Kirchenfunktionäre sind schon laut Definition die Guten und so müssen sie es gar nicht mehr beweisen und können sich in realitas aufführen wie Dschinghis Khan in einer Kunstausstellung. “Von Nächstenliebe keine Spur” titelt der Focus über den Arbeitgeber Kirche und der ehemalige Richter Gerhard Czermak nimmt sich die ungerechtfertigten Privilegien der Kirche zur Brust.
Gerhard Czermak hat mich ursprünglich gefragt, ob ich sein neues Buch gegenlesen könnte, aber leider war ich zu der Zeit mit dem Prometheus Trio beschäftigt, wobei ihr übrigens beide Bücher gewissenlos (oder heißt das “bedenklos”?) kaufen könnt. In seinem aktuellen Beitrag befasst sich Czermak mit dem berüchtigten “Böckenförde-Diktum”:
1967 prägte der katholische Juraprofessor und spätere Bundesverfassungsrichter Ernst-Wolfgang Böckenförde bei der Erörterung von Fragen der Integration von Staat und Gesellschaft sein schon geflügeltes Wort: „Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann.“ Er schloss seine Abhandlung mit dem Gedanken, auch der säkularisierte weltliche Staat müsse wohl „letztlich aus jenen inneren Antrieben und Bindungskräften leben“, die „der religiöse Glaube seiner Bürger vermittelt“.
Der erste Satz ist selbstverständlich: Würden zu viele Bürger Deutschlands die freie Gesellschaft verachten, erginge es der BRD wie zuletzt der Weimarer Demokratie. Die Verfassung wäre bei zu krasser Nichtbeachtung durch die Bürger ein bloßes Blatt Papier. Der zweite Satz klingt aus heutiger Sicht sehr zweifelhaft, Czermak weist aber darauf hin, dass man ihn im Zeitzusammenhang und im Kontext der restlichen Abhandlung betrachten müsse. Es war damals einfach so, dass die meisten Deutschen noch immer überzeugte Christen waren und da die Bürger die freie Gesellschaft aufgrund ihres jeweiligen Weltbildes akzeptieren mussten, würden sie das damals überwiegend auf Basis des christlichen Glaubens getan haben. Gemeint war Böckenförders Darstellung aber viel allgemeiner:
Böckenförde plädiert staatspolitisch keineswegs für eine einseitige Vorzugsbehandlung der christlichen Religion (was angesichts seiner katholischen Gläubigkeit vielleicht nahegelegen hätte). Das wird deutlich, wenn man die an den o.g. vielzitierten Zentralsatz anschließende Passage berücksichtigt: Die fehlende Garantie einer gesellschaftlichen Basis des Staats, so Böckenförde, „ist das große Wagnis, das er, um der Freiheit willen, eingegangen ist. Als freiheitlicher Staat kann er …nur bestehen, wenn sich die Freiheit…von innen her, aus der moralischen Substanz des einzelnen und der Homogenität der Gesellschaft, reguliert…Es führt kein Weg über die Schwelle von 1789 [Französ. Revolution, Cz] zurück, ohne den Staat als die Ordnung der Freiheit zu zerstören.“
Leider ist es Politikern völlig wurscht, was die Legislative so alles denkt. Man denke nur an die “kirchliche Dominanz im Sozialwesen, Gehaltszahlungen an Geistliche und sogar Bischöfe mit allgemeinen öffentlichen Geldern, Zahl und Umfang der Theologischen Fakultäten, Einseitigkeiten im Rundfunkwesen, staatlich finanzierte Militärseelsorge, massive finanzielle Förderung” und so weiter.
Czermak gelangt zu dem Fazit:
Das staatliche Handeln muss m.a.W. gegenüber jedermann gerechtfertigt werden können. Dieses begründungsneutrale Konzept ergibt sich genau genommen aus dem Grundgesetz. Es kennt keine spezielle Staatsideologie, sondern nur zentrale Grundregeln wie Anerkennung individueller Grundrechte, Gewaltverbot, Sicherung des inneren Friedens usw. Eine gründliche staatsbürgerliche Erziehung zu diesen staatlich-gesellschaftlichen Grundwerten (Basiskonsens) steht über den Religionen und areligiösen Auffassungen. Sie hätte, konsequent beachtet, wesentlich mehr Aussicht, wirkungsvoll zur Integration möglichst aller Bürger beizutragen, als das durch Religion und allgemeine Kulturförderung erfolgen kann.
