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Warum bestrafen wir uns selbst?

10 Jan

Buße ist ein merkwürdiges Phänomen. Es geht darum, sich für begangene Fehler selbst zu bestrafen. Studien zeigen, dass Buße zum gewöhnlichen menschlichen Verhalten gehört.

Es ist nachvollziehbar, warum man versuchen sollte, begangene Fehler wieder gutzumachen oder sie durch gute Taten auszugleichen. Aber worin besteht der Zweck der Selbstbestrafung? Fest steht, dass wir uns besser fühlen, nachdem wir uns für eigene Fehler bestraft haben.

Rob Nelissen und Marcel Zeelenberg von der niederländischen Tilburg Universität haben sich die Funktionsweise von Buße näher angesehen. Man erzählte den Testpersonen, dass es in einem Test darum gehe, ihre Konzentrationsleistung zu überprüfen. Sie mussten den Test zusammen mit einer anderen Person durchführen. Tatsächlich gab es diese andere Person nicht und ob die Testperson erfolgreich war, wurde von den Forschern bestimmt.

Man erweckte bei den Testpersonen den Eindruck, dass sie sich in der zweiten Runde nicht genug angestrengt und ihren Mitspieler im Stich gelassen hätten. In der dritten Runde gab man ihnen die Möglichkeit, sich selbst zu bestrafen. Man würde ihnen für falsche Antworten Punkte abziehen.

Einige Teilnehmer konnten den Grad ihrer eigenen Bestrafung bestimmen, andere den Grad der Bestrafung ihres Partners.

Wie man in der Grafik sieht: In der Kontrollgruppe gab es kein Schuldempfinden, weil jeder sich gut bemüht hatte und die Grade von Selbst- und Fremdbestrafung waren gleich niedrig. Gab es Schuld, dann änderte sich die Bestrafung des Partners nicht, aber die Selbstbestrafung wurde häufiger.

In einem weiteren Test gab man den Teilnehmern die Möglichkeit, sich von ihren Eltern Geld für das College zu leihen, woraufhin man ihnen sagte, dass sie das College nicht bestanden hätten. Man gab ihnen mehrere Optionen, was sie zunächst tun könnten.

Einige Studenten konfrontierte man mit dem Szenario, dass sie keine Möglichkeit hätten, ihren Fehler durch mehr Arbeit wieder gutzumachen. Diese Studenten wählten mit höherer Wahrscheinlichkeit die Option, sich selbst zu bestrafen, zum Beispiel durch die Nicht-Teilnahme an einem Skiurlaub.

Fazit: Wenn wir die Möglichkeit haben, eigene Fehler durch gute Taten auszugleichen, ziehen wir diese Möglichkeit vor. Ist sie uns nicht gegeben, bestrafen wir uns selbst, um für die Fehler aufzukommen. Eher ungewöhnlich ist es, die eigene Schuld auf andere zu schieben, zum Beispiel Jesus für die eigenen Sünden büßen zu lassen.

Diese Studie bestätigt die Ergebnisse von anderen Studien, laut denen es ein moralisches Gleichgewicht gibt, das wir mit unserem Verhalten anstreben. Wenn wir etwas besonders Gutes tun oder meinen, getan zu haben, gleichen wir das durch Nachlässigkeit oder böse Taten bei anderer Gelegenheit wieder aus. Am besten wäre es, wir würden ständig an Selbstzweifeln nagen und unsere Entscheidungen in Frage stellen. Dann wäre die Wahrscheinlichkeit am höchsten, dass wir uns konstant ethisch verhalten, auch wenn wir etwas unglücklicher wären.

Quelle: Epiphenomenon

 

18 Antworten zu Warum bestrafen wir uns selbst?

  1. Bernie

    10. Januar 2010 at 20:34

    Schön, aber ist “ständig unglücklich” nicht eine Umschreibung für Depression? Wollen wir eine depressive Menschheit?
    Gruß
    Bernie

     
    • derautor

      10. Januar 2010 at 20:38

      Wer sagt denn etwas von “ständig unglücklich”?

