Es gibt zahlreiche Geschichtsbücher über die Epoche der Aufklärung in allen ihren Facetten – jedenfalls in den USA–, aber man hört kaum etwas über die breite Gegenaufklärung, nur über einzelne Vertreter wie Herder oder Edmund Burke. Der Historiker Darin McMahon nimmt sie sich in seinem Buch Enemies of the Enlightenment. The French Counter-Enlightenment and the Making of Modernity erstmals (!) systematisch am Beispiel Frankreichs vor.
Die Epoche der Aufklärung
Die Epoche der Aufklärung, das war so mehr oder weniger das 18. Jahrhundert. Vorbereitet wurde die Aufklärung durch die Rennaissance, die sich zwischen dem 14. bis 17. Jahrhundert abspielte (außerhalb Italiens begann sie allerdings weitaus später als im 14. Jahrhundert). Einige der ersten modernen Wissenschaftler, etwa Francis Bacon und Isaak Newton, gehören ins Zeitalter der Rennaisance. Damals wurden christlicher Glaube und Wissenschaft noch gerne miteinander vermischt und es war äußerst riskant, dem Glauben mit der wissenschaftlichen Methode auf die Schliche kommen zu wollen. Die Aufklärung setzte dem ein Ende, nun stand die Religion im Kreuzfeuer der philosophischen Kritik.
Doch es wäre falsch, anzunehmen, dass die großen Aufklärer des 18. Jahrhunderts alle Atheisten gewesen wären. Im Gegenteil bestand der Großteil von ihnen aus Deisten (Gott erschafft Welt, zieht sich zurück) oder Pantheisten (Natur ist göttlich). Nur wenige waren Materialisten wie Baron D’Holbach, die auch nicht an Gott oder Seele glaubten. Auf eine Weise, die wir uns heute nicht mehr vorstellen können, hatten die großen Philosophen wie Voltaire und Diderot im Frankreich der Mitte des 18. Jahrhunderts den Status von Popstars erreicht.
Es gab Spielkarten mit den Gesichtern der Philosophen darauf, Pfeifen, die Voltaire ähnelten, man feierte die Philosophen bei Theateraufführungen und schließlich sogar bei Straßenfesten. Wenig begeistert von all dem Aufhebens waren die Verteidiger der alten Ordnung, die sich zunehmend eine utopische “alte Ordnung” herbeifantasierten, wie sie niemals existiert hatte.
McMahon beginnt sein Buch unter anderem mit Ausführungen darüber, inwiefern uns ein Rückblick auf die ersten Feinde der Aufklärung heute nutzen könnte. Heute vereinen sich Teile der Rechten und der Linken für eine gemeinsame Sache: Aufklärungs-Bashing. Von Rechts heißt es, die Aufklärung wäre die ideengeschichtliche Wurzel für die “gottlosen Regime” und Verbrechen von Stalin, Mao, Pol Pot und co. gewesen. Und von der postmodernen (kulturrelativistischen) Linken heißt es, die Aufklärung wäre verantwortlich für die “Hegemonie der Vernunft”, für Rassismus, Frauenfeindlichkeit und natürlich für den Holocaust. Viele dieser Vorwürfe wurden schon im 18. Jahrhundert gegen die Philosophen laut, nur dass sie damals recht einheitlich aus einer Richtung stammten: Von reaktionären Katholiken, etwa vergleichbar mit der heutigen Pius-Brüderschaft.
Die Gegenaufklärung
Die französische Gegenaufklärung war der Ausgangspunkt des modernen Rechtsradikalismus: “Wie Frankreich als spirituelles Heimatland einer internationalen Gegenaufklärung diente, so diente es auch als ideologische Quelle der kommenden Rechts-Doktrinen von außerhalb” (S. 15). Die Gegenaufklärung begleitete die Philosophen von Anfang an, einen Höhepunkt erreichte sie in den 1780ern, als in einen Jahr bis zu 97 000 Bücher mit Tiraden gegen die Aufklärung alleine in Frankreich erschienen. Außerdem gab es zahlreiche Zeitschriften, die sich exklusiv dem Aufklärungs-Bashing widmeten.
Dabei spielte die Gegenaufklärung auch eine bedeutende Rolle dabei, überhaupt zu definieren, was die Aufklärung ist (Kant stellte die Frage erst 1784, gegen Ende der Epoche). So gab es eine Reihe von Philosophen, die sich nicht einig waren und die erst von der Gegenaufklärung in einen Topf geworfen wurden. Die Kritiken der Jesuiten, Ultramontanisten und anderen Gegenaufklärern entsprechen in der Tendenz denen der Kritiker der “Neuen Atheisten” in unseren Tagen. So äußerte die einflussreiche Gegenaufklärerin Madame de Genlis:
Es gab in Frankreich keinen Fanatismus mehr, bevor sich die Sekte der modernen Philosophen formte. Und hier sind sie nun, die Philosophen – und es sind in der Tat die berühmtesten, welche die Völker aller Nationen dazu ermahnen, dass sie die Tempel und andere Gotteshäuser zerstören, dass sie Könige und Souveräne massakrieren und keine Autorität akzeptieren – außer jene der Philosophen! Ich frage jede neutrale Person: Ist dieser schreckliche Fanatismus nicht tausendmal gefährlicher als jener, der durch die Religion inspiriert wurde?