In einem überraschenden Frontalangriff bezeichnet der konservative “Focus” die kirchlichen Konzerne sogar als “Staat im Staate“. Ihm stößt vor allem die Einmischung der Kirchen in das Privatleben ihrer Mitarbeiter sauer auf:
Schwule und Lesben müssen sich jedenfalls vorsehen, wenn sie ihren Job behalten wollen, und auch so erfreuliche Ereignisse wie eine Eheschließung können einem kirchlichen Arbeitnehmer schnell die Kündigung bescheren. Der Grund: Die Kirchen verlangen von ihren Mitarbeitern, dass sie die Grundsätze der christlichen Glaubens- und Morallehre auch in ihrem Privatleben beachten – und in diesen sind homosexuelle Beziehungen oder Patchworkfamilien nun einmal nicht vorgesehen.
Die größte Hoffnung kommt momentan nicht von deutschen Politikern, sondern aus Brüssel:
Einzig Brüssel hat den autoritären Gottesleuten den Kampf angesagt. Mehrmals hat die Bundesregierung inzwischen schon Post von der EU-Kommission erhalten. Die Art und Weise, wie derzeit mit kirchlichen Arbeitnehmern umgegangen werde, belege eine „mangelhafte Umsetzung der europäischen Gleichstellungsrichtlinie“. Die Vorgabe aus Brüssel lautet daher: Deutschland muss seinen Diskriminierungsschutz verbessern und die kirchlichen Sonderrechte beim Kündigungsschutz begrenzen.
Durchschlagende Wirkung haben die Ermahnungen aus Brüssel bislang allerdings nicht gezeigt. „Vermutlich wird erst der europäische Gerichtshof entscheiden, welche Sonderrechte die Kirchen in ihrer Funktion als Arbeitgeber behalten dürfen“, sagt Ulrich Hammer, Professor für Arbeitsrecht aus Hildesheim.
Unterdessen müssen sich über eine Million Arbeitnehmer damit abfinden, dass sie selbst ihr Intimleben den Job kosten kann.
Kirchliche Unternehmen sind beinahe rechtsfreie Räume, Parallelgesellschaften. Ich frage mich, ob darin auch Ehrenmorde möglich wären, wenn die Kirchen keinen christlichen, sondern einen islamischen Hintergrund hätten. Wahrscheinlich schon.
Derartig zur Räson gerufen, kippte auch das Bundesarbeitsgericht um – und vertritt bis heute eine ausgesprochen harte Linie. Sie besagt: Was die Kirche von ihren Beschäftigten verlangen darf, ist allein ihre Angelegenheit. Das gilt selbst dann, wenn das Verhalten des Arbeitnehmers nach staatlichem Recht nicht zu beanstanden ist.
Kirchliche Arbeitnehmer sind keine Arbeitnehmer, wie wir sie kennen. Sklaven von theokratischen Herrschern, das wäre in passenderer Vergleich:
Wovon viele weltliche Arbeitgeber nur träumen können, ist für die Kirchen seit langem Realität: Seit Menschengedenken sind sie von Arbeitskämpfen verschont geblieben. Auch Tarifverträge gibt es nur sehr vereinzelt, nämlich in der Nordelbischen Evangelischen Kirche und in der Kirche von Berlin-Brandenburg. Im Übrigen lehnen die Kirchen und ihre Einrichtungen Tarifverhandlungen mit den Gewerkschaften ab, betrachten Streiks als unzulässig und auch Betriebs- oder Personalräte sucht man in kirchlichen Einrichtungen vergebens.
