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Vollmer: Zwangsarbeit nur bei Nazis

01 Feb

"Wenn ich groß bin, möchte ich Pfarrer werden!" - "Das ist komisch. Ich bin groß und möchte einen kleinen Jungen."

Wie in Irland hat es auch in Deutschland einen systematischen Missbrauch von Kindern, darunter sexueller Missbrauch und Zwangsarbeit bis zu 16 Stunden täglich, in kirchlichen Heimen gegeben. Bundestagsvizepräsidentin Antje Vollmer, die am Runden Tisch zur “Klärung” des Missbrauchs sitzt, spricht allen Opfern der Zwangsarbeit außerhalb des Nazi-Regimes jedoch ab, wirklich Zwangsarbeit geleistet zu haben.

Damit wären alle totalitären Regime von unserer Bundestagsvizepräsidentin offiziell entlastet, nur damit die Kirchen keine Wiedergutmachung leisten müssen.

Wörtlich sagte sie (Quelle):

Der klassisch geprägte, gerade in der deutschen Geschichte klassisch geprägte Begriff “Zwangsarbeit” war eine Methode des NS-Regimes, Menschen durch erzwungene Arbeit in ihrer Existenz zu ruinieren und optimale Gewinne zu erwirtschaften.

Also gab es unter Stalin, Mao, Pol Pot und co. keine Zwangsarbeit. Und so eine Scheiße muss man sich von seinen Repräsentanten anhören, nur damit die Kirchen nicht ein paar ihrer unzähligen Milliarden als Wiedergutmachung für ihre abartigen Verbrechen zahlen müssen. An Menschen, deren Leben sie vernichtet haben.

Zum Thema hier die Ausführungen dem neuen GBS-Newsletter. Ich empfehle unbedingt auch das Video am Ende! Darin könnt ihr Zeuge werden, wie den ehemaligen Heimkindern und ihren Vertretern selbst bei einer öffentlichen Pressekonferenz des Runden Tisches noch das Maul gestopft wird. Wer in Berlin oder Umgebung lebt, sollte überlegen, an der Demo für die Heimkinder teilzunehmen!

“VON STAAT UND KIRCHEN VERSCHAUKELT”: GBS UNTERSTÜTZT DEN PROTEST EHEMALIGER HEIMKINDER

Der Verein ehemaliger Heimkinder (VeH) hat den Zwischenbericht, den der vom Deutschen Bundestag eingerichtete “Runde Tisch Heimerziehung” am 22. Januar vorlegte, mit scharfen Worten kritisiert. Die Vorsitzende des Vereins, Monika Tschapek-Güntner, sagte, sie fühle sich durch die gezielte Hinhaltetaktik von Staat und Kirchen verschaukelt.

Unterstützer der Heimkinder wie der Hamburger Rechtsanwalt Gerrit Wilmans und der Trierer Philosoph Michael Schmidt-Salomon von der Giordano-Bruno-Stiftung sprachen im Hinblick auf den Zwischenbericht sogar von “zynischen Propagandalügen” sowie einer “schädlichen Kumpanei von Staat und Kirche”. Um den bislang am Runden Tisch nur wenig beachteten Forderungen der Heimkinder Nachdruck zu verleihen, plant der VeH am 15. April 2010 eine groß angelegte Demo in Berlin.

“Der Zwischenbericht enthält über weite Strecken nur Altbekanntes!”, erklärte VeH-Vorsitzende Tschapek-Güntner. “Dafür hätte es wirklich keiner einjährigen Arbeit bedurft! Angesichts der Tatsache, dass die zentrale Frage der Entschädigung erst in der letzten Sitzung des Runden Tisches verhandelt werden soll, drängt sich der Eindruck auf, dass es sich hierbei um eine gezielte Hinhaltetaktik handelt! Offenbar wollen die Vertreter des Staates und der Kirchen uns am Schluss ein Entschädigungsmodell präsentieren, über das im Vorfeld nie öffentlich diskutiert wurde und das mit Sicherheit nicht geeignet sein wird, um das erlittene Unrecht zu kompensieren! Wir fühlen uns von Staat und Kirchen regelrecht verschaukelt!”