       
  2. Bernie

    10. Januar 2010 at 20:45

    Habe ich diesen Satz falsch verstanden:

    “[...]Am besten wäre es, wir würden ständig an Selbstzweifeln nagen und unsere Entscheidungen in Frage stellen. Dann wäre die Wahrscheinlichkeit am höchsten, dass wir uns konstant ethisch verhalten, auch wenn wir etwas unglücklicher wären.[...]”

    Das mit den Selbstzweifeln ist ja für uns “Jünger Kants” kein Fehler, ebenso wie das “konstant ethisch verhalten”, aber das “auch etwas unglücklicher” liest sich wie ein Aufruf zur ständigen Depression.

    Vielleicht habe ich es auch nur falsch verstanden? – Soll es geben ;-)

    Übrigens, irgendwo – vielleicht bei Telepolis? – las ich einmal, dass pessimistische Menschen realistischer wären als ständige Optimisten – Ergo vielleicht ist eine Dauerdepression auch gar nicht so schlecht wie ich zunächst dachte? :-)

    Gruß
    Bernie

     
    • derautor

      10. Januar 2010 at 20:50

      Das liest sich keineswegs wie ein Aufruf (!) zu irgendetwas. Es ist eine Einräumung: Leider wäre der Preis für möglichst konstant ethisches Verhalten eine geringere Glücklichkeit.

      Pessimistische Menschen sind auch realistischer. Aber du übertreibst alles gnadenlos, von wegen Dauer-Depression.

       
    • Bernie

      10. Januar 2010 at 20:51

      Ergänzung:

      Wir Atheisten stehen ja nicht auf “ständige Bestrafung” – Eigentlich, und da denke ich an eine Szene aus einem Doku-Film, geißeln sich doch die Gläubigen in Spaniens Straßen – zu bestimmten Feiertagen – und nicht die Atheisten. Oder? :-)

      Und die die in meinem ehemaligen röm.-kath. Verein auf Selbstgeißelung stehen, und via Dan Brown Kultstatus erhalten haben sollte man auch nicht vergessen – Die Opus Dei Leute.

      Gruß
      Bernie

       
    • Bebu

      10. Januar 2010 at 22:01

      “ist ja für uns „Jünger Kants“”
      –> Wen zählst du alles zum “uns”?

       
      • Bernie

        11. Januar 2010 at 00:22

        @Bebu

        Das war eigentlich so gemeint, dass wir die Menschen sind die den eigenen Kopf zum Denken benötigen, eben wie Kant es einmal so ähnlich formuliert haben soll.

        Jetzt klarer worauf ich hinaus will?

        Atheisten, Agnostiker, Religionskritiker und sonstige selbst Nachdenkende sind hiermit gemeint, ergo auch Du Bebu und jeder andere der selbst denkt statt sich etwas vorkauen zu lassen.

        Gruß
        Bernie

         
      • Bert

        11. Januar 2010 at 03:29

        @ Bernie

        Mach’ma langsam.

        Laß Dir Zeit!

         
      • Bebu

        11. Januar 2010 at 15:30

        Achso. Ich dachte, da es gerade um Ethik geht, dass du auf Kants Ansicht dazu anspielst. Da hätte ich dann doch so meine Einwände (und das obwohl ich bisher nur kleine Auszüge von Kants Ansicht zu dem Thema kenne).

        Aber so beschrieben, stört mich diese Bezeichnung weniger.

         
    • Eva

      12. Januar 2010 at 17:44

      Na ja, da wären wir ja dann wieder beim “worst case” Will heißen, wenn ich schon mal vorher pessimistisch bin und dann positiv überrascht werde ist es auch nicht schlecht. Könnte was dran sein????? Who know’s…..

       
  3. Bernie

    10. Januar 2010 at 20:55

    @derautor

    Sorry, hast Recht was das Übertreiben angeht, und mit der Sache mit dem konstanten ethischen Verhalten. Soll dort ja auch schon Auswüchse – im christlichen Bereich – gegeben haben, die ins Unmenschliche gingen (z.B. Calvinismus).

