Zufällig bin ich auf einen Leserkommentar im „Südkurier“ gestoßen, wo christlich-konservative Ideale von der monogamen, heterosexuellen Ehe mit der Evolutionstheorie begründet werden. Das geht nicht und wer es versucht, hat keine Ahnung von der Evolutionstheorie, aber viel Ahnung davon, was es heißt, sich in der Mission Gottes zu wähnen.
Die monogame Ehe – und in über 80% der monogamen Ehen sind sich die Partner irgendwann untreu, während sie durchschnittlich meist in vier oder sieben Jahren geschieden werden – ist nur eine von vielen Strategien egoistischer Gene, sich selbst zu vermehren und sich ihren Weg durch die Generationen zu bahnen. Die meisten menschlichen Gesellschaften waren und sind polygam. Aber es gab und gibt alle möglichen Arten von Beziehungen und auch homosexuelle Partnerschaften haben schon immer existiert. Ohnehin kann man aus einer reinen Tatsache – der Existenz von Ehen – nicht ableiten, dass sie ethisch gut oder schlecht wären.
„Die Ehe bleibt trotz aller Probleme das Beste, was aus der Evolution der Menschheit hervorgegangen ist, mit der Hochform der Einehe. Der wunderbaren Institution Ehe erwuchsen Rechte, die zu verteidigen sind“, schreibt der Kommentator. Das ist natürlich Unsinn, die Einehe ist keine „Hochform“, sondern ein von bestimmten Umweltbedingungen abhängiges Phänomen. Eine lebenslange, treue Ehe kommt so gut wie nie vor und kann somit weitaus eher als „unnatürlich“ bezeichnet werden als alles andere. Was der Kommentator hier fordert, ist nicht der Erhalt von Rechten, sondern der Erhalt und Ausbau von Vorrechten für Menschen mit einem bestimmten Lebensstil. Evolutionär lassen sich solche Dinge prinzipiell nicht begründen (das wäre Sozialdarwinismus), aber auch ansonsten sehe ich keine moralphilosophische Möglichkeit, für eine derartige Haltung zu argumentieren.
Außerdem sollte man die Ehe oder sonstige Beziehungsformen sowieso nicht für allzu heilig und mit Vorrechten bedacht ansehen, wenn man bedenkt, dass sie lediglich Strategien egoistischer Gene zur Selbstreplikation sind.










Oberclown
13. Dezember 2009 at 01:25
Also meiner Meinung nach hat Ehe sowieso nichts mit Sex zu tun, die hat man nur erfunden um Erbschaftsstreitigkeiten zu vereinfachen.
Bebu
13. Dezember 2009 at 12:34
In Zeiten der Unwissenheit über Empfägnis, Schwangerschaft etc. hatte die Ehe natürlich noch den Vorteil, dass der Mann vermeintlich dafür sorgen konnte, dass der Nachwuchs von ihm ist und die Frau hatte eine gewisse “finanzielle” Absicherung für die “Aufzucht” des Nachwuchs.
raskalnikow
14. Dezember 2009 at 14:29
Auch wenn die strikte Monogamie nicht dem natürlichen menschlichen System entspricht (natürlich wäre und ist Monogamie mit einem leichten Hang zur Polygamie) so darf man meiner Meinung nach den sozial befriedenden Aspekt der Einehe nicht vernachlässigen. Hat jeder Mann nur “Anrecht” auf eine Frau (et vice versa) geht die Rechnung halbwegs auf (Jeder bekommt einen Partner). In polygamen Gesellschaften ist es ja oft mehr nach dem Prinzip “the winner takes it all”, was zu vielen frustrierten weniger begüterten Junggesellen führt.
“Heilig” ist der Ehestand natürlich trotzdem nicht.
H. Lektor
18. Dezember 2009 at 14:46
Zwar etwas kurz, aber danke für den Artikel.
raskalnikow, das mit ABBA setzt nun aber wieder Vorrechte (vermutlich eines Sexus, vermutlich bei Wahl bzw. Verteilung der Partner) voraus, die nicht mehr vorhanden sind oder zumindest nicht mehr vorhanden sein sollten, andernfalls also abzubauen sind. (Will sagen: Wenn das Recht auf mehrfache Verpartnerung einseitig ist, dann bleiben natürlich Jungirgendwasse dieses Geschlechts übrig, was sich aber erledigen kann, wenn das Mehrfachrecht beidseitig besteht.) Was den “Befriedungsaspekt” betrifft: Regenwürmer sind auch friedliche Wesen. Ohne Monogamie.
Und dumm.
PS: Wo gerade das schöne altdeutsche Wort “Sozialdarwnismus” erwähnt wurde:
http://www.resurrection-dead.de/inhalt.php?nr=160&ar=1522
raskalnikow
18. Dezember 2009 at 15:22
@ H.Lektor,
ach du hast ja recht! Solange es reziprok geschieht und niemand eifersüchtig wird…
Der Einwand ist natürlich, dass in den meisten Kulturen nur Polygynie akzeptiert wird. Insbesondere der vom Islam propagierte Modus schafft just dieses Junggesellendilemma…
Polyandrie kenne ich nur von den Tibetern (Wikipedia listet aber durchaus noch einige andere Völker auf).
Was meinst du mit “ABBA”?
H. Lektorq
23. Dezember 2009 at 17:02
“Was meinst du mit „ABBA“?”
das sind die anfangsbuchstaben der vornamen der vier mitglieder der gleichnamigen band, welche einmal einen song namens “The winner takes it all” hatte