Der Westen wird religionsfrei

Religiosität und Fruchtbarkeit

Die Säkularisierungshypothese hat sich allen Unkenrufen zum Trotz als wahr erwiesen. Mit zunehmender wirtschaftlicher Sicherheit und allgemein zugänglicher Bildung sinkt in allen modernen Staaten die Religiosität. Die USA wird moderat christlich – eine Übergangsphase – und Europa wird atheistisch.

Laut der American Religious Identification Survey von 2008 werden auch die US-Amerikaner immer weniger religiös. Dabei kommt es zu einer Verschiebung konservativen religiösen Glaubens zu einem liberalen religiösen Glauben, während zugleich die Nichtreligiösen zunehmen. Europa durchläuft die gleiche Entwicklung, allerdings schneller, weil der europäische Sozialstaat und die geringere Einkommensungleichheit in Europa die Religiosität (die vor allem aus persönlicher Unsicherheit resultiert) effektiver absterben lässt.

Laut der National Congregations Study von 2006-2007 hat eine durchschnittliche US-Gemeinde heute weniger als 75 Mitglieder an einem Sonntagmorgen. 1998 waren es noch 80. Laut einer neuen Studie von George Barna teilen nur noch 7 Prozent der erwachsenen US-Amerikaner einen evangelikalen Glauben, verglichen mit 9 Prozent letztes Jahr und 12Prozent 1992. Die evangelikale Southern Baptist Convention wird im Jahre 2030 die Hälfte ihrer Kirchen geschlossen haben, wenn aktuelle Trends so weitergehen. In Deutschland ist es genauso, auch hier nimmt der konservative religiöse Glaube ab, während es immer mehr Atheisten gibt.

Der deutsche Religionssoziologe Detlef Pollack fasst die Ergebnisse seines Buches “Rückkehr des Religiösen” wie folgt zusammen:

Die Zahl der Konfessionslosen nehme Erhebungen zufolge in allen westeuropäischen Ländern zu. Auch die regelmäßigen Kirchgänger in Westeuropa würden seit 30 Jahren immer weniger. Selbst die Anzahl der Menschen, die an Gott glauben, sei mit Ausnahme der neunziger Jahre seit Jahrzehnten rückläufig. Die starke Präsenz der Religion in den Medien darf nach Ansicht von Pollack nicht mit der religiösen Praxis und Lebensführung Einzelner verwechselt werden. Hier ließen repräsentative Erhebungen keine Trendumkehr erkennen. Die Säkularisierungsthese, nach der der Stellenwert von Religion und Kirche in modernen Gesellschaften abnimmt, sei also empirisch gut belegt, auch wenn Soziologen und Historiker sie inzwischen gern als veraltet sowie als „eindimensional, deterministisch und fortschrittsgläubig abtun“. Ihre Ablehnung habe weniger mit einem Zuwachs an Religiosität zu tun als mit einer weit verbreiteten Skepsis gegenüber den Versprechungen der Moderne.

Aber warum stirbt die Religion aus, wenn Gläubige mehr Kinder bekommen? Zunächst einmal, weil Religiosität nicht vererbt wird, sondern von persönlicher Sicherheit bestimmt wird, welche vor allem aus ökonomischer Sicherheit resultiert. Zweitens haben religiösere Länder in Europa eine geringere Fertilitätsrate. In säkulareren Ländern haben die Menschen also mehr Kinder. Innerhalb der säkulareren Länder haben religiöse Menschen mehr Kinder. Tom Rees erklärt das so: In religiösen Ländern müssen Frauen zwischen Karriere und Kind wählen, in modernen Staaten können sie beides haben. Also wählen viele Frauen in religiösen europäischen Ländern eine Karriere statt Kinder, während sie in den säkularen Staaten beides bekommen. Darum sind die säkularen Staaten in Europa fruchtbarer.

In modernen Staaten wird die Religion auf kurz oder lang verschwinden, während sie in Entwicklungsländern eher hoch bleibt, oder, je nach Entwicklungstendenz des jeweiligen Landes, zu- oder abnimmt.

Eine gerechtere Einkommensverteilung korreliert stark mit geringerer Religiosität. Dabei ist es wahrscheinlich so, dass Religion zu mehr Einkommensungerechtigkeit führt (konservative Gläubige lehnen den Sozialstaat ab, weil sie meinen, dass Gott für sie sorgt), während mehr Einkommensungerechtigkeit eine höhere Religiosität hervorbringt. Hoffentlich gelingt es der Religionskritik, diese dynamische Rückkopplungsschleife in Richtung geringe Religiosität und geringe Einkommensungerechtigkeit zu verschieben, ein stabiler Status, wie ihn die skandinavischen Länder ganz oder beinahe erreicht haben. Denn die Alternative lautet auf einen stabilen Status mit hoher Religiosität und hoher Einkommensungerechtigkeit, die beide wiederum unzählige gesellschaftliche Krankheiten im Schlepptau haben.