    Bin eben doch noch lernfähig, und danke für die Belehrungen ;-)

    Gruß
    Bernie

     
  4. Bebu

    10. Januar 2010 at 22:04

    “Am besten wäre es, wir würden ständig an Selbstzweifeln nagen und unsere Entscheidungen in Frage stellen. Dann wäre die Wahrscheinlichkeit am höchsten, dass wir uns konstant ethisch verhalten, auch wenn wir etwas unglücklicher wären.”
    –> Bei welcher Ethik landen wir denn dann?

     
    • derautor

      10. Januar 2010 at 22:35

      Stimmt. Man müsste zusätzlich Handlungen für gut befinden, die man sinnvollerweise für gut befinden sollte. Ein selbstkritischer Jihadist wird mehr Anschläge begehen.

       
  5. Bert

    10. Januar 2010 at 23:20

    Ist vielleicht auch der Bezug vom Elternhaus/Erziehung auf die Buße des/-derjenigen von Interesse?

    Niemand hat ein “Buß- Selbstbestrafungs-Gen”, setze ich mal zu 99,999% voraus.

    Die Erziehung und das Umfeld sind immer extrem prägend, könnte nicht die Buß-, Selbstbestrafungs- und einige Arten von Depressionen mit das Ergebnis davon sein?

    Das hebelt die obige Studie von Nielsen/Zeelenberg nicht aus, ist diese mir doch aber etwas unter “Studiobedingungen” erstellt.

     
  6. H: Lektor

    11. Januar 2010 at 11:39

    Was soll das eigtl. mit dem “ethischen Gleichgewicht” genau bedeuten?
    Ein generelles Streben nach Stagnation? Oder einen Ausgleich zwischen Altruismus (=eigener Kraftaufwand) und Egoismus (Kraftsparen), um sowohl in der Gesellschaft weitergeduldet zu bleiben ohne sich aber komplett für sie/ von ihr verzehren zu lassen?

    oderwieoderwas?

     
    • derautor

      11. Januar 2010 at 17:22

      Ein Ausgleich zwischen dem, was jemand als gute Tat und als böse Tat empfindet. Ist offenbar eine Art von Instinkt.

       
      • politbuerokrat

        12. Januar 2010 at 08:36

        “Instinkt”! Wenn jeder die richtige Einsicht von Gut und Böse hätte, gäne es keinen Kapitalismus. Da ist die katholische Kirche ja wissenschaftlicher! Sie läßt wenigstens offen, daß man unterschiedlich wertet wegen unterschiedlicher Gewissensfortbildung.
        Seit Auguste Comte weiß man aber, daß menschliche Normvorstellungen nur von der Gesellschaft geprägt werden und ein “natürliches” Moralempfinden in der gegenwärtigen Gesellschaftsordnung gar nicht in Erscheinung tritt. Das wurde von vielen kritischen Wissenschaftlern ausgebaut, vor allem Karl Marx und Friedrich Engels.

         
  7. politbuerokrat

    12. Januar 2010 at 16:25

    Zwischen Abstract und Zusammenfassung stehen in solchen Papern auch immer Sachen, die man lesen kann. In diesem Fall schwere Fehler:
    – Die Probanden müssen anonym antworten können, weil sonst nicht Selbstbestrafung sondern Selbstdarstellung untersucht wird. Das wurde übergangen.
    – Nicht jeder fährt gleich gerne Ski. Wie wurden die Probanden ausgewählt und auf die Gruppen verteilt? Warum waren so wahnsinnig viele Frauen (~70%) dabei? Wurde das berücksichtigt?
    – Die Antworten wurden auf sieben- bzw. neunstufigen Skalen erhoben (warum, weiß auch keiner). Damit darf keine ANOVA gemacht werden, weil solche Daten nie im Leben normalverteilt sind. Das ist ein schwerer Fehler, der leider oft gemacht wird.
    Man gibt auch nicht den Mittelwert bei solchen ordinalen Daten an, sondern den Median. Die Standardabweichung wird auch ungünstig angegeben. Interessant wären Standardfehler oder Konfidenzintervalle, damit man den Effekt der Stichprobenumfänge besser beurteilen kann. (df)

     
 
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