Obama ist der reaktionärste Präsident seit Nixon

Der Iran hat ihn weggeschickt, bei Putin hat er sich eingeschmeichelt – wo ist also der Mann, der uns liberale Werte versprochen hat? Ein Beitrag von Nick Cohen.

Ein demokratischer Präsident verliert nicht Massachusetts, ohne Liberale derart zu entmutigen, dass sie sich nicht mehr länger für ihn einsetzen. Unaufmerksame Ausländer haben die Entmutigung nur langsam bemerkt, weil ihre Erleichterung bei Obamas Amtseinführung sie von der Realisierung seiner Unfähigkeit abgehalten hat, das Problem der Arbeitslosigkeit anzupacken und seine gewissenlose Verzögerung bei der Bestrafung der Banker hat bei seinen natürlichen Unterstützern Verzweiflung ausgelöst. Wie auch die Inhaltslosigkeit seiner Außenpolitik.

Ich erkenne an, dass das Urteil für die Leser schwer zu akzeptieren ist, aber wenn es um die Förderung der Demokratie, die Emanzipation der Frau und die Befreiung der Unterdrückten geht, war Barack Obama der bislang reaktionärste amerikanische Präsident seit Richard Nixon.

Nehmen wir den unverdienterweise vernachlässigten Fall von Nyi Nyi Aung. Der Grund, warum Sie noch nie von diesem Amerikaner aus Burma gehört haben, besteht darin, dass seine Gefangenhaltung eine Peinlichkeit für die Obama-Regierung ist, die sich mit Burmas Militärregime „befassen“ möchte. Die Junta hält den demokratischen Aktivisten in Einzelhaft. Falls ihm die selbe Behandlung zuteil wird wie seinen vorherigen Insaßen, dann werden ihn die Wächter zwingen, auf allen Vieren zu gehen, zu Bellen statt zu sprechen und aus einem Hundenapf zu essen. Amerikanische Senatoren schrieben Hillary Clinton, dass sie eingreifen möge und erhielten keine konkreten Verpflichtungen. Nyi Nyis angewiderte amerikanische Partnerin sagt, dass die Botschaft, die Amerika den Generälen schickt, darauf lautet, dass sie tun können, was sie wollen.

Es ist nicht so, als ob Obama eine wirkliche Appeasement-Politik betreiben würde. Er entschied, die Sanktionen aus der Bush-Ära nach einer langen, langsamen Begutachtung nicht aufzuheben. Wie Mark Farmaner von der Gruppe Burma Campaign UK sagt, spüren europäische und asiatische Länder, die sich nicht um Menschenrechte scheren, keinen Druck aus Washington, das Regime auf die schwarze Liste zu setzen. Die Hoffnung, die burmesische Demokratie-Aktivisten bei Obamas Wahl verspürten, ist lange verschwunden.

Ich glaube nicht, dass Sie verstehen können, warum er eine solche Enttäuschung ist, wenn sie an alten Definitionen von „Liberalismus“ festhalten. Seit Eleanor Roosevelt sollten die Demokraten an universelle Menschenrechte glauben. Selbst Jimmy Carter, über dessen Schwäche beim Umgang mit Tyrannen man spottete, versuchte sie zu einem Teil seiner Außenpolitik zu machen. Die schmeichelhafte Marke „Realist“ – die, wie das ähnlich erfreuliche „Skeptiker“, keine Ehrenmedaille ist, die man sich selbst verleihen könnte – wurde von den Republikanern beansprucht, vor allem von Nixon, Gerald Ford und Henry Kissinger. Sie behaupteten, im Gegensatz zu sentimentalen liberalen Idealisten, nüchterne Menschen zu sein, welche die Welt so sehen könnten, wie sie ist. Sie würden mit jedem Regime handeln, egal wie abscheulich es ist, das US-Interessen unterstützen könnte, und sie würden ignorieren, was ihre Verbündeten mit deren versklavten Bevölkerungen tun.

Obama hat die Auszeichnung auf den Kopf gestellt. In einer kommenden Analyse für die Henry Jackson Gesellschaft bedauert Lawrence Haas, ein ehemaliger Berater von Al Gore, die „Enttäuschung“ der Obama-Präsidentschaft, ausgelöst durch eine Peinlichkeit mit zur Überführung ausreichendem Beweismaterial. Obama und Hillary Clinton haben zum Beispiel explizit gesagt, dass sie keine Proteste gegen die Behandlung von Abweichlern durch die chinesische Kommunistische Partei erlauben würden, um die Gespräche über die Wirtschaftskrise und den Klimawandel nicht zu versauern. In einer Linie mit der Entspannungspolitik steht Obamas Weigerung, den Dalai Lama zu treffen, aus Angst, China zu beleidigen, wie schon Ford sich weigerte, Aleksandr Solzhenitsyn zu treffen, aus Angst, die Sowjetunion zu beleidigen.