Was die Bewertung von Schwulen und Lesben angeht, ist sich die katholische Kirche mit der Taliban einig:
Solange sie nur homosexuelle Neigungen haben, diese aber nicht ausleben, müssen sie sich um ihren Job keine Sorgen machen.
Solange Schwule anderen Schwulen möglichst aus dem Weg gehen, ist alles gut. Das ist so, als würde man von einem heterosexuellen Mann verlangen, Beziehungen mit Frauen konsequent zu vermeiden. Aber was ist mit dem neuen Anti-Diskriminierungsgesetz?
Auch Deutschland hat im Jahr 2006 eine entsprechende Regelung verabschiedet, das allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG). Allerdings hat man den Kirchen auch hier weitgehende Sonderrechte eingeräumt. So heißt es in Paragraf 9 des AGG wörtlich: „Das Verbot unterschiedlicher Behandlung (…) berührt nicht das Recht der (…) Religionsgemeinschaften, (…) von ihren Beschäftigten ein loyales und aufrichtiges Verhalten im Sinne ihres jeweiligen Selbstverständnisses verlangen zu können.“
Die Kirchen wurden einfach davon ausgenommen. Sie dürfen Menschen weiterhin mit staatlicher Unterstützung als Sklaven halten.
Im Grunde sind das Themen, die auch und gerade Durchschnittschristen, die nicht in machtvollen, kirchlichen Positionen sitzen, am Herzen liegen sollten. Leider sind insbesondere die Mitarbeiter der Kirchen zu sehr eingeschüchtert und auch durch ihren Glauben noch zusätzlich gehemmt. Ich hoffe, es wird bald eine Revolution im politischen Denken geben und die Kirchen werden rechtlich mit gewöhnlichen Arbeitgebern gleichgestellt. Zwar befinden wir uns bereits auf diesem Weg, aber es geht nur allzu zögerlich voran, gerade wo auch scheinbar progressive Politiker wie der Berliner Bürgermeister Klaus Wowereit begeistert staatliche Verträge mit den Kirchen unterschreiben.
Der Witz an der Sache ist ja, dass gerade der Glaubensgründer des Christentums, Jesus Christus, mit dieser Heuchelei und Bereicherung der Kirchenfunktionäre nicht einverstanden wäre, siehe Lukas Kapitel 20: 45-57:
Jesus sagte vor dem ganzen Volk zu seinen Jüngern:
Hütet euch vor den Schriftgelehrten! Sie gehen gern in langen Gewändern umher, lieben es, wenn man sie auf den Straßen und Plätzen grüßt, und wollen in der Synagoge die vordersten Sitze und bei jedem Festmahl die Ehrenplätze haben.
Sie bringen die Witwen um ihre Häuser und verrichten in ihrer Scheinheiligkeit lange Gebete. Aber um so härter wird das Urteil sein, das sie erwartet.
Natürlich ist es den Kirchenfunktionären völlig egal, was ihr eigener Gott sagt. Sie wollen nur Geld und Macht. Klingt wie Schwarz/Weiß-Denken, aber die Belege sprechen eine deutliche Sprache: Wer den Schöpfer und Herrscher des Universums auf seiner Seite meint, für den gelten keine weltlichen Gesetze. Mit Gott ist alles erlaubt.











Der mit dem Glauben tanzt
8. Januar 2010 at 20:27
Schlimm, sowas.
Stefan
8. Januar 2010 at 20:41
Das nirgendwo so wenig Jesus drin ist, wo Jesus draufsteht, ist traurig aber war. Komisch, dass das dem einfachen Kirchenvolk nicht auffällt.
Bebu
8. Januar 2010 at 21:27
Das impliziert ja fast, dass man von diesem Jesus aus der Bibel ein besonders positives Bild haben sollte. Meine Leseeindrücke haben mir das irgendwie nicht vermittelt.
Bernie
8. Januar 2010 at 22:35
Du bringst mit dem Zitat von den “falschen Propheten” genau den Punkt, der mich zum ersten Mal an meiner damaligen Mitgliedschaft in der römisch-katholischen Kirche zweifeln ließ.
