Institut für Theologische Zoologie

Santa Claus

Nein, das ist kein Witz. Nächsten Monat wird tatsächlich das erste „Institut für Theologische Zoologie“ eröffnet und zwar keineswegs im amerikanischen Bibelgürtel, sondern in Münster. In Deutschland. Und was tun die da drin? Versuchen sie herauszufinden, zu welcher Gattung Theologen gehören? Keineswegs.

Es geht mal wieder um Faktenverdrehung: Die biblische Wertschätzung des Tieres sei erst in der Neuzeit verloren gegangen, erfährt man von Pfarrer Hagencord, der einen Vorgeschmack auf die Inhalte der dortigen Vorlesungen gibt. Ein „seelenloser Automat“ war das Tier für den bösen Descartes. Schon wieder sollen Renaissance und Aufklärung an allem schuld sein, tatsächlich war im christlichen Mittelalter gar nicht zu denken an eine „Wertschätzung des Tieres“, allenfalls, wenn es schon am Grill hängt.

Erst mit den utilitaristischen Philosophen der Aufklärung, zum Beispiel Jeremy Bentham, hat sich das allmählich geändert. Eine Tierrechtsbewegung existiert erst seit den 1970ern und wurde gegründet von dem australischen Philosophen Peter Singer, den Christen als den amoralischen, atheistischen Satan schlechtin darstellen. Vielleicht entdecken sie ja eines Tages, dass gar nicht Peter Singer, sondern sie selbst die Tierrechtsbewegung gegründet haben und dass sie schon in der Bibel prophezeit wurde. Die Studentin Marlene Frekers fragt in Bezug auf das neue Institut: „Wo wird denn schon von Wertschätzung für Tiere gesprochen?“ Sie hat recht: Tierrechtler wurden gerade aus der Existenz herausdefiniert, also bleiben nur Christen und tausend andere Leute übrig, die über Wertschätzung von Tieren sprechen.

Der Lehramtsstudent Lukas Ricken sieht in diesen Seminaren „etwas Neues, das gab es in dieser Form noch nie“, heißt es im Hamburger Abendblatt. Aber Lukas: Das ist die alte christliche Propaganda-Soße, laut der Christen alles, was gut ist, erfunden und getan haben, während Ungläubige an allen Übeln der Welt schuld sind. Die Soße wurde nur aufgewärmt und hat jetzt einen neuen Namen. „Raider“ hat man irgendwann in „Twix“ umgetauft und „Lügen für Gott“ heißt jetzt „Institut für Theologische Zoologie.“ Natürlich finanziert von der Solidargemeinschaft. Wenigstens mit Soße haben wir Solidarität, wenn schon nicht mit den Menschen in Darfur.

Am Ende heißt es: Als Konsequenz fordern Wissenschaftler im „Great Ape Project“, „dass wir Menschenaffen folgende Rechte zugestehen müssten: das Recht auf Leben, auf Schutz der individuellen Freiheit und auf Schutz vor Folter“. Und wer fordert das? Auch die Christen? Keineswegs. Peter Singer. Aber sehen wir mal, wie das nächstes Jahr aussieht.

Weiter zum Rest der Presseschau auf darwin-jahr.de:

Dinosaurier fressen Menschenhirne

Veröffentlicht in: on 20. November 2009 at 22:14  Kommentare (38)  

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38 Kommentare Einen Kommentar hinterlassen

  1. …und bevor die Wertschätzung für Tiere in der Neuzeit verloren ging, wurde sie durch rituelles Schlachten ohne Betäubung – bei Juden und Muslimen heute noch Vorschrift – und Tieropfer zum Ausdruck gebracht.

  2. Habe gerade den Artikel im Abendblatt gelesen. Frage mich, was lächerlicher ist – die Kreationisten in den USA oder die Theozoologen in Münster. Erschreckend, dass man jetzt in Deutschland offenbar einen akademischen Grad für intellektuellen Bankrott erhalten kann.

  3. In einem Land, in dem Landschafts-Therapeuthen ausgebildet werden, wundert mich immer weniger…
    http://bit.ly/4iur7L

  4. In Münster muss man mit allem rechnen. Das Schlimme ist nur: Die meinen das ernst. Und automatisch fragt man sich, wer so einem ‘himmelschreienden’ Blödsinn finanziert.

    Aber auch ich werde immer wieder von der Realität eingeholt. In dem Automotiveunternehmen in dem ich arbeite – in einem Umfeld, in dem die Mehrzahl der Kollegen einen (Fach-)Hochschulabschluß hat – gehen schätzungsweise ein Drittel im Krankheitsfall lieber zum Heilpraktiker und lassen ihre Baustellen vor Baubeginn mit der Wünschrute absuchen. Halleluja!

  5. Diesem Beitrag kann ich voll und ganz zustimmen. Lächerliche Apologetik (fast so lustig wie die neuen „christlichen Evolutionsbiologen“). Aber ein Fehler hat sich doch eingeschlichen: Peter Singer ist kein Tierrechtler (nicht im mindesten, siehe http://tierrechtsforen.de/petersinger). (Wobei dieser Fehler nicht dir anzulasten ist, sondern den Leuten, die Singer über den Kamm gelobt haben, ohne seine Bücher zu lesen.)

    • Singer sagt, Tiere zu töten sei nicht in jedem Fall ethisch falsch. Das macht ihn nicht zum Speziesisten, weil er grundsätzlich mit Leidensfähigkeit bzw. Bewusstseinsqualität argumentiert (der Tod eines Huhns verursacht nicht so viel kollaterales Leid wie der eines Menschen). Seit wann muss man eigentlich Veganer sein, um für Tierrechte eintreten zu können? (Meines Wissens ist er übrigens mittlerweile einer.) Das letzte Zitat auf der Seite stammt von Kant bzw. die durchgeknallte PETA-Erfinderin Newkirk legt es Singer verleumdend in den Mund, obgleich es seiner wirklichen Position diametral entgegensteht.

  6. Jetzt seid mal nicht ganz so hart.
    Wir haben immernoch Franz von Assisi in der Hinterhand (auch wenn ich mich immerwieder beunruhigt frage, was so auf seinem Speiseplan stand.
    Aber er hat die Sache mit dem Bruder Tier (lange vor Aquin) vorgerechnet, was leider nicht als Impuls aufgenommen und weiterverarbeitet wurde.)

  7. Die Liste aus Theologischer Zoologie und christlicher Evolutionsbiologie kann man noch um
    Neurotheologie ergänzen.

