Michael Schmidt-Salomon zieht mit seinem neuen Buch Jenseits von Gut und Böse durch die Lande und versucht nichtsahnende, unschuldige Menschen davon zu überzeugen, dass die Akzeptanz der Willensunfreiheit der Abschied von einem Folterinstrument wäre. Auf der anderen Seite errichten die Verteidiger des freien Willens Barrikaden. Andreas Müller geht auf wissenschaftlich-empirische Erkenntnisse über die Willensfreiheit ein und erläutert mögliche Argumentationsfehler beider Seiten.
Wenn unser Gehirn das wüsste
Die Debatte um die Willensfreiheit ist so verworren wie die Bücher von Dan Brown, eigentlich schlimmer, weil sie nicht mit Tom Hanks verfilmt wurde und man sie darum auch noch lesen muss. Es ist leider nicht klar, ob die neu hinzugekommenen Hirnforscher mehr Klarheit mit sich bringen. Wolf Singer und co. behaupten zum Beispiel, dass tatsächlich nicht das „Ich“, sondern unser Gehirn die Entscheidungen trifft, die wir „uns“ dann zurechnen. Gleichzeitig sind „wir“ allerdings identisch mit unserem Gehirn, da es ja keine übernatürliche Seele gibt, wobei zugleich das „Ich“ laut Thomas Metzinger nur ein Ego-Tunnel ist und ein „Selbst“ im Grunde gar nicht existiert.
Liest man Thomas Metzinger und Wolf Singer (nicht zu verwechseln mit dem Ethiker Peter Singer), könnte man beizeiten meinen, dass wir unser Leben nicht selbst bestimmen, sondern dass wir von unserem „Gehirn“ bestimmt werden, als wäre es eine Art Schicksalsgöttin. Da wir aber unser Gehirn sind, respektive das „Ich“ eine Konstruktion des Gehirns ist, erübrigt sich das Ganze und alles ist so wie vorher, oder nicht? Wenn wir also sagen, dass wir unser Leben selbst bestimmen, dann ist daran gar nichts verkehrt.









Linus (ex)Heilig
5. Dezember 2009 at 12:16
Ein geistiger Tachelessgenuss, der sich nicht mit philosophischer Schöngeisterei zufrieden gibt, sondern mutig rationale Wissenschaft betont. Ausführlich ja unter hpd, weiter so, freue mich auf Teil Zwei.
Bebu
5. Dezember 2009 at 13:11
Mir ist das nicht so ganz klar:
„Der freie Wille ist den Leuten im Grunde egal, er dient nur zur Legitimierung eines primitiven Instinktes, was eine neue Studie erwartungsgemäß bestätigt. Gewiss: Unser Rache-Instinkt ist viel zu grobschlächtig und muss durch die Vernunft gezähmt werden. Aber, wie schon gesagt, hat dieser Umstand rein gar nichts mit der Willensfreiheit zu tun.“
–> Sicherlich ist das Willensfreiheitsargument nicht der Grund für das Bedürfnis nach Rache. Aber er wird doch bei der Erstellung von Gesetzen und Urteilen als ein vermeintlich objektiver Grund angeführt. Von daher würde ein wissenschaftlicher Nachweis, dass es Willensfreiheit nicht gibt, den Befürwortern eines Strafsystems das Rache miteinschließt (z.B. durch sehr lange Haftstrafen unter Quasi-Folterbedingungen) ein Argument wegnehmen.
Oder habe ich da irgendwie etwas falsch verstanden?
—
Ansonsten war das ein interessanter Artikel und ich bin auch gespannt auf den zweiten Teil.
derautor
5. Dezember 2009 at 13:18
„Aber er wird doch bei der Erstellung von Gesetzen und Urteilen als ein vermeintlich objektiver Grund angeführt“
Das ist aber Unsinn, weil die Willensfreiheit keine Legitimation wäre für harte Strafen, selbst wenn es sie gäbe. Es ist nicht darum Unsinn, weil der freie Wille nicht existiert.
tischl
6. Dezember 2009 at 01:35
„…Die kompatibilistische Version des freien Willen ist praktisch das, was Michael Schmidt-Salomon „Handlungsfreiheit“ nennt (..) meiner Auffassung nach ist die Handlungsfreiheit identisch mit dem, was die meisten Menschen in der Regel „Willensfreiheit nennen…“
Mit Handlungsfreiheit bezeichnet man einfach Handlungsoptionen, die theoretisch verwirklicht werden könnten, weil ihnen keine äußeren oder/und inneren Hindernisse im Weg stehen, mit Willensfreiheit das nicht das Geringste zu tun. Willensfreiheit würde bedeuten, man könnte bei identischen Ausgangsbedingungen zwischen diesen Handlungsoptionen frei (von was eigentlich?) entscheiden, was aber nicht der Fall ist.
