Frank Schirrmacher ist stets für einen spannenden Weltuntergang zu haben. In seinem Fantasyroman „Das Methusalem-Komplott“ war es die Überalterung der Gesellschaft, welche die Apokalypse einzuleiten drohte. Hierauf widmete er sich mit „Minimum“ der Erbauungsliteratur und warnte vor dem nahenden Ende der Familie als „Keimzelle der Gesellschaft“. Seine neue, dystopische Selbstanalyse „Payback“ befürchtet die Degeneration des Menschen durch das Internet.
In der Fernseh-Talkshow „Beckmann“ gab Schirrmacher zu Protokoll: „Es geht etwas Grundsätzliches vor: Mein Kopf kommt nicht mehr mit. Wir alle zahlen einen Preis dafür“. Eine gute Zusammenfassung seines neuen Buches. Schirrmacher kapiert das Netz nicht und wir alle müssen darunter leiden. Wie immer reagiert die Rechte auf Neues mit Furcht, Panik und Paranoia, nach den „Killerspielen“ nun also das verdummende Internet.
„Der Mensch mit all seinen Eigenschaften unterliegt einem System der Kontrolle“, beschreibt Schirrmacher seine Ängste. Der arme Mann fühlt sich überwacht und verfolgt von finsteren Mächten, die in dem gewaltigen Schattenreich des Internets ihr Unwesen treiben. „Die Maschine analysiert unsere Interessen und unser Konsumverhalten“, sekundiert Pro-Reli-Veteran Günther Jauch, für den es ein „zu konservativ“ gar nicht geben kann. „Die Maschine“, jenes alles kontrollierende und überwachende Ding, gefühllos, kalt, das ist laut Schirrmacher die Suchmaschine Google.
Biblisch wird es gar, wenn Schirrmacher warnt: „Wir müssen einen Weg aus dieser Flutwelle finden. Die Zeit wird aufgefressen“. Guten Appetit. Nach der Sintflut nun also die Netzflut. Der volle Titel seines Buches lautet übrigens: „Payback – Warum wir im Informationszeitalter gezwungen sind zu tun, was wir nicht tun wollen, und wie wir die Kontrolle über unser Denken zurückgewinnen“. Frank Schirrmacher beschreibt im Untertitel eine Zwangsstörung, die ihn zu Taten nötigt, die er gar nicht tun will. Schlimmer noch: Das“ Informationszeitalter“ kontrolliert sein Denken. Allmählich wird es gruselig.
Aber wenn es um Amazons notorische Empfehlungen geht, dann kommen die Erinnerungen an Sünde und Teufel wieder hoch, die Günther Jauch als Kind eingetrichtert wurden. „Ich musste einmal etwas Erotisches bei Amazon bestellen…“, beginnt er die Geschichte von seinem persönlichen Sündenfall. „Wenn ich jetzt diese Seite öffne, kommt auf der Vorschlagsliste im Grunde eine Porno-Nummer nach der nächsten“. Wenn das Jesus wüsste!
Natürlich muss man seinem Verfolgungswahn eine wissenschaftliche Basis verleihen und wie immer, wenn die Rechte Wissenschaft bemüht, geht einiges durcheinander: „Ich nenne in dem Buch die Erkenntnisse der amerikanischen Psychologieprofessorin Ellen Langer: Menschen, die für zwei Wochen von allen aktuellen Informationen abgeschieden waren, wurden nachweislich gesünder“, informiert uns Schirrmacher.
Der Psychologe Rolf Degen hat sich die Studie auch mal angesehen und mir einen Link dazu geschickt. Wie es aussieht, geht es in der Studie um etwas komplett anderes, nämlich um die Effekte einer mentalen Zeitreise bei alten Menschen. Die Forscher haben ein Zimmer im Stile von vor 20 Jahren eingerichtet, ein paar alte Leute dort hineingesetzt und ihnen gesagt, dass sie sich vorstellen sollten, sie hätten wirklich eine Zeitreise unternommen und wären nun 20 Jahre jünger. Tatsächlich war ein positiver Effekt auf die Gesundheit der Versuchspersonen festzustellen. Gut, vor 20 Jahren hat es zufällig auch kein Internet gegeben. Aber hätte man die Studie vor, sagen wir, 10 Jahren gemacht und die Versuchspersonen damals um 30 Jahre verjüngt, dann wüssten sie nichts von der Existenz von Videospielen. Also wird man auch gesünder, wenn man keine Videospiele kennt. Oder so. Was für eine ungemein praktische Studie. Man kann einfach alles damit beweisen. Sogar, dass man im Mittelalter während der Pestepidemie viel gesünder war als später.