  8. Nachtrag: War vlt. etwas undeutlich vorhin, deshalb zur Erläuterung: Ich weiß zwar, daß Peter Singer erst kürzlich von Meissner in einem Atemzug mit Dawkins angegriffen wurde, aber man sollte hier nicht nach der „Der Feind meines Feindes ist mein Freund“-Methode Rückschlüsse ziehen (meine ich allgemein, hier wurde das nicht gemacht). Singer erzählt durchaus Müll und rechtfertigt mit absurden Argumenten das Töten von Kleinkindern („Praktische Ethik“, um S. 170-180) und warum er kein Tierrechtler ist, habe ich ja bereits verlinkt.
    Aber eine Lücke ist das nicht, denn es gibt genug a(nti)theistische (wirkliche) Tierrechtler wie Collin Goldner oder Achim Stößer (aktuell: http://www.antitheismus.de/archives/183-Evolutionstag-2009.html).

    Ich jedenfalls bin gespannt, wie die oben genannten Theologen den ganzen Speziesismus der Bibel zurechtbiegen wollen. (http://antispe.de/txt/furchtundschrecken.html)

    • Was ist denn so „absurd“ an Singers Argumentation? Was spricht deines Erachtens gegen die Euthanasie auf Wunsch der Eltern von Kleinkindern, die entweder ein Leben ohne Bewusstsein oder eines voller unerträglicher Schmerzen erwartet?

  9. Es mag ja lächerlich sein, aber man sollte es trotzdem nicht so einseitig sehen: ein Großteil der Bevölkerung ist wenigstens noch einigermaßen gläubig. Wenn es dazu führt dass davon einige Leute etwas weniger speziesistisch werden, nützt es erstmal mehr als es schadet.

    • Das würde aber heißen, dass diese Theologie ihren Weg in die Verkündigungsstellen, sprich Kirchen u. Gottesdienste, finden müßte. Ich kann mir aber kaum vorstellen, dass dies passieren wird.

      Die kritische Theologie wird dort ja auch möglichst konsequent verschwiegen.

      • das hängt nun aber von den Pastoren ab.
        vermutlich gibt es einen Zusammenhang zwischen „Gesinnung“ und Laufbahn einer/s Theolog_In, der eher kritische Geister tendenziell im Forschungsbetrieb hält.

    • „Wenn es dazu führt dass davon einige Leute etwas weniger speziesistisch werden, nützt es erstmal mehr als es schadet.“

      Ja, „erstmal“, aber das ist genau der Punkt. Einen kurzfristigen Nutzen im Gegenzug zu einem langfristigen Schaden zu erlangen, ist strategisch nicht sinnvoll. Statt die Symptome des Theismus etwas erträglich zu machen, sollte man lieber darauf hinarbeiten, ihn vollständig abzuschaffen.

      • Den Theismus abschaffen? Das ist fundamentalistischer Atheismus!
        Theistische Gesinnungen haben ihre Fehler begangen, das haben aber atheistische Gesinnungen genauso. Mich nervt es immer, dass in solchen Diskussionen überhaupt Atheisten und Theisten jeweils über einen Kamm geschoren werden, dass Theismus mit Katholizismus gleichgesetzt wird, und dass Atheismus mit Humanismus gleichgesetzt wird.
        Es gibt viele theistische Gesinnungen, die Tierfreundlich sind, selbst Strömungen die auf dem Christentum basieren, genauso wie es viele atheistische Gesinnungen gibt, die es nicht sind, selbst humanisten gehören teils dazu.
        Ich finde, ein Stück weit gehört so eine genaue distanzierte Unterscheidung zum Respekt vor der Meinungsfreiheit. Wir haben letztendlich nur wenige Grundgesinnungen, die sich in viele abgeleitete Gesinnungen aufteilen, die im Idealfall versuchen, aus ihren Fehlern zu lernen.
        Ich glaube hier kann man sogar treffend ein Bibelzitat anbringen (das sich btw auch in Diskussionen mit Fundi-Christen oft recht gut macht): An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen.

      • „Den Theismus abschaffen? Das ist fundamentalistischer Atheismus!“

        Nenn’ es wie du willst, ich nenne es Antitheismus.

        „Es gibt viele theistische Gesinnungen, die Tierfreundlich sind“

        Nein, es gibt keine einzige. (Kann es schon per Definition nicht geben.)

        „es viele atheistische Gesinnungen gibt, die es nicht sind“

        Mag sein, das beweist nur die längst bekannte Tatsache, daß Atheismus für sich nicht genug ist. Genauso wenig wie Antirassismus für sich genug ist. Die Ethik muß und soll natürlich komplex sein (antirassistisch, antisexistisch, antitheistisch, antispeziesistisch, antiageistisch usw.).

        Du scheinst grundsätzlich die Tatsache vergessen zu haben, daß Theisten unmoralisch handeln, aufgrund ihres Theismus, und unmoralisch handelnde Atheisten es nicht aufgrund, sondern trotz ihres Atheismus tun. Ein kleiner aber feiner Unterschied.

      • „Nenn’ es wie du willst, ich nenne es Antitheismus.“
        Ok, dann nenn ich es Verhetzung. Oder Fanatismus. Auf jeden Fall steht es auf einer Ebene mit den ganzen evangelikalen Idioten. Mit Aufklärung und Geistesfreiheit hat das jedenfalls nichts zu tun.

        „Nein, es gibt keine einzige. (Kann es schon per Definition nicht geben.)“
        Aha? Wie ist denn deine Definition von „Theismus“? Meines Wissens ist Theismus die Verehrung eines oder mehrerer Götter, ich sehe keine korrelation zur Tierliebe. In Indien gelten bekannterweise Kühe als heilig. Auch im Buddhismus geht die Naturliebe teils sehr weit, es gibt sogar meines Wissens (kanns aber grad nicht belegen) einen Mönchsorden der unter sich Nackt herumläuft um zu verhindern dass kein Kleintier in seinen Kleidern zu Schaden kommt. Selbst in auf dem Christentum basierenden Weltanschauungen kann man Tierrechte ableiten (Achtung vor allen Geschöpfen Gottes, etc.), einige christliche Sekten (zum Beispiel das Universelle Leben) und einige Autoren tun dies. Grundsätzlich waren auch die – heute freilich zu verurteilenden – Schächtgesetze ursprünglich soweit ich weiß eher Tierschützerischer Natur. Ein Tier zu Schächten geht eben doch schneller und schmerzfreier als ihm so lange mit einem Stein auf den Kopf zu hauen bis es tot ist – aber man braucht ein scharfes Messer, was nicht unbedingt eine Trivialität war. Theismus an sich sagt jedenfalls garnichts aus, außer dass es irgendein Göttliches Wesen gibt, daraus alleine lässt sich fast nichts ableiten.

        „Du scheinst grundsätzlich die Tatsache vergessen zu haben, daß Theisten unmoralisch handeln, aufgrund ihres Theismus, und unmoralisch handelnde Atheisten es nicht aufgrund, sondern trotz ihres Atheismus tun.“

        Das ist keine Tatsache, das ist eine Wortspielerei – typisch für Fanatiker.

