Martin Mahner, einflussreicher Wissenschaftstheoretiker und Leiter des Zentrums für Wissenschaft und kritisches Denken der GWUP (Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften e.V.), bietet in der aktuellen Ausgabe 4/09 des Skeptiker eine neue Definition von “Parawissenschaften” an. Unter diese Definition würden nun auch Religionen fallen.
In der GWUP gab es immer wieder Streit um die Frage, warum die Skeptikerorganisation Religionen, mit Ausnahmen im Detail, aus der Kritik ausschließt. Gerüchten zufolge soll ich an der letzten dieser Auseinandersetzungen in einer unrühmlichen Rolle beteiligt gewesen sein, weil ich genau diese Frage aufgeworfen hatte: Warum schließt die GWUP Religionen aus jeder grundsätzlichen kritischen Betrachtung aus? Ich äußerte obendrein den Verdacht, dass sie dies nur aus politischer Korrektheit und aus Rücksichtnahme auf ihre religiösen Mitglieder tut. Die Auseinandersetzung gipfelte letztlich darin, dass mich jemand aus der GWUP mit einem Anwaltsbrief und einer drohenden Anzeige konfrontierte, woran meine damals cholerische Art und Weise, Kritik zu üben, einen Anteil gehabt haben mag (meine Blogleser werden entzückt feststgestellt haben, dass ich inzwischen nur noch sachlich und höflich Kritik übe). Glücklicherweise konnten wir die Sache aber friedlich regeln.
Hoffentlich wird sich diese GWUP-interne Hitzigkeit in Reaktion auf die Gottesfrage im Verlaufe der Diskussion um Martin Mahners Aufsatz abkühlen, da es in der Tat keinen guten Grund gegeben hat, die Religion so unbefleckt zu lassen wie die heilige Jungfrau Maria (ich habe bereits klargestellt, dass sich an meiner inhaltlichen Position zu der Frage nichts Grundlegendes verändert hat).
Martin Mahner nennt den Grund nun also selbst:
Die GWUP ist mit ihrem Prinzip der weltanschaulichen Neutralität immer gut gefahren, weil es ihr so gelungen ist, Menschen mit verschiedenen weltanschaulichen Auffassungen zur Arbeit an einem gemeinsamen Zeil zu bewegen. Droht eine Zerstörung dieses Burgfriedens durch eine erweiterte Definition von Parawissenschaft, nach der letztlich auch Religionen zu den Parawissenschaften und damit konsequenterweise zum Aufgabengebiet der GWUP gehören können? (S. 190).
Diese Frage beantwortet Mahner mit “Nein”, weil er der Auffassung ist, dass die GWUP weiterhin aus pragmatischen Gründen die Religion aus der Kritik ausschließen sollte. Diese pragmatischen Gründe bestehen jedoch bloß in einer “Arbeitsteilung” – es gibt schlichtweg schon eine Reihe von Organisationen (Giordano Bruno Stiftung, Bund für Geistesfreiheit, etc.), die sich der Religionskritik verschrieben haben. Jedoch würden Religionen nun “de jure” zum Aufgabengebiet der GWUP gehören, auch wenn sie sich “de facto” weiterhin auf andere Parawissenschaften (z.B. esoterische Heilslehren) konzentrieren würde. Daran gibt es m.E. nicht viel auszusetzen, auch wenn ich es gern gesehen hätte, wenn man einige GWUPler mal praktisch und offiziell mit Religionskritik konfrontiert hätte.
Hier also die neue Definition von “Parawissenschaften” laut Martin Mahner:
Eine Parawissenschaft ist eine außerhalb der Wissenschaften – aber nicht unbedingt außerhalb des universitären Wissenschaftsbetriebes – angesiedelter Erkenntnisbereich, dessen Theorie und Praxis weitgehend auf illusionärem Denken beruht. Damit kann der Anspruch eines solchen Erkenntnisunternehmens, verlässliches Wissen über Welt oder Mensch zu erlangen oder erlangt zu haben, nicht eingelöst werden. Wird neben dem einfachen Erkenntnisanspruch auch der Anspruch auf Wissenschaftlichkeit erhoben, bezeichnet man eine Parawissenschaft als Pseudowissenschaft. Pseudowissenschaften sind damit eine Teilmenge der Parawissenschaften (S. 188).
