13 Jahre bekam für die Vorbereitung terroristischer Anschläge.

[....]

Als ob all dies nicht genug wäre, existiert ein Video von einem leitenden Forscher bei Cageprisoners, Asim Qureshi, in dem er sich an Demonstranten von Hizb ut-Tahrir wendet. Qureshi sagte: “Wenn wir uns das Beispiel ansehen, das unsere Brüder und Schwestern abgeben, die in Kenia, Irak, Palästina, Kaschmir, Afghanistan kämpfen, dann wissen wir, wer mit gutem Beispiel vorangeht. Wenn wir sehen, wie Hisbollah die Armeen von Israel besiegt, dann wissen wir, was die Lösung ist und wo der Sieg wartet.” Die Brüder und Schwestern in Afghanistan sind die Taliban.

Naheliegend also, dass Gita Sahgal, vor ein paar Tagen noch in leitender Position bei Amnesty engagiert, sofort entlassen wurde, als sie die Kollaboration mit Cageprisoners kritisierte. Am 30. Januar schrieb sie in einem Brief an die Amnesty-Leitung unter anderem: “Mit Englands berühmtesten Taliban-Unterstützer auf Podien aufzutreten, ist eine große Fehleinschätzung.”

Während Moazzam Begg seinen Anwalt eingeschaltet hat, um gegen die Sunday Times vorzugehen, veröffentlichte Amnesty eine Stellungnahme. In dieser verteidigt sie Begg und kritisiert George W. Bush. Sie beschwert sich außerdem darüber, dass die USA Moazzam Begg als “das Andere” definiert habe (die Wortwahl stammt aus dem kulturrelativistischen Diskurs). Die Verbrechen der Jihadisten werden nicht erwähnt.

Weiterführend:

Sunday Times: Amnesty International is “damaged” by Taliban link

Nick Cohen: Tyranny’s Friends at Amnesty

David Aaronovitch: How Amnesty chose the wrong poster-boy

Was tun?

Ihr könnt euren Protest öffentlich ausdrücken, indem ihr Nick Cohens Facebook-Gruppe beitretet, die für eine Wiederaufnahme von Gita Sahgal eintritt:

Amnesty International You Bloody Hypocrites Reinstate Gita Sahgal

 
16 Comments

Geschrieben von am 10. Februar 2010 in Politik, Religionskritik

 

16 Antworten zu Amnesty und die Jihadisten

  1. PlainCitizen

    10. Februar 2010 at 18:11

    Tschuldigung, aber Amnesty ist schon lange islamisch orientiert. Ich bin ausgetreten, als ich das vor ein Paar Jahren anhand der Artikel der Schweizer Sektion begriff.

    Da sind Proteste völlige Zeitverschwendung.

    (Collaboration würde ich übrigens mit Zusammenarbeit übersetzen, nicht mit Kollaboration – obwohl Kollaboration in diesem Fall wohl zutrifft)

     
    • derautor

      10. Februar 2010 at 18:19

      Ja, über die Geschichte dieses Kulturrelativismus bei Amnesty geht Nick Cohen in seinem oben verlinkten Artikel ein. Aber es ist schon wichtig, öffentlich zu zeigen, dass man damit nicht konform geht.

       
      • PlainCitizen

        10. Februar 2010 at 19:39

        Danke. Freut mich auch, wenn Cohen das anspricht.

         
  2. Bruder Spaghettus

    10. Februar 2010 at 18:39

    >Millionen Menschen sind in Stalins Gulags gestorben und kein einziger in Guantanamo.<

    http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,672865,00.html

     
    • derautor

      10. Februar 2010 at 23:49

      Verschwörungstheorie à la carte.

       
  3. Oliver

    10. Februar 2010 at 18:49

    Da gibt es allerdings ein kleines Problem. Um Nick Cohens Facebook-Gruppe beizutreten, müsste man ja Facebook beitreten. Und das kann man nicht wirklich wollen. Ich halte es für fragwürdig, Proteste über geschlossene kommerzielle Netzwerke zu organisieren. Aber ansonsten haben die Artikel dieses Blogs meinen Respekt. Ich hoffe, dass der Autor diese enorme Produktivität aufrechterhalten kann.

     
  4. Kurt

    11. Februar 2010 at 10:00

    ai hat doch schon lange seine Unschuld verloren. Vor Jahren hat ai mit einer massiven Kampagne gegen Männer seinen Hardcorefeminismus öffentlich gemacht. Die Kampagne hieß “Gewalt gegen Frauen erkennen und verhindern”. Dazu gab es im gesammten Bundesgebiet Plakatierungen, die in sexistischer Art und Weise wieder mal Männer für alles Elend dieser Welt verantwortlich gemacht haben. Das war so um 2004 herum. Wer so nonchalant der halben Menschheit Tätersein unterstellt, ist nicht redlich.
    Erstaunlicherweise gehen die härtesten FeministInnen sehr gern mit harten Muslimen gemeinsam. Dieses Phänomen konnte noch niemand wirklich erklären.
    Für mich ist ai auf der selben Stufe wie PETA angekommen.