      • Aufgrund der großen Distanz der liberalen christlichen Strömungen zum heiligen Buch der Religion setzen sie sich aber nicht durch und sind weltweit in der Minderheit. Die Leute wollen hören, dass Gott Menschen hasst, die anders sind als seine Anhänger, ob nun Schwule oder Atheisten. Und sie wollen hören, dass man bedenkenlos Fleisch essen kann, weil es gut schmeckt. Und wenn Gott das sagt, dann ist ja alles in Ordnung.

        Es ist keineswegs „fundamentalistisch“ konsequent alle Ideologien und Religionen abzulehnen.

        Aus der Existenz Gottes lässt sich nicht gar nichts, sondern alles ableiten. „Gott mit uns“ darf kein Argument mehr sein.

      • TEIL 1: Natürlich gibt es gläubige Christen, für die das Prinzip der Nächstenliebe den Kern ihrer Religion darstellt. Natürlich gibt es auch solche, welche sich nicht nur gegenüber Menschen, sondern auch gegenüber Tieren verantwortlich fühlen, und dies damit begründen, dass diese auch Gottes Schöpfung seien. Ihr Glaube bestärkt und motiviert sie darin, in diesem Bereich Gutes zu tun.

        Wer davor die Augen verschliesst, ist blind. Das sage ich als Atheist, der Glauben in der Gesamtsumme als gefährlich, das Christentum als unmoralisch und beides als abschaffenswürdig ansieht. Das ändert aber nichts daran, dass viele Christen im Namen ihres Glaubens begrüssenswerte Dinge tun und auf Basis ihrer Interpretation ihres Glaubens moralisch handeln.

        Die Aussage, dass eine theistische Sicht per Definitionem tierunfreundlich sein muß, ist Unfug: Religionen, in denen Wiedergeburt als Tier eine Rolle spielt, sind geradezu automatisch tierfreundlich. Ähnliches gilt für viele, in denen Götter in Tiergestalt eine Rolle spielen.

        Die Aussage „Tatsache vergessen zu haben, daß Theisten unmoralisch handeln, aufgrund ihres Theismus, und unmoralisch handelnde Atheisten es nicht aufgrund, sondern trotz ihres Atheismus tun“ ist -pardon- moralischer Größenwahn. Dies stört dasuxullebt mit Recht. Die Bezeichnung „atheistischer Fundamentalismus“ scheint mir angebracht: Da distanziere ich mich als Atheist ganz klar.

        TEIL 2: Bei diesem Lehrstuhl geht es nicht um das Verhalten von bestimmten Gruppen von Christen, sondern um theologische Fragen, und da schneidet das Christentum in Naturschutzfragen schlecht ab. Nach Aussagen von Hagencord zu urteilen, wird aber in Münster eine Umdeutung der Bibel vorgenommen, die eine haarsträubende Fälschung ist. Die christliche Theologie hat mit Tieren nicht viel am Hut, wenn man als Benchmark z.B. Religionen wie Hinduismus und Buddhismus anlegt.

        Nachdem die Türen der Arche für den Neuanfang geöffnet wurde, hat Gott deutlich gemacht, wie er sich das Verhältnis von Mensch zu Tier vorstellt: „Furcht und Schrecken vor euch soll sich auf alle Tiere der Erde legen, auf alle Vögel des Himmels, auf alles, was sich auf der Erde regt, und auf alle Fische des Meeres; euch sind sie übergeben. Alles Lebendige, das sich regt, soll euch zur Nahrung dienen.“ (1. Mose 9:2f). Wer bei einer Online-Bibel z.B. „Brandopfer“ als Suchstichwort eingibt, wird von Treffern erschlagen.

        Das neue Testament ist in der grundsätzlichen Einstellung nicht anders: Natur und Tiere spielen als Wert keine Rolle. Bekannt ist die Geschichte vom Feigenbaum: Es ist nicht die Jahreszeit für Früchte, trotzdem sucht Jesus an einem Baum danach. Als er keine findet, lässt er ihn verdorren (Markus 11:12ff und Matthäus 21:18ff): Was in der Natur nicht nützlich ist, wird niedergemacht.

        Die scheinbar nüchterne Naturwissenschaft ist erstaunlicherweise in der Lage, ein tiefes Gefühl von Verbundenheit mit der Natur zu schaffen: Wir teilen mit Tieren Erbgut und Vorgeschichte, unser Überleben auf der Erde ist mit ihrem verknüpft. Stellt Euch auf eine Wiese im Wald und macht Euch klar, dass der Sauerstoff den Ihr einatmet, von den Bäumen um Euch ausgeatmet wird. Die Pflanzen wiederum ziehen Substanz aus dem, was Ihr ausatmet (oder in die Gegend pieselt). Da kann man sich auch als hartgesottener Naturwissenschaftler nicht von einem Gefühl der Einheit mit der Natur lösen.

        Ich spreche daher nicht einzelnen Christen ihr Engagement für die Umwelt ab, aber der christlichen Theologie. Hagencord verdreht dies ins Gegenteil: Seine theologische Position ist verlogen, und dies wird mit meinen Steuergeldern finanziert. Das macht mich sauer.

      • „Nach Aussagen von Hagencord zu urteilen, wird aber in Münster eine Umdeutung der Bibel vorgenommen, die eine haarsträubende Fälschung ist.“
        Letztendlich ist es doch das, worum es in der Theologie geht. Die Bibel umdeuten. Wenn ich an den Religionsunterricht zurückdenke, mit welch seltsamen Mitteln einer meiner Lehrer zu erklären versuchte, warum die Schöpfungsgeschichte keinerlei Anspruch auf Realität hat, oder warum Homosexualität trotz der zwei einschlägigen Bibelstellen keine Sünde ist (und anscheinend von den ursprünglichen Juden garnicht verfolgt wurde) – es geht genau darum, die Lehre anzupassen.

        „Die christliche Theologie hat mit Tieren nicht viel am Hut, wenn man als Benchmark z.B. Religionen wie Hinduismus und Buddhismus anlegt.“
        Definitiv.

        „Die scheinbar nüchterne Naturwissenschaft ist erstaunlicherweise in der Lage, ein tiefes Gefühl von Verbundenheit mit der Natur zu schaffen: Wir teilen mit Tieren Erbgut und Vorgeschichte, unser Überleben auf der Erde ist mit ihrem verknüpft. Stellt Euch auf eine Wiese im Wald und macht Euch klar, dass der Sauerstoff den Ihr einatmet, von den Bäumen um Euch ausgeatmet wird. Die Pflanzen wiederum ziehen Substanz aus dem, was Ihr ausatmet (oder in die Gegend pieselt). Da kann man sich auch als hartgesottener Naturwissenschaftler nicht von einem Gefühl der Einheit mit der Natur lösen.“
        Also mich überkommt dabei eher ein Gefühl des Ekels und der Hilflosigkeit – ich kann z.B. nicht überleben ohne andere Lebewesen zu Töten. Eine Sache die mich auch immer wieder wundert ist der große Wert des Lebens, den selbst hartgesottene Naturwissenschaftler diesem Zuschreiben. Das Leben – etwas zufällig entstandenes – gilt als hohes zu erhaltendes Gut. Warum?