Veröffentlicht in:  on 15. November 2009 at 01:31 Kommentare (9)

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9 Kommentare Leave a comment.

  1. Bin ich zu doof, die Grafik zu lesen, oder nimmt ihr zufolge mit der religiösen Personen die Fruchtbarkeit *ab*? Das wäre mir neu, und insofern auch höchst interessant.

    • Hab ich ehrlich gesagt auch so verstanden.
      Wurde nicht gesagt, es sei genau andersherum?

  2. Argl, alles lesen – finde ich trotzdem bemerkenswert: Weltweit scheint mir der Trend doch eher umgekehrt zu sein – und das deutlich?

    - Mir scheinen die Korrelationen zu schwach und zu unklar für weitgehende Interpretationen: Was ist alles “Religion” – Kirchenzugehörigkeit, oder sollte man nicht auch Esoterik dazurechnen? Wie sieht es mit religionsartigen Politideologien aus? Dazu kommt der Ost-West-Gegensatz, also die Unterschiede zwischen ehemals sozialistischen und den westlichen Ländern. Usw. … ein R² von 0.17 ist wirklich nur knapp über Rauschen.

    • Woran machst du den umgekehrten Trend fest?

      Ich denke unter Religion ist gemeinhin der Glaube an höhere Mächte gemeint. Besser gesagt das Ausleben von Glaube. Man sollte da nicht alles mögliche hinzu zählen.

      • Und wie sieht es mit der “unsichtbaren Hand” des Marktes aus? Ist das kein Götze? Siehe auch mein Hinweis auf die durchgeknallten Bänker, die neuerdings Geld = Gott sehen. Theologen des Marktes eben…..ich bleib dabei, sogar hier bin ich Atheist, und differenziere nicht zwischen Weltanschauungen (=Ideologien) und “alten” Religionen (=Ideologien nur im religiösen Bereich).

        Man kann auch nicht differenzieren, denn Weltanschauung (=Ideologie) ist eben m.E. beides – die weltliche ebenso wie die rein religiöse Religion.

        Gruß
        Nachdenkseiten-Leser

      • Übrigens, nix gegen Karriere machen und Geld verdienen, aber wenn daraus eine weltliche Religion wird, dann wird es kriminell, und führt zu neuen Weltwirtschaftskrisen – mit ungeahnten Dimensionen für die Menschen und den Planeten Erde.

        Gruß
        Nachdenkseiten-Leser

  3. Höchst interessanter Artikel!

    Fragt sich nur, was passiert, wenn auch in Europa und Deutschland die wirtschaftliche Ungleichheit und Unsicherheit zunimmt… (Ich glaube aber nicht an eine Trendumkehr.)

  4. “[...]Europa durchläuft die gleiche Entwicklung, allerdings schneller, weil der europäische Sozialstaat und die geringere Einkommensungleichheit in Europa die Religiosität (die vor allem aus persönlicher Unsicherheit resultiert) effektiver absterben lässt.[...]”

    Hoffen wir, dass deine Prognose richtig ist, aber ich befürchte, dass die Tendenz – beim Schleifen des Sozialstaates durch CDU/CSU/FDP – wohl eher in die andere Richtung ausschlägt.

    Es gibt kein Nachlassen der Religiosität, sondern eine neue mit einem neuen Götzen:

    http://www.nachdenkseiten.de/?p=4327#h04

    Dort Punkt 4 und die Anmerkung dazu.

    Man sollte auch hier als Ketzer/Agnostiker/Atheist und Religionskritiker fungieren, wenn uns Bänker ihre Ideologie als neue Religion anpreisen, wie einst calvinistische Theologen Gott als Oberkapitalisten.

    Ich halte es seit der Agenda 2010 auf jeden Fall so ;-)

    Es wäre schon, wenn der Neoliberalismus wirklich EU-weit tot wäre, aber diese Ideologie, die die von dir oben erwähnten Ziele bekämpft feiert derzeit ihren eigenen Zombie-Status als Untoter, der alle sozialen Errungenschaften unserer Väter schleifen will.

    Gruß
    Nachdenkseiten-Leser

  5. hipp, hipp, hurra!


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