     
  5. booner

    11. Februar 2010 at 12:44

    in wiefern ist “the other” aus dem kulturrelativistischem Diskurs? Also ernstgemeinte Frage, weil ich mich fürs Studium die letzten Tage da durch diverse Texte z.B. von Stuart Hall gearbeitet hab, und mir diese “construction of otherness” zumindest schlüssig erschien, deswegen wär ich jetzt dankbar für eine kritische Gegenstimme ;)

     
    • derautor

      11. Februar 2010 at 12:59

      Wenn du in ein “Cultural Studies”-Seminar gehst, wirst du kaum etwas anderes hören als “The Other” und “Otherness” und so weiter. Es ist so unglaublich platt und banal, dass sich Gruppen u.U. voneinander abgrenzen oder an sich schon voneinander abgegrenzt sind. Auch dass es eine Konstruktion des anderen gibt, etwa die realitätsferne Konstruktion von Juden durch die Nazis, ist offensichtlich. Ich habe natürlich nichts dagegen, wenn man dies ernsthaft näher analysiert (denn an sich ist das trivial).

      Aber: Relativistische Linke scheinen oftmals zu glauben, dass negative “Konstruktionen” des anderen nichts mit der Realität zu tun haben könnten. In dieser Richtung gibt es momentan unzählige Aufsätze, in denen etwa das “Feindbild Moslem” mit dem “Feindbild Jude” verglichen wird, als ob sich Juden auf überfüllten Marktplätzen in die Luft sprengen würden (radikale Muslime werden einfach ausgeblendet oder als Ausnahme entschuldigt).

      Im Prinzip gibt es gar keine Feinde und gar keine Gründe, jemanden zu bekämpfen, so lange sie dem “anderen” zuzurechnen sind (und nicht etwa kulturinternen Nazis). Selbst wenn jemand explizit sagt, dass er ein Weltkalifat aufbauen und Frauen steinigen will, dann ist es nur eine Konstruktion von uns, dieser Person böse Absichten zu unterstellen.

       
      • PlainCitizen

        11. Februar 2010 at 14:03

        So etwa Ich sehe die Welt richtig, du siehst sie anders als ich, also falsch, weil es nicht sein kann, dass ich sie falsch sehe. Und mit einem, der die Welt falsch sieht, diskutiere ich nicht.

        Womit wir wieder bei der Religion angekommen wären ;-)

         
      • booner

        11. Februar 2010 at 20:37

        ah, ok, danke!
        Im Grunde sind doch diese Kulturrelativisten die behaupten, ein solches Konstrukt sei keine Wirklichkeit, schon durch Foucault widerlegt, wenn er sagt, der Diskurs ist das eigentlich wichtige, denn selbst wenn es eine Realität gibt welche gespiegelt werden kann, so ist sie nur durch den Diskurs erfahrbar.
        Dieses Gerede von einer nur im Diskurs erfahrbaren Realität trifft natürlich so nur auf die “humanities” zu.

        A propos: fänd es echt Klasse, wenn du irgendwann mal (falls das überhaupt in deinem Interessengebiet liegt) nen Artikel über die unsägliche Postmoderne, aus der ja der neue Relativismus entspringt, schreiben könntest. Man wird ja an der Uni bis zum Abwinken mit postmodernem Bullshit zu gestopft…

        Danke! :)

         
      • derautor

        11. Februar 2010 at 20:47

        Dazu würde ich “Illusionen der Postmoderne” von Terry Eagleton empfehlen oder “The Dictionary of Fashionable Nonsense: A Guide for Edgy People” und “Why Truth Matters” von Ophelia Benson.

        http://www.whytruthmatters.com/

         
      • booner

        11. Februar 2010 at 21:53

        Klasse! Vielen Dank! Nachdem ich auch schon seit geraumer Zeit “Eleganter Unsinn” auf meiner Wunschliste stehen hab, geht das schon genau in die richtige Richtung!

         
  6. H. Lektor

    11. Februar 2010 at 16:54

    weiß nicht, ob man Gita Sahgal demnach allem wirklich einen Gefallen täte, sie wieder in den Verein zu schupsen.

    Mir ist übrigens gerade eine Spontanhypothese in den Sinn gekommen: Kann es sein, daß ein Sinnhaftigkeitsmangel einer Position u.a. daran erkennbar wird, daß Vertreter_Innen dieser Position gegen öfftl. Medien vorgehen, in denen kritisches steht?

    “Womit wir wieder bei der Religion angekommen wären”
    *mööpp*
    gratuliere zum faux pax

     
    • PlainCitizen

      12. Februar 2010 at 11:29

      ?

       
  7. yilo

    16. Februar 2010 at 15:13

    Hitchens über die Entlassung Gita Sahgals:
    http://www.slate.com/id/2244802/

     
 
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