Als besonders problematisch stufte Tschapek-Güntner jene Passage im Zwischenbericht ein, in der es heißt, die Entschädigung für Heimkinder müsse “in einem angemessenen Verhältnis zu den Leistungen, die andere Opfergruppen in der deutschen Geschichte erhalten haben, stehen.” Die VeH-Vorsitzende sagte dazu: “Wenn in der Vergangenheit Opfergruppen nicht angemessen entschädigt wurden, so darf dies doch nicht als Legitimation dafür gelten, dass nun auch die Heimkinder nicht angemessen entschädigt werden sollen! Durch die Berufung auf einen alten Skandal verhindert man keinen neuen!

Glücklicherweise gibt es für die Entschädigung von Heimkindern internationale Vergleichsmöglichkeiten, nämlich die Zahlungen, die in Irland und Kanada geleistet wurden. Wenn Deutschland, wie von den Kirchen- und Staatsvertretern offensichtlich angestrebt, weit unter den dortigen Richtlinien bleiben sollte, so wäre dies eine internationale Blamage für unser Land!”

Weiterhin hob Tschapek-Güntner hervor, dass die ehemaligen Heimkinder keineswegs vorrangig den Staat für die Einrichtung des Entschädigungsfonds zur Kasse bitten wollen. “Zwar hat die öffentliche Hand bei der Heimaufsicht kläglich versagt, aber hauptverantwortlich sind und bleiben für uns die Erstverschulder des Leids, nämlich die überwiegend kirchlichen Heimträger sowie die Industrie, die von der unbezahlten Heimkinderarbeit profitierte.

Zu diesen industriellen Profiteuren zählen bekanntlich einige der größten deutschen Firmen! Dennoch sitzt bislang kein einziger Vertreter der Industrie am Runden Tisch! Dies ist ein weiteres Indiz dafür, dass die Mehrheit der Vertreter am Runden Tisch unsere Forderung nach einer angemessenen Entschädigung nicht Ernst nimmt!”

Menschenrechtsverletzungen

Rechtsanwalt Gerrit Wilmans, der die Interessen der Heimkinder vertritt, kritisierte am Zwischenbericht, dass er das systematische Unrecht, das den Heimkindern widerfuhr, nicht als “Menschenrechtsverletzung” werte: “Der Grund für diese Sprachregelung ist offensichtlich: Würde man von Menschenrechtsverletzungen sprechen, so könnte die Verjährung der Verbrechen ausgesetzt werden, was zur Folge hätte, dass die Heimkinder eine juristische Grundlage für materielle Entschädigungen besäßen.” Wilmans verwies in diesem Zusammenhang auf ein Urteil des BGH (BGH – 5 StR 451/99), das die Vergabe von Dopingmitteln an uneingeweihte, minderjährige Sportler als Menschenrechtsverletzung wertete.

Dabei entschied das Gericht, dass die Verjährung dieser Straftat aufgrund “eines quasi gesetzlichen Verfolgungshindernisses” geruht habe. “Das Ruhen der Verjährung der Unrechtstaten wurde in dem angeführten Fall damit begründet, dass sie systemimmanent durch das Regime der SED nicht verfolgt wurden”, sagte Wilmans. “Müssen wir diese Logik nicht auch auf den Fall der Heimkinder anwenden? Auch hier müsste doch die Verjährung der Unrechtstaten in den Heimen ruhen, da diese durch die erwiesene Kumpanei des Staates mit den kirchlichen Heimträgern ebenfalls aus systemimmanenten Gründen nicht verfolgt wurden!

Sollte sich die schädliche Kumpanei von Staat und Kirche nun am Runden Tisch fortsetzen, wie es gegenwärtig der Fall zu sein scheint, so wirft dies kein gutes Licht auf die Verfasstheit unserer Gesellschaft!”