Während der abgebrochenen iranischen Revolution haben mutige Demonstranten skandiert: „Obama, Obama – entweder bist du mit ihnen oder du bist mit uns“, als die Polizisten sie verprügelten. Der zaudernde Obama konnte sich nicht entscheiden, auf welcher Seite er stand und nannte ihr Land beleidigend die Islamische Republik des Iran, als wäre es das Eigentum des Ajatollahs. Gewiss: In seiner Kairoer Rede über muslimische Länder sagte er, er glaube an „Regierungen, die den Willen des Volkes widerspiegeln“ – was großartig für ihn war – aber er erwähnte die Unterdrückung von Frauen nicht. Seitdem hat seine Regierung stets die arabischen Liberalen ignoriert und so gut wie nichts getan, um eine Einigung in Hinblick auf Palästina voranzubringen.

Haas macht das Chaos im Irak dafür verantwortlich, dass die Demokratie diskreditiert wurde und es brachte Bushs Gegner dazu, liberale Werte zu verspotten, aber es ist mehr dran am Konservativismus der Obama-Regierung als das. Er kommt aus einer ideologischen Kultur, die sich selbst progressiv nennt, aber oft reaktionär ist. Viele seiner politischen Generation nutzen die oberflächlich betrachtet linke Sprache des Multikulturalismus und des Post-Kolonialismus, um zu implizieren, dass Menschenrechte eine moderne Version des Imperialismus wären, die Westler Gesellschaften aufnötigen, die sie nicht brauchen. Kratze einen Relativisten und du findest einen Rassisten und auch wenn sie es nicht so deutlich ausdrücken, läuft ihr Denken letztlich auf den wahrlich imperialistischen Glauben hinaus, dass allgemeines Wahlrecht oder die Entscheidungsfreiheit einer Frau sehr gut für weiße Menschen in reichen Ländern geeignet sind, aber nicht für Menschen mit brauner Haut in armen.

Die gedankenlose Vergötterung von Obama hätte auch den besonnensten Mann in einen Egomanen verwandelt. Im ersten Jahr benahm er sich, als wäre es schon genug, nicht Bush zu sein, als ob sein Charisma und seine rednerische Brillianz gefährliche Führer überzeugen könnten, ihr Verhalten zu ändern. Er kann das nach einem Jahr voller Niederlagen nicht mehr glauben. Bei einem Versuch, Putin zu gefallen, hat er Bushs Raketenverteidigungsprogramm aufgegeben und er erhielt im Gegenzug keine Zugeständnisse. Ebenso hat uns seine Kriecherei vor Ahmadinejad keine diplomatischen Belohnungen eingebracht. Kissinger und Nixon waren angsteinflößende Figuren, die im Namen des „Realismus“ Regime von Osttimor bis Chile gutgeheißen haben, die Oppositionen verfolgten. Obama dagegen jagt niemandem Angst ein.

Ich bin froh, dass er sich letzte Woche von den Beratern abgewendet hat, welche die Wall Street nicht reformieren wollten. Vielleicht bereitet er sich in der Außenpolitik auf eine ähnliche 180°-Wende vor. Im letzten Monat gab es zögerliche Anzeichen für eine Akzentverschiebung. In seiner Friedensnobelpreisrede hat er sich unmissverständlich für universelle Rechte ausgesprochen und wich von seinem vorbereiteten Text ab um zu versichern, dass er am Ende doch auf der Seite der iranischen Revolutionäre stehe. Hillary Clinton brachte es derweil endlich fertig, sich mit klaren Worten gegen die Internetzensur durch China, Ägypten und andere Diktaturen auszusprechen.

Lasst uns hoffen, dass diese Schwalben den Sommer ankündigen, denn wenn sie es nicht tun, werden wir mit einem amerikanischen Präsidenten feststecken, der die Schwäche von Jimmy Carter mit der Moral von Richard Nixon verbindet.

Nick Cohen, Guardian

Übersetzung: Andreas Müller

Veröffentlicht in: on 25. Januar 2010 at 12:00  Kommentare (2)  

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2 Kommentare Einen Kommentar hinterlassen

  1. „Seitdem hat seine Regierung stets die arabischen Liberalen ignoriert und so gut wie nichts getan, um eine Siedlung in Palästina voranzubringen.“

    Hier ist mit „settlement“ wohl eher Ausgleich/Beilegung gemeint und nicht „Siedlung“.

  2. Man kann manchmal aus innenpolitischen Zwängen einfach nicht immer Weltpolizei sein.


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