Eine neue Studie zeigt auf, dass Gläubige ihre eigene Meinung auf Gott projizieren. Was immer sie denken – der Schöpfer des Universums ist ganz ihrer Meinung. Gott: Das ultimative Autoritäts-Argument.
Ich habe mir etwas Zeit gelassen, über diese Studie zu berichten, weil sie sehr wichtig ist, aber leicht falsch verstanden werden könnte. Es ist nämlich keineswegs der Fall, als würde Religion keine Auswirkungen haben auf die Meinungen Gläubiger. Im Gegenteil beeinflusst ihre Religion durchaus, was sie glauben, nur dass sie das Endergebnis ihrer Meinungsfindung dann auf Gott übertragen.
Die Studie stammt von Nicholas Epley von der Universität von Chicago. Sie besteht aus mehreren Teilen. Ich erkläre im Folgenden den neurowissenschaftlichen Teil mit den bunten Gehirnbildern, die ihr oben sehen könnt. Die anderen Teile der Studie kommen zum selben Ergebnis.
Für diese Gehirnscans wurden die Testpersonen um ihre Meinung über Sterbehilfe gebeten. Erst um ihre eigene Haltung, dann die des Durchschnittsamerikaners und dann die Meinung Gottes.
Das erste Bild zeigt den Unterschied beim Nachdenken über die eigene Meinung und beim Nachdenken über die Meinung des Durchschnittsamerikaners. Man erkennt, dass unterschiedliche Gehirnbereiche aktiv sind. Die Testpersonen erkennen also an, dass der Durchschnittsamerikaner eine andere Meinung hat als sie selbst.
Das zweite Bild zeigt Gottes Meinung im Vergleich zu der des Durchschnittsamerikaners. Gott und der Durchschnittsamerikaner sind sich in den Augen der Testpersonen nicht einig.
Das letzte Bild zeigt, was im Gehirn vor sich geht, wenn eine Testperson an seine eigene Meinung denkt und zieht von dieser die Gehirnaktivitäten ab, die entstehen, wenn die selbe Testperson an Gottes Meinung denkt. Die Aktivitätsmuster überlagern sich. Ihre eigene Meinung und die Meinung Gottes sind exakt identisch.
Die Forscher kommen zum Fazit:”[...] Im Gegensatz zu einem echten Kompass könnten Folgerungen über Gottes Meinung die Menschen weiter in die Richtung weisen, in die sie bereits sehen.”
Gläubige sind also der Meinung, dass Gott – das mächtigste und intelligenteste Wesen des Universums, Schöpfer und Lenker der Welten – stets ganz ihrer Meinung ist, was ihre Überzeugungen wiederum verstärkt. Gläubige müssen die arrogantesten Menschen auf dem gesamten Planeten sein.
Quelle: Epiphenomenon
Siehe auch bdw zum Thema.










Bert
17. Dezember 2009 at 00:09
“Gläubige sind Gott”, die einfachste Erklärung die ich je gehört habe – bravo – es stimmt!
skydaddy
17. Dezember 2009 at 03:52
Da war die Bild-Zeitung ja damals mit “Wir sind Papst” ja schon nah dran…
skydaddy
17. Dezember 2009 at 03:56
Dass Religion das Denken der Menschen in der Tat beeinflusst zeigt sich z.B. auch daran, dass wohl kaum jemand ohne religiöse Beeinflussung auf die Idee käme, dass Gott sich selbst als Mensch sich selbst als Menschenopfer darbringen würde, um Menschen für etwas zu vergeben, für das sie nichts können.
Thomas
17. Dezember 2009 at 07:49
den letzten satz wuerde ich noch viel deutlicher hervorheben!!!
Sarah
17. Dezember 2009 at 07:57
Naja, ich bin Atheistin, und auch meine Meinung (gerade in moralischen Fragen) ist immer richtig
Nur dass ich halt nicht den Umweg über Gott nehme, sondern halt ganz alleine furchtbar arrogant bin. Ich halte das schon für ganz normal, auch wenn im Falle der Gläubigen die Konsequenzen natürlich anders sind.
raskalnikow
17. Dezember 2009 at 09:18
Eigentlich ist das Ergebnis dieser Studie zum vornherein klar: Da es keinen Gott gibt müssen die göttlichen Eigenschaften/Meinungen aus dem Gläubigen selber stammen…
Vielleicht nicht so interessant aber trotzdem sehr wichtig: Religiösität soll als natürliches Phänomen sehr wohl wissenschaftlich untersucht werden! In diesem Zusammenhang kann ich die auf Youtube verfügbaren Filmchen von Dan Dennett wärmstens empfehlen. Dieser Philosoph erforscht die Ursprünge und Tricks der Religionen – und erzählt sehr unterhaltsam darüber.
Andreas Leber
17. Dezember 2009 at 11:30
Sehr beeindruckend!
Trotzdem: Jetzt ersetz mal ‘Gott’ durch z. B. das ‘wissenschaftliche Weltbild’, oder durch den ‘evolutionären Humanismus’ – ich sage voraus, dass die Übereinstimmung bei einem Hirnscan von dir (und mir) nicht kleiner ist.
Wir wären doch wohl sehr überrascht, wenn dieses unser Weltbild nicht mit unserem Weltbild übereinstimmen würde!
Und so sind sich die Abergläubigen eben auch überraschender Weise mit ihrem Gott einig. Tolle Erkenntnis! Und ein weiteres Beispiel für voreilige Schlüsse.
Stefan
18. Dezember 2009 at 09:23
Das kannst Du so nicht sagen, da es zu einer moralischen Frage wie Sterbehilfe keine Antworten aus dem wissenschaftlichen Weltbild gibt. Man kann den Sinn oder Unsinn von Sterbehilfe nicht auf Naturgesetzte reduzieren. Es handelt sich um eine Meinung und so wie ich den Artikel verstehe, sagt die Studie aus, dass der Gläubige immer der Meinung Gottes ist und umgekehrt.
waelti
17. Dezember 2009 at 11:38
Credo, quia absurdum. Ich glaube es, weil es widersinnig ist.
Quintus Septimius Florens Tertullian. Psychologe. Entwickelte die Kognitionspsychologie. (Confirmation Bias).
Mal wieder: toller Artikel.