“Zynische Propagandalüge”

Noch deutlichere Worte fand der Philosoph und Erziehungswissenschaftler Michael Schmidt-Salomon, der als Vorstandssprecher der Giordano Bruno Stiftung die Anliegen der ehemaligen Heimkinder unterstützt:

“Es ist erwiesen, dass Heimkinder unter Androhung drastischer Strafen dazu gezwungen wurden, Arbeiten in der Industrie, im Dienstleistungsgewerbe oder in der Landwirtschaft zu verrichten. Dass die Mehrheit der Vertreter am Runden Tisch für diesen klaren Sachverhalt den Begriff ‚Zwangsarbeit’ ablehnt, weil dieser Begriff angeblich für die “NS-Zwangsarbeiter” reserviert sei, kann man nur als zynische Propagandalüge bezeichnen! Sollen wir denn wirklich glauben, dass Frau Vollmer und all die anderen hochrangigen Vertreter der Kirchen und des Staates die deutsche Verfassung nicht kennen?!

In Artikel 12 Absatz 3 unseres Grundgesetzes heißt es wörtlich: ‚Zwangsarbeit ist nur bei einer gerichtlich angeordneten Freiheitsentziehung zulässig.’ Wäre der Begriff ‚Zwangsarbeit’ tatsächlich für die Verbrechen des NS-Regimes reserviert, müsste Artikel 12 Absatz 3 sofort aus dem deutschen Grundgesetz gestrichen werden!

In Wahrheit bezeichnet der Begriff ‚Zwangsarbeit’ einen eindeutig definierten, juristischen Sachverhalt, der keineswegs mit den NS-Verbrechen identisch ist. Es ist deshalb einigermaßen zynisch, wenn der Runde Tisch die nazistischen Gräueltaten heranzieht, um mit Hilfe dieses rhetorischen Kniffs den realen Sachverhalt der erzwungenen Kinderarbeit in den Heimen zu vernebeln! Man spürt die Absicht und ist verstimmt!”

Außerdem kritisierte Schmidt-Salomon, dass der Zwischenbericht die Ursachen für die Menschenrechtsverletzungen in den deutschen Heimen unzulässig ausblende: “Es ist erfreulich, dass der Zwischenbericht die zentralen Fakten anerkennt und von einem ‚System Heimerziehung’ spricht – statt von einigen ‚bedauerlichen Einzelfällen’. Unzulässig ist jedoch der im Zwischenbericht unternommene Versuch, das “System Heimerziehung” über den Vergleich mit der damals praktizierten Familienerziehung tendenziell zu entschuldigen.

Denn für die autoritäre Erziehung sowohl in den Heimen als auch in den Familien waren letztlich dieselben gesellschaftlichen Kräfte maßgeblich verantwortlich: nämlich die christlichen Kirchen, die die damals längst schon entwickelten Ansätze zu einer weniger autoritären, undogmatischeren Pädagogik als ‚unvereinbar mit dem christlichen Menschenbild’ abwiesen!

Es waren nun einmal christliche Überzeugungen, die uneheliche Kinder in den Augen der Gesellschaft zu ‚Bastarden’ werden ließen! Und es waren ebenso christliche Vorstellungen, die Erzieher glauben ließen, dass wer sein Kind liebe, es auch züchtigen müsse! Die eigentliche Tragik der Heimkinder besteht insofern darin, dass sie die besonderen ‚Segnungen’ dieser Pädagogik aus erster Hand erfahren mussten, während andere Kinder ihr nur vermittelt durch möglicherweise etwas weniger glaubensfeste Eltern ausgeliefert waren!”

Die Kirchen müssen zahlen!

“Von daher”, so Schmidt-Salomon in seiner abschließenden Bilanz, “hätten die Kirchen heute allen Anlass, sich bei einem Großteil der Kinder zu entschuldigen, die in den 40er, 50er und 60er Jahren aufgewachsen sind! Im Falle der Heimkinder, für die sie direkt verantwortlich waren, reicht eine solche, rein verbale Entschuldigung jedoch keineswegs aus! Die Kirchen können sich nicht aus der Affäre ziehen nach dem Motto: ‚Liebe Heimkinder, wir haben zwar gut an euch verdient und euch systematisch gequält, aber außer unserem tiefsten, aufrichtigen Bedauern dürft ihr keinen müden Cent von uns erwarten!’