Außerdem hatte ich einen guten Religionslehrer, der auch andere Religionen als gleichwertig mit dem Christentum ansah – alles Dinge, die mich am Alleinvertretungsanspruch des Johannes Paul II Zweifeln ließen – nach Jahren der säkularen Sozialisation – mit Bibeltexten, man glaubt es nicht, wurde ich Atheist.
Kein Wunder, dass lange niemand für war theologische oder Bibeltexte zu lesen, den genau die sind, neben der schon in den 70er Jahren auffälligen Dissonanz zwischen kirchlichem Predigen und Vorleben, ein Hauptgrund für viele am Glauben zu zweifeln.
Man benötigt keine “gottlose Literatur” (z.B. Deschner) um Atheist zu werden, dass erledigen die Religiösen queerbeetein schon von alleine….
Im Alltagsleben ebenso wie mit den jeweiligen Texten ihrer Religionen, oder sonstigen abstrusen Dingen, welche als Religion verkauft werden…
Interessant, und eine Ironie der Geschichte, finde ich übrigens auch, dass Julian Apostata, ein römischer Kaiser, der zurück zur “vorheidnischen” Zeit vor Kaiser Konstantion wollte, die ersten Christen als “gottlose Sekte” bezeichnet hat, weil die nicht an die Vielgötterei der damaligen röm. Staatsreligion unter Kaiser Julian geglaubt haben.
Gruß
Bernie
Nina
9. Januar 2010 at 23:22
Stimme dir zu, Bernie.
Als ich mit 8 einige Seiten “Hallo Mister Gott, hier spricht Anna” las, war der Ofen für den Glauben an Gott und Kirche endgültig aus. Davor hatte ich immer nur Zweifel gehabt trotz (streng) religiösen Aufwachsens.
Bernie
10. Januar 2010 at 15:36
Hallo nina,
das Buch “Hallo Mister Gott, hier spricht Anna” kenne ich nicht. Bei mir war es, wie bereits im ersten Text erwähnt, das Bücher der Bücher. Die Bibel. Ich las die einmal komplett durch, und somit war der Weg in Richtung Gottlosigkeit gepflastert. Wenn ich so zurückschaue – in meine Sozialisation in Richtung Atheismus – so komme ich mir heute wie ein komplett anderer Mensch vor – Meine Eltern waren übrigens mittelmäßig religiös, was aber mich nicht daran hinderte in Religion in allen Schuljahren eine glatte Note 1 zu haben, und wirklich einem kindlichen Glauben anzuhängen – Bei Lebensproblemen habe ich sogar in einer Kapelle gebetet, aber nie eine Antwort erhalten. Vielleicht war die Stummheit von oben mit auch ein Grund, dass ich meinen Glauben an Gott endgültig verloren habe. Übrigens, wäre ich nicht schon Atheist, dann wäre ich es spätestens seit dem Tod meines Vaters vor Jahren geworden, der zwar nicht streng gläubig aber doch religiös war, und wie dankte ihm es dieses ominöse Wesen namens “Gott”. Er hatte einen langen, wirklich furchtbaren Todeskampf, welchen ich niemandem wünsche, und keiner kann mir bis heute einreden, dass dies “Gott so gewollt” habe.
Wäre dem so, dann würde ich Gott an das Kriegsverbrechertribunal in Den Haag – als Hauptangeklagten – verweisen, incl. aller anderen Verbrechen an der Menschheit kommt “Gott” ziemlich schlecht weg.
Gruß
Bernie
Bert
9. Januar 2010 at 00:15
Guter Artikel !
Kirchenfunktionäre wollen die Herrschaft !
…Es führt kein Weg über die Schwelle von 1789 [Französ. Revolution, Cz] zurück, ohne den Staat als die Ordnung der Freiheit zu zerstören.“
Eine pluralistische Demokratie wollen “die (auch die islamis)” wirklich nicht, ganz im Gegenteil.
Unser GG muß wesentlich mehr gestärkt werden, damit diese Gottesbrüder/-schwestern nicht zu Herrschern aufsteigen.