Ob und welche dieser Handlungsoptionen, auf denen die sog. Handlungsfreiheit beruht, realisiert werden entscheiden neuronale Netzwerke im Gehirn, welche durch die Naturgesetze zu 100% determiniert sind. Auch die bewusstseinsfähigen Hirn-Areale unterliegen vollständig den Naturgesetzen, wenn also eine Entscheidung maßgeblich durch das Bewusstsein (Ratio) mitentschieden wird, ist diese Entscheidung kein bisschen freier, als wenn sie vollständig unbewusst gefällt worden wäre. Das Bewusstsein hat keine supranaturale Fähigkeiten, welche es über die Naturgesetze erheben würde. Wenn nun ein komplett determiniertes Gehirn, bewusst (selbstreflektiert) oder unbewusst, zwischen verschiedenen Handlungsoptionen entscheidet, hat dies nichts mit Freiheit zu tun, im Gegenteil.
Der Begriff Handlungsfreiheit ist ein Euphemismus, welcher Freiheit vorgaukelt, wo keine ist. Der Mensch ist dem Weltenlauf völlig ausgeliefert, auch wenn dieser nicht vorherbestimmt bzw. berechenbar ist und die Zukunft offen ist. Das ist hart für den Narzissmus der „Krone der Schöpfung“, es ist aber so. Wenn der Wille ausschließlich durch natürliche Ursachen bestimmt wird, ist Freiheit nicht möglich, der Kompatibilismus ist daher nichts weiter als Selbstbetrug. Bewusste Gedanken sind Ursache oder Folge des momentanen Gesamtzustandes des Gehirns, man kann aus ihnen keine Freiheiten konstruieren, dies wäre mit einem naturalistischen Weltbild nicht vereinbar, man muss sich also entscheiden: Determiniert oder indeterminiert, das ist hier die Frage, durchmogeln gilt nicht!
PS: Interview mit Wolf Singer:
http://www.sueddeutsche.de/wissen/668/317542/text/
„…Aber Ihrer Einschätzung nach ist mein Ich doch nicht wirklich frei, sich bewusst für eine bestimmte Handlungsalternative zu entscheiden?
Singer: Wo ereignet sich denn das bewusste Überlegen? In der Großhirnrinde. Und wer überlegt da? Komplexe neuronale Netzwerke, die über die Hirnrinde verteilt sind und in denen genetische und durch Erfahrungen eingeprägte Vorgaben und Regeln existieren.
Die Netzwerkzustände werden beeinflusst durch Wissen, das aus dem Gedächtnis abgerufen wird, und von Argumenten, die man vielleicht gerade erst gehört hat, sowie von Zwischenergebnissen des Abwägungsprozesses, die im Kurzzeitspeicher liegen.
Aber das alles basiert auf neuronalen Erregungsmustern, die untereinander um einen möglichst kohärenten (zusammenhängenden, in sich stimmigen) Zustand rangeln. Ein mehr oder weniger großer Anteil dieses Prozesses wird uns dabei bewusst. Der Umstand, dass sich dieser Prozess an die Naturgesetze halten muss, bedingt, dass er selbst determiniert sein muss…“
derautor
6. Dezember 2009 at 02:13
Es ist genau diese Art von Verwirrung, die ich versuche, in der Reihe aufzulösen. Hoffentlich wird es mir gelingen.