Demnach wären Religionen in der Regel keine Pseudo-, aber Parawissenschaften. Der ID-Kreationismus wäre zum Beispiel eine Pseudowissenschaft. Wahrscheinlich wird es Religionsvertretern trotzdem nicht gefallen, wenn Religion als illusionäres Denken ohne verlässliches Wissen über Welt oder Mensch eingeordnet wird. Martin Mahner bemerkt ganz richtig:
Es ist aber nicht konsequent, das kritische Denken zusammen mit der empirischen Prüfung einzustellen, nur weil letztere in bestimmten Bereichen nicht zum Zuge kommen kann. Und gänzlich unskeptisch ist es, bestimmte Bereiche gar von vornherein als tabu für das kritische Denken auszuweisen. Man kann das kritische Denken nicht ab beliebiger Stelle einstellen, etwa wenn man es aus weltanschaulichen Gründen nicht mehr gebrauchen kann (S. 190).
Ich habe Martin Mahner vor der Veröffentlichung schon geschrieben, dass ich seine Position unterstützen würde und das tue ich auch. Aber es gibt Gründe (siehe oben), das nicht allzu laut zu tun, denn wenn der Ober-Krawallatheist sich für diese konsequente Neuausrichtung einsetzt, dann werden es andere vielleicht nicht tun. Insofern beschränke ich mich lieber erstmal auf diesen unterstützenden Blogbeitrag.









Gondlir
8. Dezember 2009 at 15:42
Meine volle Unterstützung gibt es jedenfalls. Denn ich sehe absolut keinen Unterschied darin, ob jemand an das Wirken eines nicht nachweisbaren Gottes glaubt, oder an die Wirkung von nicht nachweisbaren Stoffen in homöopathischen Arzneien.
Wobei mich das beides nicht stört, solange es im stillen Kämmerlein geschieht. Doch wenn daraus eine Art Weltanschauung gemacht wird, und diese in der Öffentlichkeit nicht nur vertreten, sondern auch verbreitet wird, dann wird’s gefährlich. Irren ist menschlich, doch dieser Wahnsinn hat Methode…
Stefan
8. Dezember 2009 at 16:07
Also für mich gibt es da schon einen Unterschied und daher verstehe ich auch den Sinn dieser Arbeitsteilung. Bei der GWUP geht es für mich um Kritik derjenigen Weltanschauungen (und Betrügereien), die als Wissenschaft getarnt, als gutgemeinte Scheinwissenschaft irregeleitet oder einfach mit wissenschaftlichem Vokabular argumentierend daher kommen. Der in unserer Gesellschaft tradierte oder durch Migration einwandernde Glaube versteht sich aber eigentlich ja nicht als Wissenschaft. Solange der Glaube also nicht pseudowissenschaftlich begründet wird, wie im Falle des Kreationismus, ist er für mich eigentlich auch kein GWUP-Thema.
Das ist aber nur meine Meinung, ich gehöre weder der GWUP noch der GBS an. Macht doch, was ihr wollt
derautor
8. Dezember 2009 at 16:20
Ich habe zu der Zeit auch keiner Organisation angehört, aber es gibt einfach gute Gründe, die alte Position der GWUP zu kritisieren. Sie hat offiziell nicht nur Pseudowissenschaften auseinander genommen, sondern wollte auch das kritische Denken allgemein fördern. Sie hat immer nur Teilbereiche von Religionen kritisiert, wie Wunderheilungen und blutende Marienstatuen. Aber was war Jesus anderes als ein Wunderheiler?
Stefan
8. Dezember 2009 at 16:36
“Aber was war Jesus anderes als ein Wunderheiler?”
Ich sehe da halt einen Unterschied. Wenn in einem alten Buch über einen Mann, der seit 2000 Jahren tot ist, gesagt wird, er habe Wunder vollbracht, kann man das je nach Geschmack glauben, sich an der netten Geschichte erfreuen oder es einfach ignorieren. Wenn aber jemand heute behauptet, mit einer bestimmten Methode zu heilen, so kann ich diese Behauptung methodisch kritisch untersuchen.
Im ersten Fall muss man sich fragen: Was passiert mit unserer Gesellschaft, wenn hier massenweise Leute rumlaufen, die an Jesus als Wunderheiler wörtlich glauben.
Im zweiten Fall geht es eher um die Reinheit des Begriffes von Wissenschaft und gewissermaßen um Verbraucherschutz. Letzteres macht für mich die GWUP aus.