        „Ich spreche daher nicht einzelnen Christen ihr Engagement für die Umwelt ab, aber der christlichen Theologie. Hagencord verdreht dies ins Gegenteil: Seine theologische Position ist verlogen, und dies wird mit meinen Steuergeldern finanziert. Das macht mich sauer.“
        Zurecht. Totaler schwachsinn, so ein Lehrstuhl. Mich macht aber auch Sauer dass es Wirtschafts“forschungs“institute gibt, und dergleichen Mehr, oder dass irgendwelche Theater oder Kunstmuseen von Steuergeldern bezahlt werden, die ohnehin nur irgendwelche sich selbst zu wichtig einschätzenden Menschen sehen wollen, zumindest zum großen Teil.

      • „Die Ethik muß und soll natürlich komplex sein (antirassistisch, antisexistisch, antitheistisch, antispeziesistisch, antiageistisch usw.).“
        –> Also ich würde eine Ethik nicht als Gegenposition aufbauen.

        Vielmehr würde sich durch eine gut begründete Ethik, die sich z.B. nach Konsequenzenbetrachtung und Nutzenerwägungen ergibt, das von dir geforderte von selbst ergeben.

  10. Und was kann man werden, wenn man Veterinärtheologie studiert?

    Schweinepriester.

  11. @Epicurus:

    Es mag weichgespülte Kulturchristen geben, die weder die Bibel als göttlich inspiriert, noch übernatürliche Wunder, noch das Glaubensbekenntnis ernst nehmen. Aber wieso sollte man diese als „gläubige Christen“ bezeichnen, wenn sie sich ihre eigene Wunderland-Theologie zusammengebastelt haben und eben nicht an die Tradition glauben?
    Wer hingegen wirklich an die christliche Lehre glaubt, also institutionalisierte Theologie als Glaubensgrundlage nimmt, kommt nicht umhin, auch den Speziesismus mitzunehmen.
    Ich würde nie abstreiten, dass es eine Menge Leute gibt, die sich selbst Christen nennen, obwohl sie all jene kanonisch-biblischen Grausamkeiten einfach ausblenden oder zu Märchen degradieren, z.B. Eugen Drewermann. Aber diese Menschen sind doch keine „gläubigen“ Christen im Sinne der Amtskirchen!
    Der Punkt ist: Diese extrem weichgespülten Kulturchristen haben ihre Ethik eben nicht aus dem institutionalisierten Glauben, sondern weil sie sich davon emanzipiert haben und zumindest partiell frei denken!

    Religionen, die an Widergeburt glauben, sind nicht per se tierfreundlich. In den meisten buddhistischen und hinduistischen Strömungen gilt der Mensch nämlich genau wie in den Monotheismen als irdisch höchstes, beinahe göttliches Wesen. Zudem kann so ein Reinkarnationsglaube sehr absurde Folgen folgen haben. So meint der tibetische „Gottkönig“ beispielsweise, dass es besser sei, eine Kuh zu töten als zwei Schrimps, weil dann nur eine Seele leiden müsse.

    Wie lässt sich aus Atheismus (Ablehnung von Göttern) Verhalten ableiten? Welcher Atheist handelt unethisch, weil er nicht an bestimmte Gottesvorstellungen nicht glaubt? Atheismus ist genau wie Theismus die Haltung zur Gottesfrage, keine Weltanschauung. Antitheismus ist freilich eine, und zwar meines Erachtens eine vergleichsweise konstruktive.

  12. -> dasuxullebt

    „Aha? Wie ist denn deine Definition von „Theismus“? Meines Wissens ist Theismus die Verehrung eines oder mehrerer Götter, ich sehe keine korrelation zur Tierliebe. “

    Theismus widerspricht den Menschenrechten. Menschen sind Tiere (s.o.), daher sind Menschenrechte ein Teil der Tierrechte. Ergo widerspricht Theismus auch den Tierrechten.

    „In Indien gelten bekannterweise Kühe als heilig.“

    So heilig, daß sie, nachdem sie nach jahrelanger Ausbeutung als Arbeitstiere oder Milchlieferanten, weggejagt werden, sodaß sie auf der Suche nach Nahrung durch die Städte streifen und irgendwann verhungern oder an Krankheiten krepieren. Tolle Tierliebe.

    „Auch im Buddhismus geht die Naturliebe teils sehr weit“

    So weit, daß sich die buddhistischen Mönche ihre Tiere von niedrigkastigen Hindus oder Muslimen schlachten lassen, damit sie sich die Hände nicht schmutz machen müssen. Tolle Tierliebe.

    „einen Mönchsorden der unter sich Nackt herumläuft um zu verhindern dass kein Kleintier in seinen Kleidern zu Schaden kommt.“

    Damit _ihr_ Karma nicht beschmutzt wird. Theistische „Tierliebe“ ist anthropozentrisch und hat mit Tierrechten nichts zu tun.

    “ christliche Sekten (zum Beispiel das Universelle Leben)“

    Oh böser Fehler. Das UL ist die Vorzeigesekte, wenn es darum geht, Tierfreundlichkeit zu heucheln und hinterher Tierprodukte wie Honig oder Ziegenhaare zu verkaufen. Informieren statt blamieren: http://maqi.de/ul

    „Grundsätzlich waren auch die – heute freilich zu verurteilenden – Schächtgesetze ursprünglich soweit ich weiß eher Tierschützerischer Natur.“

    All die tollen „tierfreundlichen“ Bestimmungen in Religionen beruhen darauf, daß die Tiere nicht geschädigt werden sollen, weil das ihren Eigentumswert mindert. Wohlbefinden ist nur relevant, wenn es wirtschaftlich umgesetzt werden kann, um ihr Recht auf Leben geht es wohl kaum (ob Schlachten oder Schächten, ob „gute“ Absicht oder nicht – Umbringen bleibt Umbringen).

    „Theismus an sich sagt jedenfalls garnichts aus, außer dass es irgendein Göttliches Wesen gibt, daraus alleine lässt sich fast nichts ableiten.“

    Ja i.e.S., aber hier meint es jede Form von Religion, Parawissenschaft oder sonstigem Hokuspokus.

    „Das ist keine Tatsache, das ist eine Wortspielerei – typisch für Fanatiker.“

    Keine Tatsache? (U.a.) Hitler hat gesagt, er führe den Krieg Gottes. Mir fällt jetzt kein vergleichbarer Atheist ein (komisch oder?), aber ich habe noch nie gehört, daß jemand einen Mord „weil es keinen Gott gibt“ durchgeführt hat.