Linus (ex)Heilig
6. Dezember 2009 at 10:43
Anregung für die Reihe. Ich vermisse bei Wolf Singer (@ tischl, danke für den Interviemhinweis. Immerhin, die Evolution verläuft nichtlinear), MSS, AM u. a. einen Verweis auf die Eulersche Lebenszahl e, die Gaussche Klockenkurve und die Binominalverteilung des natürlichen Zufalls. Siehe Prof. Ingo Rechenberg, Bionik und Evolutionsstrategie. Das Optimum wandert über die Zeit durch natürliche (Gen und Mem) Einflüsse, das ist Evolution (der gute alte Darwin war kein Physiker oder Mathematiker, bzw. „was Prof. Kuckuck noch nicht wissen konnte“). Das vernunftbegabte Hirnwesen Mensch gibt sich die Richtung + (Einstein) oder – (Dummdödel) bezüglich optimaler Klasse und Masse selbst vor. Ist das zu trivial und dennoch nicht erklärbar? Wozu faule Kompromisse, Verwirrung und philosophische Bocksprünge?
Bruder Spaghettus
6. Dezember 2009 at 17:44
Tja, die Debatte um die Willensfreiheit ist wirklich verwirrend.
Warum gibt´s die überhaupt? Hat das evtl. zu erreichende gemeinsame Ergebnis der Debatte praktische Auswirkung?
Ist doch egal, ob ich so handle, wie ich handle, weil ich will oder weil ich muss. Mein Handeln wird sich durch diese Debatte nicht ändern.
Oder doch?
derautor
6. Dezember 2009 at 18:37
Das könnte sie schon. Vielleicht beeinflussen die Argumente dein Handeln.
Bebu
6. Dezember 2009 at 20:38
„Warum gibt´s die überhaupt? Hat das evtl. zu erreichende gemeinsame Ergebnis der Debatte praktische Auswirkung?“
–> Zumindest von den religiösen Anhängern der Willensfreiheit hört man oft, dass bestimmte Taten gerade wegen der Willensfreiheit und dem freien Entschluß zu diesen Taten besonders verwerflich seien.
Auch begründen sie mit diesem Kontrukt gerne wie die Übel in der Welt mit einem angeblich allguten Gott zusammenpassen. (Nicht, dass diese Argumentation auch nur für die durch Menschen verursachten Übel stichhaltig wäre…)
Könnte man also mittels wissenschaftlicher Erkenntnisse belegen, dass es keine Willensfreiheit gibt, könnte man diese und auch noch viele andere ähnliche Argumentationen für andere Themen im Kern zerstören.
derautor
6. Dezember 2009 at 20:51
Der libertarische freie Wille ist aus wissenschaftlicher Sicht ein Wunder, da gibt es nichts mehr daran zu zerstören. Schließlich soll dieser Wille keine Ursachen haben. Die ganze Argumentation von A bis Z totaler Unsinn.
Ingo-Wolf Kittel - Augsburg
6. Dezember 2009 at 23:20
Sich in die Debatte einzuarbeiten – ziemlich aufwendig, weil es an die Fundamente jeden, auch wissenschaftlichen Beschreibens und Erklärens geht – klärt das eigene Wissen um die Grundlagen des eigenen bewussten, absichtsvollen und gezielten Handelns. Dazu ist allerdings nur jemand fähig, wenn er die Fähigkeit zu derartigem Tun ein Stück weit ausgebildet hat und sie deswegen auch in genügend Einzelheiten kennt, sich die also schon ein Stück weit bewusst gemacht hat. Sonst weiß er womöglich nicht, wovon die Rede ist, wenn von gewolltem Tun oder bewusstem Handeln gesprochen wird..
Bloßes Reagieren ist ganz etwas anderes. Das können wir alle und tun dies „schon immer“, und zwar bereits im Mutterleib. Auch als Säuglinge reagieren wir noch weitgehend auf der Grundlage angeborener Reiz-Reaktions-Reflexe, zunehmend aber auch auf der Basis von solchen „gelernter“ Art. Psychologen sprechen dann von „konditionierten Reflexen“. Normalsterbliche nennen sie „Gewohnheiten“, wenn sie sich auf der Grundlage der elementaren, neurophysiologisch heute weitgehend aufgeklärten Prägungsvorgänge unbeabsichtigt „ausgeprägt“ haben, und reden von Fertigkeiten oder Fähigkeiten, wenn sie gezielt eingeübt und trainiert wurden.
Reflexhaft reagieren wir „von Natur aus“. Auf dieser natürlichen Grundlage reagieren wir bis zu unserem Lebensende immer dann, wenn wir eben rein reflexartig oder spontan reagieren, wie wir dann dazu sagen, unüberlegt also, „einfach so“, gedankenlos oder intuitiv „aus dem Bauch heraus“.