Vielleicht ist Verbraucherschutz gar kein schlechtes Wort, oder? Wenn zum Beispiel Leute zu weinenden Marienstatuen oder Heilquellen pilgern, darf man doch als kritischer Tourist fragen, was die Statue weinen lässt und an dem Wasser chemisch anders ist.
derautor
8. Dezember 2009 at 17:06
“kann man das je nach Geschmack glauben, sich an der netten Geschichte erfreuen oder es einfach ignorieren”
Wenn nicht noch behauptet würde, dass es auch der Sohn Gottes ist, der weiß, wie wir alle leben müssen und dessen Wunderheilungen als Beleg dafür angeführt würden…
Bebu
8. Dezember 2009 at 19:11
“Vielleicht ist Verbraucherschutz gar kein schlechtes Wort, oder?”
–> Meinetwegen soll sich die GWUP als eine Art Verbraucherschutz für Wissenschaften betätigen.
Für Religionskritik gibt es ja, wie im Text erwähnt, genug Alternativen.
Jedoch sollte sich dieser Verbraucherschutz auch auf die Teile der Religion anwenden, die gegen wissenschaftliche Standards verstößt. Im Bereich der Theologie könnte man da ggf. fündig werden.
H. Lektor
8. Dezember 2009 at 17:46
“Wahrscheinlich wird es Religionsvertretern trotzdem nicht gefallen, wenn Religion als illusionäres Denken ohne verlässliches Wissen über Welt oder Mensch eingeordnet wird.”
Ich vertrete Religion genausowenig, wie irgendein Volk oder irgendeinen Staubsauger.
Aber die Sache mit der Illusion und der “Verläßlichkeit” ist doch zu reizvoll, um unerwähnt zu lassen, wie beschränkt die kleine welt doch ist.
Und um mal konkret zu werden: Würde der Buddhismus mit seinem “Alles ist Täuschung” nun auch unter diesen Begriff von Para- (oder gar Pseudo-)wissenschaft fallen, und wenn nicht, wäre er damit keine “Religion” mehr oder könnte er “Religion” bleiben ohne Parawissenschaft zu sein?
Vale
derautor
8. Dezember 2009 at 17:52
Religionsvertreter sind Pfarrer, Bischöfe, etc. Kommt auf die Buddhismus-Version an. Die übernatürliche Elemente würden nicht gut abschneiden.
H. Lektor
8. Dezember 2009 at 18:01
Auch Pfaffen können etwas nicht-als-Pfaffen tun…
Also eher Mahayana als Tibetischer, okay.
und das heißt genauer?
H. Lektor
8. Dezember 2009 at 18:03
By The Way: Was hat die Neudefinition eigtl. veranlaßt?
derautor
8. Dezember 2009 at 18:08
Keine Ahnung. Vielleicht der Neue Atheismus. Oder Mahner ist selbst auf diesen offensichtlichen Schritt gekommen, was ich für am plausibelsten halte.
Linus (ex)Heilig
9. Dezember 2009 at 08:59
Da man nicht stolz auf sich sein soll, bin ich es auf AM. Der Wagen rollt und de Zuch kütt. Manche brauchen eben länger, ihren Humbug als solchen zu benamsen. Anstößig gelassen bleibt zielgerichtet.
Bernd Harder
9. Januar 2010 at 15:23
@ <<Die Auseinandersetzung gipfelte letztlich darin, dass mich jemand aus der GWUP mit einem Anwaltsbrief und einer drohenden Anzeige konfrontierte, woran meine damals cholerische Art und Weise, Kritik zu üben, einen Anteil gehabt haben mag <<
Nun, sagen wir mal so: In dem Anwaltsbrief ging es nicht im Mindesten um Deine Rolle bei der damaligen Listen-Diskussion der GWUP, sondern um eine etwas unglückliche Äußerung von Dir im Brights-Blog, die man durchaus als persönliche Verleumdung auffassen konnte, weil sie falsch und unzutreffend war (wenn auch vermutlich versehentlich, wovon ich heute mal ausgehe …).
Aber, Du hast es ja schon gesagt: Zum Glück konnten wir die Sache friedlich beilegen.
Insofern: Tu Dir bitte keinerlei Zwang an, die von Dir so empfundene "neue" GWUP-Position offensiv zu unterstützen.
derautor
9. Januar 2010 at 15:52
Nun, wir können sicherlich Martin Mahner glauben, dass diese Position irgendwie neu ist.