    >>>>>>>>>>

    -> Epicurus

    „Religionen, in denen Wiedergeburt als Tier eine Rolle spielt, sind geradezu automatisch tierfreundlich. Ähnliches gilt für viele, in denen Götter in Tiergestalt eine Rolle spielen.“

    Hier verfehlt der Anspruch die Wirklichkeit (wie so oft bei Religionen..). Beispiele habe ich oben genannt: zwischen den Behauptungen und dem, was sie tun, klafft auch im Hinduismus und Buddhismus die Lücke der selbstgenügsamen Heuchelei.

    „ist -pardon- moralischer Größenwahn“

    Ich bin ganz Ohr: welcher Atheist hat nachweislich Verbrechen aufgrund seines Atheismus gegangen? (Wobei ich nicht einmal sagte, daß es das nicht gäbe, sondern nur, daß die Größenverhältnisse im Vergleich zu religiös motivierten Verbrechen umgekehrte Größenordnungen aufweisen.)

    >>>>>>>>>>

    -> thogoen

    „Das macht ihn nicht zum Speziesisten, weil er grundsätzlich mit Leidensfähigkeit bzw. Bewusstseinsqualität argumentiert (der Tod eines Huhns verursacht nicht so viel kollaterales Leid wie der eines Menschen).“

    Nein, er sagt, Hühner zu töten sei weniger schlimm, weil sie nicht zukunftsbewußt wären. Zum Speziesisten macht ihn, daß er bei Hühner Merkmale für ethische Berücksichtigung ansetzt, die er bei Menschen nicht ansetzt. (Mir wäre neu, daß er gesagt hätte, daß es in Ordnung sei, nicht-zukunftsbewußte Menschen zu töten.)

    „Seit wann muss man eigentlich Veganer sein, um für Tierrechte eintreten zu können?“

    Als Nicht-Veganer verletzt du Tierrechte massiv. Wie soll man Tierrechtler sein können, wenn man selbst Tierrechte verletzt?

    „(Meines Wissens ist er übrigens mittlerweile einer.)“

    Hast du dafür ein Zitat?

    „Das letzte Zitat auf der Seite stammt von Kant bzw. die durchgeknallte PETA-Erfinderin Newkirk legt es Singer verleumdend in den Mund, obgleich es seiner wirklichen Position diametral entgegensteht.“

    Wie kommst du auf Newkirk? Singer sagt dieses Zitat in seiner Rezension „Heary Petting“: http://veganismus.veganismus.ch/news/2001-02-singernerve.html , ich sehe nicht, daß es ihm jemand in den Mund legen würde.

    „Was ist denn so „absurd“ an Singers Argumentation? Was spricht deines Erachtens gegen die Euthanasie auf Wunsch der Eltern von Kleinkindern, die entweder ein Leben ohne Bewusstsein oder eines voller unerträglicher Schmerzen erwartet?“

    Singer ist Utilitarist und daher der Meinung, Glück müsse nur aufgewogen werden und Individualrechte seien Unsinn. Daher behauptet er keineswegs, Kindern nur Sterbehilfe leisten zu dürfen, sondern nach ihm wäre es auch gerechtfertigt, ein Kind zu töten, nur weil es den Eltern nicht gefällt (fasche Haarfarbe), solange es a) schmerzfrei geschieht und b) das Kind durch ein anderes ersetzt würde, da dann die „universale Glücksmenge“ nicht beeinträchtigt sei. Das bezeichne ich als absurd.

    • Singer schreibt in der Rezension: „For Kant, humans have an inherent dignity that makes them ends in themselves, whereas animals are mere means to our ends“, um dann DAGEGEN zu argumentieren.

      „Als Nicht-Veganer verletzt du Tierrechte massiv.“
      Du musst Tierrechte zunächst einmal definieren, bevor du sie verletzen kannst. Seit wann gibt es ‘universelle’ Tierrechte?

      Mir kommen langsam Zweifel, ob du jemals ein Buch von Singer gelesen hast. In „Practical Ethics“ widmet er sich ausführlich der Frage der Individualrechte und legt beispielsweise dar, dass Lebewesen mit bewussten Interessen (außer Menschen auch Menschenaffen und evtl. Meeressäuger) u.a. ein Recht auf Leben und körperliche Unversehrt heit haben sollten.

      In keiner seiner Schriften plädiert Singer dafür, dass Eltern ihre geborenen Kinder nach willkürlichen Kriterien töten sollen dürfen – aber dafür, dass es ein Recht auf Euthanasie von Schwerstbehinderten geben sollte. Die Thesen, die du Singer in den Mund legst, sind in der Tat absurd. Er vertritt sie jedoch nicht.

  13. Hallo thogoen,

    Sie schreiben „es eine Menge Leute gibt, die sich selbst Christen nennen, obwohl sie all jene kanonisch-biblischen Grausamkeiten einfach ausblenden oder zu Märchen degradieren (…) Aber diese Menschen sind doch keine „gläubigen“ Christen im Sinne der Amtskirchen! Der Punkt ist: Diese extrem weichgespülten Kulturchristen haben ihre Ethik eben nicht aus dem institutionalisierten Glauben“.

    Die Christen haben ein Problem, weil sie ihre heilige Schrift als endgültig und von Gott offenbart ansehen müssen, andererseits sich selbst aber durchaus geistig weiterentwickeln. Natürlich hat sich auch ihr Verhältnis zur Natur in den letzten paar Tausend Jahren verändert: In den Messen werden keine Tiere geopfert und in den von Ihnen angesprochenen institutionalisierten Glauben haben naturfreundlichere Gedanken Einzug gehalten. An der Bibel können die Christen leider nichts ändern, aber sie können ihren Katechismus umschreiben.

    Im katholischen Katechismus 1.2.1.1.5.339ff heisst es z.B. heutzutage: „Jedes Geschöpf besitzt seine eigene Güte und Vollkommenheit. (…) Die unterschiedlichen Geschöpfe widerspiegeln in ihrem gottgewollten Eigensein, jedes auf seine Art, einen Strahl der unendlichen Weisheit und Güte Gottes. Deswegen muß der Mensch die gute Natur eines jeden Geschöpfes achten und sich hüten, die Dinge gegen ihre Ordnung zu gebrauchen. Andernfalls wird der Schöpfer mißachtet und es entstehen für die Menschen und ihre Umwelt verheerende Folgen. Die gegenseitige Abhängigkeit der Geschöpfe ist gottgewollt. (…) kein Geschöpf sich selbst genügt, daß die Geschöpfe nur in Abhängigkeit voneinander existieren, um sich im Dienst aneinander gegenseitig zu ergänzen. (…) Zwischen allen Geschöpfen besteht eine Solidarität, denn sie alle haben den gleichen Schöpfer, und sie alle sind auf seine Herrlichkeit hingeordnet.“

    Dies ist die offizielle institutionalisierte Position, dies hat ein gläubiger Christ als wahr anzuerkennen, ohne das dies etwas mit „weichgespült“ zu tun hätte. Es ist deutlich zeitgemässer (ok, für christliche Verhältnisse) als die Bibel. Davon unberührt bleibt natürlich die Sonderstellung des Menschen, aber diesen Speziezismus gibt es auch im deutschen Strafgesetzbuch.