Wer einen so hohen moralischen Anspruch vor sich herträgt wie die christlichen Kirchen, der darf nicht kneifen, wenn es darum geht, diesen Ansprüchen in der Realität halbwegs gerecht zu werden! Die Kirchen haben, wie wir aus sicherer Quelle wissen, sehr wohl das finanzielle Vermögen, um die ehemaligen Heimkinder für das an ihnen verübte Unrecht angemessen zu entschädigen! Falls die Kirchen für die Folgen ihrer Verbrechen nicht freiwillig zahlen wollen, so müssten sie dazu gezwungen werden! Menschenrechtsverletzungen sind nun einmal keine Kavaliersdelikte!”

Demo am 15. April

Um den bislang am Runden Tisch nur wenig beachteten Forderungen der Heimkinder Nachdruck zu verleihen, plant der VeH am 15. April 2010 eine groß angelegte Demo in Berlin. “So schnell lassen wir uns ganz gewiss nicht unterkriegen!”, sagte Monika Tschapek-Güntner. “Die Damen und Herren am Runden Tisch sollen wissen, dass wir ihre Vorschläge nicht kritiklos schlucken werden! Sie haben es zwar erfolgreich verhindert, dass wir mit juristischem Beistand am Runden Tisch mitwirken dürfen, doch das heißt nicht, dass wir als NGO nicht auch auf anderem Wege gesellschaftlichen Druck aufbauen können!”

Quelle dieses Artikels:
http://hpd.de/node/8711

siehe auch:
http://veh-ev.info/

Einen Eindruck davon, auf welch subtile Weise die ehemaligen Heimkinder “verschaukelt” werden, liefert das Video von der Pressekonferenz des Runden Tisches. Besonders interessant: Die charmante Art, mit der die ehemalige Bundestagvizepräsidentin (und evangelische Theologin) Antje Vollmer die Diskussion über die zentrale Frage der Verjährung der in den Heimen begangenen Straftaten verhindert:

http://de.sevenload.com/sendungen/Top-TV-im-OKB/folgen/UM0RAot-Zwischenbericht-Teil-2

 
12 Comments

Geschrieben von am 1. Februar 2010 in Geschichte, Politik, Religionskritik

 

12 Antworten zu Vollmer: Zwangsarbeit nur bei Nazis

  1. Bruder Spaghettus

    1. Februar 2010 at 15:36

    Nicht nur Frau Vollmer, auch Kathrin Göring-Eckardt legen ja bereedet Zeugnis ab für die feste Verwurzelung des christlichen Glaubens bei den Grünen. Da wäre man fast versucht, auch denen zu empfehlen, das große C irgendwo mit in den Parteinamen einzuschmuggeln.

    Klappt aber nicht, da hätte sicher “Fathima” Roth mit ihrer Islamschwärmerei was dagegen. Also müssen sie sich wohl was Neues einfallen lassen.

    Vielleicht “Grüne Abrahamiten”, “Religiotische Grüne Gutmenschen” oder “Grüne Glaubensschützer”.

    Vielleicht gibt es ja mal einen Namensuchwettbewerb?

    Ansonsten versteh ich aber nicht, wieso du was dagegen hast, die Entschädigung für Heimkinder müsse “in einem angemessenen Verhältnis zu den Leistungen, die andere Opfergruppen in der deutschen Geschichte erhalten haben, stehen.”

    War doch ganz beispielhaft, wie der Fond für die jüdischen Zwangsarbeiter gebildet und ausgezahlt wurde. Könnte hier sogar noch besser klappen, weil nicht so viel an den Anwälten kleben bleibt. :-)

    Und das die Antje davon hält, na ja.

     
  2. Dennis

    1. Februar 2010 at 15:57

    Ob es sich bei der Zwangsarbeit bzw. dem Missbrauch um Menschenrechtsverletzungen gehandelt hat, entscheiden glücklicherweise die Gerichte und nicht der Staat. In Anlehnung an den Sportlerdopingfall sehe ich da vor Gericht also durchaus Chancen.

    Trotzdem natürlich mal wieder ein Armutszeugnis für unseren Staat.

     
    • gingganz

      1. Februar 2010 at 16:23

      Ich vermute, die Opfer haben sich überhaupt nur deshalb auf diesen “Runden Tisch” eingelassen, um sich nicht jahrelang durch die Instanzen klagen zu müssen. So wie es jetzt aussieht, war das wohl nur verlorene Zeit. Man hätte allerdings ahnen können wohin die Reise geht, wenn eine Pfäffin den Vorsitz führt.