Dem steht bewusstes Handeln gegenüber, ein aufmerksames, vielleicht sogar achtsames, mehr oder weniger überlegtes und vielleicht auch umsichtig und weitreichend geplantes Tun, das auf vorweg getroffenen Entscheidungen beruht – und damit dann auf mehr als auf Reflexen, auf deren Grundlage wir quasiautomatisch auf „Reize“ reagieren wie Säuglinge und Kleinkinder oder Tiere.
Insofern ist es schon richtig: in der Debatte über Willensfreiheit geht es um unser Selbstverständnis, also die Frage, wie wir handeln und uns als Handelnde selbst verstehen sollen: wie „Graugänse„, mit denen uns charmanter Weise ein bekannter Hirnforscher mal in einem seiner Bücher gleichgesetzt hat, oder als selbstbewusste und selbstbestimmte Menschen, die im Rahmen ihrer Möglichkeiten frei entscheiden oder beschließen, was sie gemeinsam mit anderen oder allein tun wollen.
Allerdings heisst, diese Frage stellen zu können, auch schon, dass wir überlegen und uns für eine Handlungsmöglichkeit entscheiden können. Ob man hier von Handlungs- oder Willensfreiheit spricht, kommt auf die Bedeutung an, die man diesen Begriffen gibt. Deswegen ist für in einer Diskussion, in der man nicht aneinander vorbeireden will, zunächst zu klären, wie man strittige Worte versteht, die man bei dieser Diskussion verwendet.
Nachdem ich sie seit mehr als fünf Jahren ziemlich genau verfolge, kann ich sagen, dass dies in der Diskussion über Willensfreiheit weithin nicht oder nicht genügend geschieht. Hier habe ich das einmal an einem Beispiel eingehend dokumentiert.
tischl
7. Dezember 2009 at 04:17
Kittel schrieb: „…Reflexhaft reagieren wir „von Natur aus“. (..) Dem steht bewusstes Handeln gegenüber, ein aufmerksames, vielleicht sogar achtsames, mehr oder weniger überlegtes und vielleicht auch umsichtig und weitreichend geplantes Tun, das auf vorweg getroffenen Entscheidungen beruht – und damit dann auf mehr als auf Reflexen, auf deren Grundlage wir quasiautomatisch auf „Reize“ reagieren wie Säuglinge und Kleinkinder oder Tiere…“
Dies ist genau richtig, zwei verschiedene Möglichkeiten des Entscheidens stehen sich gegenüber 1) unbewusstes bzw. reflexhaftes Entscheiden 2) Entscheiden, welches durch aufmerksames Überlegen, bewusste Planung etc. unterstützt wird. Man darf nur nicht den Fehler begehen, diese zwei Möglichkeiten mit der Frage der Willensfreiheit in Verbindung zu bringen. Wie oben beschrieben ist auch das Bewusstsein mit seinem Denken vollständig determiniert und damit unfrei.
Beim Weckerklingeln am Morgen schalten die unbewussten Hirn-Areale das Bewusstsein ein, sie bestimmen ob das Bewusstsein zur Problemlösung zugeschaltet wird und wann auf es verzichtet werden kann. Bewusstsein ist lediglich ein besonderer Modus, in den das Gehirn schaltet, um bestimmte Problemstellungen besser in den Griff zu bekommen. Das Ich (Bewusstsein) ist eben nicht Herr im Haus.
Fraglos ist das aufgeklärte Bewusstsein einem stupiden, reflexhaften Verhalten vorzuziehen. Man kann sich aber – leider – nicht zu einem aufgeklärten Menschen „machen“. Ob man ein Voltaire oder ein Hitler wird, hängt zu 100 % von der Umgebung (Genetik der Eltern, IQ, angeborenes Temperament, frühkindliche Prägung, Bildung der Eltern, Zeitpunkt der Geburt, Wohlstand des Landes, Bildungsinstitutionen, herrschende Ideologie uvm.) ab. Erfahrungen die ein Mensch unter seinen persönlichen, schicksalhaften Umständen gemacht hat, werden in den neuronalen Strukturen verfestigt und stehen dann dem Individuum langfristig als Persönlichkeit zur Verfügung. Von Freiheit also keine Spur, auch Voltaire hatte niemals eine Wahl, er musste Voltaire werden, ebenso „der Führer“.