  14. Jetz singen wir alle: Die Theozoologen logen, logen!

    Ansonsten erscheint mir das Institut eine lupenreine Fakultät der Blastet University of Laputa at Ladoga (BULL) zu sein. Wobei Landschaftstherapie auch Klasse ist. Wobei es da ja schon eine theologische Form davon gibt. Nennt sich Prozession.

  15. Hallo Martin,

    Du schreibst „Ich bin ganz Ohr: welcher Atheist hat nachweislich Verbrechen aufgrund seines Atheismus gegangen? (Wobei ich nicht einmal sagte, daß es das nicht gäbe, sondern nur, daß die Größenverhältnisse im Vergleich zu religiös motivierten Verbrechen umgekehrte Größenordnungen aufweisen.)“

    Fangen wir, dem Namen dieser Internetseite entsprechend, in der Zeit der Aufklärung mit der Terrorherrschaft der Jakobiner an. Zitat Robespierre: „Das Volk ist durch Vernunft zu leiten und die Feinde des Volkes durch Terror zu beherrschen“.

    Dann könnte man mit den üblichen Verdächtigen weitermachen: Mao, die Roten Garden und die Kulturrevolution ab 1966. Pol Pot und die Roten Khmer. Realer Bolschewismus und Stalin.

    In der Regel sind diese Diskussionen aber wenig ergiebig. Der Bodycount (wer hat mehr getötet) bringt nichts. Gern kommt auch die Wendung, dass dies eigentlich keine atheistischen Regierungen waren, sondern das Ersatzreligionen geliefert wurden. Auf diese Weise kann man atheistische Positionen immunisieren und die Diskussion ist rasch beendet.

    Ich möchte daher nur eine Quintessenz festhalten: Atheismus schützt vor Sünde nicht. Eine strikt vernunftorientierte Staatsform kann in Terror enden (siehe Auswüchse der französischen Revolution). Umgekehrt können religiöse Staaten zu wirtschaftlicher und wissenschaftlicher Blüte in einer Atmosphäre der Toleranz führen; ein Beispiel wäre das Kalifat von Cordoba inmitten eines (christlich) verdunkelten Mittelalters.

    Trotzdem: Wir teilen die Sichtweise, dass die Risiken des Theismus größer sind. Mir wird aber äusserst unwohl bei der hier häufig zu beobachtenden „Vergötterung“ des Atheismus.

  16. Hallo Martin,

    Sie schreiben „Theismus widerspricht den Menschenrechten“. Prüfen wir dies mal kurz: Als (leider zu inaktiver) DGVNler schaue ich da in die Menschenrechtserklärung der Vereinten Nationen.

    Dort heisst es in Artikel 18 „Jeder hat das Recht auf Gedanken-, Gewissens- und Religionsfreiheit; dieses Recht schließt die Freiheit ein, seine Religion oder seine Weltanschauung zu wechseln, sowie die Freiheit, seine Religion oder seine Weltanschauung allein oder in Gemeinschaft mit anderen, öffentlich oder privat durch Lehre, Ausübung, Gottesdienst und Kulthandlungen zu bekennen.“ Entsprechendes findet sich in Artikel 9 der Europäischen Menschenrechtskonvention.

    Zwischenergebnis: Ihrem Satz „Theismus widerspricht den Menschenrechten“ steht also erst einmal die Feststellung gegenüber, dass Theismus ein Menschenrecht ist.

    Zwischenfrage: Stehen Sie auf der Basis dieser beiden Menschenrechtserklärungen?

    Weiter: Nun gibt es aber atheistische wie auch theistische Weltanschauungen, die den beiden genannten Artikeln widersprechen. Eklantes Beispiel: Das erste Gebot des alten Testaments „Du sollst keine anderen Götter haben neben mir“.

    Wäre dies eine Anweisung, die ein Gläubiger nur für sich selbst anwenden müsste, so wäre alles in Ordnung. Leider ist das alte Testament in diesem Punkt sonnenklar: Man hat auch dafür zu sorgen, dass andere Menschen keine andere Götter haben. Nicht jeder Theismus ist daher Menschenrechtsfeindlich, aber die Bibel widerspricht den heute geltenden Menschenrechten und weisst daher eine aus meiner Sicht minderwertige Moral auf:

    „Wenn bei dir in einer deiner Städte, die dir der Herr, dein Gott, geben wird, jemand gefunden wird, Mann oder Frau, der da tut, was dem Herrn, deinem Gott, missfällt, dass er seinen Bund übertritt und hingeht und dient andern Göttern und betet sie an, (…)so sollst du den Mann oder die Frau, die eine solche Übeltat begangen haben, hinausführen zu deinem Tor und sollst sie zu Tode steinigen.“ (5. Mose 17:2-5 und entsprechendes etwa bei 5. Mose 13:13-17). Dies betrifft den Umgang mit Andersgläubigen, die in meinem Land leben. Lebe ich selbst in einem fremden Land, so gibt es auch dafür eine Regel: „Hüte dich, einen Bund zu schließen mit den Bewohnern des Landes, in das du kommst, damit sie dir nicht zum Fallstrick werden in deiner Mitte; sondern ihre Altäre sollst du umstürzen und ihre Steinmale zerbrechen und ihre heiligen Pfähle umhauen“ (2. Mose 34: 12-13).

  17. -> thogoen

    ++ Singer schreibt in der Rezension: „For Kant, humans have an inherent dignity that makes them ends in themselves, whereas animals are mere means to our ends“, um dann DAGEGEN zu argumentieren. ++

    Jetzt sehe ich, was du meinst. Ok.

    ++ Du musst Tierrechte zunächst einmal definieren, bevor du sie verletzen kannst. Seit wann gibt es ‘universelle’ Tierrechte?++

    Tierrechte sind analog zu Menschenrechten in erster Linie die Elementarrechte, d.h. Recht auf Leben, auf körperliche und psychische Unversehrtheit, Bewegungsfreiheit usw. Man kann keine Tierprodukte „erwirtschaften“, ohne Tiere in irgendeiner Weise einzusperren bzw. zu töten.

    ++ In „Practical Ethics“ widmet er sich ausführlich der Frage der Individualrechte und legt beispielsweise dar, dass Lebewesen mit bewussten Interessen (außer Menschen auch Menschenaffen und evtl. Meeressäuger) u.a. ein Recht auf Leben und körperliche Unversehrt heit haben sollten. ++

    Ja, aber es bleibt bei diesen aufgrund der Behauptung, andere Tiere seien nicht zukunftsbewußt.