       
  3. Malte

    1. Februar 2010 at 18:16

    Die promovierte Religiotin Vollmer spielt auf derselben Klaviatur wie Ratzinger, Meisner, Mixa, Müller. “Gott mit uns” möchte ich rufen, wenn die Betvereine sich auf die Nazis berufen. Immerhin hat man doch Goebbels exkommuniziert. Wie kann der Mann auch eine geschiedene Evangelische heiraten. Ungeheuerlich! Bei Adolfs hat’s denn immerhin noch zu einer Verwarnung gereicht. Das nenn’ ich denn mal konsequent. Hat jemand mehr erwartet?
    Man bewegt sich “in einem angemessenene Verhältnis” zu den bisherigen Taten der Kirche in der deutschen Geschichte.

     
  4. Andreas P

    2. Februar 2010 at 05:28

    Och, man muss die Frau nur beim Wort nehmen.

    Eine Opfergruppe sind ja die Kirchenfunktionäre: Als arme Opfer des Reichdeputationshauptschlusses erhalten sie ja, als Ausgleich für den (man möchte ergänzen: nominellen) Verlust ihrer landesherrlichen Privilegien vom Staat bis heute so rund 10 Milliarden Euro. Gut, stellen wir diese Zahlungen doch einfach ein – und die Kirche überweist stattdessen aus ihrem Vermögen jedes Jahr 10 Milliarden an ihre Opfer. :-)

     
    • Malte

      2. Februar 2010 at 08:10

      Eine Anfrage an die Parteien bezüglich derer Position zum Reichskonkordat führt regelmäßig zum totstellen durch dieselben. Dabei wäre das Steuersparpotenzial enorm. Auch das Gehalt von Mixa und Konsorten wäre – wie deren unsinniges Gefasel – endlich nicht mehr steuerfinanziert. Von den vielen anderen positiven Nebenwirkungen ganz zu schweigen. Als öffentlich bestellter Sakramentsausteiler kann man vor einer derartigen Zukunft allerdings echtes Muffensausen bekommen.

       
  5. donald

    2. Februar 2010 at 11:27

    Mal eine Richtigstellung: Die Entschädigungen für Zwangsarbeiter werden grundsätzlich vom Staat bezahlt, nicht von dem “Arbeitgeber”. Der “Arbeitgeber” hatte nämlich schon für die Arbeiter bezahlt, nämlich an die SS. Die SS hatte die Zwangsarbeiter gegen Geld an Landwirte und Unternehmen abgegeben (bei den Kirchen vermutlich auch).
    Es sollte ferner bekannt sein, daß die Zwangsarbeiter v.a. in der Landwirtschaft und vielen Unternehmen (bei den Kirchen vermutlich auch) ein besseres Los hatten als in staatlichen Arbeitslagern.
    Oder sollte Oskar Schindler Wiedergutmachungen zahlen?

     
  6. Andreas P

    3. Februar 2010 at 02:39

    Donald: Das wäre mir neu.

    Fritz Sauckel, der “Generalbevollmächtigte für den Arbeitseinsatz”, war Gauleiter, m. W. aber nur “ehrenhalber” mit einem hohen SS-Rang ausgestattet. Zumindest die Ostarbeiter-Lager wurden vom privaten “Werkschutz”, nicht der SS bewacht. Die Kriegsgefangenen unter den Zwangsarbeitern müssten der Wehrmacht, nicht der SS zugeordnet gewesen sein. Falls ich da völlig verkehrt liege, bitte ich um Aufklärung – mir scheint, hier sind Zwangsarbeiter mit KZ-Häftlingen gleichgesetzt worden, das sind aber zwei nicht deckungsgleiche Gruppen.

    Zur Entschädigung: Die 2000 gegründete “Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft” wird je hälftig von der Bundesregierung und 6500 Firmen getragen. Anders als KZ-Häftlinge (und von denen auch längst nicht alle) erhielten die meisten Zwangsarbeiter m. W. zuvor keine Entschädigung, auch keine symbolische.