Auch kann man die hohe Komplexität der Entscheidungsstrukturen der menschlichen Großhirnrinde (bewusste Selbstreflektion, rationales Überlegen usw.) nicht als Beweis für Willensfreiheit anführen. Selbstverständlich hat ein Mensch erheblich mehr Handlungsoptionen auf ein Ereignis zu reagieren als beispielweise ein Kaninchen. Diese Tatsache bewirkt, dass menschliche Entscheidungen frei WIRKEN, da sie weniger gut vorhersagbar sind, tatsächlich hat der Mensch aber keinen größeren Freiheitsraum bei der Entscheidung als das Langohr, genauer: gar keinen. Am Ende entscheidet immer der determinierte neuronale Gesamtzustand des Gehirns zum Zeitpunkt X, über die Art der Reaktion.
Weder bewusstes, gedankliches Entscheiden noch komplexes, nicht-reflexhaftes Entscheiden können als Argument für Willensfreiheit verwandt werden. Ich bin mal wirklich gespannt, auf welche Art und Weise AM seine neue Theorie begründen wird. Es ist schon verwunderlich, dass AM, der sonst eher für radikales Denken bekannt ist, hier ein kompatibilistisches Wischiwaschi-Konzept vertritt. Vielleicht hat der Autor auch nur unterbewusst Angst, ein Wesen ohne „freien Willen“ zu werden.
Artikel von Wolf Singer – Keiner kann anders, als er ist (2004)
http://www.faz.net/s/Rub117C535CDF414415BB243B181B8B60AE/Doc~ED9866B74F679457B89BAA0808BEA0C9F~ATpl~Ecommon~Scontent.html
Ingo-Wolf Kittel - Augsburg
7. Dezember 2009 at 12:27
Ist schon richtig, dass wir jede Menge lernen – „natürlich“ auch von anderen. Aber alles kann nicht bloß von anderen übernommen sein; neue Ideen müssen von irgendjemandem ja irgendwann zum ersten Mal gedacht und dann gezielt entwickelt werden, sollen sie nicht Eintagfliegen unserer Phantasie bleiben.
Was ist deswegen mit eigenständigem, selbstbestimmten Denken? Das von Singer ist in der Festschrift der Frankfurter Wissenschaftlichen Gesellschaft „Beiträge zu einer aktuellen Anthropologie“ 2006 in einer umfangreichen „Fallstudie“ eingehend analysiert worden. Dem bekannten Fernseh-Journalisten Scobel hat er mal in einer von dessen Sendungen öffentlich eingestanden, davon nicht viel zu verstehen, um sein damaliges ungehalten-kurzes Statement höflich zu umschreiben. Sollte dieser angesehene Wissenschaftler gar nicht eigenständig denken können, sondern geprägt sein wie eine Lorenz’sche Graugans, wie sein „Beobachter im Gehirn“ mal von „uns“ allen und damit auch von ihm festgestellt hat? (Mein Eindruck davon hier)
Was ist mit Schriftstellern, die originelle Bücher aller Art verfassen, Musikern, die nie gehörte Musikstücke komponieren, Ingenieuren, Technikern und Erfindern, die völlig Neuartiges in die Welt bringen und uns in einer Weise zu handeln ermöglichen, wozu wir von Natur aus gar nicht fähig sind?
Wenn wir einfach anderen nachplapperten, müssten wir neuartige Ideen heute noch den Musen zuschreiben oder à la Descartes einem ominösen „Geist“, der auf die Zirbeldrüse im Gehirn einwirkt.
Die eigenen Leistungen nicht mehr Geistern oder einem davon, sondern jetzt dem Organ, zuzuschreiben, dem. „Werkzeug“, mit dessen Hilfe wir „geistig“ genannte Leistungen vollbringen (so wie wir „mit“ unseren Beinen gehen und nicht die mit oder für uns… ), ist exakt die gleicht Denkfigur! Sie hat lediglich zu einer cerebralen Mythologie geführt, an der bislang nichts neues ist, wie schon anderenorts zum wiederholten Mal festgestellt wurde. (s. hier u. vorstehende).
verquer
8. Dezember 2009 at 14:00
Höchst verehrter Herr Kittel,
es folgt eine Liste mit logischen Fehlschlüssen, derer Sie sich in ihrem erheiternden (ad hominem) Kommentar bedienen:
ad hoc Argument. Offensichtlich gehen Sie von einem Erhaltungssatz der Ideen in einem deterministischen Gehirn aus. Woher nehmen Sie diesen?