Religionskritiker als das Spiegelbild religiöser Fanatiker: Seit über 250 Jahren begleitet uns dieser Vorwurf und er findet nach wie vor sein Publikum. Der Abbé Augustin Barruel lässt seiner Paranoia über die Philosophen im Januar 1789 freien Lauf:
Ihre Lektionen zerschnitten die Bänder zwischen Eltern und Kindern, zwischen Ehemann und Frau, zwischen König und Subjekt. Um uns bösartig zu machen, haben sie uns gottlos gemacht.
Protestanten, Jansenisten, Philosophen und Freimaurer hatten sich angeblich zusammengetan, um die Welt zu beherrschen. Praktischerweise konnte man den Philosophen bald den Terreur, der auf die Revolution folgte (er ging tatsächlich von einer linksradikalen Sekte, der Jakobiner, aus), in die Schuhe schieben und somit gegen jede Art von Vernunft in die Schlacht ziehen:
Die Revolution hat ihre Quelle vor allem in der Philosophie. Die Philosophen haben sie angefangen. Sie waren die Urheber all der Verbrechen und all der Exzesse, die sie begleiteten. Diese gottlose und antisoziale Sekte ist heute noch am Leben und in voller Fahrt. …Täuschen wir uns nicht. Wir müssen stets die Zukunft anhand der Vergangenheit beurteilen.
Dies teilt uns der Gegenaufklärer J.A.P. in seiner Schrift De la Monarchie avec les philosophes, les révolutionnaries et les Jacobins von 1817 mit. Als Karl X. 1825 an die Macht kam, sah es zunächst schlecht aus für die Anhänger der Philosophen. Der neue König wollte eine Monarchie nach dem Ideal der Ultramontanisten (kath. Gegenaufklärer) errichten. Die “Herabwürdigung” von religiösem Eigentum sollte laut einem neuen Gesetz mit Tod oder Verstümmelung bestraft werden. Er versuchte die Presse und die gewählten Volksvertreter zu kontrollieren.
Die Verteidiger der Aufklärung
Nichts davon hat funktioniert, denn die Anhänger der Philosophen waren inzwischen eine breite Bewegung. Mit Hilfe öffentlicher Proteste mussten sämtliche Gesetze, die der Kirche mehr Macht im Staate ermöglicht hätten, wieder zurückgezogen werden. Viele Staatsdiener ignorierten einfach die theokratischen Anordnungen von Karl X. Während er die Verbreitung von “guten Büchern”, also gegenaufklärerischer Literatur förderte, erreichte die Nachfrage für die Werke der Philosophen einen neuen Höhepunkt.
Gemeindepfarrer ließen die Werke von Voltaire und co. öffentlich verbrennen, doch die “Anzahl der Publikationen übertrifft die Zahl der Verbrennungen”, wie der Constitutionnel 1825 feststellte. Es wurden öffentlich blasphemische Lieder gesungen und Hostien geschändet (wie es der Religionskritiker P.Z. Myers zu unserer Zeit wieder tat und dafür unzählige Todesdrohungen von Katholiken erhielt, als hätte es die letzten 200 Jahre nicht gegeben). Schließlich kam es 1830 zu einer zweiten bürgerlichen Revolution, die in ganz Europa liberale Kräfte stärkte .
Fazit
Ich würde allen, die Englisch sprechen, das Buch auf jeden Fall empfehlen. Warum sollten wir die Geschichte und ihre Errungenschaften den Irrationalisten überlassen, wenn wir auch eine Geschichte haben, die erheblich mehr hergibt und aus der sich wichtige Lektionen ziehen lassen? Zum Beispiel, wie man Gegenaufklärer identifiziert und bekämpft und warum man das tun sollte.









Andreas P
9. Februar 2010 at 22:04
Herzlichen Dank für Entdeckung, Hinweis und sehr lesenswerte Besprechung, Buch ist notiert!
PlainCitizen
10. Februar 2010 at 10:18
Danke für den Hinweis. Das ist nun wirklich genau wie heute, wo Religionen unter Denkmalschutz gestellt werden sollen.
Ich kann übrigens verstehen, dass Gläubige glauben, dass Atheisten / Aufgeklärte glauben würden: Sie können sich nicht vorstellen, dass einer nicht glaubt – also muss Atheismus / Aufklärung ein Glaube sein.
folgsam
12. Februar 2010 at 19:55
uh das ist ja “making on demand”.
Ich setz es auf meine Leseliste