    Sei angemerkt, dass die Kirchen dazu keinen Pfennig beigetragen haben. Bis 2000 sahen die Kirchen eben keine Veranlassung, ihre Arbeitssklaven zu bezahlen. Laut einer Quelle (Bistum Limburg) hat die katholische Kirche sich 2000 großzügig dazu herabgelassen, insgesamt 5 Mio DM für noch lebende Zwangsarbeiter zur Verfügung zu stellen.

    Eine einfache Rechnung zeigt, dass jedes der ca. 6500 Unternehmen in der Stiftung sich im Schnitt mit etwas weniger als 1 Mio DM beteiligt hat – auch wenn die meisten Unternehmungen nicht einmal im Ansatz den Umsatz der Großkirchen machen, und die Mehrheit nie selbst Zwangsarbeiter beschäftigt hat. Die scheinbare “Großzügigkeit” der Kirche ist also nix anderes als das altbekannte Motto “Wir können nur billig”.

    Zu dem “vermutlich besser” gibt’s zwei nachrecherchierenswerte Stichwörter: IG Farben und KZ Kuhlen. Bei letzterem – dem von der “Inneren Mission” (Vorgänger der evangelischen “Diakonie”) betriebenen KZ – ist das einzig bemerkenswerte, dass die Betreiber versucht haben, mehr Geld pro Häftling zu kriegen.

    Ansonsten sei angemerkt, dass speziell die katholische Kirche in diesbezüglich zivilisierteren Landstrichen regelmäßig zu 5- bis 7-stelligen Entschädigungszahlungen für ihre Missbrauchsopfer verknackt wird. Im Bistum Boston mussten wegen Geldmangel sogar die Priesterpensionen gekürzt werden. Na, *da* war der Protest aber auf einmal laut… fast so laut wie das Schweigen all die Jahre davor.

     
    • donald

      3. Februar 2010 at 11:34

      In der Landwirtschaft wurden die Zwangsarbeiter überhaupt nicht bewacht. Die haben einfach als Ersatz für die Landarbeiter gearbeitet, die im Krieg waren. Das waren auch nicht alles Kriegsgefangene sondern auch verschleppte Zivilisten. Sie wurden nicht ordentlich entlohnt, und als jetzt der Entschädigungsfonds geschaffen wurde (,in den die ab 1945 enteigneten Landwirte sowieso nicht einzahlen konnten), haben sich einige bei ihren ehem. Arbeitgebern gemeldet, weil sie eine schriftliche Bestätigung ihrer Zwangsarbeit brauchten.
      Wenn wir uns darauf einigen, daß mit den Gefangenen –auch wenn sie derselben Herkunft waren (POW, Juden, Zivilisten)– höchst verschieden umgegangen wurde (von SS, Wehrmacht und den Arbeitgebern), dann treffen wir wahrscheinlich die historische Wahrheit am genauesten, zu der eben auch ein unüberschaubarer Wirrwarr an Zuständigkeiten, Dienststellen und Kompetenzüberschreitungen im Krieg gehört hat. Gerade dann sollte man aber vorsichtig sein, die Zwangsarbeiter der Kirche(n) vorschnell in einen Topf mit den übel geschundenen Zwangsarbeitern einzelner Industriebetriebe zu werfen. Speziell polnische Gefangene werden von der kath. vermutlich kaum wesentlich stärker ausgebeutet worden sein als ihre deutschen Glaubensgenossen.

      Boston liegt meines Wissens nicht in Deutschland und sexueller Mißbrauch (das meintest Du doch?) ist sicher nicht dasselbe wie Zwangsarbeit. Aber das mit den Priesterpensionen scheint ja die richtigen getroffen zu haben…

       
  7. Andreas P

    4. Februar 2010 at 02:23

    @Boston: Nö, aber die Priester, die dorthin entsandt wurden, waren u. a. in Irland auffällig geworden. Auch deutsche “Sünder” werden gerne vor dem Zugriff durch die Behörden geschützt und etwa nach Südamerika verschickt.