Das zu Beweisende vorraussetzen: „Was ist deswegen mit eigenständigem, selbstbestimmten Denken?“ Klar, oder?
Chewbacca Verteidigung mit der Tendenz zu ad hominem: „Dem bekannten Fernseh-Journalisten…“
Argument aus Ignoranz: „Was ist mit Schftstellern…“ Ihnen ist schon bewusst, dass Computer auch nie gehörte Musikstücke schreiben, Erfindungen erfinden und Entdeckungen entdecken können?
Argument aus Ignoranz oder Strohmann Argument oder schlichte Dummheit: „und uns in einer Weise zu handeln ermöglichen, wozu wir von Natur aus gar nicht fähig sind?“ Klar. Mit jedem Gedanken sprengen wir die Naturgesetze… OMIU.
Strohmann Argument: „Wenn wir einfach anderen nachplapperten…“
Insgesamt scheint mir ihr gesamter Kommentar aber vorallem mit meinem absoluten Liebling aller logischen Fehlschluesse untermauert zu sein. Das Argument von der unerwuenschten Konsequenz. Und wie immer moechte ich diesem folgerndermassen begegnen. Ooooch. Wie schlimm. Willst Du einen Kecks?
derautor
8. Dezember 2009 at 14:27
Etwas mehr gegenseitigen Respekt hier, bitte.
verquer
8. Dezember 2009 at 15:42
grmpf. Nun gut. Den Verweis auf die Dummheit nehme ich zurueck.
Jo84
15. Dezember 2009 at 00:59
Ich bin der Ansicht dass die Überzeugung von der Unfreiheit des Willens der Gesellschaft mehr Schaden als Nutzen bringen würde, wenn man sie als „absolute Wahrheit“ unter die Leute bringen würde. Ich könnte mir nämlich gut vorstellen dass diese Überzeugung sehr schnell zum Verfall von Werten führen könnte, nicht wenn man sie missversteht, wie viele behaupten, sondern wenn man sie konsequent in sein Leben integriert. Konsequent zu Ende gedacht bedeutet nämlich keine Willensfreiheit keine Verantwortung. Wenn man also annimmt dass alle erbrachten Handlungen ausschließlich ein Resultat aus genetischer Disposition und Umwelteinflüssen sind und die Unfreiheit des Willens anerkennt, müsste man als nächsten Schritt sein Gewissen und seine Schuldgefühle als etwas irrationales abtun. Das gleiche gilt für den Stolz auf erbrachte Leistungen und für Dankbarkeit. Bei wem sollte man sich noch bedanken, wenn man niemanden mehr für seine Taten verantwortlich machen kann, bei der Beschaffenheit der Natur, oder vielleicht beim Urknall? Möchte nicht wissen was passiert wenn man pubertierende Hauptschüler aus der sozialen Unterschicht von der Ansicht überzeugt, sie seien für nichts verantwortlich…
Ingo-Wolf Kittel, Augsburg
15. Dezember 2009 at 12:33
Da passt ja ideal, was von Wolf Singer in einem Interview von Radio Bremen neuerdings zu hören ist – in einem Interview von Radio Bremen hier:
http://www.radiobremen.de/radio/nordwestradio/audio23588-popup.html
Zum weithin undifferenzierten Gebrauch des Begriffs „Ursache“ möchte ich vorschlagen, den Text hier zu diskutieren:
http://www.brainlogs.de/blogs/blog/braincast/2009-11-15/aktuelles-mein-hirn-wars#comment-7183
Bebu
15. Dezember 2009 at 18:13
„Ich könnte mir nämlich gut vorstellen dass diese Überzeugung sehr schnell zum Verfall von Werten führen könnte, nicht wenn man sie missversteht, wie viele behaupten, sondern wenn man sie konsequent in sein Leben integriert.“
–> Welche Werte könnten da genau „verfallen“, warum müßten sie „verfallen“ und warum ist das jeweils negativ?
(Oder meinst du mit Werten etwas wie Stolz, Schuldgefühle, Gewissen, Dankbarkeit oder was du in deinen weiteren Ausführungen noch so nennst?)