Der Psychologe Peter Kruse hält Schirrmachers Probleme mit dem Internet eher für Probleme von Schirrmacher mit sich selbst: „Auf nahezu jeder Seite von ‘Payback’ spürt man das Unwohlsein des Autors angesichts des realen oder befürchteten Kontrollverlustes: Herr Schirrmacher vertritt offenkundig die Idee, dass es die Aufgabe des Individuums ist, sich die Welt untertan zu machen, sie zu beherrschen [...]„. Was man nicht kapiert, muss unterworfen werden. Wenigstens bei der Rechten ist noch alles beim Alten.
Schirrmacher befürchtet noch mehr, nämlich dass jeder aus der Welt des Internets ausgeschlossen wird, der nicht ins Internet geht. „Wenn ich das Reden verweigere, kann ich kaum der Sprache zum Vorwurf machen, dass niemand meine Gedanken zur Kenntnis nimmt“, sagt Kruse dazu. „Die Netzwerke können nicht die Menschen ausgrenzen, sondern nur die Menschen die Netzwerke. Das Internet ist eine Einladung zur Kommunikation in einer neuen Dimension. In der modernen Industriegesellschaft sind die Netze ein allgegenwärtiges Angebot und die Schwelle zur ihrer Nutzung ist denkbar gering. Nicht teilzunehmen, ist daher nur noch ideologisch und kaum mehr praktisch begründbar.“
Nicht daran teilzunehmen sei „so töricht, wie jede Verweigerung der Teilnahme an sozialer Gemeinschaft“, meint Kruse. Sein Fazit: „Agenda-Setting ohne Lobbyarbeit, ohne Parteistrukturen und weitgehend ohne die Macht der etablierten Medien. Da kann man schon mal ein wenig überfordert sein, nicht wahr Herr Schirrmacher?“ Wer die Welt nicht mehr kontrollieren kann, der muss sie eben zensieren.
Vielleicht sollte Frank Schirrmacher einfach mal eine Weile ins Netz gehen, denn offenbar hat er keine Ahnung davon, was er hier eigentlich kritisiert. So kommt die Welt zu dem Schluss:
„Dass Schirrmacher bei den ‘Tweets’, die man auf Twitter.com postet, scheinbar eher an einen soliden englischen Tweedstoff denkt, daran hätte Sigmund Freud seinen Spaß gehabt.“
Tipp: Nick Cohens Kritik am Internet (genauer an den teils utopischen Erwartungen daran). Es geht also doch auch vernünftig.









skydaddy
1. Dezember 2009 at 04:04
Mir war Frank Schirrmacher bisher nur als Herausgeber der F.A.Z. ein Begriff. Passt aber! Erst durch das Absinken der Auflage hat sich die F.A.Z. vor zwei (!) Jahren dazu veranlasst gesehen, Fotos auf der Titelseite zu erlauben und von der schwer lesbaren Frakturschrift in den Überschriften Abstand zu nehmen. Kein Wunder, wenn der Herausgeber Probleme mit dem Internet hat. Inhaltlich bietet die F.A.Z. weiterhin „Fraktur“.
Stefan
1. Dezember 2009 at 09:11
Man kann sich die Zeit auch mit dem Studium der FAZ auffressen lassen. Es ist ja richtig, dass wir heutzutage beliebig viel Information kostenlos konsumieren können und das auch noch bequem ohne in die Bibliothek zu laufen. Die Fähigkeit auch nein zu sagen und sich auf bestimmte Dinge zu beschränken muss aber schon eingeübt werden, seit es Bücher gibt, denn wie sagte schon Schiller im Zeitalter der „Lesewut“: „In der Beschränkung zeigt sich erst der Meister, und das Gesetz nur kann uns Freiheit geben.“ Das Gesetz sind eben die Regeln, die man sich selber gibt, um nicht in der Informationsflut zu ertrinken. Diese Medienkompetenz muss eben eingeübt werden. Das Internet selbst bietet ja auch technische Möglichkeiten und redaktionelle Angebote dazu.