    @Verhältnisse: Skrupel, die oft minderjährigen Verschleppten auszubeuten, gab’s nun aber auch nicht. Die Darstellungen kirchlicherseits, man hätte sich “Schindler-haft” quasi aufgeopfert, um den armen Leuten zu helfen, und sie immer “anständig” behandelt, ist schlicht nicht glaubwürdig. Von Betroffenen – Heimkindern – wird öfters gerade die Kontinuität der Zwangsarbeits-Verhältnisse und des systematischen Missbrauchs nach 1945 betont.

    Vom Verhältnis kirchlicher Funktionäre zu ihren Schutzbefohlenen legt nicht nur das KZ Kuhlen beredetes Zeugnis ab. Es lohnt sich auch, etwa Äußerungen Geistlicher aus den 1920ern und 30ern zu Behinderten zu lesen, oder etwa – pars pro toto – etwas über die Geschehnisse in den Bodelschwingh’schen Anstalten bei Bielefeld nachzulesen.

    Die Kirche hat auch bis heute keine Skrupel, sich an der Form der Zwangsarbeit namens “Zivildienst” zu bereichern.

    Klar, Zwangsarbeit kann mit mehr oder weniger Rechten einhergehen, mit laufenden Misshandlungen oder auch nur mit massiv eingeschränkten Grundrechten, locker oder lebensbedrohlich sein, usw. usw. – sie bleibt in jedem Fall ein Unrecht. Dafür fehlte der Kirche in der Vergangenheit und letztlich bis heute in geradezu bezeichnender Weise ein Unrechtsbewusstsein. Die Ausrede, seine Sklaven “immer anständig” zu behandeln, macht die Sache nicht besser.

    Und, wie gesagt, die nach 55 Jahren und nur auf Druck von außen erfolgten “Wiedergutmachungs”zahlungen der Kirchen für NS-Opfer sind *mehr* als dürftig; für spätere wollen sie selbstverständlich gar nichts bezahlen. (Und für das KZ Kuhlen und die dortigen Opfer hat die Kirche nicht mehr als ‘ne Gedenkplatte übrig gehabt, als sich die Geschichte nun gar nicht mehr vertuschen ließ.)

     
  8. Andreas P

    4. Februar 2010 at 02:43

    Noch @letzter Punkt: Sexueller und sonstiger Missbrauch in Kombination mit Zwangsarbeit kennzeichnen die kirchlichen Heime 1945-1970.

    Die Kirchen haben sich ein paar Krokodilstränen abgerungen und bieten “seelsorgerische Betreuung” an – also, sagen wir es klar, die Teilnahme an Werbeveranstaltungen mit dem Ziel, die Opfer imagewirksam zur öffentlichen “Aussöhnung” und ggf. zum Wiedereintritt zu bewegen.

     
  9. Martin Mitchell

    22. Juli 2010 at 07:25

    Nachkriegsdeutsche „Heimkinder-Zwangsarbeit“ Firmen:

    Seit dem 17. Juli 2010 gibt an vielerlei Stellen im Internet folgenden AUFRUF: »Mithelfen die „Heimkinder-Zwangsarbeit“ Firmenliste zu vervollständigen !« — unter anderem unter folgender Überschrift »EHEMALIGE HEIMKINDER – „Heimkinder-Zwangsarbeit“ – Wo sind all die Kinder, die in Westdeutschland zwischen 1945 und 1992 Zwangsarbeit leisten mussten?« auch hier im EHEMALIGE HEIMKINDER BLOG Nr. 1 @ http://heimkinderopfer.blogspot.com/2010/07/ehemalige-heimkinder-heimkinder.html .

    Diese „Heimkinder-Zwangsarbeit“ fand vorwiegend in kirchlichen „Einrichtungen“ statt, denn 80% dieser „Einrichtungen“ befanden sich damals in „KIRCHLICHER HAND“. KIRCHE war selbst Nutznießer von ZWANGSARBEIT und arbeitete Hand in Hand auch mit weltlichen Nutznießern von ZWANGSARBEIT. Alle Beteiligten bereicherten sich massenhaft und illegitim und haben ihre illegitime massive Beute heute immer noch !!!

    They are not prepared to return theit illgoten gains to their rightful owners — to their victims !!!

     
 
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