    ++ In keiner seiner Schriften plädiert Singer dafür, dass Eltern ihre geborenen Kinder nach willkürlichen Kriterien töten sollen dürfen – aber dafür, dass es ein Recht auf Euthanasie von Schwerstbehinderten geben sollte. ++

    Ich habe die Stelle noch einmal nachgelesen und du hast Recht. Allerdings war das auch nur eine Detailfrage, denn mir ging und geht es nicht darum (falls das falsch rübergekommen sein sollte), daß er über die Tötungsfrage von Kleinkindern spekuliert, sondern seine Begründung (die dann auch wieder im Zusammenhang mit nichtmenschlichen Tieren auftritt), nämlich daß es gelte, die „Gesamtmenge“ des universalen „Glücks“ zu verrechnen.

    >>>>>>>>>>>>

    -> Epicurus

    ++ Ich möchte daher nur eine Quintessenz festhalten: Atheismus schützt vor Sünde nicht.++

    Dem stimme ich zu, ich habe ja selbst geschrieben, daß A(nti)theismus allein nicht hinreichend ist. (Genauso wenig die Antirassismus allein oder Antisexismus allein usw.)

    ++ Mir wird aber äusserst unwohl bei der hier häufig zu beobachtenden „Vergötterung“ des Atheismus.++

    War nicht meine Absicht.

    ++ Sie schreiben „Theismus widerspricht den Menschenrechten“. Prüfen wir dies mal kurz: Als (leider zu inaktiver) DGVNler schaue ich da in die Menschenrechtserklärung der Vereinten Nationen. ++

    Das ist das Problem mit bestehenden Gesetzen: dort steht nicht unbedingt das, was ethisch geboten sein sollte. (Siehe drittes Reich usw.) Ich meinte „Menschenrechte“ hier also nicht mit Bezug auf bestimmte Gesetzestexte.

    • Zunächsteinmal muss festgelegt werden, welche Tiere eingeschlossen werden in Tierrechten. Wozu brauchen Lebewesen ohne Bewusstsein bzw. ohne Schmerzempfindlichkeit Rechte? Ohne bewusste Empfindsamkeit gibt es auch keine Interessen und wer keine Interessen hat, braucht auch keine Rechte.

      Was bewusst empfindsame Lebewesen wie z.B. alle höheren Säuger angeht: Hier plädiert Singer für zu den Menschenrechten weitgehend analoge Rechte – freilich mit Abstufungen je nach Empfindsamkeit/Bewusstseinsqualität. Ich bin ein Befürworter dieser Position.

      Es gibt Studien zu dem Thema Tiere und Zukunftsbewusstsein, bei denen sich Abstufungen zeigen. So kann eine Biene nicht flexibel planen, sondern nur ihren Instinkten bzw. ihrer Programmierung gemäß handeln. Menschenaffen hingegen können Werkzeuge erfinden für spätere Aufgaben, die sie sich nur vorzustellen brauchen.

      Welches Problem hast du denn mit dem präferenzutilitaristischen Prinzip, nach der Berücksichtigung von Individualrechten nach der maximalen Glücksmenge zu streben? Bzw. welche ethische Theorie eignet sich besser zur Fundierung der Tierrechte? Meines Wissens lassen sie sich gar nicht anders begründen als durch die Aufhebung der menschlichen Sonderstellung zugunsten einer fairen und möglichst objektiven Evaluation des potenziell entstehenden Glücks oder Leides durch eine Handlung.

    • Hallo Martin,

      SIe schreiben „Das ist das Problem mit bestehenden Gesetzen: dort steht nicht unbedingt das, was ethisch geboten sein sollte. (Siehe drittes Reich usw.) Ich meinte „Menschenrechte“ hier also nicht mit Bezug auf bestimmte Gesetzestexte.“

      Aber was sind die Menschenrechte, die in den entsprechenden Erklärungen der UN und EU nicht abgedeckt sind (und die vom Theismus verletzt werden)?

      Ich gestehe, dass ich bisher in Diskussionen immer die Linie vertrat, dass die 10 Gebote und die Bergpredigt unmoralisch sind, während die Erklärungen von UN und EU auf moralisch höherem Niveau stehen (und ich habe noch nichts besseres gefunden, bei mir hängt sogar das bekannte Bild von Eleonor Roosevelt mit der Deklaration in der Hand an einer Wand direkt zwischen Einstein und Popper :-)

      Nun sagen Sie aber: Nein, da steht nicht was ethisch geboten sein sollte. Aber was wäre das? Was fehlt Ihnen? Auf welches Dokument würden Sie sich beziehen?

      PS: Die Menschenrechtserklärungen der UN und der EU in einem Atemzug mit den Gesetzen des Dritten Reiches zu nennen, nun ja …

      http://www.ohchr.org/EN/UDHR/Pages/Language.aspx?LangID=ger

      http://conventions.coe.int/Treaty/ger/Treaties/Html/005.htm

  18. ++ Zunächsteinmal muss festgelegt werden, welche Tiere eingeschlossen werden in Tierrechten. Wozu brauchen Lebewesen ohne Bewusstsein bzw. ohne Schmerzempfindlichkeit Rechte? Ohne bewusste Empfindsamkeit gibt es auch keine Interessen und wer keine Interessen hat, braucht auch keine Rechte. ++

    Ja, genau so sieht es aus. Siehe auch:
    http://www.veganismus.de/vegan/faq-tierrechte.html#grenze

    ++ Was bewusst empfindsame Lebewesen wie z.B. alle höheren Säuger angeht: Hier plädiert Singer für zu den Menschenrechten weitgehend analoge Rechte – freilich mit Abstufungen je nach Empfindsamkeit/Bewusstseinsqualität. Ich bin ein Befürworter dieser Position.++

    Durchaus, allerdings betrifft das Vorhandensein eines Bewußtseins wesentlich mehr Tiere, als nur die höher entwickelten. Frösche (die z.B. auch Regan ausschließt) verfügen m.E. eindeutig über ein Bewußtsein.

    ++ Es gibt Studien zu dem Thema Tiere und Zukunftsbewusstsein, bei denen sich Abstufungen zeigen. So kann eine Biene nicht flexibel planen, sondern nur ihren Instinkten bzw. ihrer Programmierung gemäß handeln. Menschenaffen hingegen können Werkzeuge erfinden für spätere Aufgaben, die sie sich nur vorzustellen brauchen. ++

    Nicht nur Affen, auch bei einigen Vögeln ist es nachgewiesen. Wobei ich es für weniger wichtig halte, da Zukunftsbewußtsein für ethische Berücksichtigung irrelevant ist und es bleiben sollte.

    ++ Welches Problem hast du denn mit dem präferenzutilitaristischen Prinzip, nach der Berücksichtigung von Individualrechten nach der maximalen Glücksmenge zu streben? Bzw. welche ethische Theorie eignet sich besser zur Fundierung der Tierrechte? ++

    Meine Ethiktheorie ist die Interessenethik. Die Verletzung von individuellen Interessen ist ein Schaden, der vermieden werden sollte, wenn er vermieden werden kann.
    http://maqi.de/glossar/interessenethik

    ++ Meines Wissens lassen sie sich gar nicht anders begründen als durch die Aufhebung der menschlichen Sonderstellung zugunsten einer fairen und möglichst objektiven Evaluation des potenziell entstehenden Glücks oder Leides durch eine Handlung.++

    Es gibt Möglichkeiten, auch Menschen unter diesen Bedingungen zu töten. Z.B. ein Waisenkind (keine unglücklichen Hinterbliebenen) ohne Vorwarnung (kein psychische Leid durch Angst) im Schlaf erschießen (ist sofort tot, völlig schmerzfrei), das ein unschönes Leben hatte und haben wird (keine Verhinderung zukünftigen Glücks). Gäbe es hierfür für dich noch einen Widerspruch, es nicht zu tun?
    Bezogen auf meine Position liegt der Widerspruch darin, daß das Kind (angenommen) ein Interesse an Weiterexistenz hat, das nicht verletzt werden soll.

    • Ich denke nicht, dass Zukunftsbewusstsein für die ethische Berücksichtigung irrelevant sein sollte, weil es das Potential zu Leiden enorm erhöht.
      Ein Mensch, der weiß, was ihn im KZ erwartet, erleided enormen psychischen Stress – im Gegensatz zu einem Huhn, dass keine Ahnung davon hat, was im Schlachthaus auf es zu kommt. Ein Huhn kann auch keine so komplexen emotionalen Beziehungen haben wie ein Mensch.

      Singers ethische Haltung nennt sich nicht ohne Grund Präferenz-Utilitarismus, eine Synthese aus Utilitarismus und Interessenethik, wobei letztere den Vorzug hat. Ich würde sogar soweit gehen zu sagen, dass der von dir verlinkte Text Singers Position ziemlich gut wiedergibt. Ich denke jedenfalls nicht, dass er an dieser Definition etwas auszusetzen hätte. Übrigens: Meines Wissens ist Norbert Hoerster im deutschsprachigen Raum der bekannteste Vertreter der Interessenethik, der jedoch Tiere außer Affen generell ausschließt, weil er ihnen keine bewussten Interessen zugesteht.

      Aus den genannten Gründen würde dementsprechend auch Singer es schärfstens verurteilen, ein Waisenkind, das niemand will, einfach umzubringen. Ob ein (halbwegs) gesunder Mensch ein unschönes Leben haben wird, kann eigentlich niemand vorher wissen. Selbst ein Leben in totaler Armut kann so lohnenswert sein, dass viele große Philosophen und Künstler es für erstrebenswert erachteten.

  19. -> Epicurus

    ++Aber was sind die Menschenrechte, die in den entsprechenden Erklärungen der UN und EU nicht abgedeckt sind (und die vom Theismus verletzt werden)?++

    Jede Form von Religion versucht durch ihre Missionierung die Menschen in ihrem Selbstbestimmungsrecht zu beschränken. (Die Meinung, es gäbe auch nicht-missionarische Religion oder man ließe den Menschen letztlich die freie Wahl, ist in der Praxis nicht zu finden, da eine solche Religion innerhalb einer Generation ausgestorben wäre.)

    ++ Ich gestehe, dass ich bisher in Diskussionen immer die Linie vertrat, dass die 10 Gebote und die Bergpredigt unmoralisch sind, während die Erklärungen von UN und EU auf moralisch höherem Niveau stehen ++

    Ja sicherlich.

    ++ Nun sagen Sie aber: Nein, da steht nicht was ethisch geboten sein sollte. Aber was wäre das? Was fehlt Ihnen? Auf welches Dokument würden Sie sich beziehen? ++

    Nein, ich meinte nicht, daß diese Gesetze völlig nutzlos seien oder ähnliches. Bei der Frage, wonach Menschenrechte zu beurteilen seien, sagte ich bloß, daß *in diesem Aspekt* die bestehenden Menschenrechte nicht das Non-plus-Ultra sind.

    ++ Die Menschenrechtserklärungen der UN und der EU in einem Atemzug mit den Gesetzen des Dritten Reiches zu nennen, nun ja … ++

    War vlt. etwas wenig erklärt: auch hier wollte ich keine qualitative Übereinstimmung suggerieren, sondern zeigen, daß das, was in Gesetzen steht, nicht (in allen Aspekten) der Maßstab der Ethik sein sollte.

    >>>>>>>>>>>>

    -> thogoen

    ++Ich denke nicht, dass Zukunftsbewusstsein für die ethische Berücksichtigung irrelevant sein sollte, weil es das Potential zu Leiden enorm erhöht.++

    Durchaus, aber nicht in Bezug auf die Elementarrechte (um die es bei den Tierrechten geht). Einem Kind mit einem IQ von 8 wurde von einem Gericht Personenstatus zugesprochen. Es hat sicher kaum Zukunftsbewußtsein, aber dennoch die Elementarrechte, die nichtmenschlichen Tieren mit weit größerem Zukunftsbewußtsein (z.B. Schweinen) weiterhin abgesprochen werden. Darin sehe ich die willkürliche Diskriminierung.

    ++ Ein Huhn kann auch keine so komplexen emotionalen Beziehungen haben wie ein Mensch.++

    Nein, deshalb (ich denke, ich erwähnte es) soll es auch keine Gleichmacherei geben (es wird gerne vorgeworfen, wir würden Wahlrecht für Kühe fordern o.Ä.), sondern gleiche Berücksichtigung gleicher Interessen (und damit auch unterschiedliche Berücksichtigung unterschiedlicher Interessen). Das Huhn hat m.E. damit genauso wie der Mensch das Elementarrecht auf psychische Unversehrtheit (die jedoch durch eine kleinere Anzahl an Möglichkeiten verletzt werden kann, als bei Menschen).

    ++ Aus den genannten Gründen würde dementsprechend auch Singer es schärfstens verurteilen, ein Waisenkind, das niemand will, einfach umzubringen.++

    Weil es selbst ein Interesse am Weiterleben hat? Wie begründet er, daß Neugeborene dieses Interesse nicht haben oder entwickeln?

  20. Wer hat’s erfunden?
    Nein, nicht die Schweizer aber wohl auch nicht Singer, die Tierrechtsbewegung ist ja kein Sportverein, womit ich seinen Beitrag nicht schmälern möchte.
    http://en.wikipedia.org/wiki/Animal_rights

  21. [...] Aufklärung 2.0 meinte sapere aude dazu: Und was kann man werden, wenn man Veterinärtheologie [...]

  22. [...] [...]


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